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18. Oktober 2017

Moralischer Fanatismus und protestantische Tradition

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In einem Interview des Deutschlandfunks zeichnet der Historiker Wolfgang Kraushaar den psychologischen Zusammenhang von Religion und Terror am Beispiel der RAF nach. In heutiger Zeit sehen wir den Zusammenhang zwischen Islam und Terror, doch den eigenen Hang zum religiösen Fundamentalismus verdrängen wir im Lutherjahr. Dabei liegen die Ereignisse noch in unmittelbarer zeitlicher Nähe, in der zweiten Periode der Bundesrepublik Deutschland.

Die Logik des religiös inspirierten moralischen Rigorismus als politische Praxis der Tat ist simpel. Er lässt sich in einem Wort ausdrücken: Puritanismus. Puritaner waren nicht einfach die Anhänger einer durch und durch gereinigten Religion im 17. und 18. Jahrhundert. Sie wurden so genannt, weil ihr Programm die Reinigung der Welt von der Sünde war. Die Mittel waren die Auslöschung sündiger Menschen, insbesondere aller Erscheinungen der Sexualität außerhalb der Ehe. Nicht nur Prostituierte und Freier wurden verfolgt. Man klagte auch junge Menschen beiderlei Geschlechts an, die miteinander einvernehmlichen Sex hatten, was in vielen Fällen mit dem Tod am Galgen endete. Tugendterror.

Der Puritanismus der RAF und der Studentenrebellen, aus deren Kreis sie kamen, zielte auf die Sünde der westlichen Gesellschaft: Materialismus, Kapitalismus, Imperialismus - kurz das System. Linke Ideologien lieferten die theoretischen Schablonen, doch der Furor ihrer Aktionen waren religiöse Bekundungen. Ihr Recht zur Gewalt leiteten sie aus dem absolut Guten ab, das sie zu vertreten meinten, das das absolut Böse vernichten muss. Ihr Habitus war asketisch, leidend, doch ihre Tat sollte sie über alles Widrige hinwegheben in eine Ekstase, die entweder mit dem Endsieg oder dem Märtyrertod endete.

Noch immer ist dieses Kapitel nicht abgeschlossen. Moralische Rigorosität im politischen Kontext begegnet uns in der Antiglobalisierungsbewegung, der Öko-Bewegung, den Identitären, sowie in in Rudimenten bei Vertretern der Grünen und der Linken. Eine gleiche Haltung im antiislamischen Proteststrom, auch der moralisch-rigoros. Das Interview lohnt sich zu lesen. Es erhellt diesen noch immer glimmenden Kern fundamentalistischen Denkens in unserer pluraalistischen Gesellschaft.

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30. August 2017

Die Klimaalarmisten pfeifen aus dem letzten Loch

Grafik Temperaturen in Alaska

Quelle: NOAA

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Ständig begegnen uns Nachrichten über Naturereignisse und menschliche Schicksale, die die Gefahr eines Klimawandels belegen sollen, der als menschengemacht vorausgesetzt wird. Wenn in der Antarktis oder in Grönland Gletscher kalben, dann ist dies eine Klimaalarmmeldung wert. Wenn Korallenriffe bleichen, wenn Küstenstreifen vom Meer mitgerissen, wenn Inseln überflutet werden - Klimawandel!

Greifen wir die Behauptung auf, dass es zunehmend Klimaflüchtlinge geben wird. Was sind Klimaflüchtlinge? Seit Menschengedenken wandern Viehzüchter mit ihren Herden der Vegetation hinterher. Seit Menschengedenken treten Dürrezeiten auf. Dürren können Wanderungen auslösen. Wetterbedingte Migration ist eine Tatsache, die bereits im Alten Testament bezeugt wird. Aber worin unterscheiden sich diese quasi natürlichen Phänomene dann vom fiktiven Klimaflüchtling, der angeblich neuerdings und zukünftig vermehrt Probleme bereiten wird? Eine exakte Statistik müsste folgendermaßen analysieren: Zunächst unterscheiden wir die Veränderung von wetterbedingten Wanderungen in der Vergangenheit von den wetterbedingten Wanderungen in der Gegenwart. Wir brauchen, wenn es um Klimadaten gehen soll, Zeiträume von vielen Jahrzehnten, denn von Klima können wir nur in großen Zeiträumen sprechen. Sagen wir, wir vergleichen die Wanderungen der letzten 100 Jahre mit denen der 1000 Jahre davor. Das könnte eine aussagefähige Zahl ergeben. Doch leider gibt es keine solchen Daten. Erst seit 1945 baut die UNO brauchbare Datenbestände auf und die auch nur allmählich. Keine Daten, keine Theorie. Doch selbst wenn Datensätze vorhanden wären, müsste nun eine weitere Betrachtung angestellt werden. Es geht ja darum, das Klima durch unser Handeln zu beeinflussen. Wir sollen z.B. Strom sparen, damit es weniger Klimaflüchtlinge gibt. Daher ist es logischerweise erforderlich, aus den langfristigen Temperaturdaten den anthropogenen Faktor herauszurechnen und vom natürlichen zu unterscheiden. Die natürlichen Ursachen kliamtischer Oszillationen wie die Sonnen- oder Ozeanzyklen können wir Menschen ja wohl kaum beeinflussen. Wieder stehen wir vor einer unlösbaren Aufgabe. Niemand kennt nämlich den anthropogenen Faktor. Es wäre korrekt, von Dürremigration zu sprechen, nicht von Klimaflüchtlingen, und diese gibt es, wie gesagt, seit Menschengedenken.

Es ist ein mühsames Geschäft, die Irrtümer von Journalisten aufzudecken und zurechtzurücken, die lieber aus Aktivisten-Flugblättern abschreiben, als sich wissenschaftlich-kritisch damit zu befassen. Die Kalte Sonne ist eine sehr gute Quelle solcher Aufklärung. Im Blogbeitrag vom heutigen Tag greifen die Autoren eine Sendung des Ersten Deutschen Fernsehens vom 25. Juli 2017 auf, in dem behauptet wird: Während Donald Trump den Klimawandel leugnet, wird die von Eskimos bewohnte Insel Shishmaref vor Alaska in den nächsten 30 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes versinken. Stürme und Erosion haben bereits einige Häuser ins Meer stürzen lassen. Die Insel verliert jedes Jahr an Fläche. Unser moma-Reporter Jan-Philipp Burgard hat die Ureinwohner auf Shishmaref besucht. Wie gehen sie mit den Folgen des Klimawandels um? Eine Insel verliert an Fläche. Die Natur nagt an ihr. Doch ist es ein Beleg für Klimawandel? Einwohner kommen zu Wort. Früher sei alles anders und besser gewesen. Die Behauptungen werden unüberprüft veröffentlicht. Stimmen sie? Ein Blick auf die Temperaturdatenreihe des Monats August für Alaska von 1988 bis 2017 zeigt, dass es keinen klaren Trend gibt, bzw. dass das Sommer-Wetter vor dreißig Jahren dem heutigen gleichkam. In Alaska fand offensichtlich, was die Temperaturen betrifft, kein gravierender Wetterwandel statt und folglich auch kein Klimawandel. (siehe Grafik)

Nachdem die apokalyptischen Prophezeihungen eines Hitzetodes mit den seitwärts laufenden Temperaturdatenreihen kläglich niedergehen, greifen noch immer uninformierte Journalisten in die ewig gleiche Mottenkiste von Katastrophenmeldungen natürlicher Ereignisse. Keinerlei Unterscheidung zwischen Wetterzyklen und Klimaveränderung, zwischen natürlichen und anthropogenen Faktoren. Jeder Veränderung der Natur wird als Menetekel herumposaunt. Eine seit Jahrzehnten auf Pessimismus konditionierte Öffentlichkeit nimmt es widerspruchslos auf. Doch die Argumente gehen aus. Man muss zu exotischen Beispielen greifen, um überhaupt noch Grusel zu erzeugen. Die Klimaalarmisten pfeifen aus dem letzten Loch.

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5. August 2017

Die Lüge von den Klimatoten in Indien

Grafik Selbstmordrate nach Ländern

Grafik: Wikipedia

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Wenn eine seriöse populärwissenschaftliche Zeitschrift Unwahrheiten verbreitet, indem sie unreflektierten klimaalarmistischen Unsinn ungeprüft weiter verbreitet, ist das beschämend für die Zeitschrift und ein schlechtes Zeichen für den Bildungsstand in Deutschland. Lars Fischer schlagzeilt in der neuesten Ausgabe von spectrum.de: "Indien: Zehntausende Suizide durch wärmeres Klima." Allerdings schwächt er die Dramatik in der Subline wieder ab: Der Klimawandel treibe zahllose indische Bauern in den Freitod, berichtet eine Wissenschaftlerin. Allerdings hat die indische Suizidkrise wohl andere Ursachen. Was hängen bleibt, ist die Behauptung steigender Selbstmordraten und die implizite Annahme, dass Selbstmorde irgendwie doch mit dem Klimawandel zusammenhängen. Prüfen wir die Argumente.

Die obige Wikipedia-Weltkarte zeigt die Verteilung von Länderquoten bei Selbstmorden. Die Spitzenreiter sind (in Klammern die Suizidrate pro 100.000): Südkorea (36,8), Guyana (34,8), Litauen (33,5), Sri Lanka (29,2), Surinam (28,3), Ungarn (25,4), Kasachstan (24,2), Japan (23,1), Russland (22,3), Lettland (21,8), Weißrussland (21,8). Erst danach folgt Indien mit 20,9. Es folgen Polen (20,5), Nepal (20,3) und die Ukraine (20,1). Zu den Spitzenreitern gehören die ehemaligen Länder Jugoslawiens und die ehemaligen Sowjetrepubliken. Die klimatischen Bedingungen sind sehr unterschiedlich. Sie reichen vom nördlichen Polarkreis bis zum Äquator.

Handelt es sich - wenn überhaupt - um Klimatote oder um Wettertote? In Heidelberg sterben an heißen Tagen mehr alte Menschen als an kühlen. So heißt es. Ich habe es nicht nachrecherchiert. Es ist naheliegend, dass Menschen, die ein schwaches Herz haben, in Stresslagen eher an Herzversagen sterben als sonst. Handelt es sich dabei um Hitzetote, wie allgemein die Redewendung ist? Nein, sie sterben nicht durch die Hitze, sondern durch ihr schwaches Herz an heißen Tagen. Das ist ein feiner Unterschied. Auf Scheiterhaufen stirbt man an der Hitze. Die Ursache ist eine Krankheit, die Nebenbedingung ist das Wetter. Das war schon vor dem globalen Temperaturanstieg (von 0,2 °C) in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts (bei Tagestemperaturschwankungen bis zu 15 °C) der Fall, also vor dem heiß diskutierten Klimawandel. Auch 1945 starben alte Menschen in Heidelberg vermehrt an heißen Tagen. Es wäre allenfalls mit den besagten Einschränkungen erlaubt, von Wettertoten zu sprechen, aber Klimatote? Dafür müste erst der Nachweis erbracht werden, dass die Differenz der durchschnittlichen Jahrestemperatur ursächlich wirkt. Um wie viel Prozent hat dieses Phänomen in Heidelberg zugenommen, weil sich die Jahresdurchschnittstemperatur um ein Quäntchen erhöht hat. Globalwetter ist nicht gleich Lokalwetter. Und Durchschnittstemperaturen sind keine Wetterdaten, sondern deren statistische Aggregate. Alles Blödsinn, in Wissenschaftssprache gekleideter Aberglaube. Übrigens sterben weniger Menschen an Herzversagen, wenn Herzerkankungen vorgebeugt wird und wenn die Therapie sich verbessert. Es ist folglich eher ein medizinisches als ein Wetterproblem. Eine Schlagzeile könnte lauten: "Dank fortschrittlicher Gesundheitspolitik und höherer Investitionen in die Vorsorge sterben in Heidelberg an heißen Tagen weniger Menschen als früher".

Es bedarf einer eingehenden und differenzierenden Untersuchung der Ursachen, um herauszubekommen, welche Bedingungen hohe Suizidraten begünstigen. Nach Angaben der Bundesregierung sind folgende Ursachen die häufigsten: Depressionen, Schizophrenie, Alkoholismus, Alter und Vereinsamung, Drogenabhängikeit. Das gilt für Deutschland. Alkoholismus, Depression und Vereinsamung passen ins Bild der hohen Raten in den nördlichen Breiten. Die hohen Raten in den hochentwickelten Länder Asiens, Japan und Südkorea, könnten auf kulturelle Traditionen hinweisen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls zeigt alllein schon das Bild Deutschlands, dass die Ursachen breit gefächert sind. Es kommen physiologische Dispositionen und kulturelle Gründe zusammen. Auch Depressionen sind nicht einfach traurige Anwandlungen wegen widriger Lebensumstände. Wenn sie bis zum Selbstmord führen, haben wir es mit echten Krankheiten zu tun. Dass sich Menschen aus wirtschaftlichen Misserfolgen umbringen, ist eher untypisch.

Kommen wir noch einmal auf die Monsanto-Toten zurück. Die nebenstehende Grafik ist einem Bericht von nature entnommen. Sie zeigt die Entwicklung der Selbstmorde in der Agrarbevölkerung in Indien und bringt sie mit der Anwendung von gentechnisch verändertem Saatgut in Korrelation, besser in Nichtkorrelation. Erstens nehmen die Selbstmorde zwischen 1997 und 2007 nicht zu. Auch die Angaben in Our World in Data weisen sinkende Raten für Indiens Gesamtbevölkerung aus. Die Behauptungen von Öko-Aktivisten wie der Inderin Shiva, dass Monsanto Menschen in den Selbstmord treibe, sind dreiste Lügen. Solche Legenden werden von ökologistischen NGOs in die Welt gesetzt und von Journalisten ungeprüft weiter verbreitet. Schließlich sickern sie ins öffentliche Bewusstsein. Ein Beispiel dafür, dass selbst Institutionen, die mit der Lage in unterentwickelten Ländern vertraut sind, diesen Mythen auf den Leim kriechen, ist ein Artikel in Mikrofinanzwiki. Auch hier wird von seit Jahren steigenden Selbstmordraten in der Landbevölkerung Indiens gesprochen. Dann allerdings wird die einfache Gleichsetzung mit Monsanto und Selbstmorden zurückgewiesen, um schließlich die Erklärung nachzuschieben, dass es halt ein Phänomen der Modernisierung der indischen Landwirtschaft sei.

Die Rede ist vom Aberglauben der Moderne, von den ökologistischen Apokalypsen. Man nennt diese Art der Argumentation Ad-Hoc-Erklärung. Tatsachenwidrige Behauptungen werden unüberprüft als wahr angenommen. Zu einfache und offensichtlich falsche Erklärungen werden verworfen und erzeugen eine Erklärungslücke. Diese wird mit einer zweiten Erklärung gestopft, die man sich aus dem Hut zaubert, damit der Mythos (Zivilisationsopfer) erhalten bleibt. Das ist ungefähr das Gleiche, wie wenn ein Staatsanwalt einen Verdächtigen hat und nun nach Beweisen sucht, alle entlastenden Indizien ignoriert und die Lücken mit Spekulationen füllt, statt die Tatsachen zu eruieren und daraus vorurteilsfrei Schlüsse hinsichtlich eines Tatverdachts zu ziehen. Es ist ein Zeichen von intellektueller Schlamperei, das gerade in Akademikerkreisen weit verbreitet ist, weil diese sich und anderen gegenüber ihr Nichtwissen ungern eingestehen. Seriöse Wissenschaft muss dem Horror vacui, der Qual des Nichtwissens widerstehen und bei den belastbaren Tatsachen bleiben auch dann, wenn sie rätselhaft sein sollten. Das ist aber im Fall der indischen Selbstmordraten nicht mehr der Fall als bei denen in Japan, in Guyana oder in Slowenien.

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2. August 2017

Historisches Eisschmelzdrama in Grönland: Vor 5000 Jahren gab es viel weniger Eis als heute

Grafik Eisschmelze in Grönland seit Jahrtausenden

Grafik: Berner

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Die derzeitige Eisdecke Grönlands liegt über dem Durchschnit der letzten 6.000 Jahre, obwohl sie derzeit schmilzt. Die Grafik, die in einem Blogbeitrag der Kalten Sonne wiedergegeben wird, zeigt den Verlauf der Eismächtigkeit in Jahrtausenden. Vor 10 bis 4 Jahrtausenden nahm sie dramatisch ab. Vor 3.500 Jahren fing sie an zu wachsen. Der heutige Rückgang ist im Verhältnis zu diesen mittelskaligen Vorgängen gering. Aus dem Verlauf lässt sich schließen, dass vor ungefähr 5000 Jahren in Grönland viel höhere Temperaturen herrschen mussten als heute. Dieser Befund widerspricht der Behauptung, dass der heutige Temperaturanstieg singulär ist und ausschließlich auf anthropogene Faktoren zurückzuführen. Natürliche Faktoren brachten in der Vergangenheit mächtigere Veränderungen hervor. Menschliche Faktoren sind damit nicht geleugnet, aber relativiert. Der Beitrag der Kalten Sonne gibt eine Studie von Briner et al. 2016 in den Quaternary Science Reviews wieder.

Meeresspiegel nach der Eiszeit

Grafik: Wikipedia, en

Der Blogbeitrag geht auch der Frage nach, woher die derzeitig abnehmende Eisdecke ihre Ursache hat. Ein Grund könnte in der zunehmenden Verdunkelung der Oberfläche liegen, welches die Rückstrahlung der einfallenden Sonnenenergie abschwächt. Hierdurch verstärkt sich die Schmelze, wie Columbia University’s Lamont-Doherty Earth Observatory am 3. März 2016 per Pressemitteilung bekanntgab. Verglichen mit der Zeit vor 10.000 Jahren leben wir in einer warmen Periode. Damals klang die letzte Eiszeit aus. Es herrschten zivilisationsfeindiche Zustände, die wir uns nicht wünschen können. Der Meeresspiegel stieg in der selben Zeit nach der letzten Eiszeit um über 100 Meter. Doch in den letzten 1000 Jahren verläuft er vergleichsweise sehr schwach.

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24. Juli 2017

„Die Deutschen machen sich das Bauen viel zu kompliziert“

Einkaufszentrum mit Wohnungen in Ost-Amsterdam. Foto: BPD Europe

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Die Rede von einer Überregulierung des Sozialstaates ist verbreitet, doch selten begegnet dem Zeitungsleser ein detaillierte Schilderung von Problemen, die aus Überregulierung resultieren, verbunden mit konkreten Deregulierungsvorschlägen. Eine Ausnahme bildet das Interview der Welt mit Hans Joosten, Marktforschungsleiter beim Projektentwickler BPD Immobilien – ein Unternehmen, dass sowohl in den Niederlanden als auch in Frankreich und Deutschland baut. Bis vor Kurzem war Joosten Leiter der BPD-Niederlassung Berlin. In diesem Jahr will seine Firma in Deutschland 2000 Wohnungen errichten, bis 2021 sollen es jährlich mindestens 4000 sein. Aber die Deutschen machten sich das Bauen viel zu kompliziert, sagt Joosten.

Der Vergleich mit den Niederlanden zeigt, wo der deutsche Wohnungsbau ausgebremst wird. Die Makler- und Notargebühren sind viel niederiger. Die Grunderwerbssteuer entfällt. Die Anschaffungskosten von Wohneiegentum ist in stärkerem Maße als in Deutschland steuerlich absetzbar. Immobilien werden erbschaftssteuerlich entlastet. Das sind schon einige wirksame Liberalisierungen, die den Wohnungsbau beflügeln. Doch auch die Bauvorschriften werden lockerer gehandhabt. In den Niederlanden dürfen Treppenstufen bis zu 22 cm hoch sein, bei uns nur 19 cm. Wohnungen mit steilen Treppen sind für junge Leute unproblematisch. Wer älter wird, zieht einfach um. Die Städteplanung, d.h. die zeit- und nervenfressende Bürokratie, wird beschleunigt, indem sie an ein privates Unternehmen übergeben werden, das in Kooperation mit Behörden und Bürger "Umgebungspläne" erarbeiten, natürlich im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben.

Geht doch, möchte man sagen. Was haben der Berliner Flughafen und der deutsche Wohnungsbau gemein? Schwierigschwierig.

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22. Juli 2017

Zumba tanzen und Pepsi trinken

Tristan Horx vom Zukunftsinstitut über eine globale Welt und was dieser Trend für uns bedeutet

Tristan Horx beschäftigt sich für das Zukunftsinstitut mit Trend- und Zukunftsforschung. Foto: Klaus Vynalek

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Das Internet-Portal der Friedrich-Naumann-Stiftung Freiheit.org veröffentlichte ein Interview mit dem Zukunftsforscher Tristan Horx, einem Repräsentanten des Think Tanks zukunftsinstitut. Ich lese die Veröffentlichungen mit Gewinn. Es handelt sich um eine im deutschen Sprachraum eher rare Einrichtung, die sich ernsthaft mit der Globalisierung als historischer Epoche befasst, was der inhaltliche Schwerpunkt meines Blogs ist. Mir gefällt der grundsätzliche Optimismus, der Freiheitssinn und der große Reflexionsabstand, von dem aus die Analysen erhoben werden.

Das Zukunftsinstitut belässt es nicht mit abstrakten Definitionen und quantitativen Statistiken. Die Forscher arbeiten im Rahmen ihrers eigenen Paradigmas, welches darin besteht, die qualitativ bedeutenden Faktoren der Globalisierung zu verfolgen, die sie Mega-Trends nennen. Unter Mega-Trends müssen wir langfristig wirksame Veränderungen verstehen, die sich innerhalb mehrer Jahrzehnte durchsetzen, wie z.B. die Konnexion (Venetzung), die Bildung, die Inklusion von Frauen in die Gestaltung der Gesellschaft, die Urbanisierung u. a. m. Ein Megatrend wirkt in jedem einzelnen Menschen und umfasst alle Ebenen der Gesellschaft: Wirtschaft und Politik, sowie Wissenschaft, Technik und Kultur. Megatrends verändern die Welt - zwar langsam, dafür aber grundlegend und langfristig, und haben Wechselwirkungen miteinander. So konnte z.B. die neue Welle der Globalisierung nicht ohne die drastische Zunahme an Konnektivität und Mobilität erfolgen.

Diese Prozesse sind unaufhaltsam. Die sozialen, kulturellen oder ökonomischen Aspekte der Globalisierung sind nicht rückgängig zu machen. Selbst Globalisierungsgegner organisieren sich in eben den globalisierten Strukturen, gegen die sie ankämpfen. Selbst der Terrorismus funktioniert ausschließlich aufgrund globalisierter und vernetzter Medienberichterstattung. Er wäre ohne diese wirkungslos.

Die Mega-Trends der Globalisierung erfassen jede Gesellschaft und Nation. Es ist unmöglich, sich gegen sie zu verschließen. Sie lassen sich höchstens abschwächen. Doch erzeugt Abschottung nicht nur Entwicklungshemmung, die ggf. erwünscht erscheint. Sie bringt auch Wohlstandsverluste ein und befördert eine Tendenz zu autokratischen Strukturen.

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18. Juli 2017

BASF-Chef Kurt Bock im Interview: «Die Chemie bleibt auf Erdöl angewiesen»

BASF-Chef Bock

Dr. Kurt Bock, Foto: Andreas Pohlmann/BASF

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Interviews mit Leitern von Großunternehmen zu allgemeinen Fragen sind eher selten. Ein eingefleischtes antikapitalistisches Misstrauen begegnet ihnen in Deutschland. Dr. Kurt Bock, der Vorstandsvorsitzende der BASF, spricht in einem Interview der NZZ mit Christoph Eisenring über Deutschland, das Land der Tüftler, aber auch der Bedenkenträger. Ich gebe einige Passagen im Wortlaut wieder.

In Hamburg haben am Rande des Gipfels der G-20 Tausende gegen die Globalisierung demonstriert. Ist die Globalisierung ein Elite-Projekt, Herr Bock?
Nein. Wenn man sieht, dass in den Schwellenländern in den vergangenen Jahren 600 Mio. Menschen aus der Armut geholt wurden, kann man das nicht als Projekt der Eliten bezeichnen.

Gut, in Südostasien haben viele Leute von der Globalisierung profitiert. Aber in Afrika ist der Effekt bescheiden.
Afrika bleibt eine Herausforderung. Die dortigen Länder brauchen Technologie, Know-how und Managementstrukturen. Da haben Unternehmen wie BASF gegenüber Entwicklungshilfeorganisationen Vorteile. Der Sinn von Unternehmen ist ja, dass Menschen durch eigene Anstrengungen besser leben können.

Deutschland ist Exportweltmeister, und trotzdem ist die Opposition gegen ein mögliches Handelsabkommen der EU mit den USA (TTIP) nirgends so gross wie hier. Wie passt das zusammen?
Es gibt 80 Mio. Deutsche, 40 Mio. sind Erwerbstätige. In der Industrie arbeiten 6 Mio. von ihnen. Die grosse Mehrheit hat also noch nie eine Werkshalle von innen gesehen. Ein Teil der Gesellschaft ist wirtschaftsfern, da müssen wir besser erklären, was wir tun.

Frau Merkel versucht solchen Kritikern entgegenzukommen, indem sie eine «menschliche» Globalisierung fordert. Deutsche Firmen sollen dafür sorgen, dass Arbeits- und Umweltstandards auch bei Zulieferern eingehalten werden. Wie sehen Sie das?
Das ist ein moralischer Appell, den ich für richtig halte. BASF versucht, die Arbeits- und Sicherheitsstandards sowie die Managementmethoden global auf einem einheitlichen Niveau zu halten.

Ein tragischer Fall hat sich bei einem Ihrer Zulieferer in Südafrika ereignet. Sie beziehen dort Platin von der Firma Lonmin. In einer Mine gab es 2012 eine Auseinandersetzung mit Streikenden, bei der 34 Menschen getötet wurden. Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?
Das war sehr bedrückend. In diesem Fall ging es darum, dass eine Gewerkschaft eine andere verdrängen wollte. Sie trat deshalb mit weitreichenden Forderungen auf. Das führte zu Streiks und dann zu Gewalt. Es war eine Auseinandersetzung zwischen Streikenden und der Polizei. Lonmin hat die Situation damals nicht deeskaliert, weshalb das Management ausgetauscht wurde. Wir haben seither zwei Audits gemacht, um zu sehen, ob sich die Situation verbessert hat. Dies ist der Fall.

Kritik entzündet sich in Europa regelmässig am Projekt Nord Stream 2, das von der russischen Gazprom verfolgt wird. BASF und andere europäische Firmen finanzieren eine Gaspipeline mit, die russisches Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland transportiert. Müssen die Polen und die Ukrainer fürchten, dass ihnen die Russen das Gas abstellen?
Russland liefert seit vierzig Jahren Gas nach Europa, und das immer zuverlässig. Wir arbeiten seit über 25 Jahren mit Gazprom zusammen. Die Vermutung, Russland wolle eine Abhängigkeit von russischem Gas erzeugen und drehe dann den Hahn zu, ist absurd. Für Gazprom ist Nord Stream 2 ein wirtschaftliches Projekt. Sehen Sie das doch so: Da baut jemand eine Leitung an Ihre Haustüre und bezahlt sie auch noch. Sie können dann entscheiden, bei ihm zu kaufen oder auch nicht.

Im September wird in Deutschland gewählt. Wenn Sie bei einer Fee einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?
Ich würde darauf fokussieren, wie man den Kuchen für alle grösser macht: durch Wachstum, Innovation und Bildung. Die Frage lautet: Wie stellt man sicher, dass Deutschland ein guter Standort bleibt?

Ist Deutschland denn noch ein guter Standort?
Insgesamt schon. In der Politik gibt es aber den Eindruck, dass die Wirtschaft ohnehin laufe. Die «Reformen» unter der grossen Koalition haben alle zu noch mehr Bürokratie geführt, denken Sie an das Entgeltgleichheitsgesetz, die Arbeitsstättenverordnung oder den Mindestlohn. Da wünsche ich mir schon eine andere Perspektive. Es ist ja die Wirtschaft, die den Karren zieht.

Das scheint die Bevölkerung anders zu sehen. Nach Protesten brach BASF die Forschung mit der genetisch veränderten Stärkekartoffel Amflora 2012 ab und verlagerte sie in die USA. Ist Deutschland fortschrittsfeindlich?
Der Mensch mag Technologien, die er unmittelbar erfahren kann. Deshalb findet er das iPhone gut. Bei Technologien, die abstrakt sind, entsteht Unwohlsein. In Deutschland ging das so weit, dass man gesagt hat, nicht einmal gentechnisch veränderte Futtermittel dürften eingesetzt werden, weil das Fleisch dann infiziert würde. Das ist Unsinn. Es gibt keine wissenschaftliche Fundierung für die Ablehnung der Gentechnologie.

Der Industrie zu schaffen macht auch die deutsche Energiewende. Der Klimaschutzplan sagt, dass Deutschland 2050 weitgehend CO2-frei sein solle. Hat da eine Firma wie BASF noch Platz?
Wir dürften eigentlich nicht mehr investieren, wenn wir das als gegeben nähmen. Das Ziel, die Energieeffizienz zu verbessern, ist richtig. Jetzt aber schon davon zu sprechen, dass es ab 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr geben solle, wie das die Grünen tun, halte ich für abwegig. Wir brauchen eine technologieoffene Diskussion.

Und wann verzichtet die Chemie auf Erdöl und Erdgas?
Wenn wir Chemikalien ohne Erdöl produzieren wollten, müssten wir Biomasse nehmen und mit einem aufwendigen, energieintensiven Verfahren das nachholen, was die Natur über Jahrmillionen geleistet hat. Der Markt ist aber noch nicht bereit, das zu honorieren. In der Chemie werden wir auch in Jahrzehnten noch fossile Rohstoffe einsetzen.

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14. Juli 2017

Energiewende: Subventionen ohne Ende?

Manuel Frondel

Foto: Wirtschaftliche Freiheit

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In der Fachzeitschrift Wirtschaftliche Freiheit setzt sich Manuel Frondel kritisch mit der wirtschaftlichen Seite der Energipolitik auseinander. Er stellt fest, dass mit der Insolvenz von Solarworld der Traum einer weiteren Industriellen Revolution und Arbeitsplätzemotors sich ins Nichts aufgelöst hat. Statt einer Stufe auf dem Weg in eine ökonomische Zukunft erweist sich die deutsche Energiewende als zunehmende Belastung.

CO2-Bilanz

An der Höhe der Subventionen habe es nicht gelegen. Für die in Deutschland seit der Einführung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 installierten PV-Anlagen sind nach Berechnungen des RWI real weit über 110 Mrd. Euro an Zahlungsverpflichtungen aufgelaufen. Diese Verpflichtungen haben die Stromverbraucher mit ihren Stromrechnungen in Form der EEG-Umlage zu bezahlen. Lediglich etwa ein Drittel dieser Summe ist bislang bezahlt, den Löwenanteil dieser „Solarschulden“ müssen die Verbraucher in den kommenden 20 Jahren abbezahlen. ... Ohne den vermeintlichen Solarboom läge die EEG-Umlage nach unseren Berechnungen bei etwa der Hälfte des heutigen Wertes von 6,88 Cent je Kilowattstunde (kWh), die Stromverbraucher hätten seit dem Jahr 2000 nicht bereits 150 Mrd. Euro zur Begleichung des EEG-Kontos überweisen müssen und es gäbe wohl auch noch keine Diskussion über die Verteilung der Kosten des Ausbaus der Erneuerbaren von derzeit rund 25 Mrd. Euro pro Jahr.

Zur Bewältigung der auflaufenden Kosten ist mit Verweis auf intergenerationelle Gerechtigkeit ein Schulden-Fonds im Gespräch. Es geht darum, die sich aus den Verträgen mit den Stromerzeugern ergebenden Zahlungsverpflichtungen in die Zukunft zu verlagern. Schließlich seien die zukünftigen Generationen die Profiteure des Unfugs. Unfug deshalb, weil die Energiepolitik an ihren eigenen Zielen gescheitert ist. In Deutschland, dem Musterland der EU-Klimapolitik sinkt der CO2-Ausstoß keineswegs (siehe Grafik von Solarify). Trotz des hohen Anteils an regenerativen Energiequellen bleibt der Wert konstant, weil gleichzeitig die Kernenergie beseitigt wird und die Back-Up-Kraftwerke auf Kohlebasis natürlich Kohlendioxid produzieren.

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3. Juli 2017

Flüchtlingspolitik in der EU: "Diese schlichten und einfachen Lösungen gehen völlig fehl"

Flüchtlingsrouten

Grafik: DW

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Thukydides Geschichte der Peleponesischen Kriege vermittelt uns gleich im zweiten Absatz eine Vorstellung über das Ausmaß von Migrationsbewegungen in alter Zeit. Dort heißt es:

Es ergibt sich nämlich, dass, was heute Hellas heißt, nicht von alters her fest besiedelt gewesen ist, sondern dass es früher Völkerwanderungen gab und die einzelnen Stämme leicht ihre Sitze verließen unter dem Druck der jeweiligen Übermacht. Denn da noch kein Handel war und kein gefahrloser Verkehr weder übers Meer noch auf dem Land, da alle ihr Gebiet nur nutzten, um gerade davon zu leben, und keinen Überschuss hatten, auch keine Bäume pflanzten bei der Ungewissheit, wann vielleicht ein Feind, zumal auch nichts befestigt war, kommen und ihnen alles wegnehmen würde, und da sie die nötige Nahrung für den Tag überall gewinnen zu können meinten, so fiel es ihnen nicht schwer, auszuwandern, und darum waren sie weder durch große Städte stark noch durch sonstige Kriegsmacht. Je besser aber das Land, desto häufiger wechselte es die Besiedler ...

Armut, Krieg, Gewalt und Unsicherheit sind die Migrationsgründe seit jeher. Vor allem aber weist Thukydides auf einen Punkt hin, nämlich dass unter solch widrigen Umständen kein Handel erblühen kann, weil niemand Überschüsse produziert, die leicht geraubt werden können. Somit ist letztlich Gewalt die Ursache für Armut und für Migration.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk warnt der Historiker und Migrationsforscher Prof. Dr. Jochen Oltmer vor Scheinlösungen, die von populistischen Politikern (Kurz, Orban u.a.) vorgeschlagen werden. Das Befestigen der Grenze gegen eine Flüchtlingsroute führe nur zur Verlagerung auf andere Strecken. Seit die Balkanroute unpassierbar wurde, nehmen die Reisen über das mittlere Mittelmeer zu und mit ihnen auch die Zahl der Ertrinkenden. Ebenso töricht wäre es von der italienischen Regierung, das Anlanden der Boote zu unterbinden. Wie die Karte zeigt, sind die Routen zahlreich und neue können in kurzer Zeit erschlossen werden.

Derzeit befinden sich 65,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Doch können wir nicht behaupten, dass dies ein Rekord ist. Die entsprechenden Statistiken werden erst seit 20, seit 30 Jahren in dieser Form geführt. Wir wissen, dass in vielen Situationen, natürlich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch beispielsweise im Kontext der Auflösung der Kolonialreiche in den 1960er-, 1970er-Jahren, wir wissen, dass Anfang der 1990er-Jahre vor dem Hintergrund der Auflösung der UDSSR sehr, sehr viele Menschen unterwegs waren.

Die gewaltige Zahl täuscht auch darüber, dass die Migration nach Europa ein viel geringeres Ausmaß hat. Die meisten Flüchtinge bleiben im Land oder weichen in Nachbarländer aus. Viele kehren wieder nach einiger Zeit in die alte Heimat zurück. Dennoch müssen gründliche Lösungen ersonnen werden. Die Migration darf nicht zu einer Aufgabe des Asylrechts führen.

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1. Juli 2017

Uruguay legalisiert den Marihuana-Handel

Tabaré Vasquez

Präsident Tabaré Vázquez war zwischen 2005 und 2010 Präsident von Uruguay und wurde 2015 wiedergewählt. Foto: Wikipedia

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Als erstes Land der Erde legalisiert Uruguay den Handel mit Marihuana. Der Staat selbst wird zum Drogenproduzenten. Die Welt berichtet darüber. Laut Schätzungen der Drogenbehörde gibt es in dem kleinen südamerikanischen Land ungefähr 160.000 Marihuanakonsumenten. Künftig sollen sie ihre Droge in Apotheken kaufen können. Derzeit kostet 1 Gramm auf dem Schwarzmarkt zwischen 9 und 25 Euro. Die Qualität ist schlecht, weil es gestreckt wird. Der Kilopreis für ein reines Kilo beträgt 25.000 Dollar. Im Jahr werden auf diese Weise 750 Millionen Euro umgesetzt, von denen Gelder zur Bestechung der Politiker und Polizisten sowie zum Ankauf von Waffen abgezweigt werden.

In der Apotheke soll das Gramm 1,15 Euro kosten, ungestreckt und kontrolliert abgegeben werden. Das Ziel der Legalisierung ist die Schwächung der Mafia und ihrer Korruptionstätigkeit sowie ein besserer gesundheitlicher Schutz der Konsumenten. Interessenten müssen sich auf eine Liste setzen lassen. Sie bekommmen eine Art Pass, mit dem sie sich in Apotheken ausweisen können. Ein Abgabe an Ausländer ist nicht erlaubt. Der Verkauf ist zunächst auf 30 Apotheken in Montevideo beschränkt.

Ab heute soll das Programm starten. Außer der Schwächung der Mafia entlastet sich der Staat durch zusätzliche Einnahmen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Experiment entwickelt. Problematisch ist die Möglichkeit eines grauen Marktes, bei dem die Passinhaber ihre Einkäufe weiter verkaufen. Möglicherweise zieht dies dann doch auch Ausländer an. Ich hoffe, dass das Legalisierngsprogramm ein Erfolg wird. Es könnte der Anfang zur Beseitigung der organisierten Kriminalität sein, die allein durch polizeiliche und geheimdienstliche Mittel nicht zu besiegen ist, aber für die rechtsstaatliche Entwicklung ein unüberwindliches Hindernis darstellt. Für Liberale ist interessant, dass der Autor dieser Liberalisierung, Präsident Vásquez, sich als Sozialist versteht.

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18. Mai 2017

Baut Städte statt Lager: Uganda als Beispiel einer integrativen Flüchtlingspolitik

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Uganda beschreitet in der Flüchtlingspolitik ein liberales Konzept. Die Flüchtlinge dürfen in ihrem Gastland siedeln und arbeiten. Sie können allerdings kein Land erwerben und sich langfristig wirtschaftlich selbständig machen. Merle Kreibaum (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik) fasst die Konzeption zusammen:

Die öffentliche Wahrnehmung der Situation Geflüchteter stimmt in zwei wichtigen Aspekten nicht mit den Fakten überein: Die bei Weitem meisten Flüchtlinge halten sich in armen Nachbarländern ihrer Herkunftsorte auf (86 Prozent) und sie bleiben dort sehr lange (im Durchschnitt 17 Jahre). Obwohl dies seit Längerem bekannt ist, werden diese Gastländer häufig nicht unterstützt und Geflüchtete haben kaum eine Chance, sich dauerhaft niederzulassen und in ihre Gastgemeinden zu integrieren. Daher mehren sich Überlegungen, statt die herkömmlichen Flüchtlingslager zu errichten – die in erster Linie auf eine Notversorgung der Geflüchteten ausgelegt sind – eher auf längerfristige Ansätze in der Flüchtlingspolitik zu setzen.
Ein Beispiel für eine erfolgreiche integrative Flüchtlingspolitik – und somit mögliches Lehrstück für andere Länder – ist Uganda. Bereits seit 1999 verfolgt die ugandische Regierung den Ansatz der lokalen sozialen und ökonomischen Integration von Geflüchteten. Sie erhalten Land, dürfen arbeiten und sollen so unabhängig von Hilfe werden. Von dieser liberalen Politik profitiert auch die einheimische Bevölkerung: Die gesteigerte ökonomische Dynamik in Gegenden, in denen viele Geflüchtete leben, führt zu einem höheren Konsum sowie einem besseren Zugang zu öffentlicher Infrastruktur für Menschen in angrenzenden Dörfern. So können sie die von Hilfsorganisationen betriebenen Schulen und Krankenstationen nutzen.
Die subjektive Wahrnehmung der lokalen Bevölkerung spiegelt jedoch diese positiven Entwicklungen nicht wider: Sie schätzen ihre ökonomische Lage schlechter ein als dies in anderen Gegenden Ugandas der Fall ist. Wiederholt flammen lokal Konflikte um Land auf und es gibt Anzeichen dafür, dass die ugandische Regierung in Distrikten mit hoher Flüchtlingspräsenz weniger Mittel für den Betrieb von Krankenstationen und für die Unterstützung armer Menschen ausgibt. Obwohl es von Seiten der Regierung und der Hilfsorganisationen Bemühungen gibt, keine der Gruppen schlechter zu stellen als die jeweils andere und durch Begegnungen Vorurteile abzubauen, hält die (empfundene) Konkurrenz um Ressourcen an.
Die ugandischen Erfahrungen sowie Herausforderungen bei der Unterstützung von Flüchtlingen in Kenia und Jordanien unterstreichen das große Potenzial einer integrativen Flüchtlingspolitik. Die lokale Bevölkerung kann von ihr profitieren und Kosten für die Versorgung der Geflüchteten werden eingespart. Vier Empfehlungen lassen sich aus der Analyse für Gastländer ableiten, die viele Flüchtlinge beherbergen:

Die ausführliche Fassung des Berichts liegt als pdf vor.

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27. April 2017

Erwärmungspause in der letzten Dekade

Grafik Erwärmungspause

Grafik: climate4you

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Es tobt ein Streit in der Klimadiskussion über den Temperaturverlauf der Erde, der Lufthülle und des Ozeans. Die Frage lautet: Fand in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts eine Erwärmungspause (Hiatus) statt oder nicht. Sie ist von explosiver Sprengkraft. Denn wenn eine solche Pause stattfand, bricht die zentrale These der anthropogenen Erderwärmung zusammen, nämlich die kausale Korelation zwischen CO2-Anstieg und Erwärmung. Inzwischen liegen genügend Daten vor, um die Antwort als ziemlich sicher anzunehmen.

Es sind in allen Bereichen Pausen zu beobachten. Die obige Grafik gibt den Temperaturverlauf (mit einem gleitenden Durchschnitt versehen) der Luft wieder, basierend auf den Datensätzen der "Climatic Research Unit (CRU)" der University of East Anglia. Wir erkennen ungefähr zwischen 2002 und 2015 eine Seitwärtsbewegung. Das Jahr 2016 schug kräftig nach oben aus. Schon einmal wich die Temperaturentwicklung von der CO2-Konzentrationszunahme ab: von 1960 bis 1977 sanken die Temperaturen deutlich, obwohl die Kohlendioxidkonzentration linear zunahm. Damals sprachen die Apokalyptiker von einer neuen Eiszeit.

Climate4you veröffentlichte diese Grafik zusammen mit vielen anderen im März-Newsletter. Auch die Theorie des PIK, dass die Wärme in die Tiefe der Ozeane gewandert wäre, lässt sich anhand der Daten nicht aufrechterhalten. In den Tiefen bis 700 m sanken die Temperaturen in den letzten Jahren.

Logisch zwingend geht aus den Befunden hervor, dass die CO2-Konzentration nicht die alleinige Ursache der Erwärmung sein kann. Es muss mindestens noch ein weiterer Ursachenfaktor vorhanden sein, der die Abweichungen vom CO2-Verlauf verursacht. Die Diskussion verlagert sich daher - endlich - vom Kohlendioxid auf andere Treibhausgase, insbesondere das Methan, und die Ozeanzyklen. Gut so. Differenzierung in komplexen Sachverhalten tut der Wissenschaft gut. Allerdings wird der Dekarbonisierungspolitik (Energiewende) damit die Basis entzogen.

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22. April 2017

Klimagas: Nicht nur Rinder sind Methanschleudern

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Von der Front der Tierrechtler, Vegetarier und Veganer wird die Fleischproduktion mit klimapolitischen Argumenten angegriffen. Das dabei austretende Methan hat eine vielfach höhere Treibhauswirkung als Kohlendioxid. Zwar lassen sich die Faktoren nicht genau quantifizieren, doch besteht über ihre Relationen ziemlich Einigkeit. Udo Pollmer geht auf die Problematik im Deutschlandradio Kultur in einem Beitrag ein.

Die Kritiker irren sich. Durch einen Verzicht auf Tierhaltung wäre klimapolitisch nichts gewonnen. Nach Angaben der Welternährungsorganisation machen Weiden über 60 Prozent der gesamten agrarischen Nutzfläche auf dieser Erde aus, also Flächen für die es keine andere Nutzung gibt als die Erzeugung von Futter. Bevor dort Nutzvieh grasen durfte bzw. das gemähte Gras als Heu oder Silage verfüttert bekam, weideten dort wilde Wiederkäuer wie Bison, Karibu oder Auerochs. Die riesigen Bisonherden, die einst durch die Prärie zogen, haben fast genauso viel Methan erzeugt, wie heute die Rinder in den USA. Verschwinden die Rinder, vermehren sich wieder die Herden der Bisons oder Wildschafe. Bleiben sie aus, gibt’s Buschbrände, die noch mehr Methan in die Atmosphäre blasen.

Damit ist auch schon das Wichtigste gesagt. Durch die Züchtungserfolge lässt sich der Nutzen pro Methaneinheit verbessern. Gute Rassen geben mehr Fleisch, stoßen aber nicht mehr Methan aus. Allein durch den züchterischen Fortschritt ist die Methanmenge pro Kilo Fleisch oder Käse seit Mitte des letzten Jahrhunderts um etwa 2/3 gesunken.

Die globale Erwärmung trägt zur Steigerung der Ernteerträge auch bei der Weidehaltung bei. Die Rinderbestände nehmen auch nicht zu, sondern bleiben seit Jahren konstant.

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4. April 2017

Paul Collier: Die Weltformel zur Lösung der Flüchtlingskrise

Paul Collier

Paul Collier ist Professor für Ökonomie und Direktor des Zentrums für afrikanische Ökonomien an der Blavatnik School of Government der Universität Oxford. Er ist Fellow des St Antony’s College. Davor war er Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank. Foto: Wikipedia

Paul Collier gehört neben Daron Acemoglu, James Robinson und Amarthya Sen zu den führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Unterentwicklung. Sein Buch Die unterste Milliarde. Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann (Beck, 2008) ist lesenwert. Die Welt berichtete in der letzten Wochendendausgabe (Nr. 14/2017) von seinen jüngsten Vorschlägen zur Lösung der Flüchtlingsproblematik.

In seinem neuesten Buch mit dem Titel "Gestrandet" kritisiert er eine 70 Jahre währende verfehlte Flüchtlingspolitik, die sich in unseren Tagen in einer unübersehbaren Krise befindet. Mit der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 wurde ein Recht geschaffen, das auf die Bedingungen der Nachkriegszeit in Europa zugeschnitten war. Die heutigen Migrationsströme haben jedoch andere Ursachen und andere Bedingungen als die Flüchtlinge, die von der Deutschen Wehrmacht vor sich hergetrieben wurden und die aus Angst vor der Roten Armee in den Westen zogen. Die Migranten aus den afrikanischen Ländern und aus Asien folgen einem Sog, der sie in einen anderen Kulturraum und zugleich in einen höher entwickelten Wirtschaftsraum bringen soll. Flüchtlinge hätten seit Jahrzehnten die Wahl unter drei schlechten Optionen: Vegetieren in einem Lager, in Städten illegale und schlecht bezahlte Jobs machen – oder die gefährliche Reise nach Europa riskieren.

Zu den Migrationsursachen gehören auch die Flüchtlingslager, in denen die Insassen nur perspektivlos und mit eingeschränkten Rechten dahinvegitieren können. Sie werden mit den materiellen Mitteln versorgt, doch wird ihnen verwehrt, für sich selbst zu sorgen. Collier will einerseits die Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen unterbinden, andererseits aber auch die heutige From der Flüchtlingslager abschaffen. Seine Idee: Flüchtlinge müssen legal in Städten leben und arbeiten dürfen. Reiche Länder müssen Jobs nahe an den Krisenregionen schaffen, Sonderwirtschaftszonen einrichten. Die Flüchtlingshilfe muss Teil der Globalisierung sein, große Konzerne sollten eine Rolle spielen. Er rechnet vor, dass die Schaffung von legalen Arbeitsmöglichkeiten in den Herkunftsländern um ein Vielfaches billiger sei als die Integration in unseren Ländern: 135 Mal billiger.

Merkel berief ihn zu einem ihrer Berater. Wir hoffen, dass er auch Gehör findet.

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6. März 2017

Vorsorgen sollen die anderen

Kabelverlegung

Bau der unterirdischen 110-kV-Leitung zwischen Zimmern und Rottweil. Die Südlink-Trasse wird deutlich größer ausfallen. Foto: Nico Pudimat/Wikipedia, Gemeinfrei

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Im Blog der Salonkolumnisten stellt Johannes Kaufmann fest, dass das Vorsorgeprinzip von den Ökos sehr selektiv angewendet wird. Vorsorgeprinzip heißt ein Gebot, das bei der Einführung neuer Techniken und Stoffe von der EU und dem deutschen Bundestag berücksichtigt werden muss. Es besagt, dass alle Innovationen auf alle möglichen Risiken im Voraus überprüft werden müssen. Was gut klingt, ist in logischer Hinsicht undurchführbar. Niemals lassen sich alle Risiken, die möglich sind, antizipieren. Bei einer retrospektiven Betrachtung wird auch seine extrem konservative Funktion deutlich. Keine Technologie konnte ohne Risiken eingeführt werden. Hätte die Menschheit von Anfang an jegliches Risiko vermieden, säßen wir noch auf den Bäumen. Nehmen wir den Automobilverkehr, so kostete er vielen Tausend Menschen das Leben. Doch die Zahlen der Verkehrstoten gehen in Deutschland seit Jahren stetig nach unten. Die Probleme, die die Technik schafft, löst sie auch.

Gegen moderne Produktionsmethoden wie die Kernenergie der vierten Generation, die Gentechnik oder die Gewinnung von Öl und Gas aus Gesteinen laufen die Ökologisten Sturm. Sie selbst aber kümmern sich nicht um die Risiken ihrer eigenen Lieblingsprojekte wie dem Auswildern von Wölfen, dem Vögelsterben durch Windräder oder die Bodenverseuchung durch Biogasanlagen.

Und nun sollen Höchstspannungsleitungen unter der Erde verlegt werden. Nach langem und hartnäckigem Widerstand von Bürgerinitiativen und manchen Politikern wie dem besonders lauten&xnbsp;Horst Seehofer wurden die Planungen der Südlink-Trasse als Gleichstrom-Freileitungen (für die keinerlei Gesundheitsgefahren belegt sind) in die Tonne geworfen. Stattdessen sollen die Kabel nun in die Erde – ohne dass auch nur ansatzweise geklärt wäre, welche Konsequenzen das für den Boden hat. Was passiert mit den Mikroorganismen? Was mit dem Wasserhaushalt? Was mit den Beikräutern auf dem Acker? Man weiß es nicht, will sich aber nicht beirren lassen. Vom Vorsorgeprinzip ist mal wieder keine Spur, zumindest nicht bei der von den Bürgerinitiativen bevorzugten Technologie. Gegenüber den seit Jahrzehnten etablierten Freileitungen hingegen wird gern auf dubiose Anzeichen möglicher Gesundheitsgefahren verwiesen.

Es ist dem Autor zuzustimmen, dass sich die Anhänger des Vorsorgeprinzips an ihren eigenen Maßstäben messen lassen müssen. Die konsequentere Haltung wäre aber, dafür einzutreten, dass technische Innovationen grundsätzlich immer mit Risiken verbunden sind. Es kommmt auf das Maß an und auf eine Kosten-Nutzen-Abwägung. In diesem Sinne sollte das Vorsorgeprinzip überdacht werden.

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27. Februar 2017

Ist grüne Gentechnik gesundheitsschädlich?

Schild gegen Gentechnik

Foto: Alnatura

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Würden Sie sich gerne in einer dünnwandigen Aluminiumröhre festschnallen lassen, umgeben von einigen hunderttausend Litern hochgiftiger, explosiver Chemikalien, daneben eine Maschine, die eine Hitze von über 2.000 Grad und einen infernalischen Lärm entwickelt? Würden Sie sich dann mit dieser Höllenmaschine in eine Höhe von 10 Kilometern katapultieren lassen, wo die Luft zu dünn zum Atmen ist, die Temperatur -55 Grad beträgt und radioaktive Strahlung stundenlang auf Sie einwirkt? Nein? Sie sind doch nicht verrückt? Aber Sie sind in den letzten Urlaub geflogen und haben genau das getan. Sie haben sogar dafür bezahlt! Sie haben den Blick über die Wolken genossen, einen Film gesehen, gegessen und seelenruhig geschlafen. Allerdings hätten Sie das Flugzeug wahrscheinlich nicht bestiegen, wenn an Bord Genfood serviert worden wäre. Das hätte Ihnen ein mulmiges Gefühl bereitet.

Die Verbreitung von Angst vor irgendetwas ist ein wirksames Mittel, um Menschen zur Abgabe von Spenden für eine Organisation zu bewegen. Die Spende dient der Angstbewältigung, die nicht zu leisten wäre, würden keine Lügen und Märchen über mögliche, doch sehr unwahrscheinliche Risiken verbreitet. Was hängenbleibt ist nicht die Tatsache, dass Risiken praktisch auszuschließen sind, sondern, dass sie nicht zu 100 % auszuschließen sind. Zwischen 99% und 0 % besteht für den Mandelkern unseres Gehirns kein Unterschied, nur zwischen 100 und 0 %. Genau darauf beruht das Geschäftskalkül der Ökos. Selbst das unter der überzeugten Ökologistin Hendricks geführte zuständige Bundesministerium muss einräumen, dass trotz umfangreicher Studien keinerlei Nachweise über gesundheitliche Schäden durch gentechnisch veränderte Nahrungsmittel erbracht werden konnte. Doch ficht dies die Agitatoren nicht an. Da es logisch umöglich ist, zu beweisen, dass etwas nicht da ist, ohne sich auf einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit festzulegen - irgendwo und irgendwann könnte doch das nicht Nachweisbare eintreten - lassen sich die Angstgeschichten nicht widerlegen, bzw. genügt es icht, sie rational zu entkräften. Angst lässt sich überhaupt nicht widerlegen. Aber durchschauen.

Die Salonkolumnisten veröffentlichen ganz im Gesit der rationalen Aufklärung Informationen, die dem Zeitgeist zuwiderlaufen. Mir zum Vergnügen.

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30. Januar 2017

Wissenschaftsastronaut Ulrich Walter: Man sollte Klimaforschern nur die Hälfte von dem glauben was sie sagen

Ulrich Walter

Ulrich Walter. Foto: Wikipedia

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Die Kalte Sonne fasst eine Doppelsendung von n24 tv zusammen, die von Ulrich Walter über die Klimaforschung geschrieben wurde. Er ist Physiker, ehemaliger Wissenschaftsastronaut und derzeitiger Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München.

In Teil 1 (Titel: “Klimaforscher sind Einäugige unter Blinden“) nahm sich Walter zunächst die unerwartete Erwärmungspause bzw. die starke Abschwächung der Erwärmung vor. Kein einziges Klimamodell hat diese Entwicklung vorhergesagt, gibt er zu bedenken. Walter weiter:

Sogar im Nachhinein konnte dieses bemerkenswerte Phänomen bis heute kein Klimaforscher erklären. Dies ist umso erstaunlicher, als dass die Erfahrung lehrt, dass Theoretiker im Nachhinein stets alles erklären können, wovon das meiste für den Müll ist. Erst in den vergangenen neun Monaten begannen sie so langsam die Ursachen zu verstehen, sind jedoch noch weit davon entfernt, mögliche ähnliche Phänomene in Zukunft vorhersagen zu können. Sie wissen zwar jetzt mehr, aber immer noch wenig. Unter den Blinden ist der Einäugige halt König. Ja, ich gebe zu, das ist ein etwas hartes Urteil, aber unter Wissenschaftlern macht die Euphorie, etwas verstanden zu haben, oft blind vor der Komplexität der Realität. Man sollte zwar den Hut ziehen vor dem Wissen, das Klimaforscher bis heute erarbeitet haben, aber nur die Hälfte von dem glauben was sie sagen. Und misstrauen Sie jedem, der behauptet, das Klima verstanden zu haben. Sie selbst mögen vielleicht gar nichts von Klima verstehen, also blind sein, aber Klimaforscher sind eben nur einäugig.

Im weiteren Verlauf des Beitrags geht der ehemalige Astronaut auch auf die nur schlecht bekannte CO2-Klimasensitivität ein:

Die Klimaforscher wissen zwar, dass CO2 und zu einem geringeren Teil Methan CH4, den Wärmeschutzeffekt der Decke erhöhen, aber sie wissen nicht genau, wie gut diese Treibhausgase wirken. Sie messen lediglich Zu- oder Abnahmen von CO2/CH4-Mengen und Temperaturzunahmen und -abnahmen und korrelieren die miteinander. Daher wissen die dann, wieviel CO2-Zunahme wie viel Temperaturzunahme verursacht. Aber sie haben noch nicht genau verstanden, warum dieses Verhältnis so ist. Daher braucht sich nur eine Kleinigkeit ändern und schon stimmt diese Korrelation und somit ihre Vorhersage nicht mehr – so geschehen bei dem Erwärmungs-Hiatus.

Im 2. Teil seiner Kolumne packt Walter die Kritik erneut für alle sichtbar in den Titel:

Was Sie über den Klimawandel wissen sollten: Shit In, Shit Out!

Zunächst erklärt er den Lesern, dass die Rolle der Wolken und Ozeane im Klimageschehen noch viel Unbekanntes birgt und noch immer nicht alle Einzelkomponenten des Klimasystems vollständig verstanden sind. Mit den Ergebnissen der Klimamodelle müsse man daher sehr vorsichtig umgehen, gibt Walter zu bedenken:

Warum erzähle ich all diese ermüdenden Details? Weil damit klar wird, dass es fast unendlich viele unterschiedene Einflüsse auf das Klima gibt, die mit einander vernetzt sind und sich teilweise wie in einem Teufelskreis aufschaukeln oder sich gegenseitig dämpfen. Eine unvollständige Modellierung dieser Abhängigkeiten kann zu falschen Ergebnissen und falschen Vorhersagen führen. Genau das war der Fehler des Club of Rome, der mit einer, wie sich kürzlich herausstellte, haarsträubenden Modellierung und eines entsprechenden im Jahre 1972 veröffentlichten Berichts Grenzen des Wachstums den bevorstehenden Untergang der Menschheit vorhersagte – shit in, shit out! Die heutigen Modelle der Klimaforscher sind zwar weitaus ausgefeilter als die des Club of Rome, aber immer noch so schlecht, dass sie beim Erwärmungs-Hiatus versagten, und wenn die Klimaforscher nicht aufpassen, könnte ihnen noch Peinlicheres in der Zukunft passieren.

Das Fazit von Walter:

Die Erforschung der Klimaveränderung ist ein saukompliziertes Geschäft.

Es ist ermutigend, dass sich die Wissenschaft aus der politischen Umklammerung löst, die die Religion des Ökologismus in den 1990er-Jahren schloss. Wissenschaft ist dem Rationalismus verpflichtet, und das bedeutet, dass letztlich die Fakten entscheiden, ob eine Theorie akzeptiert wird, und nicht das Interesse. Wenn die Klimamodelle weder die nahe Zukunft vorhersagen können, noch die nahe Vergangenheit rekonstruieren, sind sie einfach unzulänglich und müssen verbessert werden. Um so frevelhafter sind politische Entscheidungen, die Billionen Euro für Jahrzehnte in energiepolitischen Abenteuern binden, und doch in schlechter Zuverlässigkeit die selbstgesteckten Ziele verfehlen. Statt in Windräder und Solaranlagen sollten öffentliche Gelder in erfolgversprechende Projekte investiert werrden, etwa die Schaffung von Schulen, Ausbildungs- und Arbeitsplätzen in afrikanischen Ländern, wo sie zur Abschwächung des Migrationsdruckes beitragen.

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19. Januar 2017

Recht auf Bildung: „Eine Kindergrundsicherung wäre eine Lösung“

Portrait Hans Bertram

Prof. Dr. em. Hans Bertram war von 1992 bis 2014 Lehrstuhlinhaber für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Foto: Hans Bertram

Logo Bildungsklick

In einem Interview mit bildungsklick setzt sich Hans Bertram für eine Kindergrundsicherung ein. Das Ziel, allen Kindern ihr Recht auf eine seinen Entwickluingsmöglichkeiten entsprechende Bildung zu sichern, scheitert oft an der zerklüfteten Zuständigkeit der staatlichen Ebenen. Die Vorschuleinrichtungen sind in kommunaler Hand, die allgemeinbildenden Schulen in Landeshand und die Hochschulen werden von Bund und Ländern finanziert. Doch die Kommunen sind sehr unterschiedlich mit Finanzmitteln ausgestattet, sodass eine Chancengleichheit für die Vorschulkinder nicht hinreichend gewährleistet werden kann.

In Frankreich zum Beispiel ist die Finanzierung zentral festgelegt. Aber wir haben kein zentralistisches System, und das ist genau das Problem. Eine arme Kommune kann die Ausstattung, die Qualifikation sowie die Relation zwischen Kind und Betreuer nicht in der Form organisieren wie eine reiche Kommune. Das große Finanzgefälle führt dazu, dass es den einzelnen Kommunen unterschiedlich schwerfällt, das Recht auf Bildung für Kinder in angemessener Weise zu realisieren.

Ich denke, eine Kindergrundsicherung wäre eine Lösung, aber das ist in der Bundesrepublik nicht durchsetzbar. Der nächste wichtige Schritt wäre konsequenterweise der Rechtsanspruch auf eine Nachmittagsbetreuung. Nach dem Besuch einer Krippe oder eines Kindergartens sind die Kinder mit sechs Jahren nicht erwachsen.

In einer Zeit, in der es zum Selbstverständnis der Frauen gehört, eine gute Ausbildung zu haben und berufstätig zu sein, was heute der überwiegende Konsens auch unter Männern ist, sind gesellschaftliche Einrichtungen der Bildung und Erziehung der Kinder eine notwendige Ergänzung der Familienerziehung. Nur an Bildung und Einkommen privilegierte Familien könnten sich Hauserziehung und -unterricht leisten. Für die große Masse der Mittel- und Unterschichten müssen gesellschaftliche Einrichtungen die private Leistung unterstützen. Bildungseinrichtungen sind wertvolle öffentliche Güter, die sich als Investitionen in das human capital auch ökonomisch auszahlen. Gerade hochentwickelte Länder können in der Produktion hochpreisiger Hight-Tech sich nur auf dem Weltmarkt behaupten, wenn ihre Bildung und Weiterbildung Weltspitze ist. Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt.

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17. Januar 2017

Globalisierung: Warum Oxfams Reichen-Studie in die Irre führt

Grafik Oxfam

Quelle: Oxfam

Logo Die Welt

Alle Jahre wieder veröffentlicht Oxfam, eine britische Nichtregierungsorganisation, einen Bericht über die statistische Verteilung von Armut und Reichtum in der Welt. Die Botschaft ist so simpel wie alt: Reichtum ist Sünde, weil seine Quelle die Ausbeutung der Armen ist. Schuld sei eine Marktwirtschaft, in der die oberen ein Prozent der Bevölkerung Milliarden anhäuften, während die Armen auf der Strecke blieben. Mehr Umverteilung durch einen weltweiten Mindeststeuersatz für Konzerne, höhere Reichensteuern sowie das Schließen von Steueroasen, so sieht das Oxfam-Rezept gegen die beklagte Ungleichheit aus. „Regierungen betreiben das Spiel der globalen Konzerne und reichen Eliten – und die Bevölkerung zahlt die Zeche“, kritisierte Jörn Kalinski von Oxfam Deutschland.

Dorothea Siems nimmt den tendenziösen Bericht in der Welt auseinander. Zum einen sind die Daten verzerrend. Wenn ein deutscher Student, der die Aussicht auf einen einkommmensstarken Beruf hat, zu den Armen gezählt und ein afrikanischer Kleinbauer reicher als mancher Deutscher eingestuft wird, stimmt etwas mit den Kriterien nicht. Wenn die Altersrücklagen aus den kollektiven Vorsorgesystemen nicht berücksichtigt werden, werden Daten unterdrückt, die aber für die Fragestellung von erheblicher Bedeutung sind. Der entscheidende Denkfehler liegt darin, dass die Marktwirtschaft für die Armut wie für den Reichtum verantwortlich gemacht wird. Auch die implizite Schlussfolgerung, das Vermögen der Superreichen beruhe auf der Ausbeutung der Ärmsten, führt in die Irre. Denn weltweit geht es denjenigen Menschen am schlechtesten, die von der Globalisierung abgeschnitten sind. Das lässt sich gut an Korea studieren.

Tatsächlich gab und gibt es Reichtum auch außerhalb von marktwirtschaftlichen Gesellschaften. Der Reichtum antiker Größen wurde sprichwörtlich: Midas, Crösus, Caesar. Die Diktatoren aller Länder waren nicht und sind nicht nur im Besitz der Unterdrückungsapparate, sie häufen auch enorme Reichtümer an. Fidel Castro besaß eine Luxusjacht, der nordkoreanische Diktator Kim deckt sich im Westen mit Luxusgütern ein. Selbst der bescheidene Honecker war vergleichsweise reich. General Washington hinterließ in Form von Ländereien ein Vermögen von über einen halben Million Dollar, das aus militärischen Unternehmungen, nicht aus marktwirtschaftlichen stammte, was nach heutiger Kaufkraft über 20 Milliarden Dollar entspräche. Die Reichen Lateinamerikas saugen als Großgrundbesitzer gerade nicht marktwirtschaftlich die abhängige Landbevölkerung aus oder sie betreiben in korrupten Staaten gerade nicht marktwirtschaftlich rent seeking. Der mexikanische Telefonmonopolist Carlos Slim sei hier ein Beispiel.

Die gewaltigen Vermögen von Großunternehmen sind ein Phänomen der Globalisierung, das ist richtig. Selbst, wenn wir die in Sachkapital gebundenen Vermögensteile abziehen - und das sind die überwiegenden Teile - bleiben immmer noch enorme Beträge an cash, die in der Regel in offshore-Banken gelagert werden und damit der Versteuerung entzogen. Ich stimme Oxfam zu, dass dies ein Missstand ist. Doch muss auch in Betracht gezogen werden, dass Großunternehmen der IT-oder der Elektronik-Branche wie Google, Apple oder Microsoft gewaltige Investitionen vornehmen müssen, um sich langfristig am Markt zu halten. Die Entlohnung ihrer Angestellten ist überdurchschnittlich, d.h. gerade nicht ausbeuterisch, und die Werte sind am Markt erwirtschaftet, weil sie die Nachfrage der Verbraucher bedienen. Wenn ein Unternehmen einen Marktwert von 700 Milliarden besitzt, sind 200 Millionen an cash nur relativ viel Geld. Soviel zu den Unternehmen. Doch Oxfam bezieht sich auf die natürlichen Personen. Nun, sie besitzen Unternehmensanteile, sind also direkt vom wirtschaftlichen Erfolg am Markt abhängig. Viele Superreiche tauchen in den Forbes-Listen auf und verschwinden wieder aus ihnen, nachdem ihre Geschäfte nicht mehr so gut laufen. Das ist typisch für die Marktwirtschaft, die einen offene und durchlässige Gesellschaft bildet. Doch die Superreichen in vormodernen Gesellschaften ohne ausgeprägte Marktwirtschaft sind Nachkommen von oligarchischen Familien, die oft jahrhundertelang im Sattel sitzen. Hier würde Marktwirtschaft für Wandel sorgen und für das Glück der Tüchtigen, statt der Mächtigen.

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16. Januar 2017

Angus Deaton: Konzepte zur Armutsbekämpfung

Portrait Angus Deaton

Angus Deaton ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Princeton University und erhielt 2015 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt. Foto: Wikipedia

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Katja Scherer portraitiert im Deutschlandfunk den Wirtschafts-Nobelpreisträger und Entwicklungs-Ökonom Angus Deaton. Für ihn sind Einkommen und Gesundheit zwei Entwicklungsparameter, die nicht notwendig kausal verknüpft sind. Sowohl Einkommen als auch Gesundheit entwickelten sich in der Industriellen Revolution während des 18. und 19. Jahrhunderts, doch beide nicht immer gleichzeitig und nicht für alle Menschen synchron. Zuerst wurden die Mittelschichten reicher, sodann die Arbeiterschaft.

So verhält es sich auch im globalen Maßstab. Nicht alle Länder befinden sich im Aufzug des Wirtschaftswachstums und nicht alle medizinisch fortschrittlichen Länder sind ökonomisch besonders progressiv. Das liegt daran, dass die Hauptursache für den medizinischen Fortschritt nicht der Reichtum ist, sondern Bildung. Es waren vor allem die neuen Kenntnisse über Krankheitserreger, die es den Europäern ermöglichte, sich vor Krankheiten zu schützen und wirksame Medikamente zu entwickeln. Die Ungebildeten der armen Länder profitieren in medizinischer Hinsicht am meisten durch Hygienemaßnahmen, und diese setzen entsprechende Informationen voraus. In diesem Feld sind staatliche Programme sehr wirksam.

Zudem kritisiert er, dass die globale Entwicklungshilfe die Situation in armen Ländern nur verschärft und nicht verbessert habe. Die Vorstellung, dass die Armut in der Welt bekämpft werden könne, indem man ärmeren Staaten Geld überweist, bezeichnet er als Hilfsillusion: 'Wenn Armut und Unterentwicklung in erster Linie Konsequenzen funktionsuntüchtiger Institutionen sind, bewirken große finanzielle Zuwendungen von außen exakt das Gegenteil, von dem, was beabsichtigt ist, indem sie die Institutionen weiter schwächen oder ihre Entwicklung behindern. Daher kann es kaum überraschen, dass trotz der positiven direkten Wirkung der Entwicklungshilfe insgesamt keinerlei Nutzen nachweisbar ist.'

Viel wirksamere Maßnahmen gegen die globale Armut wären für Deaton weniger Handelsbarrieren für Produkte aus Entwicklungsländern, konsequentere Sanktionen gegen unterdrückende Regime und eine verstärkte Erforschung von "Armutskrankheiten" wie Tuberkulose oder Malaria.

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12. Januar 2017

Ich esse kein Bio mehr (1)

Werbung für Bordeaux-Brühe

Aus Bordeaux kommt nicht nur guter Wein. Auch die Bordeaux-Brühe wurde hier erfunden. Quelle: traktorstory.com

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Ludger Wess beriet dereinst Umweltschutz-Aktivisten bei der Durchführung von Kampagnen. Er gehört zu den sachkundigsten Kritikern des Ökologismus, d.h. der Ideologie, die von Umweltschutz spricht, aber die Freiheit des Menschen einer religiösen Naturidee opfern will. In seinem Essay über die Bio-Landwirtschaft im Blog der Salonkolumnisten untersucht er Schein und Sein der Bio-Welle.

Es spricht sich herum, dass Bio-Lebensmittel weder besser schmecken noch mehr nützliche Inhaltsstoffe haben als andere Produkte. Doch der Glaube, ihre Herstellug seien für Mensch und Umwelt besser, hält sich hartnäckig. Dagegen sprechen jedoch eine ganze Reihe von Tatsachen. Wer jetzt darauf verweist, dass Bio-Produkte aber nicht „gespritzt“ werden, weiß nichts von den Mitteln, die der Biolandbau verwendet (s. dazu den Beitrag von Johannes Kaufmann). Das aus Giftpflanzen gewonnene Rotenon verursacht Parkinson, das Pilzgift Spinosad, das hormonell wirksame Insektizid Azadirachtin und das Nervengift Pyrethrum töten Bienen und die im Pyrethrum-Extrakt enthaltenen Gifte sind krebserregend und schädigen auch menschliche Nerven. Das am häufigsten verwendete Pestizid – Sporen des dem Milzbranderreger eng verwandten B. thuringiensis-Bakteriums – kann Lungeninfektionen verursachen. Das Schwermetall Kupfer in der so genannten Bordeauxbrühe (s. Bild) ist höchst problematisch für Böden und Gewässer und verursacht Leberkrebs bei Anwendern. Schlimmer noch, es fördert die Ausbreitung von Resistenzgenen gegen Schwermetalle bei Pilzen und Bakterien. Dies sind die gleichen Gene, die Resistenzen gegen Antibiotika vermitteln. Kupfer ist genauso für die Ausbreitung von resistenten Krankheitserregern verantwortlich zu machen wie die viel gescholtene Antibiotikaverwendung in der (Bio-)Tierhaltung.

Das Feuerwerk seiner Gründe kann hier nicht zusammengefasst werden, weil es bereits in gedrängter Form vorgetragen wurde. Eine Lektüre des Beitrags ist empfehlenswert.

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5. Januar 2017

Lügenpresse: Wie "Breitbart" Fakten aufbauscht und einen Mob marodieren lässt

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Victoria Reith vergleicht im Deutschlandfunk die Berichterstattung eines rechtspopulistischen Informationsdienstes in den USA namens "Breitbart" (siehe Wikipedia) über die Sylvesternacht in Dortmund mit den Tatsachen, die ein Lokalreporter vor Ort recherchierte und die Breitbart aufgriff und verfälschte.

Ein Mob von mehr als 1.000 Männern habe "Allahu Akbar" geschrien, Polizisten attackiert und eine historische Kirche in Brand gesetzt, so Breitbart. Tatsache war aber, dass eine Gruppe von 1000 Menschen in der Dortmunder Innenstadt feierte und dass einige auch "Allahu-akbar" riefen. Es wurde eine Rakete auf das Netz am Gerüst der Kirche abgefeuert. Der kleine Brand konnte rasch gelöscht werden. Die Kirche ist auch nicht die älteste Deutschlands. Einige Polizisten wurden verletzt, doch keiner gezielt attackiert. Die Einschätzung der Polizei laut einer Pressemitteilung: Es habe "keine besonders herausragenden Sachverhalte" gegeben. Zum Vergleich: Am 1. Januar 2015 sagte Andreas Weiß, Dienstgruppenleiter auf der Leitstelle im Polizei-Präsidium, dem Blatt: "Mit 40 Körperverletzungen und 20 Sachbeschädigungen waren das zwischen 22 und 6 Uhr die silvestertypischen Einsätze."

"Lügenpresse" trifft auf Medien des Rechtspopulismus zu. Er speist sich aus Ängsten, die er selbst schürt. Ein besonders widerliches Beispiel der Angstmacherei ist die Aufforderung des tschechischen Regierungschefs, sich zu bewaffnen, um Flüchtlinge abzuwehren.

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21. Dezember 2016

Warum manche Korallenriffe allen Problemen trotzen

Kritische Durchsicht eines populärwissenschaftlichen Artikels von Helmut Krebs

Korallenriff

Korallenriff in Ost-Timor. Foto: Wikipedia

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In der Online-Ausgabe vom 24. 10. 2016 von spectrum wird ein Update der Korallenforschung gegeben. Diese Teildisziplin der Biologie, die einen Forschungsschwerpunkt in Australien bildet, macht seit Jahren auf sich aufmerksam, indem sie Alarm wegen der angeblichen Zerstörung des Lebensraums der Korallen durch den menschenverursachten Klimawandel schlägt. Wir Menschen würden die Korallenriffe zerstören, indem wir durch die Industrialisierung die Atmosphäre mit Kohlendioxid anreichern und damit sowohl die Temperaturen erwärmen, als auch den Meeresspiegel anheben. Als dritter Faktor wird eine Versauerung des Ozeanwassers ins Feld geführt.

Gehen wir zunächst dem „handelsüblichen“ Narrativ der anthopogenen Korallenzerstörung nach.

In welchem Maße erwärmen sich die Ozeane?

Seit 1900 hat sich das Oberflächenwasser (bis 20 m Tiefe) um 1,4 °C erwärmt. Die Erwärmung nahm bis 1940 um etwa 1,2 °C zu, sank dann bis 1975 um etwa 0,4 °C und stieg danach bis 2000 um etwa 0,6 °C. Seither stagniert sie. (1)

Sind diese Erwärmungen in der Naturgeschichte der Korallenriffe Ausnahmeerscheinungen?

Korallenriffe werden von Nesseltieren gebildet, die schon seit der Urzeit existieren. Die Kalkalpen sind aus Korallenriffen entstanden. In den vielen Hundertmillionen Jahren änderte sich die Temperatur der Ozeane beträchtlich. In den letzten 10.000 lagen sie generell um etwa 2 °C höher als heute. (2) Die Korallenriffe haben also höhere Wassertemperaturen als heute überlebt. Dies beantwortet auch die Frage, ob die steigenden Wassertemperaturen wegen ihres Erwärmungsgrades durch Menschen verursacht worden sein müssen. Es gab in der Naturgeschichte schon größere Klimaveränderungen als heute, die unmöglich anthropogen gewesen sein können.

Ist der steigende Meeresspiegel für die Korallenriffe ein Problem?

Der Meeresspiegel stieg seit der letzten Eiszeit um 130 m. Vor 20.000 Jahren waren die britischen Inseln mit dem Kontinent verbunden. Der Anstieg hat sich in den letzten 8.000 Jahren beträchtlich verlangsamt. Er beträgt heute 2 mm pro Jahr im Durchschnitt. Im tropischen Pazifik beträgt der Anstieg 5 mm pro Jahr. Korallenriffe wachsen mit in die Höhe, wenn der Wasserspiegel steigt. Sie sind in der Lage, 10 bis 15 mm pro Jahr zu wachsen. Eine Untersuchung der australischen Küstenlinien ergab, dass sich die Fläche der meisten Inseln eines größeren Atolls vergrößert hat. (3) Übrigens werden weder die Malediven untergehen, noch Ozeanenien, noch Bangladesh.

Findet eine Versauerung der Ozeane statt, welche die Kalkbauten der Korallen zerstört?

Ozeanwasser befindet sich im leicht alkalischen Bereich. Der pH-Wert liegt zwischen 7,5 und 8,4. Das wird auch so bleiben, selbst wenn die Annahmen des IPCC bezüglich des Sinkens des ph-Werts zutreffen sollten. Tatsächlich sinkt der ph-Wert des Ozeanwassers augenblicklich um 0,04 pro Jahr. Im Langzeittrend seit 1910 nimmt der ph-Wert aber nicht ab. (4) Prinzipiell kann das Wasser durch ein Temperaturanstieg auch gar nicht versauern, weil die Löslichkeit des Gases bei steigenden Temperaturen des Wassers abnimmt. Wenn die Ozeane sich erwärmen, geben sie CO2 ab, statt mehr aufzunehmen. In den letzten 400.000 Jahren lagen die CO2-Konzentrationen der Atmosphäre meist zweimal bis dreimal höher als heute. (5)

Ich fasse also zusammen: Korallenriffe existieren seit vielen hundert Millionen Jahren. In dieser Zeit überlebten sie weit extremere Klimaveränderungen, als sie heute vor sich gehen. Sie überlebten Zeiten mit höheren Temperaturen und höheren CO2-Konzentrationen als heute. Die Versauerung der Ozeane ist physikalischer Unsinn. Wir Menschen sind höchstwahrscheinlich nicht die Hauptverursacher der heutigen Klimaveränderungen, sondern nur ein Faktor neben den natürlichen. Wenn an Korallenriffen Stressfolgen beobachtbar sind, so dürfen sie nicht unkritisch unter die AGW-Hypothese subsumiert werden. Allerdings bringt dieser Alarmismus Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und in der Fachpresse ein, stößt auf das Wohlwollen der Regierungen und wirbt damit Forschungsgelder ein.

Der Artikel in spectrum ist aber erwähnenswert, weil er eben nicht nur in das übliche Horn bläst. Einmal wird das Phänomen der zyklischen Temperaturschwankungen des Pazifiks (PDO) erwähnt. Hier handelt es sich um eine natürliche Schwingung, die durch die dreidimensionalen Meeresströme bedingt ist. Die Sonne erwärmt Oberflächenwasser stärker als Tiefenwasser und den Äquator stärker als die gemäßigten Breiten. Dadurch kommt es zu Meeresströmen, die nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen zu einem Austausch der Wassermassen führen. El Niño und La Niña erwärmen und kühlen auch die Landmassen im Zehnjahreszyklus. Es handelt sich nun wirklich um kein menschengemachtes Phänomen, trägt aber erheblich zu den heutigen sogenannten Klimaveränderungen bei, die möglicherweise überwiegend oder teilweise zyklische Schwankungen eines (im nahen Zeithorizont) ansonsten gleichbleibenden Klimas sind. Wie dem auch sei. Dass überhaupt natürliche Faktoren erwähnt werden, lässt hoffen, dass sich der fast religiöse Fundamentalismus der Alarmisten relativiert und abschwächt. Auch die Erwähnung wärmerer Erdperioden im Artikel ist ein Zeichen der Vernunft in der politisierten Debatte wissenschaftlicher Fragen. Inzwischen wird sogar ein Mechanismus erwähnt, der von den Korallen selbst verursacht wird. Sie scheiden bei ihrem Stoffwechsel nämlich Kohlendioxid aus, welches den ph-Wert der Wasserumgebung senkt. Wenn das Umgebungswasser mancher Biotope nur langsam ausgetauscht wird, kommt es zu einer Versauerung, die die Korallen aber anscheinend überstehen. Besonders niedrige ph-Werte treten in der Nähe von Vulkanen auf. Sie sind bekanntlich die erste Ursache für das atmosphärische CO2. Dennoch gedeihen in diesen Biotopen Korallen und ihre Riffe. So einfach ist es also dann doch nicht mit der Kausalkette: Mensch lebt über seine Verhältnisse und zerstört den Lebensraum der Korallen.

Am Ende des Wissenschaftsdisputes steht erfahrungsgemäß das Narrativ näher bei der Wahrheit als am Anfang. Auch die Klimadebatte gewinnt langsam rationalere Züge und die Korallen scheren sich nicht drum. Allerdings sind damit andere Umweltprobleme nicht entkräftet. Bei der Verschmutzung und Überfischung handelt es sich um Schädigungen, die von einer verantwortungsvollen Globalpolitik aufgegriffen werden müssen und teilweise auch bereits werden.

Fußnoten:

  1. Gouretski V., u. a. (2012): Consistent near-surface ocean warming since 1900 in two largely independent observing networks. Geophysical Research Letters 39. url: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2012GL052975/full
  2. Rosenthal u.a. (2013): Pacific Ocean Heat Content During the Past 10,000 Years. science. url: http://science.sciencemag.org/content/342/6158/617
  3. Kents PS u.a. (2015): Coral islands defy sealevel rise over the past century. Geology. url: http://geology.gsapubs.org/content/early/2015/04/27/G36555.1.abstract
  4. Watts (2014): Touchy Feely Science – one chart suggests there’s a ‘pHraud’ in omitting Ocean Acidification data in Congressional testimony. url: http://wattsupwiththat.com/2014/12/23/
  5. Hauptquelle: Klaus-Peter Dahm: Vom Klimawandel zur Energiewende. Berlin, 2016.
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20. Dezember 2016

Deutschland: Öffentliche Bildungsausgaben steigen 2016 auf über 129 Milliarden Euro

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Laut Bildungsfinanzbericht 2016 haben Bund, Länder und Gemeinden für das Jahr 2016 Bildungsausgaben in Höhe von 129,2 Milliarden Euro veranschlagt, das sind 5,0 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Das ist die gute Nachricht in bildungsklick.

Die bisherigen Zahlen liegen bis 2013 vor. Die öffentlichen Bildungsausgaben beliefen sich demnach im Jahr 2013 auf 117,0 Milliarden Euro. Die Ausgaben für alle Einrichtungen der Bildung, Forschung und Wissenschaft sind natürlich höher. Im Jahr 2013 stieg das Gesamt-Budget für Bildung, Forschung und Wissenschaft auf insgesamt 257,4 Milliarden Euro. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) entsprach dies einem Anteil von 9,1 %. Nach vorläufigen Berechnungen erhöhten sich die Ausgaben im Jahr 2014 um weitere 8,2 Milliarden Euro auf 265,5 Milliarden Euro. Dies entsprach weiterhin 9,1 % des Bruttoinlandsprodukts.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisiert die insgesamt zu niedrigen Ausgaben für Bildung. In dem Bericht "Bildung auf einen Blick", der 2016 von der OECD veröffentlicht wurde, ist herausgearbeitet worden, dass Deutschland (als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts) nur 0,6 Prozent in den Primarbereich investiert. Im OECD-Schnitt sind es 1,5 Prozent. Außerdem fielen die Bildungsausgaben nach Bundesländern sehr unterschiedlich aus. In Bayern würden für allgemeinbildende Schulen 9000 Euro pro Kind ausgegeben, in Nordrhein-Westfalen gerade mal 6200 Euro, berichtet bildungsklick..

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16. Dezember 2016

Der Einfluss von Ozeanzyklen auf die Temperaturen

Grafik Genfer Temperaturen und CO2

Nichtübereinstimmung von CO2- und Temperaturkurven in Genf. Grafik: Dammschneider. Dr. Hans-J. Dammschneider hat in Hamburg Geographie, Geologie, Klimatologie und Ozeanographie studiert.

Das in der Schweiz neu gegründete Institut für Hydrographie, Geoökologie und Klimawissenschaften (IfHGK) hat nun den ersten Band seiner Schriftenreihe herausgegegeben. Dr. Hans-J. Dammschneider beschäftigt sich darin mit dem systematischen Einfluss der Ozeanzyklen auf das Schweizer Klima. Die erste Grafik zeigt, wie sich der Temperaturverlauf in Genf und der Verlauf der CO2-Konzentration auseinanderbewegen. Damit ist eine empirische Falsifikation der AGW-Hypothese geleistet. Die Daten für die globale Temperaturentwicklung liefern den gleichen Befund.

Dammschneider legte in einer zweiten Reihe die Daten der Ozeantemperaturzyklen des Pazifik (PDO) und des Atlantik (AMO) über die Temperaturkurve in Genf und fand eine starke Korrelation.

Im kurzen Bereich der Klimaentwicklung (Jahrzehnte bis Jahrhunderte) stimmen die Temperaturdaten gut mit den kombinierten Ozeanzyklen überein. Die Trends beider Datenreihen korrelieren miteinander, sie korrelieren nicht mit der CO2-Konzentration.

Andere Studien zeigten: Im mittleren Bereich (Jahrhunderttausende) lässt sich feststellen, dass die CO2-Kurven den Temperaturkurven im Abstand von etwa 800 Jahren folgen. Die Kausalität ist also umgekehrt. Die Temperatur treibt das CO2, nicht umgekehrt. Das hängt mit der temperaturabhängigen Gaslöslichkeit des Wassers der Weltmeere zusammen. Erwärmen sie sich, entgasen sie sich. Aus diesem Grund kann es auch nicht zu einer Übersäuerung kommen.

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15. Dezember 2016

20 Jahre Import von gentechnisch veränderten Sojabohnen nach Deutschland

Grafik Anbaufläche Soja

Grafik: biotech-gm-food.com

Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany ist ein Biologe und Biochemiker, der an der Universität Stuttgart und der Technischen Hochschule Darmstadt lehrte. Er leitete bis 2008 das Molekularbiologische Zentrums der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BFEL).

Sein Internet-Portal BGF (biotech-gm-food), seit 2016 eröffnet, liefert umfassende Informationen zum Thema der Biotechnologie und die politischen Auseinandersetzungen. Die obige Grafik ist aus der Seite über Soja. So erfahren wir, dass sich der Import der proteinreichen Sojabohne als Futterpflanze stark entwickelt hat, in Deutschland aber die gv-Pflanze nicht angebaut werden darf. Wir trinken mit der Milch und essen mit dem Käse Produkte, die auf gv-Technik basieren. Doppelmoral einer opportunistischen Politik.

Ein Schwerpunkt der Information ist die Dokumentation des irrationalen Widerstands von Greenpeace und Co. gegen die Grüne Gentechnik. Dem Autor sei gedankt. Dem Publikum die Veröffentlichungen empfohlen.

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14. Dezember 2016

Die tatsächliche Klimawirksamkeit von CO2 liegt deutlich unter 1,0 Grad pro Verdoppelung des atmosphärischen CO2-Gehaltes

Grafik zur CO2-Sensitivität

Zum Vergrößern anklicken! Grafik: Uli Weber 2015

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Uli Weber veröffentlichte in den Mitteilungen der Deutschen Geologischen Gesellschaft eine Studie zur Klimasensitivität des CO2. Darunter versteht man den Betrag, um den sich die Temperatur erhöht, wenn die CO2-Konzentration in der Luft sich verdoppelt. Die Klimapolitik geht in Anlehnung an die Propaganda des IPCC von einem Wert von 4,5 °C aus. Auf der Grundlage von Eisbohrkernen lässt sich die Temperatur- und Kohlendioxidentwicklung der Vergangenheit um einige Hunderttausendjahre zurückverfolgen. Wir verfügen also über gemessene Daten der Vergangenheit. Wendet man den Betrag von 4,5 auf die Temperaturreihe an, so lässt sich daraus ein Wert für die entsprechende Kohlendioxid-Konzentration errechnen und der errechnete Betrag mit dem gemessenen vergleichen. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf den richtigen Wert ziehen.

Die beigefügte Grafik zeigt die gemessene im Vergleich mit der errechneten Konzentration von links nach rechts zurück bis vor 420.000 Jahren. Es ist deutlich erkennbar, dass die Jahrhunderte sich zyklisch verhielten. Im Abstand von etwa 120 Jahren ereigneten sich Warmzeiten, dazwischen liegen Kaltzeiten. In den Warmzeiten sind die CO2-Werte hoch, in den Kaltzeiten niedrig. Die rote Kurve zeigt die gemessenen Werte, die blaue die errechneten. Diese sind extrem verzerrt. Das bedeutet, dass der Betrag 4,5 viel zu hoch gegriffen ist. Die tatsächliche CO2-Klimasensitivität muss daher bei mehr als der Hälfte von 1,5 °C pro Verdoppelung des atmosphärischen CO2-Anteils liegen, also über 0,75 °C und deutlich unter 1,0 °C.

Kohlendioxid (CO2) hat also eine Klimasensitivität von deutlich weniger als 1,0 [°C/2xCO2] und kann damit weder aktuell noch für die geologische Vergangenheit der bestimmende Klimaantrieb für die Temperaturschwankungen auf unserer Erde sein.

Im Beitrag vom 1. November 2916 wurde eine Studie von Frank Bosse vorgestellt, in der dieser die Klimasensitivität anhand von Daten der letzten Jahrzehnte auf 1,4 errechnete. Auch dieser Wert liegt beträchtlich unter dem politisch gehandelten. Selbst wenn er zuträfe, wäre CO2 als Klimatreibmittel aus dem Rennen, noch mehr bei dem von Uli Weber errechneten von 0,75-1,0. Tatsächlich folgt die CO2-Kurve der Temperaturkurve, ist also Folge und nicht Ursache der Erwärmung. Dann ist die ganze Argumentation mit der Klimasensitivität des CO2 sinnlos. Die natürlichen Schwankungen gehen auf die Temperaturabhängigkeit der Gaslöslichkeit von Wasser zurück. Je kälter Wasser ist, desto mehr Gas kann es lösen. 95 % des vorhandenen Kohlendioxid ist in den Meeren gelöst. Steigen die Temperaturem, entweicht es und reichert die Atmosphäre an. Dieser natürlich Vorgang überlagert den anthropogenen beträchtlich. Die Zunahme der Konzentration von etwa 300 auf 400 ppm in den letzten 100 Jahren ist allerdings tatsächlich sehr wahrschenlich anthropogen. Doch führt sie, wie gezeigt, nicht zu einer nennenswerten Erwärmung.

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12. Dezember 2016

Grüne Gentechnik – Der Sieg von Angst und Ideologie über die Vernunft

Genbank

In der Genbank des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben lagern Samen von mehr als 3000 Kulturpflanzenarten bei -18 Grad Celsius. Foto: Johannes Kaufmann CC BY 3.0 DE

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Johannes Kaufmann informiert in dem Blog der Salonkolumnisten über den Stand der Grünen Gentechnologie in Deutschland, der EU und den USA. Die Lage ist düster. „Die Technik ist in Deutschland tot“, sagt etwa Professor Christian Jung von der Universität Kiel. Er hat die Stellungnahme der Leopoldina zur Grünen Gentechnik mitverfasst. „Es gibt keine wesentliche Forschung und vor allem keine Entwicklung mehr. Und wer noch forscht, hat keine Chance zur Umsetzung an Nutzpflanzen im Feld“, sagt Jung. Er beklagt eine „Zerstörungskultur“, die die Forschungsfreiheit untergrabe. In Deutschland ist die Debatte längst verloren, eine ganze Branche wandert ab, eine wissenschaftliche Disziplin steht vor dem Aus. Es ist der Sieg von Angst, Unwissenheit und Ideologie über die Vernunft.

Wer sich in die politische Seite der Thematik einlesen will, ist mit dem Artikel bestens bedient. Doch auch die technische Seite wird beleuchtet. Die ideologischen Ökologisten mit ihrer Partei Die Grünen, ihren aggressiven Aktivisten und ihren Unterstützern in kirchlichen Kreisen haben den Fortschritt in Wissenschaft und Technik bei uns schwer behindert. Nach der Kernenergie musste auch die Grüne Gentechnik die Segel streichen. Wir sind so reich als Land, dass wir uns die Blockade moderner Technologien in immer weiteren Feldern und die Subventionierung technisch ineffizienter Technologien wie Windräder oder Solardächer noch lange leisten können. Die Mehrbelastungen werden breit gestreut, sodass die Folgen für die Haushalte kaum wahrnehmbar sind. Aber man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass unser Land auf diesem Irrweg von anderen ins Abseits gestellt werden wird.

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11. Dezember 2016

Spenden kann tödlich sein - Eine kritische Auseinandersetzung mit "Brot für die Welt", "Misereor" u.a.

Von Bananenwelke befallene Früchte

Die Bananenwelke wird durch das Bakterium Xanthohomonas verursacht. Sie gefährdet die Lebensgrundlage von über 100 Millionen Afrikanern. Durch Übertragung eines Gens aus Paprika erhielt man Bananenpflanzen, die völlig gegen die gefährlichen Bakterien geschützt sind. Die gv-Bananen befinden sich in Uganda im Versuchsanbau. Foto: musarama.org

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Im Forum Grüne Vernunft erschien eine Streitschrift von Reinhard Szibor über den Kampf von "Brot für die Welt", "Misereor" und der EKD gegen die Grüne Gentechnik. Prof. Dr. habil. Reinhard Szibor (Jahrgang 1945) ist Molekulargenetiker und leitete ein Labor für Abstammungsgenetik und Spurenkunde. Wegen seiner Weigerung, an der sozialistischen Jugendweihe teilzunehmen, wurde er von der DDR-Diktatur nicht zum Abitur zugelassen. Er musste einen langen Umweg über eine Gärtnerlehre und Abendschule machen, um seinen akademischen Grad zu erwerben. Viele Jahre war er als Mitglied des Gemeindekirchenrates seiner Gemeinde tätig.

In Anlehnung an den Aufruf von nunmehr 121 Nobelpreisträgern gegen die Blokade des Goldenen Reises als einem "Verbrechen gegen die Menschheit" stellte Szibor in der Streitschrift wichtige Fakten über die Grüne Gentechnik und ihre Ablehnung durch die caritativen Organisationen zusammen. Die Schrift kann als eine Einführung in die Thematik gelesen werden. Die ablehnende Haltung der kirchlichen Hilfsorganisationen sind unbegründet und Ausdruck von fundamentalistischem Dogmatismus. Sie entstehen unter dem Einfluss von Gewährsleuten hochst zweifelhafter Provenienz. Insbesondere die indische Aktivistin Vandana Shiva, die als ein Star der NGO-Szene hochgeschätzt wird, versorgt die kirchlichen Aktivisten mit falschen Zeugnissen, während sie sich ihre Auftritte vergolden lässt. Die EKD zahlt ihr für Auftritte auf dem Kirchentag 40.000 USD plus Flug in der Business-Klasse. Sie verbreitet insbesondere die Lüge vom Massensuizid indischer Bauern wegen des Anbaus von gv-Baumwolle. Diese Lüge ist in einem Artikel von nature widerlegt worden. Dennoch wird Frau Shiva nach wie vor als Kronzeugin gegen die Grüne Gentechnik von den kirchlichen Aktivisten ins Spiel gebracht.

Grafik Suizidrate in Indien im Vergleich mit dem Anbau von bt-Baumwolle

Die Suizidrate indischer Bauern verläuft seit Jahren ziemlich gleichförmig, während der Anbau von bt-Baumwolle stark zunimmt. Grafik: nature

Die Aktivisten der genannten NGOs greifen bei der Skandalisierung der Technologie zu ebenso medienwirksamen wie fragwürdigen Methoden. Um eine Meldung über Reisfelder zerstörende philippinische Bauern zu erhalten, karrte ein Partner von Misereor Studenten aus Städten aufs Land, die den Vandalismus gegen Bezahlung besorgten. Prof. Szibor wandte sich an prominente Theologen wie Bischof Wolfgang Huber oder Margot Käsmann mit der Bitte um Änderung ihrer ablehnenden Haltung zum Goldenen Reis, erhielt aber durchweg Abfuhren. Allerdings segnete Papst Franziskus die Züchtung.

Die Streitschrift beleuchtet den weltanschaulichen Fundamentalismus der Gegner der Grünen Gentechnik. Nicht ein Einwand ist triftig und durch Tatsachen erhärtet. Tatsächlich kann die Grüne Gentechnik die Nahrungsmittelproduktion verbessern und verbilligen, Wohlstand für die Bauern der unterentwickelten Länder befördern und zur Schonung der Umwelt beitragen. All dies ist durch Tausende Studien belegt, während die Gegner nicht eine wissenschaftliche Studie aufweisen können, die die Befunde wiederlegen. Es geht nicht um Wohlstand und Entwicklung - der Kampf wird für eine Vision geführt, in der die Welt auf ihrem jetzigen Niveau verharrt und die Bevölkerung der unterentwickelten Ländern auf einem vorindustriellen Stand gehalten wird, um das schlechte Gewissen der saturierten Bürger des Westens zu besänftigen.

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8. Dezember 2016

Trumps American Dream: Sehnsucht und falsche Nostalgie

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Hans Ulrich Gumbrecht geht in einem NZZ-Essay der Frage nach, welche emotionalen Faktoren Trumpwähler motivieren. Was geht ihnen gegen den Strich?

Das sind ohne Ausnahme alle Visionen des Lebens, die einen seine Bürger voll versorgenden und vereinnahmenden Wohlfahrtsstaat europäischen Typs einschliessen; das ist die Betonung vielfältiger Gleichheitsforderungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die als zentrales Versprechen von Hillary Clinton bei vielen Wählern die traditionell amerikanische Staatsphobie aktivierte; und es ist schliesslich die uns Intellektuellen so am Herzen liegende politisch korrekte Daueraffirmation kulturellen Andersseins, einschliesslich des Lobs all der Komplexitäten, die solches Anderssein täglich hervorruft. Auch die neuen Denkhorizonte der Eliten im Blick auf ökologische Nachhaltigkeit und Umweltschutz, auf elektronische Kommunikation und elektrischen Transport kommen bei den Trump-Wählern schlecht an. Viele von ihnen fühlen sich wohl durch jegliche Forderung nach kollektivem Wandel irritiert, distanziert und zurückgelassen – vor allem durch den Habitus nationaler Selbstkritik und Selbstgeisselung, der als rituelle Prämisse heute innenpolitische Veränderungen fast immer begleitet.

Ohne dass sie notwendig ein historisches Bewusstsein oder einen Begriff davon hätten, scheint das «grosse Amerika», nach dessen Wiederkehr sie sich sehnen, dem Amerika der fünfziger Jahre zu entsprechen, jener noch jungen Weltmacht, deren Intervention den Zweiten Weltkrieg entschieden hatte, deren Wirtschaft dabei war, jede internationale Konkurrenz zu schlagen – und deren tiefe soziale Spannungen sich noch im Status der Latenz befanden. Jenes ordentliche Amerika der Milchbars und der Petticoats wünschen sich Trumps Anhänger offenbar zurück – aber gerade nicht jene die Milchbars verdrängenden Momente des hüftschwingenden Lastwagenfahrers Elvis Presley oder der frühen Bürgerrechtsbewegung. In vielen Gliedstaaten konnte man damals das saubere Amerika als im Wesentlichen homogene Welt erleben, deren Bevölkerung schwarzen Amerikanern wohl nicht kategorisch die Rechte der Gleichheit verweigert hätte – aber andererseits auch nicht daran dachte, sich für sie zu engagieren.

Mithin handelt es sich aus der Sicht Gumbrechts um eine konservative Revolte. Die Leitbilder sind nostalgische Selbsttäuschungen über eine gute alte Welt, die es so niemals gegeben hat. Und die Visionen sind die Spiegelungen dieser Illusionen - Bilder einer einfachen Welt, in der die Wähler selbst ihre Unzulänglichkeit, die Gegenwart zu begreifen, nicht mehr spüren, weil die Außenwelt ihrem Ich-Ideal entspricht. Es ist eine Revolte gegen die Vernunft. Donald Trump spielt die Rolle eines "Rattenfängers", der mit seiner Großmäuligkeit für das Pfeifen im Walde sorgt, das die Angst vor der Zukunft vertreiben soll.

Das, wogegen sich die anti-etatistischen Konservativen Amerikas stemmen, die sozialstaatlichen Vorsorgesysteme wären es gerade, die ihnen real die Sorgen nehmen könnten. Es kränkt jedoch ihr narzistisches Ego, sich einzugestehen, dass ihre Kraft nicht ausreicht, für eine kostspielige Krebsbehandlung selbst vorzusorgen. Die Welt soll so geändert werden, dass immerwährender Reichtum aus allen Ladenkassen sprudelt und das Alter bei einem Glas doppelten Whiskey mit Blick in das Abendrot auf einem Schaukelstuhl in der Veranda im Nu fast schmerzlos verlischt.

Die Wahl Trumps war nicht so gemeint, dass es auch tatsächlich dazu kommen solle, dass statt der sperrigen Wirklichkeit die Filmspule eingelegt wird. Nun ist er - ein Missgeschick - an der Macht und muss liefern. O je! Unkorrekte Sprüche helfen da nicht weiter. Die Zukunft Amerikas wird nicht gegen die globalen Tendenzen durchgesetzt werden können. Sie liegt eher in Californien als in Kentucky oder Missouri. Doch bis heute zeigt sich nicht die Spur von ökonomischem oder außenpolitischem Verstand.

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7. Dezember 2016

Im Kongo droht eine Explosion der Gewalt

Logo Salonkolumnisten

Antje Schippmann berichtet im Blog der Salonkolumnisten über die sich zuspitzende Lage im Kongo. Der amtierende Machthaber Joseph Kabila übernahm die Staatsführung von seinem 2001 ermordeten Vater. Er regiert seither autokratisch. Im Dezemeber sollten Wahlen stattfinden. Da nach der Verfassung keine dritte Amtszeit zugelassen ist, wurde der Termin auf unbestimmte Zeit verschoben. Die innenpolitischen Spannungen eskalieren. Die jüngsten Proteste gegen Präsident Kabila gaben einen blutigen Vorgeschmack dessen, was dann folgen könnte: Bei Protesten zwischen dem 19. bis 21. September in der Hauptstadt Kinshasa wurden laut einem UN-Bericht mindestens 53 Menschen getötet, darunter auch sieben Frauen und zwei Kinder. Eine Frau wurde demnach von einem Soldaten der Republikanischen Garde mit einer Machete getötet, mindestens sieben Menschen wurden verbrannt, unter anderem als eine Zentrale der Oppositionspartei mit Granaten angegriffen und in Brand gesetzt wurde. Insgesamt wurden fünf Oppositionszentralen von den Sicherheitskräften angegriffen, mindestens 299 Menschen festgenommen, Journalisten bedroht, geschlagen und festgesetzt.

Die Demokratische Republik Kongo ist durch die Gewalt der jüngsten Vergangenheit traumatisiert. Allein im Bürgerkrieg 1998 bis 2003 wurden dort mehr als drei Millionen Menschen getötet, 39 Prozent aller Frauen und 24 Prozent aller Männer vergewaltigt. Zehntausende ehemalige Kindersoldaten mussten in die Gesellschaft reintegriert werden, Tausende kämpfen dort noch immer. Denn vor allem im Osten des Landes toben brutale Konflikte.

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30. November 2016

EU: Angst treibt die Wähler zu den Rechtspopulisten

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Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, über die Die Welt berichtet, treibt die Angst vor den Folgen der Globalisierung drei Viertel der Anhänger rechtspopulistischer Parteien in die Arme der neo-nationalistischen Seelenfänger. Länderübergreifend sehen vor allem die Anhänger von AfD (78 Prozent), des französischen Front National (76) und der FPÖ in Österreich (69) die Globalisierung als Bedrohung. In allen untersuchten Ländern zählt sich mindestens die Hälfte der Anhänger der rechtsnationalen Parteien wie der italienischen Forza Italia oder der britischen Ukip zu den Globalisierungspessimisten, wie es in der Studie mit dem Titel „Globalisierungsangst oder Wertekonflikt?“ heißt.

Es handelt sich bei der gegenwärtigen populistischen Revolte demnach weniger um einen Zielkonflikt. Die Grundwerte der westlichen Welt wird von den meisten Anhängern der Rechtspopulisten nicht infrage gestellt. Daraus zieht die Autorin der Studie, Isabell Hoffmann, einen Funken Optimismus: „Das ist ein Hoffnungsschimmer für die Politik, denn Angst lässt sich leichter auflösen als fest zementierte Werte.“

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24. November 2016

Computer im Unterricht: "Ich setze Elektronik immer seltener ein"

Computerraum

Foto: haltungsturnen.de

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In einer Reportage von Spiegel Online berichten Lehrer über ihre Erfahrungen mit Computern im Schulalltag. Sie bekennen sich zu modernen Medien und Geräten, die sie im eigenen Alltag selbstverständlich nutzen. Warum nur setzen sie diese im Unterricht immer seltener ein?

Wenn ein Bildungspolitiker wie Frau Wanka der Presse mitteilt, er werde für die Computerausstattung der Schulen eine erkleckliche Summe bereitstellen, konnte er seit Jahren mit Beifall rechnen. Die in der Branche tätigen Großunternehmen, allen voran die Telekom, applaudierten und boten Hilfe an. Die Journalisten freuten sich über die Modernisierung unseres rückständigen Schulwesens (Es ist nach Jahrzehnten an Reformwellen noch immer "rückständig"). Moderner Unterricht mit modernem Gerät, da kann ja nichts schief gehen. Es ist wie bei der Entwicklungshilfe: Sie ist fast wirkungslos, woraus wir schließen, dass wir die Menge vervielfachen müssen.

Es gibt immer irgendwas mit der Schulausstattung, das nicht funktioniert: Mal will ein Monitor nicht mit dem Rechner zusammenarbeiten, mal läuft ein Film einfach nicht, dann ist wieder ein Boxenkabel kaputt. Das kann meine ganze schöne Vorbereitung ruinieren. ... Eine große Enttäuschung sind Smartboards. Bei ihrer Einführung vor ein paar Jahren war ich begeistert. Aber die Vorbereitungszeit für eine Stunde mit Smartboard ist wesentlich länger, weil es viel mehr technische und gestalterische Details zu beachten gilt. Außerdem lösen sie das Versprechen der Interaktivität nicht wirklich ein. Ja, jeweils ein Schüler kann mit dem Smartboard-Tafelbild interagieren, zum Beispiel Wörter in einen Lückentext schieben. Aber eben nur einer. Und die anderen beschäftigen sich derweil nur mit der Frage, wann sie wohl endlich ans Smartboard dürfen - statt die Aufgabe mit durchzudenken. Das Problem habe ich an einer klassischen Tafel nicht.

Aus meiner Sicht sind Computer in der Schule angebracht, wenn es um die Vermittlung von Kenntnissen der Informationstechnologie geht. Zur Darstellung von audiovisuellen Unterrichtsmaterialien wie Filmen oder Hörbeispielen aber genügt schon ein Lehrerarbeitsplatz mit Beamer und Lautsprecher. Alles andere ist oft zuviel. Unterricht besteht in der Vermittlung von Inhalten durch einen Lehrer an Schüler. Im Zentrum steht der Inhalt, nicht die Technik mit ihren Tücken. Im Klassenverband sollen möglichst alle Schüler ständig angesprochen sein. Dies lässt sich am effizientesten durch ein Setting erreichen, in dem der Lehrende zentral agiert. Unterrichten ist eine intellektuelle Höchstleistung. Es müssen parallel mehrere Ebenen beachtet werden: Stoff, Vortrag, Veranschaulichungen und das Mitdenken der Schüler. Man spricht vom pädagogischen Dreieck: Lehrer - Schüler - Stoff.

Computereinrichtungen für Schüler verändern dieses Setting, indem sie Lehrer zu Gehilfen von vereinzelten Schülern machen und gleichzeitig zum Techniker ständig defekter Geräte. Die Lehrstoffe lassen sich nur bedingt in eine starre Form gießen, was aber Voraussetzung für die Darbietung durch elektronische Medien ist. Gegenüber dem Lehrbuch bieten animierte Lernprogramme den Vorteil des höheren Unterhaltungswerts. Doch im Prinzip handelt es sich um das gleiche Lernsetting. Hier der Schüler, dort der Stoff, der von einem toten Medium dargelegt wird. Auch die animierten Lernprogramme sind letztlich tot. Was fehlt ist die Vermittlung durch einen Menschen. Damit fehlt etwas Entscheidendes für das Lernen von Kindern. Kinder lernen sehr selten, weil ihnen das Thema gefällt. Sie lernen, weil sie den Lehrer lieben. Wenn dieser seine Liebe zum Stoff ausdrücken kann, überträgt sich diese auf die Schüler und sie fangen Feuer für die Inhalte. Der Lehrer vermittelt nicht nur die Schritte von Lernkursen, er vermittelt eine Haltung zum Stoff und zum Lernen überhaupt. Wennn Kinder in der Schule scheitern, so liegt das häufig an einem Defekt in diesem Punkt.

Aus dieser Perspektive sind Computer im normalen Unterricht hinderlich und destruktiv. Sie belasten den Lehrer mit technischen Problemen, die er in Echtzeit statt seiner eigentlichen Aufgabe bewältigen muss. Davon sprechen die Erfahrungsberichte im Spiegel. Gleichzeitig tritt die Person des Lehrers hinter die Maschine zurück. Der Unterricht wird menschlich entkernt und damit ernüchtert. In den 1960er-Jahren schon, als es noch keine PCs, kein Internet und keine Videostreams gab, experimentierten die Didaktiker mit "programmiertem Unterricht". Der Stoff wurde in kleine Lernschritte zergliedert, die Schüler eigenständig durchlaufen sollten. Nach den Lektionen mussten Kontrollfragen beantwortet werden, die in eine Programmgabelung mündeten. Bei richtiger Beantwortung ging es voran, bei falscher musste in eine Wiederholungsschleife gegangen werden. Wie beim Biathlon - öde und schikanös. Letztlich waren es Lernalgorithmen, und damit in Papierform nichts anderes als die heutigen multimedialen Lernprogramme. Die Experimente waren in den allgemeinbildenden Schulen desaströs. Sie wurden allesamt eingestellt, fanden aber durch die Hintertür der Schulcomputer wieder Eingang in den Unterrichtsalltag.

Zum Lernen der meisten bedeutenden Unterrichtsstoffe braucht es nur das Lehrerwort: rhetorische Begabung, personale Bindung zum Schüler, Reflexionsvermögen über das kindliche Begreifen. Geometrie lässt sich mit einem Sandkasten und einem Stock und einer Schnur unterrichten. Mathematik mit Tafel und Kreide. Nein, ich predige keinen asketischen Purismus. Unterrichtsmedien und Realerlebnisse sind wertvolle Ergänzungen. Doch ist es ganz nützlich, sich einen Schullalltag bei Stromausfall vorzustellen. Auch dann muss er funktionieren.

Es versteht sich von selbst, dass die sogenannten schülerzentrierten Unterrichtsformen (Gruppenunterricht, Freiarbeit) nachgewisenermaßen ineffizient sind. Aus besagten Gründen.

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22. November 2016

Kubas zögerliche Öffnung unter Raúl Castro

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Nicole Anliker kommentiert in der NZZ die zögerlichen Reformen von Raoul Castro, die seit 2006 aufkommen. Kubaner dürfen seither in geringem Umfang Kleingewerbe treiben. Rund eine halbe Million Kubaner besitzen heute eine Lizenz für Selbständigerwerbende in mehr als 200 Branchen. In der Innenstadt von Havanna wimmelt es von Menschen, die Kaffee oder Fruchtsäfte verkaufen, Nagelstudios, Restaurants, Reparaturwerkstätten oder Privattaxis betreiben..

Es sind vor allem Dienstleistungen, die aus dem Nichts entstehen. Der Übergang von der Nachbarschaftshilfe zum Friseurladen ist fließend und führt über einen Stuhl auf der Straße. Seit dies erlaubt ist, pachten Kubaner Ländereien, um selbstangebautes Gemüse auf dem städtischen Markt zu verkaufen.

Doch so schön das auch klingt, in Wahrheit haben in Kuba nur wenige Geld für Investitionen in einen Kleinbetrieb, für ein Flugticket oder für den Erwerb eines Eigenheims. In dem nach wie vor planwirtschaftlichen Umfeld kämpfen viele Kleinunternehmer angesichts schwerfälliger Bürokratie, fehlender Grossmärkte, strenger Auflagen und teilweise absurd hoher Steuern ums Überleben.

Für die Diskussion um die Flüchtlingsproblematik lassen sich aus diesem Sozialexperiment einige interessante Erkenntnisse gewinnen. Vor allem das Dienstleistungsgewerbe entwickelt sich spontan auch ohne Startkapital. Eigentlich wird das eigene Können gegen ein Stundenhonorar getauscht. Marktwirtschaft in einer elementaren Form entwickelt sich von selbst. Die produktiven Tätigkeiten vermehren den Wohlstand, da es diese ohne Marktwirtschaft nicht gebe. Die Güter werden gegen Geld getauscht und auf diese Weise zu einem Wirtschaftssystem verbunden. Auch die Armutsimmigranten aus Afrika oder die Islamflüchtlinge aus dem Nahen Osten können sich mit geringen Voraussetzungen selbst über Wasser halten. Wir müssen sie nur gewähren lassen. Sie siedeln am liebsten in Einwanderergemeinschaften. In Paris gibt es Straßen, in denen ein Friseurgeschäft und Nagelstudio am anderen floriert, die von Menschen mit ähnlicher Herkunft aus Schwarzafrika bewohnt werden. Es ist elementarer Kapitalismus.

Die Exilkubaner spielen eine wichtige Rolle bei der Kapitalisierung. Sie schicken regelmäßige Beträge an US-Dollars an ihre verbliebenen Verwandten. Die Zahl der Auswandernden ist unvermindert groß. 2015 waren es 45.000.

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19. November 2016

Lügen des Populismus: Überschuldung der US-Verbraucher

Grafik der Kreditkartenzahlungen in den USA

Grafik: Mercatus Center

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Trumps wirtschaftspolitische Propaganda baute auf der Behauptung auf, der amerikanische Verbraucher sei überschuldet und verschulde sich zunehmend, insbesondere durch Käufe auf Basis von Kreditkarten. Diese Argumentation greift die Behauptungen von Verbraucherschutz-Aktivisten auf. Es wird die Forderung nach restriktiveren Vorschriften für die Kreditkarten-Unternehmen vorgetragen. Die Daten sprechen aber eine andere Sprache.

"Überschuldung" ist eines der magischen Wörter aus der Angstfabrik der Politik, wie "Klimakatastrophe" oder "demografische Falle". Todd Zywicki, Professor an der George Mason University, stellte im Mercatus Center auf der Basis von Daten der amerikanischen Zentralbank (US Federal Reserve) eine Übersicht der Schuldenlast aus Konsumentenkrediten in der Zeit von 1980 bis 2013 zusammen (Grafik). Danach schwankte die Verschuldung der Privathaushalte in den letzten 33 Jahren zwischen 5 % und 7 %. 1980 lag sie bei 5,6 % - heute liegt sie bei 4,8 %. Letztlich blieb sie innerhalb dieser Schwankungsbreite konstant. Innerhalb dieses Zeitfensters lässt sich sogar eine leicht sinkende Tendenz errechnen. So viel zum Faktischen.

Der Begriff "postfaktisch" wird als Kandidat für den Titel "Wort des Jahres" gehandelt. Der Populismus zeichnet eine Wirklichkeit, wie sie "gefühlt" wird. Die gefühlte Wirklichkeit des Populismus, d.h. seine Interpretation der sozialen Welt, entlastet die Bürger von Verantwortung für ihre Probleme und belastet die Eliten mit dem Vorwurf schlechter Regierung. Somit bietet sich die populistische Partei als dringend notwendige Alternative an. Das Phänomen des Populismus ist uralt. Wenn er sich mit einem bestimmten Führer verbindet, wird er Cäsarismus genannt. Lenin griff den Zar an, um selbst einer zu werden. Fidel Castro wurde ein zweiter Batista. Ortega, der Sandinistenführer, ein neuer Samoza. Fatal, wenn die neuen Tyrannen gemäßigte Gesellschaften aushöhlen: Hugo Chavez, Victor Orban, Erdogan, Mugabe ... Linke oder Rechte? - egal. Die Macht all dieser Demagogen stützt sich auf Massenstimmungen: auf Hass und die Hoffnung auf Wende durch Machtwechsel. Der Druck der Straße ermächtigt den Tyrannen am Parlament vorbeizuregieren. Ein Trick besteht darin, Sündenböcke als Projektionsfläche von Hass und Vorwände zur Selbstexkulpierung zu schaffen: die Juden, die Banker, die Chinesen, die Mexikaner (abschieben!). Trump wird es richten! Er wird die Herren in den Chefetagen von American Express und Visa, die ganze Wall Street in die Schranken weisen. Da sind sich all jene sicher, die durch unvorsichtiges Verbraucherverhalten in Schwierigkeiten gebracht haben.

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18. November 2016

Überflutungen und Klimawandel korrelieren nicht signifikant

Korrelation Überflutungen und Klimawandel

Zum Vergrößern bitten anklicken. Die Grafik zeigt die Korrelationen zwischen den Überflutungsdaten und dem Temperaturwandel. Die Werte liegen meist unter 0.25, was in der Medizin als Plazebo-Effekt bewertet wird. Die vorhandenen Korrelationen sind als Zufall anzusehen.

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In AGU Publications wurde im Oktober 2016 eine Untersuchung von Archfield und Kollegen in den Geophysical Research Letters veröffentlicht, die mit Geldern der US-Regierung finanziert wurde. Sie setzt die Daten von Überflutungen und Hochwasser in den USA der letzten 70 Jahre in Beziehung zu den Klimadaten und sucht nach Übereinstimmungen im Muster. Fehlanzeige.

Häufigkeit, Dauer, Ausmaß und Volumen der Wasserfluten wurden geographischen Rechtecken zugeordnet und statistisch mit den Temperaturdaten verglichen. Anticipated changes in flood frequency and magnitude due to enhanced greenhouse forcing are not generally evident at this time over large portions of the United States for several different measures of flood flows. Statistically significant regional trends in flood properties are observed more than what would be expected by chance alone, but the directions of these trends do not present a coherent spatial pattern. Kurzgesagt, es zeigten sich keine gemeinsamen Muster, die auf einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang schließen lassen.

Damit ist eine weitere Säule der Klimapolitik zusammengebrochen. Die Risiken von Extremwettern werden als Begründung herangezogen, um die klimapolitisch motvierten Eingriffe in die Energiewirtschaft und die enormen finanziellen Belastungen der Verbraucher zu rechtfertigen. Doch die Extremwetter nehmen nicht mit der Erwärmung zu.

Rund um den Klimagipfel in Marrakesch scharen sich afrikanische Politiker um die Abgesandten der OECD-Länder, um Entwicklungshilfegelder abzusahnen, die klimapolitisch mit afrikanischer Dürre infolge des "menschenverursachten Klimawandels" begründet werden. Tatsächlich weitet sich aber nicht die Wüste aus, sondern die Vegetationszone an den Rändern der Sahara. Diese schrumpft. Die Wüstenanrainer sind Klimaprofiteure. Dürren infolge des globalen Temperaturanstiegs können in den Zonen auf der Breite des Mittelmeeres, also in Israel, Syrien, dem Irak u.a. beobachtet werden.

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9. November 2016

«Die Natur ist alles andere als gut»

Ingo Potrykus (82) war Biologe an der ETH Zürich und hat 1999 eine Gentech-Reissorte geschaffen, die mehr Vitamin A enthält als natürlicher Reis. Diesen Goldenen Reis wollte er in Entwicklungsländern den Bauern verteilen, doch das Projekt ist immer noch blockiert. «Ich werde sicher hinfliegen, wenn der Reis auf dem Feld ist», sagt der Deutsche, der sich an seinem Wohnort Magden AG auch im Vogelschutz engagiert. Potrykus ist seit ­ 56 Jahren verheiratet und hat drei Kinder. (mma)

Das Interview wurde am 04.11.2016 veröffentlicht.

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Ich gebe das folgende Interview des Schweizer Tagesanzeiger im vollen Wortlaut wieder, weil ich es für sehr lesenswert halte.

Sie haben an der ETH Zürich den Goldenen Gentechreis entwickelt. Und Sie sind Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Hatten Sie nie Bedenken, in Gottes Handwerk zu pfuschen?
Ich bin zwar katholisch erzogen, aber nicht allzu gläubig. Die Bibel fordert doch den Menschen dazu auf, auch seine geistigen Fähigkeiten zu nutzen, die Welt ­bewohnbarer und ertragreicher zu machen – und sie zu schützen.

Papst Franziskus hat den Goldenen Reis gesegnet. Wie kam es dazu?
Der Papst ist ja im Grunde Gentechnik-skeptisch. Aber der Goldene Reis hat ihm gefallen, und deshalb habe ich ihn gebeten, den Reis zu segnen. Für mich war es ein politischer Wunsch, weil mein Reis als Erstes in den Philippinen herauskommen soll, und das ist ein katholisches Land. Ob es etwas ­bewirkt, weiss ich nicht.

Aber überschreitet der Mensch mit der Gentechnik nicht eine Grenze?
Wenn der Mensch nicht ständig Gott ins Handwerk pfuschen würde, wären wohl die meisten von uns nicht mehr am Leben. Ich denke da nicht nur an die Medizin, sondern auch an die Ernährung. Alles, was wir essen, ist das Ergebnis dieser Pfuscherei einschliesslich dramatischer Veränderung des Erbguts, auch bei den Produkten des Biolandbaus.

Kürzlich haben über 120 Nobelpreisträger ihre Unterstützung für den Goldenen Reis in einem öffentlichen Brief ausgedrückt. Wussten Sie davon?
Ich hatte keine Ahnung. Das ist eine beachtliche Unterstützung einer sehr exquisiten Gruppe von Wissenschaftlern. Das zeigt, dass mein Reis auch nach 20 Jahren noch attraktiv ist.

Gibt der Brief der Nobelpreisträger dem Projekt einen neuen Schub?
Sehen Sie einen Schub?

Nein, eigentlich nicht.
Ich auch nicht. Die Reaktion der Öffentlichkeit vor allem in Europa ist enttäuschend.

Die Nobelpreisträger sprachen in dem Brief von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wenn man den Goldenen Reis verhindere. Vielleicht war das zu krass ­formuliert, zu emotional, zu wenig sachlich für Wissenschaftler.
Ist es zu krass formuliert, wenn man darauf hinweist, dass täglich 6000 Kinder an Vitamin-A-­Mangel sterben, obwohl mit dem Goldenen Reis eine kostenlose, nachhaltige Lösung existiert, die ohne Gentechnikhysterie seit 2003 hätte angewandt werden können? Was ist das Verhindern von Hilfe zur Vermeidung von mittlerweile Millionen von Toten und Blinden anderes als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Erhoffen Sie sich auch, dass die Unterstützung von Religion und Wissenschaft die Front gegen die Gentechnologie aufweicht?
Das Klima ist leider nicht besser geworden. Die Technologie wird immer noch verteufelt, vor allem in Europa und der Schweiz. Ich kenne die Gentechgegnerschaft um Greenpeace seit 1984, also seit 32 Jahren, und ich sehe keinen Anlass für Optimismus.

Der Bundesrat hat vorgeschlagen, das Anbaumoratorium nach 2017 um vier Jahre ­zu verlängern. Und alle sind ­einverstanden. Können Sie das nicht ­akzeptieren?
Ich gebe zu, dass die Vorteile der Gentechnologie in der Schweizer Landwirtschaft relativ klein sind. Daher ist es verständlich, wenn die Politiker opportunistisch entscheiden und nicht in den Ruf kommen wollen, die Gentechnik zu unterstützen. Nicht akzeptieren kann ich, dass diese Haltung enorme Auswirkungen auf die Behandlung der Gentechnik in Entwicklungsländern hat.

Welche Auswirkungen?
Aufgrund dieser intensiven europäischen Ablehnung der Technologie wagen auch die Regierungen der Entwicklungsländer nicht, sie einzusetzen, aus Angst vor Exportschwierigkeiten. Unsere Partner in Indien hatten den Goldenen Reis seit dem Jahr 2000. Die erste Genehmigung für Feldversuche folgte aber erst 2016, das hat die Entwicklung ­blockiert. Unsere einflussreichsten Gegner dabei waren die Basmati-Reis-Exporteure, die Schwierigkeiten für den Export nach Europa befürchteten. Dabei geht es um ein Geschäft von 600 Millionen Dollar jährlich. Nun überlegen Sie mal weiter. Weil die Basmati-Reis-Exporteure Angst um ihren Profit hatten, nahmen sie billigend in Kauf, dass in Indien zigtausend Kinder erblinden. Für mich ist das ziemlich unmoralisch.

Das waren handfeste wirtschaftliche Interessen. Die Umweltschützer haben aber das Wohl der Welt im Auge.
(lacht) Das meinen Sie. Bei Greenpeace trifft dies vielleicht auf die ersten zehn Jahre zu. Ich kenne einen der Gründer von Greenpeace, Patrick Moore, persönlich. Er war ein kanadischer Ökologe und hat mit gleichgesinnten Kollegen vor 45 Jahren die Bewegung in einem Kellerraum in der Nähe von Vancouver ins Leben gerufen. Damals haben sie fantastische Dinge gemacht. Sie haben sich mit ihren kleinen Schlauchbooten den Robben- und Walfängern in den Weg gestellt, und sie haben die Atomversuche im Südpazifik verhindert. Mit ihrem Schiff Rainbow Warrior haben sie eine überwältigende Bekanntheit erlangt. Das waren echte ­Umweltschützer. Sprechen Sie jetzt mal mit Patrick Moore. Er hat seine Meinung über Greenpeace ­geändert. Er hat sogar eine Internetseite aufgebaut mit dem Ziel, den Goldenen Reis zu erlauben und die Gentechnik anzuerkennen.

Ist denn die Angst vor Umwelt- und Gesundheitsrisiken, vor denen uns die strenge Regulierung ja schützen soll, nicht berechtigt?
Das war einmal. Aber inzwischen ist das Wissen so solide, dass diese Regulierungen für mich einfach keinen Sinn mehr machen. Traditionelle Gentechnik mit Pflanzen ist eine sichere Technologie. Die Wissenschaft ist heute so überzeugend, dass sogar Greenpeace die alten Risikoargumente über Bord geworfen hat. Sie sagen ja jetzt nur noch, dass die Bevölkerung das nicht will und nicht braucht.

Nicht nur Greenpeace, auch die Bevölkerung will vor allem Biolandwirtschaft
Ich weiss nicht, ob die Öffentlichkeit Bio wünscht; man versucht es ihr einzureden. Es ist erstaunlich, wie klein ihr Anteil trotz massivster Propaganda und Förderung ist. Man starrt mit Scheuklappen auf die Gentechnik und übersieht viele reale Gefahren – zum Beispiel im Biolandbau.

Der Biolandbau gilt als schonend und umweltfreundlich.
Erinnern Sie sich an den Fall mit den Salatsprossen in Norddeutschland? Wahrscheinlich nicht, denn die Medien haben kaum darüber berichtet, weil es politisch nicht opportun war. Die Biosprossen waren mit Bakterien infiziert, die im Biolandbau ganz normal sind, sich dort aber aussergewöhnlich vermehrt hatten. Mehr als 60 Menschen sind daran gestorben, und heute noch müssen Tausende deswegen zur Dialyse. Jetzt vergleichen Sie mal: 60 Tote, Tausende schwerstnierengeschädigte Menschen – wo war der mediale Aufschrei? Wenn als Folge der Gentechnik auch nur ein Mensch zu Schaden gekommen wäre, hätte es ein Riesenmedienspektakel gegeben.

Die Gefahr liegt ja auch eher in der Struktur der industriellen Landwirtschaft, welche die teure Gentechnik noch ­akzentuiert. Eine Konzentration der Saatgutkonzerne ist unleugbar.
Die ist auch mir sehr unsympathisch. Aber kein Bauer ist gezwungen, sein Saatgut von einem Saatgutkonzern zu kaufen. Sie kaufen es, weil sie damit einen höheren Ertrag haben. Das machen unsere Bauern hier und auch die indischen Bauern. Das ist ganz normal in unserem liberalen Wirtschaftssystem. Die Konzerne verschenken ihre Produkte ­natürlich nicht, genauso wenig wie Ihr Diktiergerätehersteller oder Ihr Softwarekonzern. Apple hat ja auch eine enorme Machtstellung.

Bezeichnend ist doch, dass alle Gentechpflanzen, die grossflächig angebaut werden, aus der Küche von Agrokonzernen stammen. Ihr Goldener Reis ist das einzige bekannte nicht kommerzielle Projekt.
Das stimmt, es gibt kaum vergleichbare Projekte im Bereich der Pflanzen. Und das werfe ich meinen Kollegen an den Hochschulen auch vor. Viele schielen nach finanziellen Erfolgen und arbeiten an Projekten, die einen Nutzen für die Industrie haben. Das gefällt mir nicht. Meiner Meinung nach sollte sich die öffentliche Forschung um Dinge kümmern, welche die Industrie nicht macht. Aber das ist nicht die Hauptursache. Wegen der Regulation sind die Kosten für die öffentliche Hand unerschwinglich.

Laut Weltagrarbericht von 2012 . . .
. . . dieser Bericht ist interessant zu lesen, aber das heisst nicht, dass Sie das glauben müssen. Er ist ­alles andere als objektiv und wird auch nur selektiv anerkannt.

Dieser Agrarbericht unterstreicht, dass nur eine Kleinbauern-Landwirtschaft die Welternährung sichern kann.
Ich unterstützte das ja, der Goldene Reis ist genau für die kleinen Bauern gedacht. Es ist ein humanitäres Projekt, das den Goldenen Reis eben nicht kommerzialisiert, sondern den Kleinbauern zukommen lässt. Syngenta hat uns zwar bei der ­Entwicklung unterstützt, aber sie haben keinen Rappen daran verdient, sondern nur investiert, wie übrigens alle anderen Beteiligten auch. Ich habe auch nichts gegen den Biolandbau. Es ist jedoch völlig falsch, zu behaupten, wir könnten die Welt ohne industrielle Landwirtschaft ernähren. Es stimmt nicht, dass Biolandbau die umweltschonendste Form der Landwirtschaft ist.

Das müssen Sie erklären.
Der Biolandbau kommt ja nicht ohne Schädlings­bekämpfung aus, denn auch die Biobauern wollen ­etwas ernten. Sie verwenden Spritzmittel wie Kupfer, die alles andere als umweltfreundlich sind. Im Gegenteil, das ist ökologisch sehr bedenklich.

Was ist die Alternative?
Die beste Form der Landwirtschaft ist die der integrierten Produktion, an deren Entwicklung die ETH entscheidend mitgewirkt hat. Diese Form setzt alle wirksamen Mittel ohne Ansehen der Technologie ein – dies aber nicht von vornherein, sondern erst, wenn es nötig wird. Man arbeitet mit Schadenschwellen, das heisst, man misst aktuelle Schäden, die zum Beispiel ein Insekt anrichtet, und greift erst ein, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wird. Die Gegenmittel sind dann möglichst ­umweltschonend. Die integrierte Produktion nutzt die Erkenntnisse der Wissenschaft, indem sie einen Mix von allen möglichen Dingen einsetzt, die wirksam, umweltschonend, aber auch produktions­sichernd sind. Der Biolandbau dagegen ist eine Ideologie, und Ideologien sind selten eine gute Idee für die Praxis.

Der Biolandbau nutzt auch immer mehr Züchtungsmethoden aus dem Labor.
Das ist Augenwischerei. Abgesehen davon, dass transgene Pflanzen tabu sind, ist der grösste Mangel des Biolandbaus eine mystische Vorstellung der Natur. Der Biolandbau verteufelt alles, was nicht natürlich ist. Aber wissen Sie, warum wir zwei jetzt hier sitzen? Weil Justus Liebig den Kunstdünger ­erfunden hat. Ohne Kunstdünger würden heutzutage keine 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde ­leben, sondern vielleicht 2 Milliarden.

Die industrielle Landwirtschaft mit ihren Supersorten zehrt den Boden aus.
Nein, das stimmt nicht. Die industrielle Landwirtschaft ergänzt die Mineralien, die das Erntegut dem Boden entzogen hat, mit mineralischem Dünger. Für die Pflanzen ist das mindestens so gut wie ­organischer Dünger. Wissen Sie, ich habe auch ­Bodenkunde studiert und weiss, dass der Boden nicht nur Mineraldünger, sondern auch organische Stoffe braucht, und genau das liefert auch die integrierte Landwirtschaft. Dafür hat diese auch das Marienkäfer-Label erhalten. Wenn Sie sich also ­umweltschonend ernähren wollen, kaufen Sie ­besser «Marienkäfer» als «Knospe».

Laut Studien des Forschungsinstituts für biologischen Landbau ist der ­Biolandbau bezüglich Ertrag der konventionellen Landwirtschaft ebenbürtig.
Das wird gern so dargestellt, stimmt aber nur unter speziellen Bedingungen. Stellen Sie sich doch ­einmal den Boden vor, von dem Sie ernten. Nun stellen Sie sich die Frage, wie all diese Biomasse, die Sie verkaufen, wieder in den Boden kommt. Sammeln Sie die Fäkalien? Nein. Wo gehen denn die menschlichen Abfälle der 400'000 Zürcher hin? Sie gehen in die Kläranlage und werden verbrannt, weil der Klärschlamm nicht verwendet werden darf. Das muss wieder ersetzt werden. Der geschlossene Stoffkreislauf ist in einer modernen Gesellschaft eine Illusion, auch im Biolandbau.

Ist denn die Idee der Biolandwirtschaft, die Natur als Leitplanke zu nehmen, falsch?
Ist die Natur gut?

Sie hat keinen moralischen Wert.
Im Gegenteil: In der Natur wirkt das Gesetz der Evolution. Die Natur ist alles andere als gut. Es geht um den Kampf ums Überleben. Die natürlichen ­Lebensmittel waren nicht nur unproduktiv, sondern auch voller Gift, weil sich die Pflanzen gegen Fressfeinde wehren mussten und dafür Abwehrstoffe produzierten. Der Mensch hat in mühsamer Kleinarbeit all diese Gifte mithilfe der Pflanzenzüchtung aus diesen natürlichen Lebensmitteln rausgezüchtet. Dieses schwärmerische «Verständnis» der Biologie, wie es in der Grünenbewegung verbreitet ist, ist eine Träumerei.

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1. November 2016

Neue Studien zeigen: Verdoppelung der CO2-Konzentration bringt Erwärmung um maximal 2 °C

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Der klimapolitische Blog Kalte Sonne stellte die Ergebnisse einer Studie vor, in der mit Hilfe statistischer Methoden aus den vielen Einflussfaktoren der globalen Temperaturentwicklung der CO2-Anteil herausgefiltert wird. Einflussfaktoren sind die Ozenazyklen, vulkanische Aerosole, schwankende Sonnenaktivität und eben die menschengemachten Treibhausgase, insbesondere das Kohlendioxid.

Es handelt sich um die erste Studie, die ich kenne, in der versucht wird, die Faktoren zu quantifizieren, statt in ideologischer Absicht einzelne zu leugnen oder gegen andere auszuspielen. Es ist ein Fortschritt in der Kontroverse, in der folgende Prämissen gelten sollen: 1) Der globale Temperaturanstieg ist Tatsache und in den letzten Jahrzehnten exakt genug gemessen worden. 2) Die genannten Einflussfaktoren wirken zusammen. 3) Die Treibhausgase sind anthropogene Faktoren und begründen einen Teil der gemessenen Temperaturen.

Grafik: Wikipedia

Das wichtigste Ergebnis ist folgendes: Bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration erhöht sich die Temperatur um durchschnittlich 1,4 °C. Dies geschieht ziemlich synchron. In einem langsamen nachfolgenden Prozess erwärmen sich die Ozeane, was die Globaltemperatur weiter bis zu einem Wert deutlich unter 2 °C erhöht. Die Konzentration erhöhte sich seit Beginn der Messungen im Jahre 1958 von ursprünglich etwa 320 ppm auf derzeit ca. 400 ppm. Wir sind also von einer Verdoppelung noch weit entfernt. Der Temperaturanstieg seit 1900 geht überwiegend auf die anthropogenen Einflüsse zurück.

Wie sind nun diese Befunde zu bewerten? Aus meiner Sicht verbessern sich die Bedingungen bei mäßig höheren Temperaturen, wie wir sie augenblicklich beobachten, für viele Menschen. Die Globaltemperatur verteilt sich regional ungleichmäßig. Insbesondere die nördlichen Breiten und die Ränder der Wüstengürtel erfahren spürbare Auswirkungen. Und zwar positive: Sie ergrünen. Der Zuwachs der Vegetationszonen ist von beachtlicher Größe. Die Fruchtbarkeit der Erde erhöht sich und somit die Nahrungsmittelproduktion. Dagegen leiden vor allem in den Breiten des Mittelmeeres die Regionen unter Dürre. Mit Hilfe von Wassergewinnung und Bewässerung lassen sich jedoch Abhilfen schaffen.

Die Veränderungen vollziehen sich sehr langsam. Damit bleibt für die Anpassung ausreichend Zeit. Die Veränderungen sind beherrschbar. Es gibt keine Klimafluchtbewegung. Wenn wir die CO2-Entwicklung seit 1958 linear extrapolieren, so wird nach etwa 220 Jahren eine Verdoppelung erreicht sein. Die besagten 1,4 °C verteilen sich statistisch auf 220 Quoten pro Jahr, das sind 0,006 °C. Selbst bei einer beschleunigten Entwicklung wird es noch viele Jahrzehnte dauern, bis sich die Temperatur global und bezogen auf das Jahr 1958 um 1,4 °C zusätzlich zum natürlichen Trend, der sich auf und ab bewegt, erhöht haben wird. Die nachklingende maritime Anpassung liegt in weiter Ferne. Kein Grund zur Panik. Das Bild einer linearen Korrelation von Temperaturerhöhung und CO2-Konzentration ist jedoch irreführend. Tatsächlich nimmt der Treibhauseffekt mit zunehmender Konzentration ab. Über einen bestimmten Wirkungsgrad lässt sich dieser Faktor nicht vergrößern. Würde sich in ferner Zukunft die Luft immer weiter mit Kohlendioxid anreichern, hätte es immer schwächere Auswirkungen. Bleibt noch die Warnung, diese Ergebnisse nicht für absolute Wahrheit zu halten. Das letzte Wort der Wissenschaft wird niemals gesprochen sein.

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28. Oktober 2016

25 Jahre Wirtschaftsreform in Indien

Traktorenproduktion beim indischen Hersteller Force Motors. Foto: Otte

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Eine englischsprachige Analyse der indischen Wirtschaftsreformen der letzten Jahre von Swaminathan S. Anklesaria Aiyar legt das Cato-Institut vor. Ich gebe hier die Zusammenfassung in deutscher Sprache wieder.

Wirtschaftsreformen, die vor 25 Jahren begannen, haben Indien verändert. Was früher ein armes, langsam wachsendes Land war, erzeugt heute kaufkraftbereinigt das drittgrößte Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Welt und wird 2016 voraussichtlich die am schnellsten wachsende Wirtschaftsregion der Welt sein (mit 7,6 Prozent Wachstum des BIP). Einst ein Mitleidskandidat, ist Indien ein Neidobjekt geworden. Es wurde eine potenzielle Supermacht und die einzige Macht in Asien, die ein Gegengewicht zu China sein kann. Daher haben die Vereinigten Staaten Indien im Hinblick auf einen ständigen Sitz in den Vereinten Nationen unterstützt und die Nuclear Suppliers Group (Kernlieferländer) dazu bewogen, Indien von den üblichen Regeln der nuklearen Nichtverbreitung zu befreien.

Doch Indiens Erfolg wird in mehreren Bereichen getrübt. Die vergangenen 25 Jahre lassen sich weitgehend als eine Geschichte des Erfolges des privaten Sektors und des Regierungsversagens, der erfolgreichen Wirtschaftsreformen, die durch institutionelle Erosion beeinträchtigt sind, zusammenfassen. Obwohl viele alte Kontrollen abgeschafft wurden, bestehen viele noch weiter und eine Fülle an Kontrollen in den Bereichen Umwelt, Gesundheit, Stammesgebiete und Landschaft wurden neu eingerichtet. Was linksgerichtete Kritiker als Ära des Neoliberalismus denunziert haben, sollte besser Neo-Illiberalismus genannt werden. Indien bleibt, gemessen an Indikatoren der wirtschaftlichen Freiheit, in der unteren Hälfte der Länder. Soziale Indikatoren für Bildung, Gesundheit und Ernährung haben sich viel zu langsam verbessert, und Indien wurde in einigen Indikatoren von den ärmeren Ländern Bangladesch und Nepal überholt. Die Förderung aller staatlichen Dienstleistungen blieb unterdurchschnittlich. Die Unabhängigkeit und Qualität vieler Einrichtungen von der Polizei und der Gerichte bis zu den Bildungs- und Kultureinrichtungen wurde durch politische Interventionen unterminiert. Indiens Wirtschaftsreformen der letzten 25 Jahre haben es aus einem Land mit niedrigem Einkommen zu einem mit mittleren Einkommen verändert. Aber um ein Land mit hohem Einkommen zu werden, muss Indien die Wirtschaft viel weiter liberalisieren, die Regierungsführung und die Qualität ihrer Institutionen verbessern.

Man muss nicht allen Wertungen des libertären Autors zustimmen. Die Studie leistet allen, die sich in die Materie einarbeiten, gute Dienste.

Die 5 größten Wirtschaftsnationen (2015, BIP in Billionen USD)
China19,52
USA17,95
Indien  7,98
Japan  7,74
Deutschland  3,85
Jährliches Wachstum des BIP in Indien
1950 bis 19803,5 %
1980 bis 19925,5 %
1992 bis 20036,0 %
2003 bis 20158,0 %
pdf der Analyse (englisch) home

27. Oktober 2016

Es tut weh, den ökonomischen Schwachsinn der Trumpanhänger zu lesen

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Donald J. Boudreaux lehrt als Professor für Ökonomik an der George Mason University. Im Blog Café Hayek veröffentlicht er Glossen, in denen Denkfehler aufgespießt werden, die im öffentlichen Diskurs verbreitet sind. In einem Artikel des Wall Street Journals vertreten Wilbur Ross und Peter Navarro die Ansicht, dass eine Stimme für Trump eine für Wirtschaftswachstum sei. Das fordert den Verstand heraus. Hier Teile der Glosse in meiner Übersetzung:

Trump wolle die Steuern senken, deregulieren ...Steuersenkungen? Unsinn. Trump will bekanntlich die Steuern für Amerikaner erhöhen, die importieren. Regulierung verringern? Papperlapapp. Trump verspricht mehr staatiche Einmischungen in den Handel von Amerikanern mit Ausländern. Bei der Beseitigung des Außenhandelsdefizits kann Trump mit dieser Politik freilich erfolgreich sein. Doch wäre ein solcher "Erfolg" bedauerlich, wäre er doch die unvermeidliche Folge einer amerikanischen Wirtschaft, die als Ziel für Auslandsinvestoren unattraktiv geworden ist.

(Ross und Navarro scheinen sich dessen nicht bewusst zu sein, dass "die Beseitigung des Außenhandelsdefizits" - wie sie zum Beispiel während der Großen Depression geschah - bedeutet, die Nettobeträge von Ausländern zu beseitigen, die den Umfang von Amerikas Kapitalvermögen vergrößern.)

Aber Trumps absurdestes Versprechen ist, Amerika reicher zu machen, indem die Exporte steigen und die Importe sinken. Importe sind das, was wir freiwillig kaufen und Exporte ist der Preis, den wir dafür bezahlen. Eine Politik, die die Exporte steigern will, während sie die Importe verringert, ist daher darauf angelegt, Amerika zu zwingen, an Ausländer mehr zu bezahlen und weniger dafür zu bekommen - ein entschieden schlechter Handel, dessen Architekt gefeuert werden sollte.

Aber die Konfusionen des Trump-Lagers sind noch verworrener. Das Exportieren für Amerikaner lohnt sich nur, weil es uns die Mittel liefert, um gegenwärtige oder zukünftige Importe zu kaufen. Eine Politik, die gleichzeitig die Exporte zu steigern als auch die Importe zu vermindern will, zielt darauf ab, sowohl die Kaufkraft der Leute zu erhöhen als auch zu senken. Sie will den Amerikanern größere Mittel für den Erwerb von Importen zu geben und sie gleichzeitig in ihrer Freiheit beschneiden, diese Mittel zu nutzen. Es der Versuch, einen Quadrierung des Kreis.

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24. Oktober 2016

Die Schweiz will Güter in Zukunft durch Tunnel transportieren

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Der Deutschlandfunk berichtet von einem revolutionären Logistikprojekt der Schweiz: Freie Fahrt im Güterverkehr - ohne Baustellen, ohne Staus und ohne Zeitverlust. Mit diesem Ziel wird in der Schweiz zurzeit ein Mega-Tunnelprojekt für den unterirdischen Transport von Gütern entwickelt. Bis zum Jahr 2030 soll der erste Abschnitt der Tunnelröhre in Betrieb gehen - doch noch ist das entsprechende Gesetz nicht verabschiedet.

Weder ein vierspuriger Autobahnausbau noch ein zweiter Schienenstrang könnten das Problem entschärfen, betont Wolfgang Stölzle, Logistikexperte an der Uni St. Gallen, und fügt hinzu: "Da haben wir ja in der Schweiz schon eine Besonderheit, dass wir eine sehr hohe Akzeptanz der Bahn haben und ein beachtlicher Anteil der Berufspendler beispielsweise zwischen Zürich und Bern mit dem Zug fährt. Und das bedeutet, Sie werden zu den Stoßzeiten in den Zügen keinen einzigen Sitzplatz mehr finden. Die fahren momentan halbstündig und fahren voll. Mehr ist nicht drin, denn wenn sie auf einen Viertelstunden-Takt gehen, das wurde auch schon untersucht, dann würde das bedeuten, dass der Güterverkehr von der Strecke fliegt." ... Der rund um die Uhr laufende Transport würde das Just-in-time-Geschäft, also das bedarfsgerechte Liefern optimieren. Statt Waren wöchentlich anzuliefern, sie meist aber zwischenlagern zu müssen, könnten sie dann täglich zugestellt werden.

Der Name: Cargo Sous Terrain, unterirdische Fracht. Cargo Sous Terrain – kurz CST – steht für eine Tunnelröhre in durchschnittlich 50 Metern Tiefe quer durch das Schweizer Mittelland von Ost nach West, von St. Gallen über Winterthur, Zürich und Bern bis Genf, mit Ablegern nach Luzern, Basel und Thun.

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18. Oktober 2016

"Rückgang des Welthandels ist ein Warnschuss"

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Von 2014 bis 2015 ist der internationale Handel um 2.500 Milliarden auf 21.300 Milliarden Dollar zurückgegangen. Die Hälfte davon wurde durch die gesunkenen Rohstoffpreise verursacht, die andere Hälfte durch Handelsbeschränkungen. Seit 2008 haben die G20-Staaten 1500 handelsbeschränkende Maßnahmen ergriffen. Der Deutschlandfunk interviewte dazu Heribert Dieter, Stiftung Wissenschaft und Politik.

Vor 35 Jahren lebten noch 42 Prozent der Weltbevölkerung in absoluter Armut und hatten weniger als 1,90 Dollar pro Tag zur Verfügung. Dieser Anteil der Weltbevölkerung, die mit so wenig Geld auskommen müssen, der ist auf zehn Prozent im Jahr 2013 gesunken, und das wäre ohne die Globalisierung und insbesondere ohne die Liberalisierung des Handels nicht möglich gewesen. Hunderte von Millionen von Menschen in China, aber auch in anderen Entwicklungs- und Schwellenländern haben von dieser Liberalisierung des Warenhandels profitiert, und dort diskutiert man Globalisierung eher als Verheißung, eher als Chance und weniger als Problem.

Die zunehmende Kritik an der Globalisierung speist sich aus Ängsten, die vor allem mit Migration, teilweise auch mit der Sorge um gesunde Nahrungsmittel zu tun hat. Doch richtet sich die Wucht des neo-nationalistischen Populismus von Trump und Co. gegen den Freihandel sowie die internationale Organisation überhaupt. Ein Rückgang des internationalen Handels führt insbesondere für die Armen der Welt zu gravierenden Wohlstandsverlusten. Freihandel geht auch einher mit Kapitalexport, d.h. mit Auslandsinvestitionen. Wenn führende Vertreter der deutschen Großunternehmen die längst beerdigt Idee einer Deutschland AG wieder aufleben lassen, hängen sie gefährlichen Illusionen an. Konnte eine enge Kooperation deutscher Großunternehmen in der Nachkriegszeit zum Wirtschaftswunder beitragen, so würden autarkistische Restriktionen heute das Gegenteil bewirken. Wer in China investieren will, muss chinesische Investitionen auch in Deutschland als normal ansehen. In beiden Fällen ist ein Fluss von Knowhow damit verbunden. Aber politisch trägt der wechselseitige Kapitalfluss zur Bindung, zur Vertrauensbildung und zu einer Wohlstandsmehrung bei.

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17. Oktober 2016

Afrika sitzt auf gepackten Koffern

Asfa-Wossen Asserate, ein Großneffe des letzten Kaisers von Äthiopien, arbeitet als Buchautor und Unternehmensberater seit Ende der 1960er-Jahre in Deutschland. Er zeichnet im Cicero ein Bild von den Auswanderern aus Schwarzafrika, das wir kennenlernen sollten, wenn wir uns ernsthaft mit dem sogenannten Flüchtlingsproblem befassen wollen. Die Bezeichnung Flüchtling trifft nur die halbe Wahrheit. Viele Afrikaner flüchten vor den Bürgerkriegen, vor Terrorbanden und wegen wirtschaftlicher Not aus ihrer Heimat. Sie landen meist in UNO-Flüchtlingslagern. Doch die Menschen, die den Weg durch die Sahara und über das Mittelmeer suchen, um in Europa eine neue Zukunft zu finden, sind keine Flüchtlinge, sondern Auswanderer. Wilde Auswanderer, da sie bei uns nicht willkommen sind. Sie nehmen die Strapazen und Gefahren dennoch auf sich, weil sie so verzweifelt sind, dass sie die Ungewissheit der Reise und der Ankunft der Not ihrer Herkunft vorziehen. Vor unseren Augen spielt sich eine humanitäre Katastrophe ab, deren Ausmaß nur mit den Migrationen am Ende des letzten Weltkriegs verglichen werden kann.

Von Januar bis Mai 2016 landeten dort nach Angaben des UNHCR rund 150.000 Flüchtlinge. Dafür nimmt die Zahl derer, die sich mit Booten nach Italien aufmachen, wieder deutlich zu. Von Januar bis Anfang Juni 2016 kamen rund 50.000 Flüchtlinge in Italien an – vor allem Afrikaner. Knapp die Hälfte von ihnen stammt aus Nigeria, Gambia, Somalia, Eritrea und der Elfenbeinküste. Sie gehören zu denen, die die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer überlebt haben. Für viele andere endete ihr Traum von Europa tödlich. Von 2014 bis Anfang Juni 2016 sind dem UNHCR zufolge 10.000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Aus dem „Mare Nostrum“ ist ein „Mare Monstrum“ geworden. Die Wahrscheinlichkeit, bei der gefährlichen Überfahrt von Afrika nach Italien den Tod zu finden, beträgt 1 zu 23. ... Die Internationale Organisation für Migration (IOM) geht davon aus, dass mehr Menschen auf der Fahrt durch die Sahara sterben als beim Überqueren des Mittelmeeres.

Man muss dieser Realität ins Auge blicken, damit man endlich beginnen kann, sich damit auseinanderzusetzen und die tieferliegenden Ursachen zu bekämpfen: Wir müssen die Lebensbedingungen der Menschen in Afrika verbessern, damit es nicht zu diesem Exodus kommt. Nur wenn sie eine Zukunft in ihrer Heimat finden, werden sie bleiben. Europa sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass diese Völkerwanderung durch Patrouillen auf See, durch Zäune oder Mauern aufgehalten werden könnte.

Die Zitate und der Artikel in Cicero sind einem neuen Buch des Autors entnommen: Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten, Propyläen 2016, 200 Seiten, 20 Euro.

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14. Oktober 2016

Schülerzentriertes und individuelles Lernen: Wunsch und Wirklichkeit

Offener Unterricht

Offener Unterricht. Bild: Wikipedia

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Offener Unterricht, Gemeinschaftsschule, Inklusion, jahrgangsübergreifende Klassen, Lerngruppen, Freiarbeit, schülerzentriertes Lernen, Lernbegleitung statt Unterricht ... das sind die positiv gemeinten Schlagworte der heute dominierenden Schul- und Unterrichtsideologie. Gruppenunterricht wurde seit den 1970er-Jahren propagiert, nachdem ein schwedisches Großunternehmen Gruppenakkordarbeit eingeführt hatte. Teamwork und Teamfähigkeit sind seither Lernziele. Volvo hat schon nach wenigen Jahren diesen Unfug aufgegeben, die wirtschaftliche Rechnung machte sein Ende dringend. Leider gibt es in der Pädagogik keine wirtschaftliche Rechnung und daher halten sich Ideologien über die gesamte Berufsbiografie der jeweils in ihnen ausgebildeten Studentengenerationen. Obwohl die Leistungen nachlassen, was jeder Lehrer beobachten kann, hält man dran fest, weil es politisch gewollt ist. Widerstand regt sich - wenn überhaupt - als Murren oder klammheimliches Durchlöchern der Vorgaben hinter der geschlossenen Schulzimmertür, aber nicht in offener Debatte im Lehrerzimmer. Gegen den Druck der schwarzen, roten oder grünen Bildungsbürokratie haben weder Schulleiter noch Lehrer eine Chance. Es ist eine verdienstvolle Leistung der ZEIT, die Tatsachen ans Licht zu bringen.

Kinder würden wie Erwachsene behandelt, findet Lenyas Mutter. Schon Erstklässler würden sich selbst überlassen. Lenya hatte offenbar an manchen Schultagen kein Wort gesprochen. Die Lehrerin habe zwar beobachtet, dass das Kind bedrückt war, aber häusliche Probleme vermutet, ohne die Eltern darauf anzusprechen. Irgendwann erzählte Lenya zu Hause: "Ich langweile mich den ganzen Tag und tue so, als würde ich etwas machen." Genauso erging es meinem Sohn. Er klagte wochenlang über Bauchschmerzen. Er wollte nicht mehr zur Schule gehen. Bis mir klar wurde, dass er als Erstklässler komplett damit überfordert war, sich selbstständig zu strukturieren. Ein anderer Junge, Theo, hat sich zum aggressiven Klassenclown entwickelt. Seine Mutter sagt, dass ihr im Rückblick die Pädagogen leidtun. Denn nicht nur die Kinder, auch Lehrer und Erzieher seien überfordert. Sie hätten keine Zeit, jedem Kind gerecht zu werden. Theo sei anfangs hoch motiviert gewesen, das hätte aber niemand bemerkt. Irgendwann wurde er renitent.

Ich habe eigene Erfahrungen als Lehrer an Grundschulen mit diesen Experimenten an Kindern gemacht, anfangs aus Überzeugung, später mit zunehmendem Widerwillen und gezwungenermaßen. Autonomie ist ein hohes liberales Ideal, doch kann sie nur am Ende eines Bildungsprozesses erlangt werden, wenn Wissen, Können und erste Lebenserfahrung das Kind zum Erwachsenen geformt haben. In diesem Bildungsweg brauchen Kinder die Führung von Pädagogen, die vorausblicken, sie leiten, den Weg in kleine Schritte unterteilen und darum, weil sie den Weg vorschreiben, genau wissen, wo dem Kind der Schuh drückt. Lernbegleiter, die nur als Beobachter eines chaotischen Selbstorganisationsprozesses des Pseudolernens agieren, kennen die Nöte der Kinder sehr wenig, müssen sich in ihrer Aufmerksamkeit und Zuwendung zersplittern und sind damit chronisch überfordert. Wenn es um Unterrichtserfolg geht, so ist der lehrerzentrierte Unterricht der Königsweg. In einer Metastudie, die der australische Bildungsforscher Hattie aus über 100.000 Einzelstudien und Metastudien zusammentrug, ergab sich die ernüchternde Tatsache, dass Freiarbeit und Gruppenarbeit fruchtlose Zeitverschwendung sind. (Je jünger die Schüler sind, desto mehr.) Frontalunterricht als Vortrag, als Lehrer-Schüler-Gespräch, als Lehrerdemonstration vielfältiger Medien und Materialien, gepaart mit abwechslungsreichen Ereignissen wie Exkursionen, Schülerexperimenten, begleitet von ausreichenden Einzelübungen bringt, bei entsprechender Begabung des Lehrers, die besten Lernerträge. Von der Hattie-Studie noch nie etwas gehört? Die ZEIT berichtete 2013 darüber.

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10. Oktober 2016

Wirtschaftliche Freiheit in Deutschland - konstant

Grafik: Wirtschaftliche Freiheit nach Teilgebieten

Grafik: IREF nach Daten des Fraser Instituts

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Deutschlands wirtschaftlicher Freiheitsindex bleibt seit vielen Jahren konstant im oberen Bereich. Das ist die gute Nachricht, die das IREF in einer Auswertung der Daten des Fraser Instituts veröffentlichte. Der Index liegt 2014 bei 7,58 (von 10) Punkten. Vielleicht lässt sich ein sehr schwacher Trend zum Sinken in den zurückliegenden Jahren seit 2007 ausmachen. Doch entscheidender ist die Tatsache, dass wir mit diesem Wert unter den 25 % der freiesten Länder rangieren. Der Tatbestand widerlegt alle Schmähungen der Kritiker, die das angebliche Fehlen der westlichen Werte behaupten und diese gleichzeitig bekämpfen.

Die beigefügte Grafik gibt uns ein differenzierteres Bild der Lage. Sie zeigt, Freiheitszuwächse auf dem Gebiet "Größe des Staates" und "Regulierung". Tatsächlich entwickelt sich Deutschland nicht zu einem sozialistischen Superstaat, sondern verschlankt die Verwaltung in einem permantenten Prozess unter dem Einfluss des neoliberalen Paradigmas. Wer in die Tiefe schauen will, findet weitere Antworten in den Originaldaten des Fraser-Instituts. Der Freiheit zuwiderlaufende Tendenzen finden sich in der Gruppe "Internationale Handelsfreiheit" und "Rechtssystem und Eigentumsrechte". IREF schreibt: Die gemessene "Internationale Handelsfreiheit" nahm seit 2000 allerdings deutlich ab, vor allem weil nicht-tarifliche Handelsbarrieren hinderlicher und der internationale Kapitalverkehr beschwerlicher wurden. Ähnliches gilt für das Maß "Rechtssystem und Eigentumsrechte". Hier ist die Verschlechterung vor allem zurückzuführen auf einen Rückgang der richterlichen Unabhängigkeit, eine weniger verlässliche Polizei und höhere Kosten durch Kriminalität für Unternehmen.

Heute verhandelt das Bundesverfassungsgericht den CETA-Vertrag mit Kanada in einem Vorverfahren. Der Widerstand gegen den Freihandel und die völkerrechtlichen Verträge, die ihn formieren, wächst durch den Einfluss der ökologistischen Verbände, die gleichzeitig gegen fortschrittliche Technologien zu Felde ziehen. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch in anderen europäischen Ländern und den USA. Die Malthusianer verbünden sich mit den Neo-Nationalisten (AfD) und den Linken zu einer reaktionären antiliberalen Front. Die wirtschaftlichen und politischen Eliten sind verunsichert und blicken wie erstarrt auf den brodelnden Unwillen der fehlinformierten Öffentlichkeit.

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7. Oktober 2016

Deutschland: So lebt ein Mensch, den es offiziell gar nicht gibt

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Der Wind der Stimmung hat sich gegen die Einwanderung gedreht. Nach den Übergriffen von Nordafrikanern auf Frauen und Mädchen in der Kölner Sylvesternacht verlangte die Stimme des Volkes, die Flucht der Syrer und Afghani zu stoppen, sie wieder abzuschieben und daraus wurde der Deal mit dem Diktator Erdogan. Die Stunde der konservativen Neo-Nationalisten scheint gekommen. Deutschland wird als Wert und Idee verkauft - die liberalen Ideen der Aufklärung geschliffen: Menschlichkeit, Offenheit und Fortschrittsbejahung.

In den Vereinigten Staaten leben trotz der Grenzbefestigung zu Mexiko über 11 Millionen Mexikaner illegal. Es gibt Tunnel und Schleuserwirtschaft. Die Illegalen arbeiten als Hausbedienstete oder Tagelöhner ohne medizinische Hilfe, ohne Arbeitsschutzgesetze, ohne gesetzliche Alters- und Kreankenvorsorge. Sie können nicht gegen Lohnprellerei vorgehen und müssen jede Polizeikontrolle fürchten. Die USA hat ein strenges Einwanderungsgesetz, genau das, was die Nationalisten für Deutschland fordern - und über 11 Millionen Illegale allein aus Mexiko. In Deutschland leben inzwischen bereits vermutlich eine halbe Million Illegale aus Afrika und dem Vorderen Orient.

Die Welt beschreibt die Lebenssituation dieser Menschen. Indem sie auf jede Leistung des Sozialstaates verzichten und dennoch hier leben und arbeiten wollen, beweisen sie, dass der Alarm vor einer "Einwanderung in die Sozialsysteme" auf einem Missverständnis der wahren Motive der Einwanderer beruht. Sie sind typischerweise keine Sozialschmarotzer, sondern kommen hierher mit einem unternehmerischen Motiv: Sie wollen sich eine neue Existenz gründen, durch eigne Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen und einen Teil davon an ihre Familien überweisen. Sie sind bereit Arbeiten anzunehmen, die Deutsche nicht mehr akzeptieren. Sie arbeiten auch für Löhne unterhalb der Tarife und dem Mindestlohn. Insofern sind sie den Gewerkschaften und den sozialdemokratischen "Interessenvertretern" ein Dorn im Auge. Sie bewegen sich in einem sozialen Feld, das durch die sozialstaatlichen Inklusionseinrichtungen aus dem produktiven Leben ausgeschlossen ist und deren deutsche Besiedler durch die Fürsorge alimentiert werden. Das soll nicht sein!

Dass Menschen aus Syrien und Afghanistan zu uns kommen, ist die Folge der Bürgerkriege. Ihre verwüstete Heimat lässt ihnen kaum eine Chance zum Leben. Viele deutsche Gerichte haben ihren Asylanspruch bestätigt. Die Abschiebung nach dem Erdogan-Deal bedeutet, sie in Camps unterzbringen, wo sie zwar mit ausreichend Kalorien versorgt werden, aber keinerlei Zukunftschancen haben. Sie können einzig darauf hoffen, dass die Bürgerkriege enden und sie zurückgehen können. Doch wie realistisch ist das? In Afghanistan tobt der Bürgerkrieg seit den 1980er-Jahren. In Somalia seit den 1990-Jahren. In den kenianischen Flüchtlingslagern lebt inzwischen die zweite Generation.

Was ist das nur für ein Land, das über Gleichstellungsgesetze diskutiert, in dem aber Tausende von Afrikanerinnen als rechtlose Illegale in der Sexindustrie landet? Es ist an der Zeit zu begreifen, dass die Brandung der Globalisierung auch über unsere Grenzen schwappt. Die Ursachen des Migrationsdrucks lassen sich nur teilweise in Europa lösen - etwa durch Freihandel für afrikanische Produkte. Sie müssen dort überwunden werden, wo er entsteht - in den Herkunftsländern und zwar vor allem durch eine Politik, die die wirtschaftliche Entwicklung fördert. Aber wir können und müssen die Probleme lösen, die an den Rändern der armen Welt entstehen. Die heutige soziale Frage ist global. Es ist die Beziehung der reichen zur armen Welt. Den Einwanderungswilligen eine faire Chance zum eigenverantwortlichen Arbeiten zu geben, ist menschliche Pflicht. Open Borders!

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6. Oktober 2016

CRISPR, TALEN & Co bei Pflanzen: Wozu soll das gut sein?

Symbole für CRISPR und TALEN

Grafik: transgen.de

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Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) Frick/Schweiz, beschreibt in transgen allgemeinverständlich die Vorteile und Hoffnungen der revolutionären gentechnischen Methoden CRISPR und TALEN. Die Verfahren ermöglichen erstmals gezielte Eingriffe in die DNA. Voraussetzung ist eine genaue Kenntnis der Funktion der Gene. Die Eingriffe ersparen Zeit und Kosten, was die Verfahren insbesondere für kleinere Unternehmen zugänglich macht. Die Ergenisse sind zielgenau, was heißt, dass sie das erwünschte Ergebnis unmittelbar erbringen können, während bislang nach Eingriffen aus einer Menge von Zufallstreffern die erwünschten herausgefiltert und mittels Rückzüchtung von den unerwünschten Ergebnissen befreit werden mussten.

Mit den neuen Verfahren können inaktive Gene reaktiviert und unerwünschte stillgelegt werden. Unerwünschte Geschmacksnoten oder Krankheitsanfälligkeiten lassen sich beseitigen, erwünschte einbauen. Die Technik bringt Zeitvorteile im Kampf gegen anpassungsfähige und rasch mutierende Schädlinge, gegen die in der Hochleistungslandwirtschaft ein nie endender Wettkampf stattfindet. Dies bringt ökonomische Vorteile insbesondere für die Bauern in ärmeren Agrarländern. Außerhalb der EU werden Pflanzen, die mit CRISPR verändert wurden, nicht als gentechnisch veränderte neue Sorten, sondern werden unter den bisherigen Sorten gehandelt. Sie sind genetisch auch nicht unterscheidbar, da die üblichen natürliche Mutationen vergleichbare Ergebnisse bringen können. Eine Regelung steht in der EU noch aus. Die malthusianischen Ökoverbände laufen bereits Sturm. Werden wir wiederum vom globalen Fortschritt abgehängt, weil sie uns in Angst und Panik über eingebildete Gefahren versetzen?

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5. Oktober 2016

Der Monsanto-Wahn

Länder it Biotech-Landwirtschaft

Im Jahr 2008 wurden auf mehr als 800 Millionen Hektar Monsanto-Pflanzen angebaut. Grafik: Monsanto

Logo Novo Argumente

Monsanto ist das Hauptangriffsziel der reaktionären Feinde moderner Landwirtschaft. In Novo Argumente diskutiert Florian Aigner die Vorwürfe. Ich streife die wichtigsten Argumente, die differenzierter im Essay dargelegt werden.

1. Glyphosat wird als besonders gefährlich gebranntmarkt: Der Wirkmechanismus von Glyphosat ist genau bekannt: Es blockiert ein bestimmtes Enzym, das die Pflanzen zum Überleben brauchen. Wir Menschen haben dieses Enzym nicht, daher bringt Glyphosat das Unkraut um, lässt uns aber weitgehend in Ruhe. ... Studien zeigen, dass Glyphosat im Vergleich zu anderen Herbiziden (auch zu solchen, die in der Bio-Landwirtschaft verwendet werden) recht umweltschonend und ungefährlich ist.

2. Monsanto verklagt Bauern: Es gab zwei Prozesse, bei denen Bauern versuchten, Monsanto-Saatgut nachzuzüchten. Beide Prozesse wurden von den Bauern verloren. Diese Fälle werden propagandistisch aufgebauscht.

3. Selbstmordfälle in Indien: Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva behauptete, in Indien hätten sich 270.000 Bauern umgebracht, seit Monsanto dort seine Produkte verkauft. Sie bezeichnete das als „Genozid“. Bis heute wird diese Aussage von Anti-Monsanto-Aktivisten verbreitet. Das Problem dabei: Es ist völlig falsch. Tatsächlich ist die Selbstmordrate unter Indiens Bauern ziemlich hoch. ... aber mit Monsanto hat das nichts zu tun.

4. Terminator-Technologie: Immer wieder wird behauptet, Monsanto habe Pflanzen gentechnisch so manipuliert, dass sie sterile Samen produzieren. Tatsache ist aber: Terminator-Saatgut ist niemals in den Handel gekommen.

5. Wir werden alle sterben: Gentechnik wird allgemein als lebensgefährlich hingestellt. Gentechnik gibt es mittlerweile seit vielen Jahren, gesundheitliche Schäden dadurch sind bis heute keine bekannt.

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29. September 2016

Das Märchen vom geknechteten deutschen Rentner

Grafik Rentnererwerbstätigkeit

Grafik: Die Welt auf Daten von Eurostat

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Wir sind anpassungsfähige Wesen. Manche Probleme lösen sich durch die Einzelinititiative von selbst. Die Welt berichtet von einer Entwicklung zu mehr Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Arbeiteten 1995 noch 4,4 % aller 65- bis 69-Jährigen waren es im Jahr 2015 bereits 14,5 %. Interessant sind die Motive: Es geht den produktiven Senioren nicht darum, der nackten Not zu entrinnen, sondern um Lebensqualität. Der Verdienst ergänzt die Einkünfte aus der Altersvorsorge um den Betrag, der ihnen Annehmlichkeiten erlaubt, die über die Grundversorgung hinausgehen. Hoch geschätzt sind die Sozialkontakte, die mit der Erwerbstätigkeit verbunden sind. Am wichtigsten mag vielen aber das Gefühl der Nützlichkeit für andere sein, das Gebrauchtwerden und die Wertschätzung der eigenen Erfahrung und des Könnens. Auch hilft das bei der Angstbewältigung, die das Altern erfordert.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Zahlen über die Engagements nach Bildungsabschlüssen. Mit 21,8 % halten die Hochschulabsolventen die höchste Quote. In den letzten 20 Jahren ist die Lebenswerwartung von 65-Jährigen deutlich gestiegen. Männer können mit statistischen 17 weiteren Jahren und Frauen mit 21 Jahren rechnen (gegenüber 14/18 Jahren).

Die Altersvorsorge einer alternden Gesellschaft lässt sich mit einem Bündel von Maßnehmen gut in den Griff bekommen. Die gesetzliche Rente wird wahrscheinlich mehr und mehr den Charakter einer Existenzminimum-Absicherung annehmen. Private und betriebliche Zusatzrenten tragen zur Erhaltung des sozialen Status bei. Nebenerwerbstätigkeit öffnen Chancen für Zusatzeinkünfte für die Erfüllung besonderrer Wünsche. Jeder ist gut beraten, für den zweiten Teil rechtzeitig vorzusorgen. Wer in der Jugend vom Einkommmen 10 % in langlebige Aktien anlegt und diese liegen lässt, braucht sich keine Sorgen zu machen.

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28. September 2016

Kenia: Neue Mittel gegen verdorbenes Obst und Gemüse

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Der Deutschlandfunk berichtet über Anstrengungen kenianischer Bauern, zur Verminderung des Ernteausfalls von Mangos. Mehr als die Hälfte der in Kenia in großen Mengen angebauten Mangos verfault, bevor sie die Verbraucher erreicht.

Einer der Gründe ist der Befall mit Fruchtfliegen, die von austretendem Saft angelockt werden. Durch Fliegenfallen und Kühlung soll der Schaden begrenzt werden. Beim Pflücken entstehen kleine Verletzungen. Werden diese beim Lagern nach unten gedreht, benetzen sie keine anderen Mangos. Angeblich müsse dies den Bauern beigebracht werden. Eine weitere Methode ist die sofortige Verarbeitung zu Trockenfrüchten oder Pulver.

Der Bericht verarbeitet Informationen von Biovision, einer schweizerischen NGO. Sie rät zu Holzkohlekühlgeräten, die auf dem Prinzip der Kondensationskälte funktionieren. Solche primitiven Techniken können meiner Meinung nach akut Verbesserungen bringen (immerhin kosten die Kühlgeräte 3000 Dollar), doch die Vertiefung der Wertschöpfungskette bis hin zum Produzenten in Kenia auf der Grundlage moderner Transport- und Verarbeitungstechnik würde Kenia weiter an den Weltmarkt heranführen. Die Einführung von Kühlketten und der Aufbau einer Weiterverarbeitungsindustrie erfordert Kapitalinvestition in die Energieerzeugung, - verteilung und Produktverarbeitung, was die ökologistische Ideologie Afrika nicht zugestehen will.

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20. September 2016

Insekten statt Schweinefleisch

Der Autor des Beitrags im Arbeitgeberverbands-Blog, Peter Schmidt, ist Präsident des Deutschen Arbeitgeber Verbands e.V. Foto: Deutscher Arbeitgeber Verband

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Peter Schmidt setzt sich in einer Glosse mit der naiven Idee einer Proteinversorgung der Menschheit durch Insekten auseinander. Die Lisas, Lenas und Ann-Kathrins, die in den TV-Sendern "was mit Medien machen" dürfen, produzieren Sendungen wie »Rezepte für Insekten« - als Bildungsfernsehen. Bei Lichte besehen führt uns dieses Lieblingsthema der Ökologisten statt aus der Massentierhaltung nur in eine neue Sackgasse.

Die einzelnen Tiere scheiden natürlich nur winzige Mengen aus, doch diese summieren sich zu einer vergleichbaren Gesamtmenge an klimarelevanten Gasen wie die Haltung von Rindern oder Schweinen. Die veterinärmedizinische Versorgung von Millionen Insekten ist ungleich viel aufwändiger als die von Großtieren. Zur Seuchenvorbeugung müsten gewaltige Mengen an Antibiotika verabreicht werden. Um die wechselwarmen Tiere zu mästen benötigt man beheizte Anlagen, während unsere Rinder an unser Klima gut angepasst sind.

Bald kommen die nächsten »Auch Heuschrecken haben eine Seele«- und »Das geheime Leben der Heuschrecken«- Bestseller auf den Markt und verderben wieder den Spaß. Also müssen auch Insekten unter Schutz gestellt werden: Nichts mehr ist es mit dem unbeschwerten Knabberspaß. Am Ende ist das alles aber auch nur eine Idee der Vegetarier und Veganer – die wären dann auf jeden Fall fein raus.

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6. September 2016

Speicher – die Lösung der Energiewende?

Batterie

Foto: Deutscher Arbeitgeberverband

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Dr. Björn O. Peters, Physiker und Finanzanalyst, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema "Energiewende" unter wissenschaftlichen als auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Sein Artikel zur Stromspeichertechnologie zieht realistische Horizonte für eine mit hohen Erwartungen verbundene Zukunftsvision. In seinem Beitrag im Blog des Deutschen Arbeitgeberbandes kommt er zum Fazit, dass für den großtechnischen Einsatz von Stromspeichern die heute verfügbaren Technologien um einen Faktor 100-1000 von den wirtschaftlichen und technischen Notwendigkeiten entfernt sind. Neue Forschungsansätze mag es geben und sie sollten auch verfolgt werden. Sie dürften die großen Lücken bei der Energiedichte, den Wirkungsgraden und Kosten aber erst in Jahrzehnten schließen können. Er hält es für den wichtigsten Denkfehler der Energiewende zu glauben, dass Stromspeicher vor der Jahrhundertmitte eine wesentliche Lösung bei ihrer Umsetzung spielen könnten.

Ökonomisch grundlegend ist die Konkurrenz von Wind- und Solartechnik plus Speicher mit den Großkraftwerken. Speicher erzeugen keine Energie, sie optimieren ein Energieversorgungssystem und erzeugen Kosten. Ob die Optimierung durch Speicher zur Erhöhung der Versorgungssicherheit volkswirtschaftlich sinnvoll ist, hängt davon ab, ob die nächstbesten Lösungen teurer sind oder nicht.

Es besteht ein gewaltiger Unterschied, ob wir Klein- und Kleinstanlagen betrachten oder Flächennetze. Was bei Insellösungen oder Teillösungen noch wirtschaftlich hingenommen werden kann, weil etwa die landschaftlich reizvolle Lage eines Hotels einen Preisaufschlag trägt, muss bei einer Komplettumstellung der Wirtschaft zu beträchtlichen Wohlstandsverlusten führen und dies auf der Grundlage einer staatlichen Zwangswirtschaft. Würde man [ein Haus] das ganze Jahr vom Stromnetz unabhängig machen wollen, benötigte man mehrere Tausend kWh an Speichern für einen Gegenwert einer Villa im Grünen.

Speichern von Strom ist Energieumwandlung und damit Energieverlust. Dies gilt sowohl für Speichermedien wie Batterien als auch für die Herstellung von chemischen Stoffen. Am Ende zählt der Gesamtwirkungsgrad, also wie viele Kilowattstunden am Ende herauskommen pro eingesetzter Kilowattstunde an Energie. Zuvor sind Verluste aus Umwandlung einer Energieform in die andere, ggf. Verdichtung und Kühlung, Transport und Lagerung abzuziehen. Bei guten Batterien und modernen Pumpspeicherkraftwerken liegt man im Gesamtwirkungsgrad bei über 80 Prozent, ein guter Wert. Bei allen mir bekannten Power-to-Gas-Technologien (P2G, d.i. die Umwandlung von elektrischer in chemisch gebundene Energie) liegt der Gesamtwirkungsgrad für die Wiederverstromung aber bei 10-20 Prozent je nach Technologie, wenn man ehrlich rechnet. ... Der langfristige Lastausgleich von nur temporär verfügbaren Wind- und Solarkraftwerken erfordert im Szenario einer ausschließlich regenerativ erzeugten Stromversorgung nach meinen Berechnungen alleine in Deutschland Speicherkapazitäten von mindestens 80.000 GWh, also mehr als das Tausendfache der heute installierten Speicherkapazität von ca. 45 GWh. Diese enormen Speicherkapazitäten müssten zudem über mehrere Wochen sowohl negative als auch positive Leistung anbieten können. Dies dürfte sich erst realisieren lassen, wenn Speicher um mehr als 98% preisgünstiger geworden sind als heutige Technologien und deren Wirkungsgrade auf deutlich über 80 % angehoben wurden. Die Verluste der Speicherenergie müssen durch Erweiterung der Energieerzeugungsanlagen ausgeglichen werden. Es müssten fünf- bis zehnmal so viel Windräder und Solaranlagen installiert werden.

Ein besonderes Problem ist die Netzstabilität. Strom muss nicht nur eine konstante Spannung halten. Auch Phase und Frequuenz der wellenförmigen Energie müssen gleichbleiben. Großkraftwerke besitzen mit den schweren Generatoren Geräte, die diese Aufgabe nebenbei erfüllen. Dezentrale Technologen erfordern besondere zusätzliche Stabilisatoren des Netzes.

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30. August 2016

Somalia: Mit »Liquid Warfare« gegen Terroristen

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Tobias Simon berichtet in zenith über den Stand des Kampfs gegen Al-Shabab und die Aussichten Somalias zur Bildung eines Staates. Die Vereinten Nationen haben Somalia Ende 2015 von einem »gescheitert Staat« zu einem »fragilen Staat« aufgewertet. Im Vergleich zum Bürgerkrieg seit 1991 und der folgenden Herrschaft des Al-Shabaab-Vorgängers »Union islamischer Gerichtshöfe« ist Somalia derzeit tatsächlich auf einem guten Weg. Insbesondere in der Hauptstadt Mogadischu hat sich in den vergangenen Jahren eine rege Geschäftstätigkeit entwickelt. Immer mehr Somalis suchen zudem über Bildung den Schlüssel zu einer besseren Zukunft und wollen aktiv am Wiederaufbau ihres Staates mitwirken.

Doch die Lage ist keineswegs eindeutig positiv. Die Terrormiliz ist noch lange nicht geschalgen. Erst letzte Woche kamen durch einen Anschlag auf das Ambassador Hotel in der Innenstadt Mogadischus durch Al-Shabaab mehr als 15 Personen ums Leben. Zuvor töteten diese im Februar 2016 in der Stadt Baidoa, etwa 200 Kilometer nördlich von Mogadischu, durch koordinierte Anschläge auf ein Restaurant und eine Kreuzung mehr als 30 Menschen. Und wenige Tage zuvor kamen bei einem Anschlag auf ein Hotel in der Hauptstadt 14 Personen ums Leben. Trotz des massiven militärischen Vorgehens gegen Al-Shabaab und andere bewaffnete Gruppen können die Sicherheitskräfte solche Anschläge in den Gebieten unter formaler Kontrolle der Zentralregierung kaum unterbinden.

Die Strategie der sogenannten »Liquid Warfare«, also der Einsatz von Drohnen und Spezialkräften unter Verzicht auf groß angelegte Bodenoffensiven – ebenso erprobt wie umstritten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet sowie im Jemen – soll auch in Somalia den Al-Qaida-Verbündeten Al-Shabaab in die Knie zwingen. Als entscheidender Eckpfeiler im »Krieg gegen den Terror« am Horn von Afrika werden vornehmlich hochrangige dschihadistische Kader durch Drohnenangriffe getötet – so wie im September 2014 Ahmed Godane, Gründer und Anführer der somalischen Terrororganisation. Infolge des militärischen Drucks verlagert Al-Shabab den Kampf in die Anrainerstaaten. Der Anschlag auf das Westgaute-Warenhaus im September 2013 in Nairobi (Kenia), bei dem 67 Menschen getötet wurden, muss als eine Reaktion auf das Engagement Kenias im Antiterrorkampf gewertet werden. Kenia stellt das größte Truppenkontingent der Mission der Afrikanischen Union für Somalia (AMISOM). Der Flughafen von Mogadischo wird beschossen. Es ist das Ausbildungszentrum von AMISOM. Die Mission steht unter Führung der afrikanischen Staaten, sie finanziert sich aber überwiegend aus EU-Geldern.

Trotz des Wiedererstarkens von Al-Shabaab in den vergangenen Monaten kürzte die EU Anfang 2016 die Gelder um 20 Prozent. Man wolle die Verantwortung stärker auf die afrikanischen Partner übertragen, so die offizielle Begründung. 2016 sollen Wahlen in Somalia zur Bildung eines neuen Parlaments durchgeführt werden.

Gegen den Dronenkrieg gibt es einen wachsenden Widerstand. Angehörige von Getöteten legen Rechtsmittel auch vor deutschen Gerichten ein, weil die Einsatzleitung in Ramstein liegt.

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25. August 2016

Zum Großteil stammen unsere Gene aus Afrika

Johannes Krause

Prof. Dr. Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte, Jena. Foto: Anna Schroll

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Deutschland schafft sich ab! Der Alarm der Neo-Nationalisten klingt blechern vor dem Horizont der Archäo-Genetik. Diese sieht die Weißen, uns Europäer, als einen afrikanischen Stamm. In einem Interview mit Deutschlandradio Kultur zeigt der Direktor des Max Planck Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, Johannes Krause, auf vier Einwanderungswellen, die so gewaltig waren, dass sie sich genetisch nachweisen lassen. Europa wurde - wenn wir so wollen - mindestens viermal abgeschafft, und dies ganz gründlich.

Die Neandertaler wurden vor 40.000 Jahren durch einen afrikanischen Stamm überrollt, der sich zu kleinen Teilen mit ihnen vermischte, ihn aber größtenteils verdrängte. Es waren gewissermaßen unsere Vorfahren, die Jetztzeitmenschen, die ursprünglich aus Afrika kamen. Sie waren ebenso schwarzhäutig wie die Neandertaler. Eine weitere Welle kam vor etwa 14.000 Jahren aus Mesopotamien. Es waren Jäger und Sammler, die sich mit den ansässigen Menschen genetisch vermischten. Die nächste Welle ereignete sich vor etwa 8.000 Jahren, als die Ackerbauern und Viehzüchter ebenfalls aus Mesopotamien sich nach hierher ausbreiteten. Das heißt, es muss schon eine ganze große Menge von Menschen gewesen sein, die dort eingewandert sind. Wenn wir denken, heute haben wir ungefähr eine Milliarde Menschen in Europa. Um ein ähnliches genetisches Signal zu sehen, müssten wir heute noch mal eine Milliarde Menschen dazubekommen, um diese 50 Prozent Ackerbauernherkunft quasi zu generieren. Das heißt, das wäre natürlich eine Masseneinwanderung, aber wir wissen natürlich tatsächlich nicht genau, wie viele Menschen vor 8000 Jahren in Europa gelebt haben.

Auch die Menschen der jungsteinzeitlichen Welle waren dunkelhäutig, doch besaßen sie blaue und grüne Augen. Die helle Haut tritt erst vor 5 bis 6.000 Jahren auf. Zu dieser Zeit geschah eine weitere Wanderungsbewegung. Sie kam aus den osteuropäischen Steppen, dem Gebiet des heutigen Südrusslands und der Ukraine Richtung Mitteleuropa. Und wiederum zeitgleich treten die indoeuropäischen Sprachen auf. Wir können annehmen, dass die indoeuropäisch sprechenden Weißen, deren Nachfahren wir sind, damals kamen. Tatsächlich lässt sich nachweisen, dass diese Einwanderung zu einer gestaffelten Durchmischung führte. Je nachdem, wo man ist – in Estland sind es ungefähr 50 Prozent der Gene der Menschen dort, in Spanien vielleicht nur ungefähr 10 bis 15 Prozent, in Deutschland ungefähr 20 Prozent, stammen aus dieser Steppenmigration.

Es tut immer gut, den Horizont zu weiten. Was wir heute erleben, sind Migrationen weit unterhalb der Mächtigkeit der vorgestellten Umwälzungen. Die meisten einwandernden Menschen sind uns genetisch nah verwandt. Asiaten und Kaukasier (die Weißen) lassen sich kaum voneinander trennen, sie gehen in graduellen Unterschieden ineinander über. Wir sind übrigens mit einigen Stämmen Afrikas genetisch näher verwandt als diese mit anderen Stämmen. Die körperlichen Merkmale täuschen uns über die genetische Nähe und Ferne. Was der Nationalismus beklagt, ist zugegebenerweise nicht die genetische, sondern eine kulturelle «Überfremdung». Es ist hier nicht der Ort, auf dessen fragwürdige Argumente einzugehen.

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9. August 2016

Desinformation durch das Internet

Hoaxmap

Politische und religiöse Sekten, populistische Kräfte und Geheimdienste, aber auch Scherzbolde verwenden das Internet zur Desinformation der Öffentlichkeit. Es spielt keine erhebliche Rolle, ob die Autoren an ihre Propaganda selbst glauben oder diese im Wissen um ihre Lügenhaftigkeit verbreiten. Schon durch die Auswahl der Themen wird das Ziel anvisiert, das Vertrauen in die liberale Demokratie zu unterhöhlen, Angst zu verbreiten und die Verunsicherten in die Arme ihrer «Retter» zu treiben. Die Beiträge dienen als Beispiele und Belege für ein zentrales Postulat. Dieses kann sein, dass Deutschland eine Diktatur sei oder dass geheime Mächte auf eine Weltherrschaft aus seien, bzw. diese bereits ausübten. Es wird suggeriert, dass die Dinge auf eine Katastrophe hinauslaufen, etwa auf einen Währungszusammenbruch, eine Umweltkatastrophe, den Sozialismus oder - bei fortgeschrittenem Realitätsverlust - eine Invasion von Aliens.

Seit 2003 entwickelt insbesondere der russische Geheimdienst immer bessere Instrumente der ideologischen Kriegsführung. Ein Desinformationsdienst ist mir erst gestern über den Weg gelaufen. Anonymous News nennt sich ein Internetportal mit russischer Domain. Es arbeitet zur Zeit hauptsächlich an der Flüchtlingsphobie. «Informant: Merkel schleust nachts illegal Tausende per Flugzeug nach Deutschland» lesen wir staunend. Aber auch Handlungsanweisungen können wir den Artikeln entnehmen: «Das deutsche Volk wehrt sich endlich: Mutige Bürger zünden CDU-Wahlkampfbus an». Lupenreine Demokraten.

Erfreuliche Seiten bietet das Internet auf dem Gebiet des investigativen Journalismus aber auch. Hoaxmap beschreibt seine Ziele so: Die Hoaxmap ist aus dem Wunsch entstanden, eine Ordnung in die Vielzahl gestreuter Gerüchte zu bringen und die Dekonstruktion selbiger zu erleichtern. Sämtliche "Auflösungen" sind etablierten Medien entnommen und verlinkt.

Ein Beispiel: In Facebook wird das Gerücht gestreut, dass an baden-württembergischen Schulen bald nicht mehr «Grüß Gott» als Gruß verwendet werden darf. Hoaxmap recherchierte, dass dieses Gerücht ursprünglich in Österreich ín Umlauf gebracht wurde, und zwar als Kettenbrief. Dazu werden mehrere Varianten dokumentiert und die Zeitung Die Welt als Quelle zitiert, die diese Falschnachricht bereits entlarvt hat.

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8. August 2016

Der Kampf um die Windräder

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Eine Reportage des Ersten Fernsehehens geht der Frage nach, wie die Windmühlenindustrie politischen Einfluss ausübt. Bei der Erstellung von Flächennutzungsplänen auf kommunaler Ebene ist es weit verbreitet, dass Kommunalpolitiker als Grundstückseigner trotz Befangenheit abstimmen. Die jährlichen Pachteinnahmen für eine Windmühle betragen im Beispielfall 10.000 Euro. Im zweiten Teil der Sendung wird gezeigt, wie eng die Windkraftlobby mit dem BUND verbunden ist. In vierzig Fällen konnte eine persönliche Interessensverflechtung von Führungsmitgliedern, teilweise Funktionäre der Grünen, nachgewiesen werden. Namhafte Gründungsmitglieder und Repräsentanten traten aus, weil sie die Aufgabe der ursrpünglichen Ziele des Naturschutzes zugunsten der Windindustrie nicht hinnehmen wollen. Die Windindustrie mobilisiert die Mitarbeiter ihrer Unternehmen auf Demonstrationen. Es ist eine Reaktion auf die Bürgerproteste, die sich allmählich gegen die Windmühlen formieren. 2016 stehen 26.000 Windmühlen in Deutschland. Viele von ihnen arbeiten nicht rentabel. Obwohl sie keine speicherfähige Energie liefern, obwohl ihre Stromproduktion praktisch nicht skalierbar ist (d.i. an die Spannungsverhältnisse des Netztes anpassbar) und obwohl es keine Stromtrassen nach Süddeutschland gibt, werden immer mehr gebaut. Das Video ist auch bei youtube verlinkt.

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7. August 2016

Tierschutzrichtlinien der Schweinhaltung in Deutschland

Schweinestall

Heuraufe als Beschäftigungsgerät. Foto: Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Logo Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Die Bio-Branche und radikale Tierrechteaktivisten beschuldigen die Schweinemastbetriebe der Tierquälerei. Viele Konsumenten greifen zum Bioprodukt, um sich eines schlechten Gewissens beim Verzehr von Fleisch zu entledigen, indem sie sich versichern, dass das Tier wenigstens bis zur Schlachtung ein gutes Leben führen konnte. Tatsachen sind hilfreich, wenn wir an einer sachlich begründeten Haltung interessiert sind. Aus diesem Grund werfe ich einen Blick in die seit 2006 geltenden Tierschutzauflagen für Schweine haltende Betriebe. Sie werden vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zusammengefasst. Natürlich gelten sie für alle Betriebe.

Die Auswahl aus den Vorschriften mag uns ein Bild davon verschaffen, welche Normen gesetzlich vorgeschrieben sind. Es liegt natürlich an den einzelnen Haltern, die Vorschriften gut zu erfüllen. Zur ihrer Verwirklichung tragen Kontrollen und ein Wandel der öffentlichen Meinung bei.

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8. August 2016

Ozeantemperaturzyklen als Klimafaktor

Grafik Nordatlantische Oszillation

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Nordatlantischen Oszillation (NAO). Quelle: Die Kalte Sonne

Logo Kalte Sonne

Die Kalte Sonne veröffentlichte Ergebnisse von aktuellen Studien über den nordatlantischen Temperaturzyklus. Die Zahl der Faktoren, die die Entwicklung der globalen Temperatur beeinflussen, ist unbekannt. Wir wissen nicht, wie groß das jeweilige Gewicht dieser Faktoren ist. Drei Phänomene werden in der hitzigen Klimadebatte vor allem erörtert: die CO2-Konzentration, die Sonnenzyklen und die Ozeanzyklen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die CO2-Konzentration in geologischen Maßstäben der Temperaturkurve zeitversetzt folgt. Wärmeres Wasser kann weniger Gase lösen. Daher entweichen aus den Ozeanen die gelösten Gase, wenn diese sich erwärmen. Zweifellos erhöht sich die Kohlendioxidkonzentration auch durch die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen. Dass sie einen sog. Treibhauseffekt bewirkt, wird durch einen breiten Konsens getragen. Doch wie stark die Wirkung ist, weiß niemand. Globale Erwärmung ausschließlich auf diesen Vorgang zurückzuführen, ist ideologisch begründet, nicht naturwissenschaftlich und sicherlich falsch.

Die Sonnenzyklen, d.h. Veränderungen der Strahlungsintensität, - es gibt verschiedene mit unterschiedlicher Frequenz - haben sicher auch einen Einfluss. Doch auch dieser ist bis heute nicht quantifizierbar. Am spektakulärsten wirkt mit einer Frequenz von etwa 100.000 Jahren der Milankovic-Zyklus. Weil die Form der Erdbahn um die Sonne zwischen elliptisch und eher kreisförmig oszilliert, wechseln sich Jahrtausende der Nähe und Ferne zur Sonne ab. Dieser Zyklus verursacht die periodischen Eiszeiten. Andere Sonnenzyklen haben Frequenzen von 10-11 Jahren (Sonnenflecken), 60 und 2300 Jahren. Wenn sich diese überlagern, kann es zu Nivellierungen oder zu Eskalierungen kommen.

Die Ozeanzyklen werden durch die Sonnenzyklen angeregt. Da sich Wasser langsamer erwärmt und abkühlt, kommt es zu zeitlichen Verschiebungen des Temperaturverlaufs zwischen Land und Meeren. Ähnlich den Winden setzen Temperaturunterschiede die Wasssermassen in eine horizontale Bewegung. Es kommt zu Meeresströmen, z.B. zum Golfstrom. Diese haben eine Oberflächenströmung und eine Tiefenströmung, die das Wasser zurückführt. An wärmeren Orten steigt es auf, an kälteren sinkt es ab. Mit diesen Strömungen zusammen hängen Schwankungen der Temperaturen von großen geografischen Gebieten. Das größte ist das pazifische, das zwischen warmen Jahren (El Nino) und kalten (La Nina) schwankt. Derartige Schwankungen, m. a. W. Oszillationen, beeinflussen die Temperatur der Erde um einige Grad. Die obige Grafik zeigt die Oszillation des Nordatlantiks. Der Verlauf stimmt mit dem der nördlichen Temperaturen gut überein. Wir sehen, dass sich in den 1960er-Jahren eine außergewöhnlich starke Abkühlung ereignete, die sich in den 1980er- und 1990er-Jahren ausglich. Seither bewegt sich die Kurve auf einem Niveau seitwärts, das leicht über dem Niveau von 1900 liegt.

Aus diesem Befund, der immerhin in Nature Geoscience veröffentlicht wurde, lässt sich kein Klimaalarm ableiten. Das Weltklima schwankt in seinen natürlichen Bahnen. Es ist leicht zu erkennen, wenn wir den Blick nur um wenige Jahrzehnte erweitern. Gehen wir noch weiter um einige Jahrhunderte zurück, so stoßen wir auf eine mittelalterliche Phase, die noch wärmer war als die Gegenwart.

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31. Juli 2016

Der Mythos vom Bienensterben

Protest: Wir haben es satt.jpg

Protest gegen Neonicotinoide auf der Demonstration Wir haben es satt! 2013. Foto: Wikipedia. Die größte Demonstration findet seit 2011 jährlich im Januar anlässlich der Grünen Woche in Berlin statt. Die Protestveranstaltungen werden gemeinsam von 46 Organisationen getragen. Darunter befinden sich unter anderem: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Naturschutzbund Deutschland, Brot für die Welt, Demeter, INKOTA-netzwerk, Misereor, Oxfam. 67 weitere Organisationen werden als Unterstützer genannt. Der gemeinsame Internetauftritt der Veranstalter ist ein Projekt der Kampagne Meine Landwirtschaft.

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Immer mehr Menschen, immer weniger Bienen klagt die Tierschutzorganisation NABU. Sie informiert ihre gläubigen Anhänger über die Öko-Katastrophe Nr. xy folgendermaßen: Bienen und andere Blütenbestäuber tragen wesentlich zum Erhalt der Artenvielfalt bei, denn sie sorgen für die Verbreitung hunderttausender Pflanzen, auf die wiederum unzählige Tierarten als Nahrungsgrundlage angewiesen sind. Wenn es die Bienen einmal nicht mehr gäbe, so meinte Albert Einstein einmal, würde auch das Leben auf der Erde aufhören. Umso besorgniserregender ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren weltweit konsequent immer mehr Bienenpopulationen einfach wegsterben. So gibt es in Europa etwa zehn Prozent weniger Bienen als noch vor einigen Jahren, in den USA ist ein Rückgang von 30 Prozent zu Verzeichnen – im Nahen Osten sind es sogar 85 Prozent.

An der Argumentation ist so ziemlich alles falsch. Erstens sind die wirtschaftlich genutzten Honigbienen ein Kunstprodukt des Menschen. Ohne Mensch gäbe es sie nicht in dieser Form und in dieser Zahl. Es müsste also heißen: Für immer mehr Menschen werden immer mehr Bienenvölker geschaffen. Zweitens ist das zu beobachtende Bienensterben, im englischen Fachausdruck Colony Collapse Disorder (CCD), keine Folge des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln, wie die Bio-Aktivisten behaupten. Die von ihnen als Verursacher identifizierten neonics (Neonicotinoide) wurden nicht sicher als Ursache nachgewiesen. Die Ökos verengen den Sachverhalt aus ideologischen Gründen auf simple Scheinzusammenhänge, indem sie die Biene (also unseren Wirttschaftsfaktor Kunstbiene) als natürlich und damit heilig hinstellen, Pflanzenschutzmittel der Agrarwirtschaft aber als künstlich und menschlich und damit böse brandmarken.

Grafiken zur Populationsentwicklung

Ein Blick in Wikipedia zeigt, dass alles nicht so einfach ist. Einer der Gründe, warum es tatsächlich zu dem Phänomen des Bienensterbens kommt, ist die monokulturelle Züchtung. Die Honigbiene ist eine einzige Rasse. Praktisch sind die Exemplare genetisch nahezu identisch. Genetische Einfalt ist aber ein Risikofaktor bei Epedemien. (Daher sind Rassenmischungen überlebensfähiger - ein evolutionsbiologischer Vorteil der sexuellen Fortpflanzung.) Zweitens: Es ist auch falsch, dass das Bienensterben erstmals auftrat, nachdem neonics eingesetzt wurden. Das Phänomen ist schon seit vielen Jahrzehnten bekannt. In Wikipedia wird auf einen Fall verwiesen, der sich 1853 ereignete. Viele weitere Fälle aus dem 19. Jahrhundert sind überliefert. Drittens darf nicht verschwiegen werden, dass diese Ereignisse zwar ernsthafte agrarwirtschaftliche Folgen haben, dass aber von einem stetigen Aussterben der Bienen keine Rede sein kann. CCD tritt in einigen Regionen auf, während in anderen die Populationen zunehmen. Auch das ist in Wikipedia dokumentiert. Es kann global zu einem zeitweiligen Rückgang der Gesamtpopulation kommen. Doch erholen sich die Bestände auch. Darüber berichten aber die Öko-Alarmisten nicht. Somit entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck einer schleichenden Katastrophe - und das ist eine Lüge. Die folgenden Grafiken zeigen das Gesamtbild, wie es wirklich ist:

Genetic Literacy Project veröffentlichte die nebenstehenden Grafiken. Sie zeigen, dass sich die Populationen in den USA, in Kanada, in Europa und weltweit auf einem All-time-Höchststand befinden. Noch nie gab es mehr Honigbienen als heute. Der Artikel (auf englisch) liefert für den interessierten Leser, der tiefer in die Problematik eindringen will, ausführliche Informationen. Es wäre sicher sinnvoll, neue Rassen an Honigbienen zu züchten und somit die Risiken der Epedemien zu mindern. Doch der Kampf gegen Pflanzenschutzmittel ist eine Torheit. Ein Verbot von neonics, die für bestimmte Anwendungsbereiche noch unentbehrlich sind, würde nur Schaden anrichten. Schaden für die Menschen. Es würde der «Natur» nichts nützen. Denn dieser neuen Gottheit ist es vollkommen gleichgültig, welche Arten bestehen und in welcher Zahl. Ich habe auch etwas satt: Die Lügen der antihumanistischen Öko-Alarmisten.

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30. Juli 2016

Die Tütengebühr ist nur ein Ablasshandel

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Wenn das keine gute Nachricht ist: Die Plastiktüten verschwinden aus den Geschäften, damit die Meere nicht weiter vermüllen und die Delfine endlich wieder aufatmen können. Zudem sparen wir damit wertvolles Erdöl und entlasten die Umwelt, die an den leichten Tüten schwer zu tragen hatte. Wenn, dann akzeptieren wir nur noch biologisch abbaubare Beutel aus nachwachsenden Rohstoffen.

In seiner Kolumne Mahlzeit des Deutschland Radio Kultur setzt sich Udo Pollmer mit der neuen Öko-Regulierung der Einkaufstüten auseinander. Er geht den vorgeblichen Gründen nach, die Weltmeere vom Plastik frei zu halten, den Rohstoff Erdöl zu schonen und nachhaltig zu wirtschaften. Alles Unfug.

Deutsche Plastiktüten gelangen nicht in die Weltmeere, sondern in die Müllanlage. Der Anteil der Mülltüten am Ölverbrauch sei wie das Schwarze unter den Fingernägeln. Reine Symbolpolitik. Die Alternativen Bio-Kunststoff, Papier und Jute sind keineswegs umweltfreundlicher. Biokunststoffbeutel sind biologisch abbaubar, was heißt, dass sie bei 60 Grad Celsius innerhalb von drei Monaten verschwunden sind. In freier Natur insbesondere im Salzwasser sind sie nur in extrem langen Zeiträumen abbaubar. Zur schnelleren Kompostierung wird der Bioabfall in den Anlagen beheizt. Aber auch dieser Abbau reicht bei den Tüten nicht wirklich. Denn manche Biokompost-Betriebe haben keine drei Monate Zeit, sie fahren ihre Anlagen so, dass sie ihre Ware bereits nach vier Wochen abfüllen können. Da sind die Tüten noch intakt. Nach der DIN-Norm EN 14045 dürfen selbst nach den drei Monaten immer noch zehn Prozent der Bio-Tütenreste mit bloßem Auge sichtbar sein (also größer als zwei Millimeter). Weil der Kunde das nicht akzeptiert, werden die "biologisch abbaubaren" Mülltüten aus der vermadeten Biotonnen-Müllmatsche herausgefischt. Für nachwachsende Rohstoffe wie Mais, Baumwolle oder Jute braucht man Land, das der Nahrungsproduktion entzogen wird. Jute wird in tropischen Ländern erzeugt, der Jutestrauch benötigt zum Gedeihen viel Wasser. Um die Faser geschmeidig zu machen, wird ein fragwürdiges Erdöldestillat, ein sogenanntes Batch-Öl aufgetragen, das später ausgewaschen wird. Es verseucht in den Erzeugerländern das Wasser und bei uns die Lebensmittel. Die Verwendung von Jutesäcken zum Transport von Reis, Haselnüssen und anderen Rohwaren hat jahrelang unsere Nahrung erheblich mit Rückständen belastet. Wer zur Papiertüte statt zum Jutebeutel greift, muss sich im Klaren sein, dass auch der Rohstoff Holz in Plantagen angebaut wird. Die Produktion des Papiers erfordert Energie, Wasser und Chemie. Werden die Tüten aus Altpapier hergestellt, gasen sie allerlei Druckereichemikalien aus und die Lebensmittel werden auch diesmal belastet - zum Beispiel mit Mineralöl.

Die Aktion ist ein Ablasshandel für die akademischen Mittelschichten, die ein schlechtes Gewissen haben, wie seinerzeit die Adligen, deren Damen sich der Charity widmeten.

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28. Juli 2016

Hoher Anteil gentechnisch veränderter Pflanzen an der Weltproduktion

Grafik zum Anteil der GV-Pflanzen

Grafik: transgen.de, nach Zahlen der International Society for Agrochemical Adjuvants (ISAA)

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Seit 1997 nahm der Anteil der gentechnisch veränderten Pflanzen an der Weltproduktion in einigen Sparten stetig zu. Transparenz Gentechnik berichtet: Er betrug 2015 bei Soja 83 %, bei Baumwolle 75 %, bei Mais 29 % und bei Raps 24 %. Die gv-Sorten sind aus dem Agrarmarkt nicht mehr wegzudenken. Ihren Erfolg verdanken sie den Eigenschaften höherer Hektar-Erträge, eines geringeren Bedarf an chemischen Pflanzenschutzmitteln und, für den Bauern, höhere Gewinne einzutragen. Durch die Resistenz gegen Schädlinge gelangen weniger faule Früchte an die Verbraucher.

Besondere Bedeutung haben gv-Sorten, die sich für schwierige Klimaten eignen. So gibt es eine trockentolerante Maissorte. Auch gv-Äpfel, -Kartoffeln, -Auberginen, -Papayas, -Zucchini und -Pappeln werden bereits in einigen Ländern in die Landwirtschaft eingeführt. Weltweit nutzen nach Angaben von ISAAA 17 bis 18 Millionen Landwirte gentechnisch veränderte Pflanzen, etwa 90 Prozent von ihnen sind Kleinbauern in Entwicklungsländern.

Im Jahr 2015 ging die Anbaufläche erstmals ein wenig zurück, um 1,7 Mio auf insgesamt 179,7 Mio Hektar. Dies ist vor allem auf die USA zurückzuführen. Auch in Kanada, China, Paraguay, Uruguay, Burkina Faso, Südafrika, Mexiko und auf den Philippinen wurden weniger gv-Pflanzen angebaut. Deutlich zugenommen hat hingegen der GVO-Anbau in Brasilien. Inzwischen hat sich der Trend wieder gedreht.

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27. Juli 2016

Rohstoffspekulation mit Nahrungsmitteln: Schädlich für die Armen?

Weizenpreis historisch Chart Weizenpreis der letzten fünf Jahre

Das obere Schaubild (Quelle: Our World in Data) zeigt die Preisentwicklung des Weizens seit 1264 (in Pfund mit der Kaufkraft von 1996). Beeindruckend ist die Verbilligung durch die Auswirkungen der modernen Agrarmethoden ab Mitte des 19. Jahrhunderts (Erfindung des Kunstdüngers, Mechanisierung usw.). Die zweite Grafik zeigt die Preisentwicklung der letzten fünf Jahre. Auch sie bewegt sich abwärts. (Quelle der Grafik: finanzen.net)

Logo AustrianInstitute

Im Blog des Austrian Institute setzt sich der englische Ökonom (akademischer Direktor und Forschungsleiter am ‘Institute of Economic Affairs’, London, und Professor für Finanzwissenschaft, Public Policy und Ethik an der St. Mary's University, Twickenham) mit einem Vorwurf von ökologistischen NGOs wie Oxfam auseinander. Sie behaupten, die Nahrungsmittelpreise würde durch den Börsenhandel in die Höhe getrieben. Leider springen auch die Kirchen, insbesondere Franziskus auf diesen Zug auf. Die These folgt dem Stereotyp des inhumanen ausbeuterischen Kapitalismus, der zunehmend mit der Finanzwelt identifiziert wird. Tatsächlich hat der Kapitalismus die Nahrungsmittelpreise beträchtlich gesenkt und den Hunger in der Welt vermindert. Die Preise werden letztlich durch die weltweite Nachfrage und das Angebot ermittelt. Steigt das Angebot, etwa durch höhere Erträge, sinken die Preise. Interessant sind die Informationen über handelstechnische Details wie Termingeschäfte, Hedging und Spekulationen zu Termingeschäften. Können Spekulationen die Preise treiben? Diese Frage kann nicht empirisch geklärt werden, weil in die Marktpreise viele Faktoren eingehen, die sich nicht voneinender sondern lassen. Die Antworten:

Erstens: Terminhändler haben keine Möglichkeit, die Rohstoffe vom Markt zu nehmen, um eine Verknappung und dadurch eine Verteuerung zu bewirken. Zweitens: Steigende Preise wirken sich indirekt auf die Erzeuger nicht produktionsdrosselnd (und damit verteuernd) aus, sondern - im Gegenteil - stimulierend und damit preissenkend. Die Erzeuger könnten, drittens, Waren vom Merkt nehmen, wenn sie höhere Preise in der Zukunft erwarten. Steigende Preise sind aber Indikatioren für fallende Angebote. Damit würden sie sich antizyklisch verhalten. Letztlich würden die sinkenden Preise heute und die steigenden Preise morgen nivelliert.

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25. Juli 2016

Der "Insektenburger" ist ethisch problematisch

Udo Pollmers Kolumne im Deutschlandradio Kultur ist immer hörenswert. Heute klärt uns der Kritiker des modernen Aberglaubens auf dem Gebiet der Ernährungslehre über das Engagement der Ökos auf, unsere Ernährungsgewohnheiten ethisch-korrekt auszurichten. Um die uns so lieb gewordenen Fleischlieferanten aus dem Reich der Großsäuger zu tabuisieren, suchen tierliebe, nachhaltige und vorsorgliche Ökotrophologen nach Alternativen im Insektenreich. Bekanntlich sind die Chitinpanzer der Käfer reinstes Eiweiß erster Klasse. Doch halt! Sind Insekten nicht auch Lebewesen. Sie könnten vielleicht Schmerzen oder etwas Vergleichbares bei ihrer Zubereitung für Menschengaumen wahrnehmen. Wäre das verantwortungsvoll? Vielleicht setzt es sie ja unter Stress, wenn wir sie in Zuchtanlagen halten, viel zu engen natürlich, und brauchen daher eine Tierlobby gegen die Grausamkeit der Karnivoren. Wer kann es verantworten, eine Made zu traumatisieren?

Udo Pollmer erinnert uns an Sünden in den frühen Jahren moderner Kochkunst. Wie sorglos gingen wir selbst bei der vegetarischen Speisezubereitung z.B. mit den tierischen Schwarzfahrern im Blumenkohl um. Den Kopf einfach ins siedende Salzwasser, wo die Schädlinge elendiglich verendeten. Sicher bieten ökologisch-korrekte Unternehmen wie Val Verde bald den manuell entwurmten Biokohl zum doppelten Preis an. Rettung im Tierasyl inklusive. Den Schädlingsbekämpfern stehen harte Zeiten bevor. Denn Pestizide sind noch nicht auf die Vorgaben der Ethiker ausgelegt. Bisher ging es darum, die Ernten zu sichern, jetzt treten die Bedürfnisse der Blattläuse in den Vordergrund. Wie wäre es, erst mal ein paar Psychopharmaka zu versprühen, bevor man ihnen mit der Giftspritze zu Leibe rückt? In Lagerhäusern und Silos werden Mehlmotten mittlerweile mit Kohlendioxid betäubt und ins Jenseits expediert. Allerdings ist diese Praxis unter Tierfreunden umstritten, weil damit auch Geflügel und Schweine am Schlachthof erst betäubt und dann getötet werden. Wir dürfen gespannt sein, wie die Motten- und Läusesaga weitergeht. Eins ist jetzt schon sicher: Es werden Heerscharen von Experten benötigt, um das Seelenleben von Sechsbeinern zu erforschen, damit wir ethisch korrekte Pausenriegel und köstliche Käferburger bekommen. Einfach kaltherzig in eine verwurmte Himbeere zu beißen, ist ein Zeichen mangelnden Respektes vor dem Leben. Mahlzeit!

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23. Juli 2016

Private Cities: Lasst tausend Hongkongs entstehen!

Skyline Hongkong

Skyline Hong-Kong. Quelle: Wikipedia

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Im Blog von Prometheus wirft Frank Schäffler einen Blick auf den neuen Vorstand der Weltbank, Paul Romer. Dessen Positionen zur Entwicklungspolitik entsprechen denen der Nationalökonomie der Österreichischen Schule. Entwicklungsdynamik basiert auf dynamischen Unternehmen, deren Kapitalisierung sich aus Konsumeinsparungen speist. Das ist das ganze Geheimnis der Entwicklungsökonomie. Dagegen sind laut Schäffer die Entwicklungshilfegelder Deutschlands und anderer Länder ziemlich nutzlos. Findet doch Entwicklungshilfe oft als reine Budgethilfe für afrikanische Staaten statt. Nach dem Zuckerbrot-und-Peitschen-Prinzip wird die jeweilige Regierung mit Budgethilfen belohnt, wenn sie sich rechtsstaatlich, demokratisch, ökologisch oder weniger diskriminierend gegenüber Minderheiten verhält. Dieser Erziehungsansatz mag bei Kleinkindern funktionieren, ob es souveränen Staaten und deren Machthabern unsere Form des demokratischen Rechtsstaates näherbringt, darf sicherlich bezweifelt werden. Ohne innere Einsicht wird das nicht klappen.

Romers Konzept für die Entwicklungsländer sind kurz gefasst Sonderwirtschaftszonen. Er versteht darunter eine Art Sonderwirtschaftszone in Entwicklungsländern, in denen das Rechtssystem eines anderen Landes gilt. Seine Vorbilder sind Hongkong und Singapur, die unter einem anderen Rechtssystem eine wesentlich bessere Entwicklung genommen haben als ihr Umland. Erst diese Entwicklung hat China veranlaßt, mit Sonderwirtschaftszonen im eigenen Land diesen Regionen nachzueifern. Romers Verdienst ist es, dass er Rechtsstaatlichkeit und Eigentumsschutz als wesentliche Triebfeder für den Wohlstand ansieht. Nur wenn Eigentum rechtssicher erworben und übertragen werden kann, investieren Unternehmer. Nur wenn die Regierung Korruption glaubhaft bekämpft, kommt Investitionskapital in das Land. Und nur wenn die Gleichheit vor dem Recht existiert, kann die Regierung nicht mehr willkürlich entscheiden.

Ich stimme diesem Ansatz voll zu. Entwicklung bedeutet: Kapitalisierung, Intensivierung der Arbeitsteilung, Zunahme des Handels, Zugang zum Welthandel und - micht zu vergessen - Schutz des Eigentums der Unternehmer. Damit gehen institutionelle Voraussetzungen in die Betrachtung ein. Entwicklung braucht: Rechtssicherheit, Unterdrückung von gesellschaftlicher Gewalt, Konfliktschlichtungsverfahren wie anerkannte Schiedsgerichte oder unabhängige staatliche Gerichte. Häufig fassen wir diese Faktoren in Freiheitsindices zusammen. Kurzum: Entwicklung braucht Freiheit.

Der frühe Kapitalismus ist keine Kuschelgesellschaft und auch keine statische nach dem Bild der ökolgistischen Utopisten. Marktwettbewerb ist Wettbewerb, bedeutet auch aggressives Handeln und Grenzüberscheitungen. Unser Gesellschaftsmodell stellt das Ende einer zivilisatorischen Entwicklung dar, die sich aus Piraterie, Sklaven- und Rauschgifthandel herausgearbeitet hat. Kapitalneubildung schöpft sich aus Konsumverzicht, und das bedeutet auch, dass die Löhne unter dem Mehrprodukt bleiben müssen. Ihre Entwicklung hinkt der Kapitalbildung hinterher. Erst auf einer bestimmten Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung lassen sich Humanisierungen der Gesellschaft und soziale Institutionen wie die gesetzliche Krankenkasse durchsetzen. Darum müssen wir akzeptieren, dass Sonderwirtschaftszonen im Sinne Romers eine lange Zeitspanne brauchen, bis sie mit unseren Maßstäben gemessen werden können. Einen direkten Weg, die armen Länder auf den zivilisatorischen Stand der hochentwickelten zu katapultieren, gibt es nicht.

Das Gegenteil dieser liberalen Entwicklungspolitik nenne ich «Ökoimperialismus». Dieser versucht die unterentwickelten Länder auf einem Entwicklungsniveau einzufrieren, das weit unter dem unseren liegt. Sie sollen weitaus weniger Energie generieren. Die Landwirtschaft soll kleinbäuerlich und ökologisch-unrentabel bleiben. Sie sollen keine ertragreichen und resistenteren Saatgüter erhalten und auf eine Industrialisierung verzichten. Die armen Länder sollen zu weltfremden Idyllen des Einssein-mit-der-Natur umgewandelt werden, in denen die Ökos dann Ferien machen. Ökologismus ist eine teure Verschwendung knapper Wirtschaftsresourcen, die sich nur ein Land leisten kann, das über üppige Ressourcen verfügt. Aus ökonomischer Sicht ist es Rückentwicklung und Kapitalverzehr. Die Afrikaner halten davon nichts.

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22. Juli 2016

Energiepolitik: Warum die Lämmer schweigen – sie sind einfach noch viel zu satt

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Die Position der Kritiker des Klimaalarmismus, besser gesagt, eine der Positionen, wird durch Uli Weber in dem Blog Kalte Sonne in einer Übersicht zusammengetragen. Die Argumente gegen die Klimamodelle, auf die sich die Klimapolitik der UNO stützt, und ihre politischen Auswirkungen sind in Kürze folgende:

  1. Die gegenwärtigen Klimamodelle können die tatsächliche Klimahistorie gar nicht abbilden
  2. Die Klimawissenschaften sind bis heute nicht in der Lage, den natürlichen und den angeblich menschengemachten Klimaantrieb zu trennen.
  3. Klimamodelle ignorieren den Einfluss von natürlichen solaren Zyklen auf das Klima.
  4. Die historisch gut dokumentierte Mittelalterliche Warmzeit (MWP), die der “Kleinen Eiszeit” vorausgegangen war, wurde im dritten Bericht des IPCC (TAR 2001) von der Mann’schen „Hockeystick-Kurve“ unterdrückt.
  5. Die Klimawissenschaft verleugnet in ihren Klimamodellen die natürlichen Bahnschwankungen unserer Erde um die Sonne (Milankovic-Zyklen).
  6. Die These der wachsenden Versauerung der Ozeane widerspricht der These des Temperaturanstiegs, weil wärmeres Wasser weniger Gase lösen kann.
  7. Der Anstieg der Meerestemperatur ists eine natürliche Folge der Erwärmung der Erde nach der letzten Eiszeit.
  8. Der „Stillstand“ des globalen Temperaturanstiegs, der inzwischen etwa 20 Jahre andauert, hat bereits mehrfach zu Korrekturen an den historischen Temperaturmessungen geführt. Es werden die Daten nachgebessert, damit die Modelle besser passen.
  9. Die Klimawissenschaften reduzieren die Auswirkungen einer globalen Klimaerwärmung auf dessen negative Folgen.
  10. Die Klimawissenschaft nimmt für sich in Anspruch, sie würde das Vorsorgeprinzip für die gesamte Menschheit verfolgen. Das ist Anmaßung.
  11. Die Erneuerbaren Energien können nur unter beträchtlichen Einbußen des Lebensstandards die alleinigen Energieträger werden.
  12. Der Landschaftsverbrauch in naturnahen Gebieten durch die Erzeugung von Solar- und Windenergie ist etwa 1.000- bis 10.000-mal höher als der Flächenverbrauch für konventionelle Kraftwerke.
  13. Die aus klimapolitischen Gründen subventionierte Bio-Landwirtschaft verschärft die globale Ernährungslage.

Es lohnt sich, die Argumente ausführlicher zu lesen. Klimapolitik folgt dem Leitbild des Ökologismus, der eine statische Welt anstrebt. Ökologismus hat nichts mit Ökologie zu tun. Die Ökologie, ein Zweig der Biologie, kennt nur dynamische Strukturen. Der Ökologismus ist eine säkulare Religion, die aus der New-Age-Bewegung hervorging, die hinduistisches und buddhistisches Ideengut aufgriff. Es ist eine fortschrittsfeindliche, antiliberale Denkweise. Die Öffentlichkeit der westlichen Länder, die den wirtschaftlichen Druck, der von der Klimapolitik ausgelöst wird, kaum spürt, nimmt eine Politik hin, die den armen Ländern den Weg in eine bessere Zukunft verbaut.

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16. Juli 2016

Eritrea: Wer flieht als Nächstes?

Yemane Gebreab

Yemane Gebreab ist eine wichtige Persönlichkeit in der eritreischen Politik. Er ist der persönliche Berater von Präsident Isaias Afewerki. Manche werten ihn als graue Eminenz, anderen gilt er als zweitmächtigster Mann im Staat Eritrea. Das Bild zeigt den afrikanischen Politiker mit dem Reporter des Deutschlandfunks Oliver Ramme. (Foto: Deutschlandfunk)

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Oliver Ramme hat in Eritrea nicht nur mit Yemane Gebreab gesprochen - seine Reise führte ihn durch das ganze Land. Sehen, hören und lesen Sie hier seine Multimedia-Reportage.

Eritrea gilt als eine der schärfsten Diktaturen der Erde. Die wirtschaftliche Unfreiheit platziert das Land auf Rang 173 von 178 Ländern, die Presseunfreiheit sogar auf den letzten Platz der Liste von Reporter ohne Grenzen. Es soll Hunderte von teilweise geheimen Gefängnissen geben. Die herrschende Klasse besteht aus den ehemaligen Kämpfern gegen die äthiopische Regierung im Unabhängigkeitskrieg. Sie haben sich das Land unter den Nagel gerissen, das sie im Ungeist des Sozialismus niederwirtschaften. Wirtschaftliche Unfreiheit ist eine der wichtigsten Armutsursachen.

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14. Juli 2016

Firstrand Group (Südafrika): Krise? Welche Krise?

FirstRand group CEO Sizwe Nxasana. Picture: Martin Rhodes

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Brand Eins wirft einen Blick in die Bilanz eines südafrikanischen Bank-Unternehmens. Die Bank Firstrand mit Sitz in Johannesburg ist mit einer Eigenkapitalrendite von 24,8 Prozent (Gewinn von 22,5 Milliarden Rand bezogen auf das Eigenkapital von gut 90 Milliarden Rand) das profitabelste Geldhaus Afrikas. Im Schnitt schaffen die vier Marktführer auf dem Schwarzen Kontinent – neben Firstrand die Standard Bank, Barclays Africa Group und Nedbank – 18,2 Prozent, was immer noch glänzend ist im Vergleich mit ihren europäischen Wettbewerbern. Die kommen kaum auf zweistellige Werte. Mit einer Bilanzsumme von mehr als einer Billion Rand (rund 61 Milliarden Euro, ungefähr ein Zehntel der Commerzbank) ist Firstrand das zweitgrößte Institut in der Spitzengruppe. ... Der Leitsatz der südafrikanischen Zentralbank liegt bei 6,75 Prozent (Europäische Zentralbank: 0 Prozent). Je höher dieser Zins, desto höher die Nettozinsmarge der Geldhäuser. Das ist, vereinfacht gesprochen, die Differenz zwischen dem Satz, den sie für Kredite verlangen, und dem, den sie für Einlagen zu zahlen bereit sind. Steigt der Leitsatz, erhöhen die Geldhäuser die Kreditzinsen meist schneller und stärker als die Sparzinsen. Dadurch steigt ihre Marge. So war es auch bei Firstrand, die seit 2011 ihre Nettozinsmarge (Interest margin on average advances) von 3,9 auf 5 Prozent erhöhen konnte (bei europäischen Banken liegt sie im Schnitt bei rund 2 Prozent). Das beflügelte die Erlöse des Geldhauses. Die Bank wird gut geführt. Ihre Kosten-Ertrags-Quote liegt bei 52 Prozent, ein Spitzenwert verglichen mit der Konkurrenz aus Europa, die im Schnitt auf gut 63 Prozent kommt. Und das, obwohl Firstrand nicht weniger streng reguliert wird. So muss auch sie die strengen Eigenkapitalvorschriften des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht erfüllen – und deklassiert auch hier die Konkurrenz: Ihre Kernkapitalquote (CET 1) liegt bei 14 Prozent, die der Europäer im Schnitt gut einen Prozentpunkt darunter.

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13. Juli 2016

Seitwärts laufende Welttemperaturen seit 1998 und die El-Nino-Hochs

Roy W. Spencer received his Ph.D. in meteorology at the University of Wisconsin-Madison in 1981. Before becoming a Principal Research Scientist at the University of Alabama in Huntsville in 2001, he was a Senior Scientist for Climate Studies at NASA’s Marshall Space Flight Center, where he and Dr. John Christy received NASA’s Exceptional Scientific Achievement Medal for their global temperature monitoring work with satellites. Dr. Spencer’s work with NASA continues as the U.S. Science Team leader for the Advanced Microwave Scanning Radiometer flying on NASA’s Aqua satellite. He has provided congressional testimony several times on the subject of global warming. Dr. Spencer’s research has been entirely supported by U.S. government agencies: NASA, NOAA, and DOE. He has never been asked by any oil company to perform any kind of service. Not even Exxon-Mobil.

Die Graphik zeigt eine strenge Korrelation der Erwärmungshochs mit den El-Nino-Zyklen. Nehmen wir die auffälligen Jahre aus der Betrachtung heraus, ergibt sich das Bild gleichbleibender Temperatur in den letzten 16 Jahren. Die Temperaturdaten basieren auf den UAH-Satellitendaten. Ohne weitere Einflüsse müsste die Welt-Temperatur in den nächsten Jahren sinken.

Dr. Spencer veröffentlichte eine kurze Argumentation zur Begründung seines Klimaskeptizismus (für Dummies) auf seiner Web-Site. Sie ist hier als pdf verlinkt. (Englisch)

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12. Juli 2016

Aberglauben, Okkultismus und Öko-Landbau

Ein probates Mittel des biodynamischen Weinbaus: Kuhhörner, in der Erde vergraben. Foto: Demeter

Wenn im Juni viel Regen auf die Reben fällt, bilden sich Pilze, die die Erträge bedrohen. Dann muss der Winzer entweder Fungizide spritzen (was er eigentlich nicht darf) oder resignieren. Was bietet der Öko-Landbau an Lösungen? Novo Argumente recherchierte.

Das Weingut Janson Bernhard erklärt uns: Der „ falsche Mehltau“ findet dieses Jahr so ideale Bedingungen (bei uns 80% mehr Feuchtigkeit im Vergleich zum langjährigen Mittel), daß er mit unseren Bio Mitteln kaum zu stoppen ist. Dennoch kämpfen wir mit unseren Reben, unterstützen sie mit feindosiertem Kupfer und Tees. Unsere biodynamischen Präparate wirken zusätzlich ausgleichend - feinstofflich. Mit Kupfer ist hier Kupfervitriol, d.i. Kupfersulfat gemeint. Für den Menschen ist Kupfersulfat nur leicht giftig. Es erzeugt einen starken Brechreiz und wird daher als Brechmittel eingesetzt. Für Mikroorganismen ist es hingegen stark giftig und hat in Gewässern schädliche Wirkungen. Das wassergefährdende Salz ist in der Wassergefährdungsklasse 2 eingestuft. (Wikipedia) Und was haben wir uns unter feinstofflichen Präparaten vorzustellen? Firma Demeter belehrt uns: So verbessert das Hornkiesel-Präparat die Pflanzenqualität. Dafür wird pulverisiertes Quarz in ein Kuhhorn gefüllt und von Frühjahr bis Herbst im Boden eingegraben, damit es die kosmischen Kräfte speichert. Im Herbst ausgegraben, wird der feine Hornkiesel in Wasser rhythmisch verrührt (dynamisiert) und als Spritzpräparat in feinen Tröpfchen auf den Weinberg verteilt. Eine Wirksamkeit dieser okkulten Methode konnte natürlich noch niemals empirisch nachgewiesen werden. Das ist aber bei «feinstofflichen» Dingen auch nicht zu erwarten, da sie ja nicht stofflich sind.

Der Bio-Winzer mogelte sich in vergangenen Jahren um das Verbot «künstlicher» Präparate, indem das Fungizid Kaliumphosphonat angewandt wurde. Dies galt als «naturstofflich» und daher erlaubt, nicht künstlich und verboten, obwohl es synthetisch in Chemiefabriken hergestellt wird. Aber seitdem es in der EU als Pflanzenschutzmittel zugelassen wurde, können die Bio-Verbände nicht weiter so tun als ob und müssen es meiden. In den letzten Jahren ging alles gut, doch nun kam der Regen. Sobald der Bio-Winzer Fungizide spritzt, darf er sein Produkt nicht mehr als Bio-Wein bezeichnen und das drei Jahre lang, bis er wieder «rein» ist. Auch müssen die Öko-Subventionsmittel zurückgezahlt werden. (Ja, die EU fördert «feinstofflichen» Quarzsand aus Kuhörnern.) Ein Geschachere um die Zulassung des Fungizids für Bio-Höfe ist im Gange. Der Streit zwischen Ökologie (d.h. hier: der religiösen Lehre des okkulten Landbaus) und der Ökonomie (der Berücksichtigung der Knappheit aller wirtschaftlichen Güter) hat die Ökos ergriffen. Aus gesundheitlicher Sicht könnte es dem Verbraucher egal sein. Die Rückstände im Wein sind harmlos. Auch Grüne, wie die Rheinland-Pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken, sind plötzlich ganz locker und bezeichnen das Fungizid als „natürliches Mittel“ und „vollkommen unbedenklich“. Wenn sich das allerdings herumspricht und evtl. weitere Ausnahmen folgen, dürfte irgendwann das Öko-Gebäude zu bröckeln beginnen. Der Käufer wird sich fragen, ob er den höheren Preis wirklich bezahlen soll, wenn die Öko-Regeln nur bei gutem Wetter gelten. Andere Landwirte werden fragen, warum die Öko-Bauern zusätzliche Subventionen erhalten, wenn sie im Zweifelsfall die gleichen Mittel einsetzen wie ihre konventionell arbeitenden Kollegen. Und es wird sich rumsprechen, dass die ökologische Landwirtschaft auch nicht ohne Pestizide auskommt. Das alles dürfte die Profite schmälern.

Oft wird angenommen, dass Biolandbau für Mensch und Boden irgendwie gesünder sei. Es wird geglaubt, dass er keine Gifte einsetze. Doch ist dies ein Irrtum. Tatsächlich setzt der Biolandwird Gifte dann ein, wenn sie natürlich vorkommen, auch wenn sie schädlicher sind als industriell hergestellte. Glyphosat z.B. ist biologisch abbaubar. Kupfersulfat aber verursacht Umweltschäden. Glyphosat ist des Teufels, Kupfersulfat nicht. Wie wenn es den Teufel erst seit der Industriealisierung gäbe. Eine Bewertung des Bundesumweltamts zeigt deutlich die Problematik:

  1. Kupfer ist toxisch für Bodenorganismen, insbesondere Regenwürmer;
  2. Kupferanreicherung erfolgt in Böden (insbesondere von Dauerkulturen) infolge langjähriger Anwendung kupferhaltiger PSM.
  3. Die Anreicherung führt zu adversen Effekten/Schädigungen der Bodenorganismen wie Reduzierung der Abundanz und Biomasse sowie Veränderungen der Artenzusammensetzung und einer Abnahme der Biodiversität.
  4. Nach welchem Zeitraum der Anwendung von Kupfer-PSM erkennbare Schädigungen auftreten ist multifaktoriell abhängig von Aufwandmenge, Bodeneigenschaften, Bewirtschaftungsform, etc. und daher nicht generell vorhersagbar. Eine standortspezifische Betrachtung ist letztlich erforderlich.
  5. Aufgrund der bekannten langjährigen Anwendungspraxis von Kupfer-PSM ist insbesondere in Dauerkulturen bereits heute von vielfach geschädigten Bodenbiozönosen auszugehen. Diese Hypothese wird durch die ausgewerteten Monitoring-Studien untermauert.
  6. Ein weiterer Kupfereintrag ist grundsätzlich zu vermeiden.

Dennoch dürfen Bio-Bauern laut EG-Öko-Verordnung 6 kg Kupfer pro Jahr und Hektar ausbringen, während in Deutschland für konventionelle Winzer nur 3 kg pro Hektar erlaubt sind (woran sich auch die meisten Bio-Winzer halten). Öko-Weinbau ohne Kupfer würde Ertrags- und Qualitätsausfälle von 50 bis 100 % bedeuten, ist also praktisch unmöglich.

Wir leben in einer Zeit, in der irrationale Weltanschauungen neben denen der kirchlichen Glaubensgemeinschaften immer stärker werden. Die Kirchen passen sich dem Trend des Ökologismus an, der eigentlich buddhistischen Ursprungs ist, um ihren schwindenden Einfluss in den akademischen Mittelschichten, insbesondere den Geisteswissenschaftlern der Städte nicht zu verlieren. Es fällt Akademikern zunehmend schwer, sich im christlichen Glaubensbekenntnis zur leiblichen Auferstehung nach dem Tode, einem ewigen Leben, einer Himmelfahrt oder einer realen Transsubstantiation klar zu bekennen, doch von feinstofflichen Kräften zu schwafeln, ist chic geworden. Dass damit die gesamte rationale Naturwissenschaft aufgegeben wird, Chemie und Physik in einen stylischen Mülleimer befördert werden, geht durch, weil es Mode wurde und weil es nur ferne Lebensbereiche betrifft. Öko-Landbau fügt sich in die Sehnsuchts-Bilder des exotischen und idyllischen Ferienweltenkitschs. Naturbelassene Natur mit Sonnenuntergängen und fehlenden Strommasten. Was aber, wenn es einmal länger regnet?

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9. Juli 2016

Gibt es wirklich so viel Polizeirassismus in den USA?

Logo Novo Argumente

Novo Argumente untersucht den Vorwurf des Polizeirassismus in den USA. Durch statistische Korrelationen wird er weitgehend entkräftet. Es ist zwar richtig, dass in Relation zur Population mehr Schwarze als Weiße oder andere ethnische Gruppen durch Polizisten erschossen werden, aber folgende Faktoren müssen berücksichtigt werden: Die Kriminalitätsrate der Schwarzen ist höher. Die soziale Stellung der schwarzen Mehrheit ist niedriger als die des Durchschnittsweißen. Aus beiden Gründen ergibt sich, dass sie sich einer Festnahme häufiger widersetzen. Sie leben überproportional im Süden, wo die Waffenpräsenz allgemein höher ist. Auch die Zahl der durch schwarze Polizisten getöten Schwarzen ist überproportional. Sie müssten logischerweise auch rassistisch sein. In den meisten Fällen treffen die Polizisten auf Kriminelle, die sich gegen die Verhaftung wehren, indem sie das Feuer eröffnen. Wenn die Polizei dann zurückschießt, ist dies gerechtfertigte Notwehr.

Der Autor der Studie, Lukas Mihr, spricht die polizeilichen Täter nicht pauschal frei. Kann man der Polizei vorwerfen, dass sie in den anderen Fällen unverhältnismäßig schnell zu tödlicher Gewalt greift? Natürlich! Sogar eine Untersuchung des US-Justizministeriums, die Polizeigewalt in Philadelphia untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass etwa acht Prozent aller Todesopfer keine Gefahr für die Polizei darstellten. Gleichzeitig konnte nicht festgestellt werden, dass Beamte unterschiedlicher Hautfarben häufiger oder seltener eine Situation fälschlicherweise als Bedrohung wahrnehmen und daher schießen.

Gewalt durch Polizisten bleibt weiterhin ein Problem in den USA. Aber dass sie dabei nach rassistischen Kriterien vorgehen, ist keine zwingende Interpretation der Statistik. Diese Erklärung wäre möglich, bedürfte aber einer weit differenzierteren Untersuchung. Nur die unterschiedliche Hautfarbe zum „Beweis“ für Rassismus zu machen, reicht nicht aus. Die gleiche Strategie wird von Rechten benutzt, um ausländerfeindliche Morde zu relativieren. Unter dem Schlagwort „Deutschenfeindlichkeit“ oder „Antigermanismus“ werden Morde zitiert, bei denen der Täter Aus- und das Opfer Inländer war. Ob die Herkunft aber eine Rolle spielte, wird nicht untersucht. Waren Täter und Opfer vielleicht vor der Tat befreundet, war es eine Schlägerei unter Alkoholeinfluss, ein Eifersuchtsdrama, ein Raubüberfall etc.? Die unterschiedliche Hautfarbe von Täter und Opfer reicht auf beiden Themenfeldern nicht, um Rassismus zu beweisen. Wer Rechten entgegentreten will, darf ihre Denkfehler nicht wiederholen. Wer reflexartig Rassismus vermutet, verliert aus dem Blick, dass die amerikanische Polizei nicht viele Schwarze, sondern viele Menschen tötet.

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8. Juli 2016

Spiel im Schatten: Putins unerklärter Krieg gegen den Westen

Gerassimov

Waleri Wassiljewitsch Gerassimow erläuterte in einer Grundsatzrede im Januar 2013 die außenpolitische Strategie Russlands. Das Bild ist der deutschsprachigen Propaganda-Agentur Sputnik entnommen, die ein wichtiges Medium im Rahmen der hybriden Kriegsführung ist.

Logo MDR

In MDR Reportagen strahlte der Mitteldeutsche Rundfunk ein Feature über Putins außenpolitische Strategie gegenüber den westlichen Ländern Europas aus. Dr. Stefan Meister (Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik) erläuterte in der Sendung die offizielle Strategie der hybriden Kriegsführung. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Verschwörungstheorie. Die hybride Kriegsführung besteht aus para-militärischen und propagandistischen Elementen, aus gezielten Provokationen der russischen Streitkräfte in Form der Verletzung von Luft- und Seeräumen, der Einflussnahme auf westliche NGOs und Parteien. Sie arbeitet mit Destabilisierungstechniken gegen Länder wie die Ukraine und Georgien und einer unverhüllten Bedrohung der baltischenStaaten, in denen russische Minderheitenleben. Die Teilmomente fügen sich zu einem Ganzen, das ein klar umrissenes Ziel verfolgt. Außenpolitisch geht es um die Schaffung eines russischen Imperiums in ganz Europa. Innenpolitisch dient es der Stabilisierung von Putins Autokratie.

Ende Januar 2013 hielt Gerassimow seine erste programmatische öffentliche Rede. Er sprach (anders als angekündigt) über eine neue Form der Kriegsführung. Die Regeln des Krieges hätten sich verändert. Politische Ziele seien nicht mehr allein mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen, sondern durch den „breit gestreuten Einsatz von Desinformationen, von politischen, ökonomischen, humanitären und anderen nichtmilitärischen Maßnahmen, die in Verbindung mit dem Protestpotential der Bevölkerung zum Einsatz kommen“. Er plädierte dafür, Russland solle sich Methoden von Guerillakämpfern aneignen. Militärische Maßnahmen müssten einen „verdeckten Charakter“ haben. Diese Rede wurde im Westen erst rezipiert, nachdem deutlich geworden war, dass Russland den Krieg in der Ukraine gemäß diesen Maßnahmen und Taktiken führt. (Wikipedia-Artikel zu Gerassimow)

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1. Juli 2016

Von der eingebetteten zur defekten Demokratie

Weltkarte

Zum Vergrößern bitte anklicken! Grafik: Bertelsmann Stiftung

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Im Uni-Spiegel der Universität Heidelberg wird von einem Index über die Qualität von Demokratie und Marktwirtschaft berichtet, an dessen Erstellung Heidelberger Wissenschaftler beteiligt waren. Namentlich ist Professor Dr. Auriel Croissant zu nennen. 129 Länder der Erde werden in 7 Kategorien eingestuft, die von der eingebetteten über die sich konsolidierenden, defekten zu den stark defekten Demokratien führen, an die sich gemäßigte und harte Autokratien anschließen. Die Schlusslichter sind die failing states.

Die Grafik weist aus, dass die Länder der EU (wie auch Israel, die USA, Australien, Japan, Kanada u.a.) zur höchsten Stufe der Demokratie gezählt werden. Die Möglichkeit eines Brexit beweist, dass die Mitgliedschaft freiwillig besteht und ein Austritt möglich ist. Aus den Staaten des Comecon war ein Austritt niemals möglich. Natürlich erfolgen auch die Beitritte freiwillig. Chile und Brasilien zählen zu den sich konsolidierenden Demokratien, die Türkei zu den stark defekten. Russland und Venezuela werden als gemäßigte Autokratien bewertet, Kuba, der Iran, Saudi Arabien und Marokko als harte.

Der Index wird alle zwei Jahre aktualisiert. Es wäre interessant, die Entwicklung des BTI über die Jahre zu vergleichen.

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30. Juni 2016

Guter Vorschlag: Grüne fordern Überprüfung von BGR-Studie zur Klimawirkung der Sonne

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Die Kalte Sonne berichtet unter diesem ironischen Titel von einem Schlagabtausch unter der Gürtellinie zwischen dem öko-industriellen Komplex und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Unter der Gürtellinie ist es, der Sachargumentation auszuweichen, indem auf die Finanzierung wissenschaftlicher Arbeit verwiesen wird. Die Verlagerung objektiver Diskussion auf die persönliche war eine Spezialität von Karl Marx. Er entwickelte dazu eine ganze Theorie des «falschen Klassenbewusstseins», in der nicht weniger behauptet wird, als dass die soziale Klasse über das Denken bestimmt. Wissenschaft wurde in Ideologie aufgelöst und Tatsachen in Glaubenssachen.

Ganz so tiefgründig dürften Die Grünen nicht denken, doch folgen sie demselben Topos: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Das ist eine fatale Pauschalisierung. Akademische Wissenschaft funktioniert heute fast nur noch mit Drittmitteln. Nach Karl Marx und den Grünen müssten dann sämtliche Forschungsergebnisse verworfen werden. Den Klimaalarmisten sind die Geologen ein Dorn im Auge. Sie haben einen weiteren Horizont, verstehen Klimawandel als Naturphänomen und haben gute Gründe, das Kommen einer neuen Eiszeit mehr zu fürchten als einen Hitzetod der Erde durch Überindustrialisierung und Überbevölkerung. Eine Studie der BGR bescheinigte im Januar 2016 Fracking als umweltverträglich. (Studie als pdf) Sie war durch eine ziemlich unbekannte Stiftung mitfinanziert worden. Der niedersächsische Umweltminister Wenzel von den Grünen fordert, die bisherigen Studien und Stellungnahmen der BGR noch einmal zu überprüfen.

Übrigens, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erhielt 2014/15 mehr als eine halbe Million Dollar von einem Greenpeace-nahen politischen Thinktank, berichtete die Kalte Sonne am 7. Juni 2016.

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28. Juni 2016

Anpassung an die Wirklichkeit

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Deutschland braucht Arbeitskräfte. Deshalb sind Flüchtlinge gut für das Land. Und Deutschland braucht mehr Flexibilität. Das verlangen die nächste Generation und die Märkte. Ein Gespräch von brand eins mit Wilfried Porth, Personalvorstand der Daimler AG.

Da ist Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut aber ganz anderer Meinung. Er sagte kürzlich, die allermeisten Flüchtlinge seien allenfalls als Hilfsarbeiter zu gebrauchen, weil sie längst nicht so gut ausgebildet seien, wie manch einer sich das erhofft. Da stimme ich Herrn Sinn überhaupt nicht zu. Dass jemand keine formale Ausbildung hat, sagt doch noch lange nichts darüber aus, ob er Fähigkeiten hat, die es sich einzusetzen lohnt. Warum soll aus einem 25-jährigen Syrer, der gewillt ist zu lernen, kein guter Facharbeiter, kein guter Klempner, kein guter Bäcker werden können? Dass der nicht mit einem deutschen Gesellenbrief in der Hand herkommt, ist doch klar.

Aber Deutsch sollte jemand schon sprechen, um arbeiten zu können. Muss jemand, der in einem Handwerks- oder Industriebetrieb gute Arbeit leistet, wirklich zuerst perfekt Deutsch können? Da bauen wir zu viele und unsinnige Hürden auf. Ich kann heute nach China gehen und dort auf Deutsch die Führerscheinprüfung machen, ohne wirklich Chinesisch zu können. Damit ich in Deutschland eine Ausbildung machen kann, muss ich aber extrem gut Deutsch sprechen, sonst bestehe ich die Prüfungen nicht. Das halte ich für überzogen. Ich wurde vor mehr als 20 Jahren nach Brasilien geschickt, um in Campinas eine Fabrik mit 4500 Mitarbeitern zu leiten. Niemand hat gefragt, ob ich Portugiesisch kann, zum Glück, denn Sprachen waren in der Schule immer meine Schwäche.

Und, haben Sie als leitender Angestellter Portugiesisch gelernt? Natürlich nahm ich Unterricht, aber das meiste habe ich vor Ort gelernt. Meine Besprechungen machte ich nicht im Büro, sondern in der Fabrik. Ich ließ mir die Dinge zeigen und verstand so nach und nach besser, aber die Sprache war nie die Voraussetzung, um eine Tätigkeit ausführen zu dürfen. Wir müssen deshalb dringend mit den Industrie- und Handelskammern und den Firmen reden und diese Hürden beseitigen. Das sind Regeln aus vergangenen Zeiten, die unserer globalen Realität nicht mehr gerecht werden.

Je weiter wir uns mit Regeln und Standards von der übrigen Welt abheben, desto mehr geraten wir in eine Sonderstellung und verlieren unsere Fähigkeit zur Anpassung und Veränderung. Eine offene, tolerante Gesellschaft braucht auch eine Öffnung nach unten, damit es möglich wird, sich sozial hoch zu arbeiten. Die Alternative lautet: Verkrustung und Stagnation oder Wandel und Fortschritt.

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16. Juni 2016

Lassen Sie Afrika in Ruhe!

Afrikanischer Bauer

Gilbert Arap Bor grows maize, vegetables and dairy cows on a small-scale farm of 25 acres in Kapseret, near Eldoret, Kenya. Mr. Bor, a lecturer at the Catholic University of Eastern Africa’s Eldoret Campus (Gaba), is a member of the Truth About Trade & Technology Global Farmer Network and was recently honored as the 2011 Kleckner Trade & Technology Advancement Award recipient. Bild: 2013 Borlaug Dialogue

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In einem offenen Brief an das Europäische Parlament übt der kenianische Landwirt Gilbert Arap Bor Kritik an der EU-Haltung zur Gentechnik. Novo Argumente druckte ihn ab:

Im Jahre 1885 trafen sich die europäischen Großmächte in Berlin, um Afrika unter sich aufzuteilen. Sie starteten damit eine düstere Epoche der kolonialen Ausbeutung. Heute versammeln sich die europäischen Gesetzgeber in Brüssel, um meinen Erdteil erneut zu unterjochen. Diesmal um uns dazu zu zwingen, wissenschaftlichen Innovationen abzuschwören, die die Landwirtschaft weltweit revolutioniert haben. Die neue Offensive kommt aus dem Ausschuss für Entwicklung des Europäischen Parlaments. Ein dort vorgelegter Entschließungsentwurf „fordert die G8-Staaten nachdrücklich auf, keine GVO-Kulturen in Afrika zu unterstützen“. Er erhielt nur wenig Aufmerksamkeit in der Presse und wurde am 7. Juni angenommen. Als kenianischer Landwirt, der sich täglich damit abmüht, Lebensmittel in einem armen Land anzubauen, habe ich eine kurze Botschaft an die wohlgenährten Politiker, die diese neo-kolonialistische Maßnahme unterstützen: Lassen Sie Afrika in Ruhe!

Ihre Feindschaft gegen gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) hat uns schon um eine Generation zurückgeworfen. Unternehmen Sie keine weiteren Schritte, eine neue Generation auszubremsen, indem sie die afrikanischen Regierungen dazu überreden, auf wichtige Pflanzenzuchttechnologien zu verzichten, die für viele Landwirte anderswo selbstverständlich sind. Hier in Kenia kämpfen unzählige Menschen mit dem Problem der Ernährungssicherung. Sie wissen nicht, wie sie ihre nächste Mahlzeit erwerben können. Ich sehe das jeden Tag. Hier leben 46 Millionen Menschen, die Bevölkerungswachstumsrate ist hoch und urbares Land wird verstädtert – unsere Herausforderungen werden wohl erst größer, bevor es besser wird. GVOs können eine positive Rolle spielen. Wir könnten mehr Nahrungsmittel auf weniger Land auf ökonomisch und ökologisch nachhaltige Weise anbauen. Landwirte wie ich brauchen Zugang zu landwirtschaftlicher Biotechnologie. Anstatt den Afrikanern vorzuschreiben, auf die Wissenschaft zu verzichten, sollten die Europäer darauf hören, was ihre eigenen Wissenschaftler sagen: die Europäische Kommission und die Weltgesundheitsbehörde (WHO) bestätigen die Sicherheit der GVOs. Genauso wie die Nationale Akademie der Wissenschaften, die führende wissenschaftliche Beratergruppe der USA. Sie veröffentlichte vor kurzem eine umfassende Studie, welche GVO befürwortet. Wenn das Europäische Parlament Afrika helfen will, dann sollte es unter den Gesetzgebern und den Bürgern weniger entwickelter Länder wissenschaftliche Kenntnisse verbreiten, damit wir bei der Produktion von Bedarfsgütern unabhängig werden, besonders bei denen, die den afrikanischen Landwirten dabei helfen, die Nahrungsversorgung zu sichern. Was wir nicht brauchen, sind Lektionen von Europäern, deren Lebensstil auf gewöhnliche Afrikaner luxuriös wirkt. Sie wollen, dass unsere Landwirtschaft primitiv bleibt, mit Technologien die bereits vor Beginn des 21. Jahrhunderts veraltet waren.

Nur eine Handvoll afrikanischer Länder haben GVOs akzeptiert, darunter Burkina Faso, Sudan und Südafrika. Dabei könnten wir in den nächsten Jahren einen Boom erwarten. Kenia ist bereit für GVOs. Wir verfügen über das notwendige Regelwerk, das von der Nationalen Biosicherheitsbehörde koordiniert wird. Die ersten Feldversuche mit genmanipuliertem Mais sind im Gange und weitere mit Baumwolle werden bald beginnen. Noch können wir GVOs weder anbauen, vermarkten oder einführen, aber wir sind kurz davor, diese Beschränkungen aufzuheben. Sind sie erst einmal weg, kann sich mein Land über eine neue Waffe im Kampf gegen den Hunger freuen. Das Letzte was wir brauchen, ist eine Bande reicher Staaten, die unseren Fortschritt missbilligen, ohne unsere schwierige Situation zu verstehen. Wenn es Afrika nicht gelingt, moderne Anbaumethoden einzusetzen, dann erwartet meinen Erdteil ein Desaster. Wir werden weder das Potenzial der grünen Revolution noch das der gentechnischen Revolution ausschöpfen können. Die Landwirte werden mehr und mehr Herbizide und Pestizide verwenden und dabei unsere Einnahmen senken und die Biodiversität gefährden. Die Kosten für die Pflanzenproduktion werden steigen und somit auch die Lebensmittelpreise. Mehr Menschen werden hungern. Dies ist die schlechte Zukunft, auf die wir uns nach dem Entwurf des Europäischen Parlaments einstellen sollen. Zum Glück der Beschluss nicht bindend. Das Europäische Parlament kann keinem Mitglied der G8 seine Politik aufzwingen. Zumindest nicht Kanada und den Vereinigten Staaten, die ihn mit Sicherheit umfänglich ablehnen werden. Doch darum geht es nicht. Afrika ist daran gewöhnt, von Europa politische Führung und wirtschaftliche Chancen zu erwarten. Egal was das Europäische Parlament entscheidet, die Entscheidung wird ein bedeutendes Signal aussenden. Wollen wir hoffen, dass es das Richtige ist.

Dieser Artikel ist zuerst im Global Farmer Network erschienen.

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14. Juni 2016

Wie Afrika wirklich zu helfen ist

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Wie Afrika wirklich zu helfen ist? Einfache Frage, einfache Antwort: Durch Direktinvestitionen. Liberal berichtet von unternehmerischen Projekten, die mutige Unternehmer aus Deutschland und den USA in Afrika erfolgreich betreiben. Zum Beispiel Lutz Hartmann: Er baut in Äthiopien Paprika, Auberginen und Mango auf einer Fläche fast halb so groß wie der Central Park in New York an. Den Aufbau der 300 Hektar großen Farm leitet er zusammen mit einem örtlichen Partner. Er will die kleinen Bauern in der Umgebung einbeziehen, ihnen Saatgut und Landmaschinen zur Verfügung stellen und deren Überschüsse vermarkten, etwa in der Hauptstadt Addis. Er legt wert auf die Feststellung, dass es sich um ein gewinnorientiertes Projekt handelt, nicht um Entwicklungshilfe. Bald werden südlich der Sahara 2 Milliarden Menschen leben. Die Landwirtschaft hat ein großes Entwicklungspotenzial, bildet die Schlüsselbranche für eine breite wirtschaftliche Entwicklung. Von den geographischen Voraussetzungen her kann der Kontinent sich energetisch und nahrungsmäßig selbst versorgen. Doch viele Anbauflächen liegen brach. Die Erträge liegen unter dem Weltdurchschnitt, weil es an Bewässerung und Düngung fehlt, an Kapital und Wissen. Die Direktinvestition ist ein guter Ansatz, um hier rasche Erfolge zu erzielen.

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8. Juni 2016

Alles macht Krebs

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Die Banane ist die beliebteste exotische Frucht der Deutschen. 1957 wurde ihr Import zollfrei, und seither stieg sie zu einer symbolträchtigen Frucht auf, der man sogar eine magische Kraft beim Sturz von Diktaturen in Europa zuspricht. Doch Achtung! Bananen sind krebserregend. Bananen enthalten viel Kalium und 0,012% allen natürlichen Kaliums ist radioaktiv und damit potenziell krebserzeugend. Noch schlimmer sind Paranüsse. Die nehmen Radium aus dem Erdboden auf und strahlen noch fünfmal stärker als Bananen. Gewiss doch, wenn wir der Logik bei der Verteufelung von Glyphosat folgen. ... Natürlich brauchen wir uns wegen der Bananen keine Sorgen zu machen. Schließlich müsste man 30 Bananen pro Stunde essen, um den für Mitarbeiter in einem Kernreaktor festgelegten Grenzwert zu erreichen. Und wer isst schon 30 Bananen? Pro Stunde? Niemand. Genauso, wie niemand 1000 Liter Bier am Tag trinkt, um den Grenzwert für Glyphosat zu erreichen. Deshalb wäre es albern, Bananen zu verbieten. Und Bier. Und Glyphosat. Außer man beruft sich auf das Vorsorgeprinzip und die Tatsache, dass theoretisch auch schon eine Banane im Leben zu Krebs führen kann. Oder ein Tropfen Alkohol. Dann könnte man die EU auffordern, Bananen zu verbieten. Dann aber auch Anis, Äpfel, Basilikum, Brokkoli, Rosenkohl, Kohl, Melonen, Karotten, Blumenkohl, Sellerie, Zimt, Nelken, Kakao, Grapefruitsaft, Honigmelone, Meerrettich, Pilze, Senf, Muskatnuss, Orangensaft, Petersilie, Pastinaken, Pfirsiche, Ananas, Radieschen, Estragon und Rüben. Diese sich harmlos gebenden Alltagslebensmittel enthalten alle von Natur aus Substanzen, die nicht nur theoretisch gefährlich sind, sondern sich im Tierversuch als krebserzeugend erwiesen haben.

Eigentlich geht es dem Autor um Glyphosat, einem Pflanzenschutzmittel, das nach dem Willen der Öko-Aktivisten verboten werden soll. Thilo Spahl führt in einem Beitrag in Novo Argumente die Argumentation im Rahmen des Vorsorgeprinzips ad absurdum. Dennoch ist dieses Prinzip geltende Richtlinie innerhalb der EU-Länder. Es ist ein Instrument der Regulierung und der Verbote im Namen der Sicherheit und der gesunden Lebensweise. Der Schritt vom fürsorglichen ärztlichen Rat zur Gängelung des Bürgers ist ein kleiner.

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7. Juni 2016

Warum uns Ungleichheit etwas angeht - und was daraus folgt

Logo Peace Love Liberty

Peace Love Liberty ist ein ungewöhnliches Studentenmaganzin. Es wird, gesponsort vom Freiheitsinstitut Prometheus, von Studenten für Studenten gemacht. Ich kenne die Redakteure und einige Autoren persönlich. Es sind tatsächlich die Macher der Hefte und des Online-Magazins, nicht nur Strohmänner von Ghost-Writers, was man bei der Professionalität ihrer Arbeit vermuten könnte.

In der Print-Ausgabe 4/SS 2106 schreibt Andreas Wolkenstein über soziale Ungleichheit. Es ist wohltuend schon in der Headline zu lesen, dass uns Ungleichheit etwas angeht. Wolkenstein referiert kurz und knapp einige Positionen von liberalen Philosophen (Nozick, Caplan), die nicht bei der Leugnung «sozialer Ungerechtigkeit» stehen bleiben. Es geht ihm darum, herauszufinden, wie die krasse Ungleichheit der globalen Armut überwunden werden kann. Die Antwort, die darauf der Liberalismus geben kann, scheint paradox: durch das Zulassen von Ungleichheit. Das Zulassen von mehr Freiheit schafft unvermeidlich faktische Ungleichheit, doch sie schafft Anreize für unternehmerisches Handeln. Wolkenstein argumentiert:

Ökonomen wie Bryan Caplan argumentieren, dass freie Immigration der Schlüssel zur Bekämpfung der weltweiten Ungleichheit sei. Andere Ökonomen, wie etwa Hernando de Soto, haben in vielfältigen Studien gezeigt, dass klar definierte Eigentumsrechte unentbehrlich sind, um Armut zu bekämpfen. Eigentum darf nicht willkürlich umverteilt und muss verlässlich geschützt werden. Darüber hinaus lässt sich zeigen, dass in der Tat Liberalisierung mehr Gleichheit sowie mehr Wohlstand allgemein bedeutet. Der Kuchen wird größer und alle Menschen bekommen Kuchenstücke, deren Größe sich angleichen. Der Ökonom Barry Brownstein weist entsprechend darauf hin, dass Güter, die ehemals nur Wohlbetuchten (oder gar niemandem) zur Verfügung standen, durch den Kapitalismus heutzutage von der breiten Masse konsumiert werden können. 1900 gaben Amerikaner die Hälfte ihres Einkommens für Nahrung und Kleidung aus, heute weniger als 20 Prozent. Waren aus aller Welt erwarten uns im Supermarkt, die sich Könige früher nicht einmal vorstellen konnten!

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29. Mai 2016

Private Bildung in der Dritten Welt – die Armen profitieren

Logo Austrian Institute

In der Rubrik Aus der Sicht des Marktes legte Tomasz M. Froelich im Blog des neugegründeten Austrian Institutes einen Bericht über private Bildungsinitiativen in Indien vor. Bemerkenswert für die Diskussion über die Lage in unterentwickelten Ländern ist die Tatsache, dass selbst sehr arme Familien in die Bildung ihrer Kinder investieren, indem sie diese Privatschulen besuchen lassen. Sie begreifen, dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Aufstieg und zu einem höheren Lebensstandard ist. In Indien beispielsweise, wo die IT-Branche Weltniveau besitzt und eine unbefriedigte Nachfrage besteht, öffnet Bildung Türen zur Zukunft. Es wäre allerdings eine Übergeneralisierung, daraus den Schluss zu ziehen, dass das öffentliche Bildungswesen in Deutschland durch ein rein privates ersetzt werden könnte. In Indien, müssen wir annehmen, sind noch reiche unerschlossene Bildungsreserven vorhanden. In Deutschland haben wir mit dem durchlässigen und vielgliedrigen System eine weitgehende Ausschöpfung der Begabungen erreicht.

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28. Mai 2016

Abgasskandal: Die Umwelthilfe bekommt Geld von Toyota

Logo FAZ

In der Öffentlichkeit werden NGOs als Bürgerinitiativen und Vertreter von Bürgerinteressen wahrgenommen. Tatsächlich sind viele von ihnen Lobbyorganisationen und Teil des politischen Machtapparats ähnlich der Parteien. Die größten Umwelt-Initiativen (darunten WWF und Greenpeace) erhalten bis zu einem Drittel ihrer Europa-Budgets von der EU. Andere sind eng mit Industriebranchen verbandelt, etwa den Herstellern von Windkraftanlagen. Die FAZ deckt die Finanzierung der Deutschen Umwelthilfe durch Toyota auf. „Die finanzielle Höhe der Förderung durch Toyota beträgt seit rund fünf Jahren einen mittleren bis höheren fünfstelligen Betrag pro Jahr, mit dem zwei Projekte unterstützt werden“, heißt es auf Nachfrage der FAZ bei der Umwelthilfe. Die Umweltinitiative profiliert sich mit dem Vorantreiben des VW-Skandals. Die derzeit laufende Kampagne der DUH richtet sich ... vor allem gegen den Diesel – und damit gegen die Hauptwettbewerber von Toyota auf dem deutschen Markt. Explizit von der DUH empfohlen werden hingegen spritsparende und gleichzeitig saubere Alternativantriebe wie Erdgas, Flüssiggas (Liquefied Petroleum Gas, LPG), besonders sparsame- Euro-6-Ottomotoren oder auf Sparsamkeit entwickelte Benzin-Hybridantriebe. Marktführer für solche Benzin-Hybridantriebe aber ist Toyota.

Setzt man als Unternehmen scheinbar unparteiische NGOs für seine Zwecke ein, erhält die Kampagne gegen Markt-Konkurrenten ein moralisches Mäntelchen. Ähnlich funktioniert auch die Partnerschaft von Greenpeace und den GRÜNEN. Um die Windkraft- und Solaranlagen durchzusetzen, klopft Greenpeace mit Angstkampagnen die Bürger weich, und die grüne Partei treibt die anderen vor sich her. Die lachenden Gewinner sind die Investoren in die sogenannten alternative Energieerzeugung. Und das ist ein gewaltiger Geschäftszweig geworden.

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20. Mai 2016

Eine Streitschrift rechnet mit den Nationalisten ab

Logo Cicero

Die Journalistin Evelyn Roll ruft in einem Manifest zur Verteidigung der EU gegen den anschwellenden Nationalismus auf. Der Cicero fasst ihre Argumente zusammen. Sie bestreitet, dass eine Mehrheit in Europa wirklich das Ende der EU will. Im Gegenteil. Die Mehrheit sei nur müde, abgestumpft ratlos und gelähmt. Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung bestätigt das: „Die Mehrzahl der EU-Bürger unterstützt die Europäische Union und den Euro und ist davon überzeugt, dass die politische und wirtschaftliche Integration gestärkt werden sollte“, heißt es in der Studie. 71 Prozent gaben danach an, in einem möglichen Referendum für die EU-Mitgliedschaft ihres Landes zu stimmen. 63 Prozent der Befragten im Euro-Raum würden auch für den Verbleib ihres Landes im Euro-Raum votieren. Zudem seien 59 Prozent der Europäer davon überzeugt, dass die politische und wirtschaftliche Integration verstärkt werden sollte.

Marine Le Pen will die EU zerstören. Gauland jubelt über die Flüchtlingskrise als einem Geschenk an die AfD. Auf dem Spiel steht der Verlust der liberalen Demokratie, der hohe Stellenwert der Menschenrechte, die Leitbilder der Aufklärung. Die Nationalisten haben keine Agenda, die den europäischen Ländern eine gute Zukunft erschließen könnte. Sie sind untereinander zerstritten. Sie können keine gemeinsame Vision entwickeln. Die beiden verbliebenen Europaparlamentarier der AfD gehören verschiedenen Fraktionen an. Die polnischen Nationalisten hassen und fürchten Putin, während der FN sich von ihm finanzieren lässt. Nationalismus lebt vom nationalen Gegensatz, von der Abgrenzung und dem Anspruch auf Besonderheit der eigenen Nation. Noch ist das Verbindende unter den Europäern stärker als das Trennende. Damit es so bleibt, müssen wir für gemeinsame Lösungen kämpfen, d.h. für Lösungen von Problemen und für den Erhalt der Gemeinsamkeit. Die Konsolidierung der Banken macht Fortschritte. Die Arbeitsmarktreformen in den Schuldnerländern kommt voran. Es geht doch.

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9. Mai 2016

Der Rechtsruck hat nichts mit den Eliten zu tun

Logo Cicero

Die populistischen Parteien verstehen sich als eine Art Rebellion des kleinen Mannes gegen die da oben. Alexander Grau deutet AfD, FPÖ u. Co. im Cicero ganz anders: als Symptom einer Irritation innerhalb der Mittelschichten. Ein romantischer und unreflektierter Kosmopolitismus der Linken steht einem ebenso romantischen und ahistorischen Nationalismus der Rechten gegenüber. Die Seichtigkeit beider Ideologien spiegelt sich.

Liberalismus definiert sich jenseits dieser Strömungen durch Zuordnung der Teilmomente des Internationalen und des Nationalen in einem entwicklungsoffenen Prozess. Die größere Gefahr jedoch geht vom wieder erstarkten Nationalismus aus, der die transatlantische Bindung schwächen will und auf einen autoritären Staat zielt.

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7. Mai 2016

Milton Friedmans verstörte Kinder

Logo FAZ

Gerald Braunberger belegt im Wirtschafts-Blog der FAZ, dass viele der heute von Wirtschaftsliberalen geschmähten Maßnahmen und Ideen ursprünglich aus dem Ideengut Milton Friedmans stammen. Das Bedingungslose Grundeinkommen, besonderes Hassobjekt der Wirtschaftsliberalen, ist keine Erfindung der Sozialisten. Friedman sprach in seinem populären Werk Kapitalismus und Freiheit von einem Grundeinkommen und von einer negativen Einkommenssteuer. Auch die gemäßigte Inflationspolitik, die von den Libertären mit der Hyperinflation nach den beiden Weltkriegen verwechselt wird, geht auf die Idee der optimalen Geldmenge zurück, die Friedman nicht erfand, aber vertrat. Ankäufe von Staatsanleihen schug er 1998 für Japan vor, da die japanische Geldpolitik nicht expansiv genug sei. Der Niedrigzins der Fed und der EZB müsste ihm gefallen, denn seiner Ansicht nach ist der optimale Zins gleich Null.

Friedman vertrat in wirtschaftspolitischen Fragen genau die Eckpunkte, die heute von linker Seite als Neoliberalismus kritisiert werden. Darum ist diese Bezeichnung durchaus zutreffend. In sozialpolitischer Hinsicht war er allerdings stockkonservativ. Er müsste also denjenigen Wirtschaftsliberalen gefallen, die nationalliberal und konsservativ ausgerichtet sind. Ich vertrete wirtschaftspolitisch die Misessche Position, der sich gegen Zinsmanipulationen und gegen Inflation und Kreditausweitung aussprach. (Übrigens muss auch hier ein Missverständnis ausgeräumt werden. Mises sprach sich nie gegen Kredite aus und stellte auch nicht das fractional banking an den Pranger.) Doch ein Grundeinkommen ist in einer humanen Gesellschaft erforderlich. In Deutschland wird es als Hartz IV gewährt, allerdings nicht bedingungslos.

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4. Mai 2016

Donald Trump ist nicht das Problem

Wer die kometenhaften Aufstiege Donald Trumps in den USA und der AfD in Deutschland vergleicht, wird Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede erkennen. Gemeinsam ist die Unzufriedenheit mit der politischen Klasse. Die liberale Demokratie steht unter Druck. Der Staat schafft es nicht mehr, weder in Amerika noch in Europa, seinen Bürgern das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.

In seiner Analyse im Blog der DGAP sieht Dr. Josef Praml Parallelen für den Zulauf der Populisten in Defiziten der Politik, die von den herrschenden Eliten vertreten werden. Eine der Parallelen ist die Verbindung von schleichender Inflation, Staatsverschuldung und Niedrigzinspolitik, die eine Umverteilung (manche nennen es auch Raubzug) von Vermögensrücklagen der Sparer zu den Playern des Finanzsektors darstellt. Wenn der Staat in seiner Aufgabe nachlässt, den allgemeinen Wohlstand mehren zu helfen und die Sicherheitsbedürfnisse der Bürger zu befriedigen, wenn also eine bedrohliche Tendenz zu Verarmung und existenzieller Unsicherheit um sich greift, schwächt sich die Integrationskraft des Staates ab und der Bürger rebelliert. Die beste Waffe gegen den gefährlichen Populismus ist eine Beendigung der Niedrigzinspolitik.

Interessant sind auch die Hinweise auf die Pervertierung der Parteienlandschaft in den USA. Dort waren Parteien ohnehin immer schwächer als in Europa. Doch die Wahlkapfmaschinen werden immer stärker von Interessengruppen und Superreichen finanziert und damit kontrolliert. Die libertären Öl-Milliardäre und Eigentümer von Koch Industries (die das Cato-Institut maßgeblich finanzieren) investierten in Jeb Bush, Marco Rubio und Ted Cruz. Hillary Clinton wird von der Wall-Street unterstützt. Die jeweiligen Gegenkandiaten profilieren sich gegen das Geld-Establishment in rechter (Trump) oder linker (Sanders) Verpackung. Trump ist nicht das Problem, sondern dessen Symptom. Eine Präsidentschaft Trumps könnte das rechtspopulistische Lager ziemlich durcheinander bringen.

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2. Mai 2016

Presseecho auf den Parteitag der AfD: Besorgnis über eine Rückwärtswendung Deutschlands

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Der Deutschlandfunk stellte einen Pressespiegel zum Parteitag der AfD vom 1. Mai zusammen, in dem die Besorgnis der Qualitätspresse aus europäischen Ländern zum Ausdruck kommmt. Ich zitiere einige Stellen:

Die AfD hat die Katze aus dem Sack gelassen", schreibt die kroatische Zeitung JUTARNJI LIST: "Die Forderung, die bisher nur inoffiziell immer wieder erwähnt wurde – wonach der Islam nicht Teil Deutschlands sein kann - ist jetzt in das Parteiprogramm aufgenommen. Die Partei geht sogar noch weiter und behauptet, dass der Islam mit dem deutschen Grundgesetz nicht vereinbar sei. Sogar der liberale Flügel der AfD hat sich für den Schutz der westlichen christlichen Kultur eingesetzt. Damit werden die Muslime in Deutschland zu einem Fremdkörper in der Gesellschaft erklärt."
Das Postulat, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, ist eine völlig unbestrittene Position der Partei. Was die Führungskräfte anbetrifft, war es nicht der Parteitag der defensiv wirkenden Frauke Petry. Der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen stahl ihr die Schau. Seine Rede skizzierte, wie sich die AfD politisch zu Konservatismus, Freiheit und Patriotismus stellt. Mit polemischen Sätzen über das 'links-rot-grün verseuchte 68er Deutschland' sicherte er sich stehenden Applaus und Rückhalt in der Partei." Soweit die Stimme der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG.
Weg mit dem Euro, weg mit Gender, weg mit den Muslimen – die deutschen Populisten wollen die Zeit um ein halbes Jahrhundert zurückdrehen", ist in der polnischen Zeitung GAZETA WYBORCZA zu lesen: "Die Alternative für Deutschland kam als Euro-Gegner auf die politische Bühne, jetzt kämpft sie gegen den Islam in Deutschland. Und nach ihrem Parteitag könnte die Gruppierung noch weiter nach rechts abdriften. Sie will Deutschland in die Sechziger Jahre zurückversetzen.
Die tschechische Zeitung MF DNES findet, dass sich die AfD bei der Formulierung ihres Parteiprogramms durchaus taktisch geschickt verhalten hat: "Stark euroskeptisch, aber noch nicht offen den Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union fordern; anti-islamisch, aber vorerst ohne die muslimische Minderheit anzugreifen; gegen Zuwanderung, aber noch nicht fremdenfeindlich - das Programm der AfD ist so zugespitzt wie möglich, zugleich aber für die deutsche Mehrheitsgesellschaft gerade noch akzeptabel. Mit diesem Programm will die Partei ihre Erfolge bei den jüngsten Landtagswahlen wiederholen, aus denen sie als drittstärkste politische Kraft in der Bundesrepublik hervorgegangen war."

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1. Mai 2016

Es gibt kein sauberes Kokain

Die mexikanische Journalistin Ana Lilia Peréz. Bild: Pantheon Verlag

Die FAZ führte ein Interview mit mit der mexikanischen Journalistin Anna Lilia Pérez, die mit dem Leipziger Medienpreis ausgezeichnet wurde, über den internationalen Drogenhandel und die Rolle des mexikanischen Staates. Durch die Illegalität der Drogen werden die Geschäfte von kriminellen Banden geführt, die dazu Polizei und Politiker bestechen. Die Drogenkriminalität wird zum Geschäft für Staatsbeamte. Die Presse wird durch Anzeigen des Staates wirtschaftlich abhängig gemacht und mit Hilfe eines Abkommens über Zurückhaltung in den Dienst der Machtinteressen gestellt. Mexiko ist ein typisches Beispiel für einen extraktiven Staat, also einer Oligarchie, bei der eine Oligarchie Staat und Wirtschaft beherrscht, während die Massen arm und rechtlos bleiben. Die Schilderungen von Frau Pérez sind ein eindrucksvolles Anschauungsmaterial für diesen Typ der Gesellschaft.

Nach ihren Enthüllungen musste Frau Pérez nach Deutschland fliehen, um sich der Rache zu entziehen. Im Exil schrieb sie ein Buch („Kokainmeere“), das gerade im Pantheon-Verlag erschienen ist. Sie lebt inzwischen wieder in Mexiko, wo sie Nachwuchsjournalisten ausbildet.

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30. April 2016

Energie für Afrika

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Thilo Spahl analysiert in Novo Argumente die Sicht westlicher Ökologisten auf den Energiebedarf Afrikas. Ein Beispiel ist der philanthropische Start-up-Unternehmer Lars Krückeberg: „16 Prozent der Weltbevölkerung leben ohne Stromanschluss. Sie haben keinen Strom. Und sie werden keinen Strom haben. Es ist einfach zu teuer, Straßen und Stromleitungen zu diesen ländlichen Gebieten zu bauen. Es wird niemals geschehen.“ Der Lebensstandard Afrikas soll den klimapolitischen Wahnvoprstellungen und Null-Wachstumsphantasien untergeordnet werden. Öko-Imperialismus könnte man es nennen.

Der sehr lesenswerte Artikel reiht Tatsachen an Tatsachen, die uns ein realistisches Bild des aus dem Schlaf erwachten Kontinent vermitteln. Die Investitionen in den Energiesektor sind beeindruckend. Es werden Staudämme gebaut, Gaskraftwerke und Stromnetze. Bis auf Marokko setzen alle Länder auf Kohle, Gas und Kernkraft. Die Effizienz eines Gaskraftwerks pro investiertem Dollar ist dreimal so hoch wie bei Solaranlagen. Der Investitionsbedarf wird auf 300 Milliarden Dollar geschätzt. Leider finden sich unter den internationalen Investoren Chinesen, Russen und Brasilianer, doch kaum Unternehmen aus der EU. Die träumt von sog. Off-Grid-Lösungen, also lokalen Energiequellen, die Hütte für Hütte aus erneuerbaren Energien spärlich Strom erzeugen.

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29. April 2016

Russlands Intellektuelle: «Die Gesellschaft hat versteckte Formen der Revolution»

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Der Deutschlandfunk führte eine Gespräch mit der russischen Autorin und Verlegerin Irina Prochorowa über die Entwicklung der geistigen Opposition. Sie schätzt die Unterstütztung Putins bei 50 bis 70 % ein. Es gäbe keine, mit den Dissidenten der Sowjetunion vergleichbaren populären Oppositionsfiguren, aber die Gegner formierten sich leise. Vor einem Jahr hat es wirklich so ausgesehen, dass alles verloren war mit dem Ukraine-Krieg. Aber jetzt mobilisiert sich die Gesellschaft. Als ehemaliger Sowjetmensch sehe ich diesen geheimen Prozess. Zu Beginn der Perestroika Ende der 80er-Jahre entstand eine Reihe von Diskussionsklubs, in denen die Leute alle nötigen Veränderungen der Gesellschaft durchdeklinierten. Und heute gibt es wieder in Moskau und Sankt Petersburg eine Unmenge sogenannter offener Lektionen und geschlossener Diskussionsklubs. Ich weiß das, denn ich trete dort oft genug auf. Die offizielle Politik Putins sei ein aggressiver Nationalismus. Putin würde mit der Nation identifiziert. Wer sich gegen ihn stelle, würde als nationaler Feind angesehen. Die Schaffung einer Leibgarde erinnere an die Zarenzeit. Die Justizeinrichtungen würden in Straforgane umgewandelt. Russland sei auf dem Weg in einen totalitären Staat.

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28. April 2016

Neue Batterien nicht in Sicht

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Was kommt nach der Lithium-Batterie?, fragt der Deutschlandfunk. Die Antwort ist ein Bericht über Laborversuche. Eine Alternative zur derzeitigen für Elektroautos völlig unzureichenden Lithuim-Baterie ist noch nicht einmal im Labor gefunden. Forscher am Fraunhofer IWS in Dresden experimentieren mit verschiedenen Stoffen, etwa mit Schwefel-Kathoden für die herkömmlichen Lithium-Ionen oder auch mit Natrium statt Lithium oder mit einer Kombination aus Natrium und Schwefel. Ob dies zu leistungsfähigeren Lösungen führen wird, steht in den Sternen. Die Rohstoffe sind allerdings billiger. Daher auch der Anreiz.

Wie kann man nur eine ausgereifte Technologie gegen eine andere austauschen wollen, bevor diese gefunden wurde? Die Energiedichte von Brennstoffen (Energie pro Masse) übertrifft alle bekannten Alternativen außer der Kernenergie. Aus physikalischen Gründen können Batterien nicht annähernd damit konkurrieren. Hier wird sozusagen am «lebenden Herzen» operiert. Klimapolitischen Zielen wird eine ganze Wirtschaftsbranche unterworfen, und zwar diejenige, die für unser Land die stärkste Säule darstellt. Die natürliche Vorgehensweise wäre: Zuerst bieten Unternehmer neue (ausgereifte) Produkte an, die Konsumenten entscheiden, ob der Nutzen den Preis rechtfertigt. Dann setzen die Produkte sich am Markt durch oder nicht. Wenn nicht, drohen Verluste, die aber die Unternehmer in Eigenverantwortung riskierten. Wenn ja, winken Gewinne, die zu Anreizen werden, die Produkte weiter zu entwickeln. Letztlich steuert der Verbraucher. Doch hier steuert der Staat. Die Rechnung bezahlt der Steuerzahler, ob er will oder nicht.

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27. April 2016

Senken E-Cars den CO2-Ausstoß?

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Nach dem Beschluss des Autogipfels, bestehend aus der Bundesregierung und Vertretern der Automobilindustrie, jeden Neukauf eines E-Autos bis zu einem Kaufpreis von 60.000 Euro 4000 Euro draufzulegen, ist es gut zu wissen, ob mit diesen Fahrzeugen das Ziel einer Senkung des Kohlendioxidausstoßes erreicht werden kann. Die Kalte Sonne berichtet: Noch immer gibt es keine effektive Speichermöglichkeiten für Strom. An sonnigen Starkwindtagen wird ein Großteil des erzeugbaren Stroms mangels Speicher verschenkt. Autos fahren jedoch auch an Flautetagen und nachts. Dann kommt der Strom aus Kohlekraftwerken, die mehr CO2 ausstoßen als bei Verwendung von Benzin und Diesel. Wie sieht die CO2-Bilanz wirklich aus? Ein gutes Beispiel kommt aus Hong Kong, wo der vermehrte Einsatz von Elektrofahrzeugen einen Anstieg der CO2-Emissionen zur Folge hat. Die Kalte Sonne bezieht sich auf einen Bericht von Bloomberg vom 14. April 2016.

Im zweiten Teil des Blogbeitrags wird ein Leitfaden der Klimalarmisten zur Diskussion mit Skeptikern angesichts der wissenschaftlichen Ungewissheit ihrer Argumentation aufgespießt. Ganz amüsant zu lesen.

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21. April 2016

Intelligente Integration: ... wir haben es selbst in der Hand

Axel Börsch-Suppan promovierte 1984 in VWL bei Daniel McFadden am MIT in Cambridge, Mass. Seit Januar 2011 ist er Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft. Sein Mannheimer Forschungsinstitut ist seit 2011 als Munic Center for Economics of Aging (MEA) Teil des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München.

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Die Zeitschrift der Friedrich-Naumann-Stiftung liberal führte ein Interview mit dem anerkannten Demografie-Experten (S. 30-31). Er setzt sich für eine Integration von jungen Einwanderern in Deutschland und Europa ein. Die meisten, die heute zu uns kommen, seien zwar schlecht oder unpassend ausgebildet, aber jung und bildbar. Deutschland brauche eine stetige Einwanderung. Bislang würden wir von Wellen überrollt. Auch die EU benötige sie. Kritisch setzt er sich mit den Zugangserschwernissen zum Arbeitsmarkt auseinander. Insbesondere der Mindestlohn sei ein großer Fehler. Es gäbe beim Mindestlohn Ausnahmen für Langzeitarbeitslose, die für die Flüchtlinge gut gebraucht würden. «Wo es auch immer geht, sollten wir die Einwanderer durch unsere vielen Regularien nicht behindern. ... Man könnte viel flexibler sein bei den Vorschriften, die einzelne Berufe betreffen. ... Wer nicht irgendeinen gesetzlich definierten Status hat, wird in Deutschland planmäßig vom Arbeitsmarkt ferngehalten - diese schrecklichen Regelungen müssen weg. Denn dies alles führt dazu, dass die Einwanderer nicht arbeiten dürfen und stattdessen in den Erstaufnahmeeinrichtungen herumhängen. Fast zwangsläufig kommt der eine oder andere so auf dumme Gedanken.»

Meiner Meinung nach muss das Modell Deutschland insgesamt auf den Prüfstand. Wir sind eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft geworden, die es vergleichsweise gut versteht, alle soziale Schichten am gesellschaftlichen Wohlstand zu beteiligen. Wir erreichen dies aber mit der Einrichtung von Zugangserschwernissen und einer tariflichen und gesetzlichen Versteifung des Arbeitsmarkts, was zu einem Ausschluss von einigen Millionen Erwerbsfähigen und ihrer Unterhaltung aus steuerlichen Mitteln führt. Gleichzeitig verhindern wir damit die Möglichkeit, dass schlechter ausgebildete Einwanderer wirtschaftlich Fuß fassen und letztlich Integration in nennenswertem Umfang überhaupt. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen aus unterentwickelten Gebieten zu uns aufbrechen, haben wir nur die Wahl zwischen sozialpolitischer Öffnung oder illegaler Einwanderung.

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19. April 2016

Islamischer Staat: Wenn das Töten nicht ausreicht

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Nicolas Hénin befand sich zehn Monate lang in Gefangenschaft des IS. Er kennt bekannte Mitglieder und spricht fließend arabisch. Auch heute noch unterhält er Kontakte zum IS und verfolgt ihre Entwicklung. Die NZZ sprach mit ihm in Paris.

«Wir haben die Dimension des Problems nicht erfasst», sagt Hénin. «Wir müssen uns mit Tausenden jungen Erwachsenen auseinandersetzen, die sich dem IS angeschlossen haben. Und sie kommen nicht aus dem Nichts. Sie sind Produkte unserer Gesellschaft.» Produkte einer gescheiterten Integration, wie sie sich vor allem in Frankreich in Gestalt eines völlig fehlgeleiteten, sozial ausgrenzenden Wohnungsbaus manifestiert. Doch sind eben nicht nur die Kinder der Banlieues für die jihadistische Subkultur anfällig. Unter den IS-Rekruten finden sich Konvertiten mit christlichem Hintergrund (laut Behörden 25 Prozent), Jugendliche aus Mittelschichtfamilien, Leute mit Hochschulabschluss. «Die Religion ist nur eine übergestülpte Identität», erzählt Hénin, während wir um den Gare du Nord schlendern. «Was diese Leute antreibt, sind Demütigungen oder Verschwörungstheorien. Sie sehen einen apokalyptischen Prozess im Gang. Der Westen gegen die Muslime.» Diese Weltsicht fand Hénin erst vor zwei Tagen wieder bestätigt, als er mit einem IS-Mann chattete. Der regelmässige Kontakt mit jenen, die seine Wächter und Peiniger hätten sein können, ist für ihn keine Therapie, sondern journalistische Arbeit. «Mein Kontaktmann sah die letzten Anschläge als gerechte Strafe für Frankreichs Erniedrigung der Muslime und als Rache für die Luftangriffe gegen das Kalifat.»

«Terrorismus besteht zu 95 Prozent aus Propaganda und zu 5 Prozent aus Peng, peng», sagt Hénin. Wenn also der Sprecher des «Kalifen» über die sozialen Netzwerke verkündet, dass 400 neue Kämpfer auf dem Weg nach Europa seien, wo sie selbst entscheiden dürften, wo, wann und wie sie neue Anschläge verübten, kann diese Zahl stimmen oder auch nicht – viel wichtiger ist der Effekt, den die Nachricht auslöst. Es steckt ja bereits im Wort, dass der Terrorist nicht töten, sondern terrorisieren will. Einen Gegner zu töten, reicht nicht aus. Viel effektiver ist es, ihn in Angst und Panik zu versetzen, zu lähmen oder zu Überreaktionen anzustacheln. Spielen die Medien dieses Spiel mit und verklären den IS als das absolute Böse, können sich die Extremisten zufrieden zurücklehnen. Zu einer multinationalen Gruppe wurde die Terrorsekte aber erst, als sich den wütenden Sunniten vor Ort Europas Jihadisten anschlossen, die «verlorenen, frustrierten oder marginalisierten Kinder der Globalisierung».

Ingewisser Weise ist der Jihadismus in unserer Mitte das Produkt einer exklusiven Einstellung zu den Einwanderern. Wenn wir sie in Gettos stecken, sie mit staatlichen Zuwendungen ohne Gegenleistung am Leben halten, aber ihnen Integrations- und Aufstiegsschancen verwehren, schaffen wir die Brutstätten des Hasses und der Rache.

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17. April 2016

Hitlers Erbe: Antiamerikanismus und Antisemitismus

Der irische Historiker Brendan Simms entwarf eine Genesis des Hitlerschen Antisemitismus, die für uns aufschlussreich ist. Cicero fasst seine Befunde zusammen:

Hitler wurde ein Gegner der Briten und wohl auch ihrer amerikanischen Verwandten, bevor er ein Feind der Juden wurde. Und er wurde ein Gegner der Juden wegen seiner Feindschaft gegenüber den angelsächsischen kapitalistischen Mächten. Als Belege dafür dienen Quellen rund um das Jahr 1919. In dieser Lesart bedingen sich Hitlers Antisemitismus und sein Antikapitalismus: Die Juden müssten bekämpft werden, weil sie das internationale Kapital stützten, verkörpert durch die Vereinigten Staaten, und Deutschland intern schwächten. Der Antibolschewismus hätte demnach lediglich eine abgeleitete Funktion: Weil der Bolschewismus die Abwehrkräfte einer Gesellschaft erlahmen lasse, habe es der internationale Kapitalismus leicht, sich in diesen auszubreiten. Hitler hasste Amerika als herausragendes Symbol des internationalen Kapitalismus. Deshalb wetterte er gegen Deutsche, die über den großen Teich auswanderten. Daraus wiederum resultierte sein Lebensraum-Konzept. Die Ressentiments dieser Ideologie kreisen im Wesentlichen um die Chiffren Amerika, Juden, Kapitalismus. Von den Interaktionen dieses Konglomerats, glaubte Hitler, werde Deutschland im Kern bedroht.

Plötzlich jedenfalls wird begreiflich, dass sich – etwa bezogen auf NSA, Drohnen, Finanzkrise – viele empörte Kommentare von Mitgliedern der „Alternative für Deutschland“ und der Linkspartei nicht voneinander unterscheiden. Beatrix von Storch und Sahra Wagenknecht, um nur zwei Beispiele zu nennen, senden zum transatlantischen Verhältnis auf derselben Frequenz. Vor zehn Jahren schrieb der Soziologe Andrei S. Markovits das Buch „Amerika, dich hasst sich’s besser“, ein Klassiker der Antiamerikanismus-Lehre. Antiamerikanismus und Antisemitismus seien Zwillinge, heißt es darin, „Amerika und die Juden waren der europäischen Rechten und den Konservativen immer als Repräsentanten einer unaufhaltsamen Moderne suspekt und verhasst“. Ebenso gehe bei vielen Linken der „neue, auf Israelfeindschaft gründende Antisemitismus Hand in Hand mit ihrem Antiamerikanismus“. Brendan Simms sucht auch in Äußerungen des populären französischen Komödianten Dieudonné M’bala M’bala, der Hamas, der Führung im Iran und von Ungarns neonazistischer Jobbik-Partei nach Analogien. Antisemitismus plus Antiamerikanismus plus Verachtung des kapitalistischen Westens – das verbinde sich zu einer „zunehmend kohärenten ideologischen Koalition über Klassen, Rassen und Kontinente hinweg“, folgert er. Mal sehen, was aus „Wehret den Anfängen!“ wird, wenn seine Hitler-Biografie erscheint.

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16. April 2016

Assimilation funktioniert

In den USA werden seine Studien rezipiert, in Europa ignoriert. Ruud Koopmans These: Nicht die Diskriminierung der Migranten ist die Herausforderung, sondern ihre Selbstdiskriminierung. Die NZZ im Gespräch mit Ruud Koopmanns:

«Does assimilation work?» Allein die Frage ist für manche Provokation genug, nicht zu reden von der Antwort: Ja, sie funktioniert! Dies ist Koopmans' Fazit aus einer Befragung von 7000 Muslimen in sechs europäischen Ländern. Je höher ihre soziokulturelle Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft, umso besser ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dann gibt es, gleiche Qualifikationen vorausgesetzt, kaum mehr Differenzen zu den Jobchancen der Nichtmuslime. Doch was heisst Anpassung für Koopmans? Zunächst einmal nicht zwangsläufig Preisgabe des eigenen Glaubens. Aber es bedeutet, sich problemlos in der Sprache des neuen Wohnlandes verständigen zu können und hauptsächlich dessen Medien zu nutzen. Es bedeutet ferner, Freunde und Bekannte nicht nur in der eigenen Ethnie, sondern ebenso in der Mehrheitsgesellschaft zu finden, allenfalls auch Familienangehörige. Und schliesslich sollen die Auffassungen über die Rolle der Frau der durchschnittlichen Vorstellung in der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Unter diesen Umständen stehen die Integrationschancen gut. Wer kulturell möglichst auf Distanz zum Wohnland bleibt, wird sich immer schwertun mit der Integration, und das ist laut Koopmans bei fast der Hälfte der europäischen Muslime der Fall. Man könnte dies eine freiwillige Selbstdiskriminierung der Immigranten nennen. Koopmans' letzte grosse Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass von den 7000 befragten Muslimen in sechs westeuropäischen Ländern nicht weniger als 65 Prozent der Meinung sind, dass religiöse Regeln wichtiger für sie sind als säkulare Gesetze. Fast 60 Prozent wollen explizit keine homosexuellen Freunde, und 45 Prozent glauben, dass man «Juden nicht trauen kann». Mehr als 40 Prozent der europäischen Muslime, so Koopmans' Fazit, neigten deshalb zu einer fundamentalistischen Haltung. Das heisst nicht, Diskriminierung spiele überhaupt keine Rolle. Nur eben eine viel kleinere als seit Jahren behauptet, sagt Koopmanns. «Viele Zuwanderer sind anfangs hochmotiviert. Doch die Erfahrung zeigt, dass ein stark ausgebauter Wohlfahrtsstaat ihre Motivation in kürzester Zeit untergräbt. In den USA, wo die sozialen Fangnetze fehlen, passiert das nicht», erklärte er im Januar an einer Tagung der CDU in Berlin. Und beruhigte die Anwesenden sogleich, er wolle nicht gleich den Wohlfahrtsstaat abschaffen. Koopmans will keine amerikanischen, aber auch keine schwedischen Zustände in Europa, denn in Schweden ist die Abhängigkeit der muslimischen Migranten von der staatlichen Fürsorge extrem hoch – und die Integration in den Arbeitsmarkt gerade deswegen alles andere als erfolgreich. Für den, der arbeiten kann, aber nicht muss, ist die Selbstisolation jederzeit eine valable Option. Was es nach Koopmans braucht, sind klare Anreize in der europäischen Migrationspolitik, die eine Integration der Immigranten über die Ausübung einer entlöhnten Tätigkeit erzwingen.

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15. April 2016

Rauchen während der Schwangerschaft hinterlässt Spuren im Erbgut des Kindes

Der Pressedienst der Universität Heidelberg meldet: Studie zeigt erstmals Veränderungen epigenetischer Verstärker-Regionen und deren Bedeutung für spätere Erkrankungen des Kindes

Wenn Mütter während der Schwangerschaft rauchen, beeinflussen sie damit nachhaltig die epigenetische Programmierung des Erbguts ihres noch ungeborenen Kindes. Das kann zu einem erhöhten Risiko von Lungenerkrankungen führen. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig sowie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg und der Universität Heidelberg haben herausgefunden, dass diese Veränderungen nicht auf einzelne DNA-Regionen begrenzt sind. Sie konnten zum ersten Mal zeigen, dass eine Belastung durch Tabakrauch auch epigenetische Veränderungen in Verstärkern der Genregulation, sogenannten Enhancern, hervorruft, wie UFZ-Umweltimmunologin Dr. Irina Lehman erläutert. Diese deregulierten Enhancer verteilen sich über das gesamte Erbgut. Die Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal „Molecular Systems Biology“ veröffentlicht. ... In ihrer Analyse haben die Wissenschaftler mehr als 400 Enhancer ausgemacht, die vom Tabakrauch betroffen waren. Diese regulieren Gene, die unter anderem bei Diabetes, Fettleibigkeit oder sogar Krebs eine Rolle spielen. „Durch diese Entdeckung beginnen wir jetzt, die Mechanismen zu verstehen, die dazu führen, dass das Rauchen zu so unterschiedlichen Krankheiten führen kann“, so Prof. Eils.

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14. April 2016

Klimamodelle hinterfragt: Wasserhaushalt schwankte im 20. Jahrhundert weniger stark als erwartet

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Die Kalte Sonne hinterfragt systematisch die in den IPCC-Berichten zusammengefassten Modellrechnungen. Eine der Kernthesen der Klimaalarmisten ist folgende: Durch den Welttemperaturanstieg nehmen Dürreperioden zu. Dies führt zu chaotischen Flüchtlingswellen aus den Dürregebieten in die gemäßigten Zonen. Scharen von Fachwissenschaftler sammeln empirische Daten, anhand derer sich die Modellrechnungen beweisen müssen. Es gibt zwei empirische Wege zur Verifikation oder Falsifikation von Modellrechnungen: Sie werden als Prognosen aufgefasst und die tatsächlichen Messwerte werden mit den vorausgesagten verglichen. Oder die Modelle werden in die Vergangenheit gewendet. Dann müssen sie die Messdaten vergangener Zeiträume rechnerisch rekonstruieren können. Dieser Weg ist insofern interessant, weil wir nicht Jahrhunderte warten müssen, bis die Zeit die Daten der Zukunft erbringt, sondern nur so lange, bis wir die Vergangenheit in Daten erfasst haben.

Hier sind besonders die Geologen und die Palöo-Metereologen gefragt. Anhand von Baumringen, Tropfsteinen oder geologischen Spuren von Wasserständen sowie durch Eisbohrungen lassen sich Daten der Vergangenheit erheben und vergleichen. Inzwischen häufen sich die Aufsätze in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften wie z. B. Nature, in denen die Modellrechnungen als untauglich ausgewiesen werden. So konnte die wahrscheinliche Niederschlagsmenge der vergangenen Jahrhunderte nicht mit ihnen rekonstruiert werden. Tatsächlich ergab sich, dass es keine strenge Korrelation zwischen Temperatur und Niederschlagsmenge gibt. Es kann durch Erwärmung (und natürlich auch durch Abkühlung) sowohl weniger als auch mehr Niederschlag entstehen.

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8. April 2016

Das Netzwerk der Euromaidan-Verleumder

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Obwohl schon einige Monate alt, passt ein Artikel der Zeit sehr gut zu der Analyse über Putins französische Freunde, der heute unter die theoretischen Texte gestellt wurde. Dr. Anton Schechowtsow (forscht am Londoner University College zum Rechtsextremismus in West- und Osteuropa) untersuchte die Verbindungen zwischen der Kremlpropaganda und westlichen Intellektuellen, die sich ihr anschlossen. Sehen westliche Beobachter die Demonstrationen meist als Ausdruck legitimer gesellschaftlicher Auflehnung gegen ein autoritäres Regime, stellen die russische Führung und ihr nahe stehende Medien die Demonstranten als Terroristen, Rechtsextremisten oder gar Faschisten dar.

Bemerkenswerterweise gibt es dazu auch eine ganze Reihe im Westen erscheinender Texte, die die Verleumdung des Euromaidans durch den Kreml replizieren und die Kiewer Demonstranten ebenfalls als von ethnozentrischen Ultranationalisten dominiert oder angeleitet darstellen. Unter den in Westeuropa oder Nordamerika tätigen Kommentatoren, die dabei auffallen, ist eine ganze Reihe von Autoren, die auf diese oder jene Art mit Moskau verbunden ist. Einige Beispiele:

Eric Draitser, Neil Clark, Mark Almond, John Laughland, Natalija Narotschnizkaja, F. William Engdahl: Die russische nationalkonservative Historikerin Natalija Narotschnizkaja leitet seit 2008 die Pariser Filiale des sogenannten Institute for Democracy and Cooperation (Institut für Demokratie und Zusammenarbeit), gemeinsam mit dem britischen Euroskeptiker und Journalisten John Laughland als Studiendirektor. Zwei der oben genannten Autoren sind mit dem US-amerikanischen, von Daniel McAdams geleiteten Ron Paul Institute for Peace and Prosperity (Ron-Paul-Institut für Frieden und Wohlstand) verbunden: Mark Almond und Laughland. Die Website des Instituts strotzt vor alarmistischen Artikeln über Verbindungen zwischen dem Kiewer Euromaidan und der ukrainischen extremen Rechten. Besonders markant sind die Tiraden von Almond, der sich fälschlicherweise als Professor für Geschichte an der Universität Oxford vorstellt. Das erwähnte kanadische Centre for Research on Globalization wird geleitet von Michel Chossudovsky. Mitarbeiter sind Neil Clark, Mahdi D. Nazemroaya und F. William Engdahl. Alle drei gehören dem wissenschaftlichen Beirat der italienischen Zeitschrift Geopolitica an, wie auch Laughland und Narotschnizkaja. Herausgeber der Geopolitica ist Tiberio Graziani, ein leidenschaftlicher Eurasier und Mitglied des Obersten Rates der Moskauer sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung, die von dem russischen Faschisten Alexander Dugin gegründet wurde und angeführt wird. Dugin rief etwa 2008 zur Okkupation Georgiens durch Russland auf und reiste mit seinen Anhängern von der Eurasischen Jugendunion kurz vor dem Georgien-Krieg nach Südossetien. Die Geopolitica wiederum ist ein Ableger des italienischen rechtsextremen Journals Eurasia: Rivista di Studi Geopolitici (Eurasien: Zeitschrift für geopolitische Forschungen), das von dem italienischen Nazi-Maoisten Claudio Mutti herausgegeben und verlegt wird. Dem wissenschaftlichen Beirat des Journals gehört neben Dugin auch F. William Engdahl an, der Anfang Februar einen Artikel zu den ukrainischen Protesten veröffentlichte und sie als das wohlorchestrierte Werk einer aus den USA finanzierten Organisation mit Ursprung in Belgrad beschreibt, zudem von einer «dunklen Agenda» der Opposition spricht. Dugin wirbt in seinen Schriften bereits seit den neunziger Jahren für die Idee der Zerschlagung und Kolonialisierung der Ukraine durch Russland. Er initiierte unter anderem die Gründung der italienischen nationalsozialistischen Organisation Stato & Potenza (Staat und Gewalt), welche die Russische Föderation öffentlich zur Annexion der Ukraine aufruft. Dugin und Mutti sind seit 1990 befreundet, und Mutti ist eng verbunden mit Stato & Potenza.

Fehlen nur noch Horst Mahler und Bernd Rabehl. Entzückend wie sich hier elitäre Faschisten mit elitären Libertären zu einer Querfront mit Ex-Maoisten einfinden. Im Wikipedia-Eintrag zu Alexander Dugin finden sich einige Hinweise auf seine Verbindungen zur AfD, zur Linken und diversen extremen rechten und linken Blätter.

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7. April 2016

Das Wörterbuch der Neuesten Rechten

Auszug aus Junge Freiheit

Auszug aus Junge Freiheit online, vom 15. Februar 2016.

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Die FAZ nimmt sich die Begriffe der Neuen Rechten vor, um ihren ideologischen Sinn freizulegen. «Wenn Publizisten und Politiker im rechten Milieu und an dessen Rändern Begriffe umcodieren, ist das kein akademisches Sprachspiel. Es geht dabei um Deutungshoheit.» Wörter nehmen im lebendigen Sprachgebrauch ihre Bedeutung erst in den Sätzen an, in denen sie verwendet werden und über den Kontext dieser Sätze. Kinder lernen Wörter zu begreifen, indem sie sie in Sätze einbauen und prüfen, ob sie verstanden werden. Auf diese Weise lässt sich ein konventioneller Bedeutungshof eines Wortes durch Versetzung in einen anderen Kontext umprogrammieren. Nehmen wir als Beispiel den bekannten Euphemismus ethische Säuberung, bei dem Genozid als Reinigung gedeutet wird.

Folgende Begriffe werden untersucht: das Eigene, Genderwahn, Geschichte, Hypermoral, Islam, Legitimität, Lügenpresse, Rasse, Realität, Thymos, Vereinigte Staaten und Widerstand. Wer meint, dass er in dieser Aufzählung von Ausnahmen abgesehen beschreibendes oder wertneutrales Vokabular vorgelegt bekommt, wird überrascht sein, welchen Hintersinn den Wörtern bei ihrer ideologischen Instrumentalisierung hinzugefügt wird. Ein Beispiel mag dies erhellen:

«Realität: Kampfbegriff gegen „die Naivität, Dummheit und Weltfremdheit von naiven, dummen und weltfremden Menschen, die Wünschbares und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten können“ („Junge Freiheit“), mithin gegen linke und im weiteren Sinn universalistische Vorstellungen, die gemäß einer im rechten Milieu verbreiteten Anschauung den Blick auf das Offensichtliche verstellen. Die „Spannung zwischen Realität und Ideologie“ ist aus dieser Sicht durch die „realitätsfremde Willkommenskultur“ so groß wie nie zuvor: Der „Amoklauf gegen die Realität wird immer offensichtlicher“, heißt es in dem rechten Theorieorgan „Sezession“. Die AfD definiert sich im Leitantrag für ihr Grundsatzprogramm daher als „Partei des gesunden Menschenverstands“, die für eine „realistische Politik“ eintritt. Der Begriff ist Fluchtpunkt einschlägiger Wendungen wie „Das muss doch mal gesagt werden dürfen“, die auf die Unterstellung eines linksliberalen „Konsensdrucks, erzeugt von global vernetzten Wirklichkeitspächtern“ (so die Zeitschrift „Tumult“) zurückgehen. „Realität“ bezieht sich daher sowohl auf eine vermeintlich unterdrückte politische Evidenz als auch auf eine Wahrheit hinter den Manipulationen der Gegenseite, die durch verschwörungstheoretische Recherchen aufgedeckt werden muss. Inhaltlich wendet „Realität“ rassistische, naturalistische und kulturalistische Ideologeme älterer Art auf die aktuelle Politik an.»

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6. April 2016

Amnesty beklagt dramatischen Anstieg von Hinrichtungen

Grafik Staaten mit den meisten Hinrichtungen

Die Staaten mit den meisten Hinrichtungen. Grafik: FAZ

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Die gute Nachricht in der FAZ ist: «Mit Fidschi, Madagaskar, der Republik Kongo und Suriname schafften 2015 vier weitere Staaten die Todesstrafe vollständig ab. Erstmals seien damit die Staaten, die die Todesstrafe noch verhängen, weltweit in der Minderheit. Für die Vereinigten Staaten registrierte Amnesty International 28 Hinrichtungen, die niedrigste Zahl seit 1991.»

Im Jahr 2015 gab es laut Amnesty International weltweit mehr Hinrichtungen als in jedem anderen der vergangenen 25 Jahre. Die Grafik zeigt, dass neben China, über das keine verlässlichen Zahlen vorliegen, islamische Staaten die eifrigsten Anwender der Todesstrafe sind. Die meisten Opfer dürften daher auch auch neben Chinesen Muslime sein. Einerseits geht dies auf die Terrorpolitik von Fanatikern zurück. In Pakistan wurden zahlreiche Islamisten hingerichtet. Andererseits gilt im Islam ein Menschenleben auch nicht so viel wie in den westlichen Kulturen.

Nehmen wir die Entwicklung in den USA und den Ausstieg von vier weiteren Ländern als Zeichen der Hoffnung. Der Trend der Weltzivilisation geht trotz Islamismus und Maoismus in Richtung einer Humanisierung. Es ist eine schöne Bestätigung von Steven Pinkers Analyse.

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5. April 2016

Das Erfolgsgeheimnis von Europas rechten Frontfrauen

LogoDie Welt

Über eine auffällige Entwicklung bei den rechtspopulistischen Parteien Europas berichtet Die Welt in ihrer heutigen Ausgabe. An ihrer Spitze stehen zunehmend weibliche Repräsentanten. «Frauke Petry in Deutschland für die AfD, Beata Szydlo für Kaczynskis PiS-Partei in Polen, Siv Jensen in Norwegen für die Fortschrittspartei, Pia Kjærsgaard für die Dänische Volkspartei und Anke Van dermeersch für den belgischen Vlaams Belang – sie alle gehören zu dieser "Avantgarde" rechter Populistinnen, die die bürgerlichen Parteien das Fürchten lehrt.» Typisch ist der Übergang der Führung der FN auf Marine le Pen. Die Frauen treten in die Fußstapfen von Sarah Palin.

Im Auftritt oft weicher, in der Sache genauso hart wie Männer, gelingt es ihnen teilweise, die Abneigung weiblicher Wähler gegen den harten Autoritarismus zu überwinden, der von ihren männlichen Vorgängern verkörpert wurde. «Von Norwegen einmal abgesehen, treiben sie in der Flüchtlingskrise erfolgreich die bürgerlichen Parteien vor sich her mit ihrer gedämpften Rhetorik bei unverändert rechten Positionen. So sorgen sie auch ohne Ministeramt für einen Rechtsruck in Europa, der zum Versagen der europäischen Politik im Umgang mit den Flüchtlingen mit beiträgt. Das ist ein greifbares Ergebnis der neuen, weiblichen Politik, das sich nicht mehr weichzeichnen lässt.» Die Sorge um die Sicherheit und die Angstmacherei vor dem Fremden rührt an steinzeitliche Instinkte. Welcher Mann würde es wagen, der femininen Xenophobie «männliche» Rationalität entgegenzusetzen?

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4. April 2016

Panama Papers: Die Geheimnisse des schmutzigen Geldes

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Beginnend vor etwas mehr als einem Jahr wurden der Süddeutschen Zeitung über Monate hinweg interne Daten von Mossack Fonseca zugespielt – insgesamt 2,6 Terabyte. In diesem riesigen Datenhaufen recherchierten in den vergangenen zwölf Monaten rund 400 Investigativ-Reporter aus mehr als 80 Ländern, von mehr als 110 Medien, koordiniert von der SZ und dem Internationalen Konsortium für Investigative Journalisten (ICIJ) in Washington. Es ist die bisher spektakulärste Enthüllung über Briefkastenfirmen von Prominenten Reichen aus vielen Ländern. Zum Kreis der Panama-Anleger bei Mossack Fonseca gehören das Umfeld von Diktatoren (Putin, Assad), Financiers von Al Qaida, Oligarchen (Poroschenko), Fifa-Funktionäre, aber auch Regierungschefs und Unternehmen westlicher Länder (Island, Siemens) und Stars wie Lionel Messi.

Es mag Zufall sein, dass seit geraumer Zeit über eine Reform der Besteuerung in der EU diskutiert wird. Gewinne sollen dort versteuert werden, wo sie anfallen. Das betrifft Globalplayer wie Google oder Apple, deren Zentralen in Steueroasen sitzen, während die produktiven Firmenzweige durch unternehmensinterne Transaktionen buchhalterisch in die Verlustzone gemogelt werden. Der Mossack-Fonseca-Skandal zeigt uns Licht und Schatten der weltweit vernetzten Informationsgesellschaft. Durch den elektronischen Datenverkehr ist einerseits Steuerbetrug möglich, andererseits kommen ihm auch die Hacker auf die Spur. Dass ein internationales Konsortium von unabhängigen Medien die Daten sichtet und veröffentlicht, zeigt die Bedeutung einer freien Presse. Es werden einige Köpfe rollen, so etwa die des isländischen Regierungschefs. Andere, vornehmlich Putins, werden sitzen bleiben. Es ist eine Probe auf eine funktionierende Demokratie. Ich bin dafür, Steuerhinterziehung konsequent zu bestrafen.

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3. April 2016

Das sind die Folgen der Rekord-Zuwanderung

Prof. Thomas Straubhaar

Thomas Straubhaar ist ein Schweizer Ökonom und Migrationsforscher. Er war bis Ende August 2014 Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI).

Thomas Straubhaar fasst die Folgen der aktuellen Zuwanderung für Deutschland auf dem Blog der Friedrich-Naumann-Stiftung zusammen. Das nüchterne Fazit: «Für Deutschland gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die abschätzen, welche makroökonomischen Effekte Zuwanderung verursachte. Bei allen Unterschieden teilen die Ergebnisse doch eine Gemeinsamkeit. Sie zeigen, dass sich die Zuwanderung für Deutschland gesamtwirtschaftlich positiv auswirkte, wenn auch eher schwach als stark. Die Zuwanderung – auch von Flüchtlingen – nach (West-)Deutschland in der Nachkriegszeit oder am Ende des Kalten Kriegs hat Deutschland nicht geschadet. Im Gegenteil: Sie war mitverantwortlich dafür, dass es den Deutschen heute so gut geht. ... Es ist der politische Wille – und nicht die Ökonomie und auch nicht eine makroökonomische Kosten–Nutzen-Überlegung –, der entscheidet, ob es "Deutschland schafft", die Rekordzahlen der Zuwanderung auf der Grundlage von Grundgesetz und Rechtsstaat anständig zu bewältigen. Die Nachkriegsgeschichte Deutschlands zeigt, dass, wo ein politischer Wille ist, sich auch ein ökonomischer Weg finden wird!» Die Probleme mit den Einwanderern aus Syrien sind weitaus geringer, als es der Lärm, der darum gemacht wird, vermuten lässt. Eine zentrale Bekämpfung des islamofaschistischen Terrors in Europa könnte dagegen mehr Lärm vertragen.

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2. April 2016

„Sagen wir Ja zum Risiko“

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Steve Fuller spricht sich in einem Interview in Novo Argumente dafür aus, Risiken zu akzeptieren, statt sie völlig ausschließen zu wollen, wie das beim vorsorgeprinzip gefordert wird. «Das Vorsorgeprinzip geht davon aus, dass jede Unsicherheit eine Bedrohung darstellt, nie eine Chance. In Wahrheit ist Unsicherheit neutral. Wie man sie betrachtet, hängt von der eigenen Wahrnehmung ab. Das Problem besteht darin, dass viele Menschen offenbar einen extrem unwahrscheinlichen Schaden schon zu riskant finden. Wem jedes Risiko zu hoch ist, der erntet letztlich eine Welt, in der niemand irgendeinen Schaden anrichten kann. Die ist dann sehr ungefährlich, aber auch eine Welt, die uns entmutigt, überhaupt noch etwas zu unternehmen. Die „vorsorgend“ Denkenden entwickeln schon bei einem minimalen Risiko Paranoia. Das ist eine noch nie dagewesene Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Wenn wir vor Jahrhunderten das Vorsorgeprinzip eingeführt hätten, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Jeder Fortschritt in Wissenschaft und Technologie ging mit Risiken einher. Ohne etwas Mut wäre die industrielle Revolution nie entfesselt worden. Kohlekraftwerke hätte man nur als Risiko für die Atemwege betrachtet. ... Den Übergang vom Vorsorgeprinzip zu einem proaktiven Prinzip betrachte ich als Teil einer grundlegenden Neujustierung der Rolle des Staats. Heute existiert der Staat vor allem, um Bürger zu beschützen – was zu Bevormundung und Erstarrung führt. Meiner Meinung nach sollte der Staat aber dem Unternehmersinn der Bürger Raum verschaffen. Wenn es schief läuft, hat man dann ein soziales Auffangnetz, Schmerzensgeld für negative Folgen und Dank für den erwiesenen Mut, die Welt durch Experimentieren verbessert zu haben. Man braucht einen starken Staat, der dafür sorgt, dass die Vorteile der Gesellschaft zugutekommen.»

Fuller spricht sich nicht wie die Libertären für die bloße Abschaffung von Gesetzen aus, sondern für eine Reform des Sozialstaates, der das Eingehen von Risiken bei Innovationen abfedert.

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1. April 2016

Weg mit den Migrationsbarrieren

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Miriam Meckel, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, fordert in ihrer Kolumne Einblick Migrationsbarrieren abzuschaffen, weil sie ökonomisch unsinnig sind. Gesellschaften sollten als Genossenschaften betrachtet werden. Beitreten darf, wer zahlt.

«Nicht die Familie, nicht die Gesundheit, nicht der Job sind ausschlaggebend. Es geht um das Glück, als Deutsche oder Schwede, oder das Unglück, als Burmesin oder Syrer geboren zu sein. Wenn das so ist, dann ist der Traum vom Leben in einem Land, das einem bessere Chancen bietet, unschlagbar, und dann ist Migration der Hebel für sozialen Aufstieg. Dann wird es nichts und niemandem gelingen, diesen Hebel dauerhaft umzulegen, um das eigene Land, den eigenen Kontinent abzuschotten. Diese Erkenntnis bringt den US-Ökonomen Michael Clemens zur Schlussfolgerung: weg mit den Migrationsbarrieren! In einem Papier von 2011 rechnet er vor, dass der Wohlstand in der Welt verdoppelt werden könnte, wenn alle Migrationshürden fielen. Der Effekt wäre größer als durch die spontane Beseitigung aller vorhandenen Beschränkungen für die vollständige Freizügigkeit von Handel und Kapital. Die beiden Schweizer Ökonomen Margit Osterloh und Bruno Frey haben den Traum vom besseren Leben durch Migration durch eine interessante ökonomische Analogie auf den Boden der Gegenwart geholt. Sie wollen Länder mit ihren jeweiligen Sozialsystemen als Genossenschaften betrachtet wissen. Wer in ein Land kommen will, muss Anteilsscheine erwerben, also Eintritt zahlen. Das gilt auch für Flüchtlinge. Falls vor dem pawlowschen Aufschrei der Entrüstung Zeit zum Durchatmen bleibt, sollte man sich diese Idee genau anschauen. Sie hat vieles für sich.»

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30. März 2016

Ahnungslose Pädagogen: So gründerfeindlich sind deutsche Lehrer

Pausder und Ostermann

App-Entwicklerin Verena Pausder und Unternehmerin Marie-Christine Ostermann haben „Startup Teens“ gegründet. Die Initiative soll Jugendliche zum Gründen motivieren. Es scheint so, als sei der typische Gründer heute weiblich. Bild: Gründerszene

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Etwa zwei Drittel der Lehrer – genau 64 Prozent – raten ihren Schülern davon ab, nach ihrer Ausbildung ein Startup zu gründen. Nur ein Viertel der Lehrer blickt in die Zukunft und empfiehlt eine Gründung. Für das repräsentative Bild befragte der Bitkom 505 Lehrern der Sekundarstufe I.

Dass die Berufsgruppe der Lehrer mehrheitlich wirtschafts- und unternehmerfeindlich gesonnen ist, dürfte allgemein bekannt sein. Dies mag einer der Gründe sein, warum viele Abiturienten beruflich orientierungslos sind. Neugründungen von Unternehmen sind der Lebensquell einer dynamischen Gesellschaft. Alte und groß gewordene Unternehmen tendieren zu Konservatismus und zur Abwehr von Innovationen. Neue Produkte wurden in der Vergangenheit von unternehmenden Erfindern ersonnen. Deutschlands Wirtschaft wurde groß durch Carl Benz, Robert Bosch, Werner Siemens, Fritz Haber - allesamt Erfinder und Unternehmer zugleich. «Dass die Realität bei vielen Lehrern noch nicht angekommen ist, zeigt auch ein weiteres Ergebnis: Etwa jede dritte Lehrkraft glaubt, IT-Grundkenntnisse und Programmiererfahrung von Schulabgängern seien für die Wirtschaft nicht wichtig, so die Umfrage. Dann doch lieber noch ein Gedicht interpretieren, denken sich die Lehrer wahrscheinlich. Zumindest gibt es mittlerweile ein paar private Initiativen, etwa von der App-Entwicklerin Verena Pausder und Unternehmerin Marie-Christine Ostermann, die mit ihrem Programm „Startup Teens“ mehr Jugendliche zum Gründen bewegen wollen. Und auch Martina Neef setzt sich mit ihrem Projekt Rock it Biz dafür ein.»

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29. März 2016

Organhandel benötigt einen freien Markt

Organhandel

Bild: organhandel.info

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Organhandel ist in Deutschland verboten. Ein Mann, der eine Niere für 100.000 Euro anbot, wurde zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Dabei steht einer sehr großen Nachfrage ein sehr kleines Angebot gegenüber. Frederic Spohr setzt sich in einem Artikel des Handelsblatts für die Legalisierung des Organhandels ein, weil der Markt das probate Mittel zur Behebung von Knappheit ist.

Für Ökonomen ist diese Argumentation selbstverständlich, Moralpolitiker finden sie anstößig. «Der Gesetzgeber solle einen regulierten Organmarkt zulassen - oder zumindest finanzielle Anreize für Spender, ihre Organe zu verkaufen. Nur so lasse sich das knappe Angebot an Spendernieren erhöhen. "Man kann die Gesetze des Marktes nicht ungestraft leugnen", sagt Friedrich Breyer, Gesundheitsökonom an der Universität Konstanz. Forscher wie Breyer sind überzeugt: Der freie Markt schafft nicht nur Arbeitsplätze und Wohlstand, er kann auch Leben retten. Wenn man ihn nur ließe. Wegen des extremen Mangels an Spenderorganen halten sie ein solches System sogar für eine moralische Pflicht.»

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26. März 2016

Die OECD-Länder erleben derzeit den höchsten Stand der wirtschaftlichen Freiheit in der modernen Geschichte

Die Grafik zeigt den Durchschnittswert des Index' der wirtschaftlichen Freiheit der OPEC-Länder seit 1850.

Gute Nachrichten. Die London School of Economic and Political Science veröffentlichte das Ergebnis einer Studie von Leandro Prados de la Escosura zur Entwicklung der wirtschaftlichen Freiheit in den hochentwickelten Ländern. Die nebenstehende Grafik spiegelt die Aufs und Abs der jüngeren Geschichte wider. Während der Hochphase des Laissez-faire-Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchsen die wirtschaftlichen Freiheiten stetig bis unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs an. Ab 1910 ging es steil bergab. Erst in den 1920er-Jahren erholte sich der Index kurze Zeit wieder, um in Vorbereitung und während des Zweiten Weltkriegs wieder abzustürzen. Er landete auf dem ursprünglichen, sehr niedrigen Niveau von 1850 wieder. Doch die Nachkriegsgeschichte ähnelt den Anfängen. Mit wenigen schwächeren Rücksetzern (bezeichnend vor allem die 1970er-Jahre) steht er heute auf dem historischen Höchststand.

Entgegen aller libertären Polemik leben wir in der freiesten (und übrigens gewaltärmsten) geschichtlichen Epoche aller Zeiten. Trotz allen Regulierungseifers sind die Variablen des Freiheitsindex in Höchstform. Die subjektive (gefühlte) Freiheit unserer Gesellschaftsordnung und die objektive fallen bei Libertären weit auseinander. Ein Zeichen für die Weltfremdheit extremer ideologischer Sichtweisen. Sie sprechen von «Geldsozialismus», «EUdSSR» und faseln von einer NWO-Verschwörung. Sie bestreiten, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben. Sie fragen, wo denn noch ein freier Markt bestünde. Sie identifizieren Überregulierung von Teilbereichen mit Sozialismus.

Woran mag das liegen? Wer seine Weltsicht nur aus den Büchern bezieht und unkritisch übernimmt, die vor fünfzig Jahren oder früher erschienen, hat verstaubtes Wissen. Lesen wir die Schriften der bedeutendsten liberalen Denker des 20. Jahrhunderts, vornehmlich Ludwig von Mises und Friedrich A. von Hayek, so zieht sich durch ihr Werk das Grundmotiv des Kampfs gegen den Sozialismus. Man lese auf der Grafik den Grad wirtschaftlicher Freiheit für die Zeit ab, in der Nationalökonomie und Weg zur Knechtschaft erschienen (1940 und 1944). Die Werke der großen Autoren bezogen sich auf eine Realität, die durch den Siegeszug des Sozialismus geprägt war. Ihr erbitterter Kampf gegen diesen Zeit-Ungeist entsprach folglich genau den Erfordernissen ihrer Wirklichkeit. Freiheit oder Sozialismus war die Losung der neoliberalen Reformen unter Thatcher, Reagan, auch der Kohl-Ära und bezog sich besonders auf die freiheitsfeindlichen Tendenzen der 1970er-Jahre. Doch heute? Das Zeitalter des Sozialismus ist beendet. Was wir heute haben, ist in toto sehr wertvoll aus liberaler Sicht. Ich wiederhole mich: Wir leben in der freiesten (und gewaltärmsten) Gesellschaft aller Zeiten. Sie mit Sozialismus gleichzusetzen, ist schiere Dummheit.

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25. März 2016

Agrosprit aus Palmöl nicht «erneuerbar»

Die Klimabilanz von Agrosprit kann deutlich schlechter ausfallen als bei fossilen Treibstoffen, ergibt eine Studie, die die EU-Kommission gerade vorgelegt hat. Der Grund: Wird der Effekt von Landnutzungsänderungen berücksichtigt, die für den Anbau etwa von Palmöl oder Soja vorgenommen werden, verursachen «Biokraftstoffe» im Ergebnis mehr Emissionen als herkömmlicher Sprit. Palmöl kann demnach für dreimal so viele Emissionen sorgen, Soja für doppelt so viele. Der europäische Dachverband Transport and Environment (T&E) beziffert die Mehremissionen auf zwei Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent. Agrosprit aus Palmöl und Soja solle nicht länger als «erneuerbar» gelten, fordern die Umweltschützer.

Der Blog klimaretter.info informiert über die CO2-Effekte des Bio-Sprit-Konzepts. Es führt letztlich zu einem vermehrten Ausstoß statt zur Einsparung. Aus meiner Sicht ist CO2 kein schwerwiegendes Problem. Doch kann ich mir eine kleine boshafte Schadenfreude nicht verkneifen. Wieder einmal beweist sich Ludwig von Mises Regel, dass Interventionen in komplexe adaptive Systeme nicht die erwünschten Ergebnisse zeitigen, weil die Systeme unvorhergesehene Gegeneffekte erzeugen. Das Klima ist eines der komplexesten Systeme, das wir erforschen. Unser Wissen darüber steht noch ganz am Anfang. Hayek nannte es Anmaßung von Wissen, wenn die Politik glaubt, das Unbeherrschbare, dessen Teil wir sind, beherrschen zu können.

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24. März 2016

Wann Europa, wenn nicht jetzt?

Cover Simms Europa

Brendan Simms, Benjamin Zeeb: "Europa am Abgrund. Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa." A. d. Engl. von Hans Freundl. C.H. Beck, München. 140 S., 12,95 €

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Richard Herzinger bespricht in der Welt das Buch der britischen Autoren Simms und Zeeb über Europa am Abgrund. «Während der Trend dahin geht, aus Rücksicht auf wiederauflebende nationale Ressentiments das Tempo der europäischen Integration zu drosseln oder den institutionellen Zusammenhalt der EU in Richtung eines losen Staatenbunds zu lockern, setzen die Autoren auf Vorwärtsverteidigung. Nichts Geringeres als einen föderalen europäischen Staat nach Vorbild der USA und Großbritanniens, bestehend aus den Mitgliedern der Euro-Zone, gelte es jetzt zu gründen.

Paradoxerweise sehen Simms und Zeeb gerade in der Zuspitzung der aktuellen europäischen Krise den geeigneten Moment für einen Befreiungsschlag. Notwendig sei es dazu freilich, mit der gradualistischen Täuschung Schluss zu machen, dass sich eine europäische politische Union peu à peu durch eine Abfolge kleiner Schritte errichten ließe. Von dieser Illusion aber ließen sich Brüssel und Berlin leiten, wenn sie Europa erst fiskalisch und ökonomisch zusammenhalten, um dann die politische Union zu realisieren. Wie man an den angloamerikanischen Beispielen gesehen habe, bildet sich eine Staatenunion nicht auf evolutionärem Weg, sondern durch einen 'großen Knall'. Gebe es erst einmal einen demokratisch legitimierten europäischen Staat, würden sich die vielfältigen Probleme, die den europäischen Zusammenhalt zu zerreißen drohen, gewissermaßen im Selbstlauf lösen – nämlich unter dem institutionalisierten Zwang zur Kompromisslösung.»

Der Vergleich mit den Schwächen des mittelalterlichen Europas, als ein Kaiser mit geringen Befugnissen eine Vielzahl feudaler Gebietsdespoten einigen sollte, passt gut auf die EU. Die EU wird zum Zentralstaat oder sie geht ein. Dass Krisenzeiten anbrechen müssen, um neue Institutionen einzuführen, ist fast schon ein Topos. Schleichend wandeln sich nur bereits bestehende Institutionen. Ich plädiere für die Bildung eines europäischen Minimalstaates mit sicherheitspolitischen Aufgaben. Wann, wenn nicht jetzt? Doch wer soll es richten? Mutige Taten werden von mutigen Männern verrichtet oder ebensolchen Frauen.

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23. März 2016

Stadt der Verlorenen: Leben im größten Flüchtlingslager der Welt

Fast 500.000 Menschen leben in Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt im dürren Nordosten Kenias. Hierhin fliehen seit fast 25 Jahren Somalis vor Bürgerkrieg, Gewalt und Islamismus. Der Journalist Ben Rawlence hat neun Flüchtlinge vier Jahre lang begleitet und mit Stadt der Verlorenen ein eindrückliches Buch darüber geschrieben. Der Deutschlandfunk fasst zusammen:

1992 wurde Dadaab für ein paar tausend Flüchtlinge geplant. Heute leben fast 500.000 Menschen in der Stadt von der Ausdehnung Zürichs. Von Kurzfristigkeit kann keine Rede sein. Die 21-jährige Sarah etwa wurde in Dadaab geboren und hat dort selber eine Tochter zur Welt gebracht. Leben im Schwebezustand, in dem Flüchtlinge städtische Strukturen aufbauen, die Grenzen des Lagers aber nie verlassen dürfen. Sie kennen deshalb nichts als Dadaab, aber müssen dennoch täglich befürchten, abgeschoben zu werden. Sie arbeiten, obwohl sie das nicht dürfen, und bauen kleine Existenzen auf, sind aber immer wieder abhängig von der kargen Hilfe, die die Weltgemeinschaft ihnen zukommen lässt. Sie dürfen nicht vor und können nicht zurück. Rawlence ist schonungslos in seinen Beschreibungen. Er berichtet vom Markt, auf dem es Händler zu Dollarmillionären gebracht haben, weil sie mit Terroristen und korrupten Polizisten Handel treiben. Selbst wer nur Träger in dieser Schattenwirtschaft werden will, muss sich an ungeschriebene Gesetze halten. Die Jobs sind wichtig, denn Geld gibt es im Lager offiziell nicht und doch wird es überall gebraucht. In größter Not versetzen die neun von Rawlence Porträtierten ihre Tagesrationen, etwa um ein Telefonat bezahlen zu können. Es ist ein chaotisches und doch hoch organisiertes System, mit dem sich Rawlence' Helden irgendwie arrangieren - ebenso wie mit Epidemien, Überschwemmungen oder 45 Grad im Schatten. Was ihnen indes wirklich fehlt, ist eine Perspektive. Dieses Flüchtlingssystem hat ausgedient, bilanziert Rawlence. Auch deshalb sieht Guled, den Rawlence immerhin seit vier Jahren kennt, am Schluss nur noch eine Lösung: Europa - trotz der Gefahren, der Kosten und der Angst. Europa symbolisiert für ihn die Hoffnung, die es in Dadaab nicht gibt.

Es liegt auf der Hand, was diesen Menschen helfen würde. Es ist ein Staat, in dem sie arbeiten und leben können, von einer Rechtsordnung vor Gewalt geschützt. Europa sollte begreifen, dass die Lösung der Flüchtlingskrise nur langfristig in der Auflösung solcher Lager zu suchen ist.

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22. März 2016

«Arbeit ist immer der Anfang»

Bethlehem Alemu

Bethlehem Alemu, Foto: soleRebels. Sie ist Gründerin und Inhaberin der äthiopischen Schuhfirma soleRebels.

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«Um auf die Beine und vorwärtszukommen, braucht Afrika Unternehmer, die Stellen schaffen. Denn mit Mitleid und Charity-Aktionen kann sich niemand etwas kaufen.» Im Schweizer Monat Online äußert sich die international erfolgreiche Unternehmerin Bethlehem Alemu aus Äthiopien kritisch über Entwicklungshilfe, westliche Charity-Arroganz und das erfolgreiche Entwicklungskonzept einer Selbst-Hilfe durch unternehmerische Arbeit.

«Was mir lange Zeit Mühe bereitet hat, ist die ewige Charity-Wahrnehmung. Die Leute draussen kommen gar nicht auf die Idee, dass wir ein hervorragendes Produkt bieten, eine gute Marke, die mit anderen in Konkurrenz tritt, sondern immer war da die Annahme, dass wir irgendetwas Rührendes basteln und das dann mit Hilfe irgendeiner Stiftung teuer verkaufen – unter dem Label: Unterstützen Sie Afrika! Es dauerte eine Weile, bis wir dieses Bedürftigen-Image loswerden und uns als reale, ernstzunehmende und ernstgenommene globale Marke positionieren konnten. Aber jetzt haben wir es geschafft. Und das ist der einzige Weg, der wirklich nachhaltig ist. Ramsch gegen Mitleid zu verkaufen ist auf mittlere Sicht kontraproduktiv.»

Die Veränderungen, die von einem erfolgreichen Unternehmen ausgehen, sind beachtlich. In viele Familien ist Bewegung gekommen. Die Kinder werden zur Schule geschickt. Einige kaufen sich ein Auto, andere bauen ein Haus. «Das Wichtigste ist aber, dass sich nicht nur die materielle Situation, sondern die Mentalität der Menschen ändert: Sie erfahren, was mit Arbeit möglich ist, und beginnen ihr Leben neu auszurichten und zu strukturieren – freiwillig, ohne dass sie jemand dazu drängen würde; einfach weil sie sehen, was es ihnen bringt.» Arbeit, Teilhabe am gesellschaftlichen Verkehr verändert die Denkweise, verändert das Verhalten, verändert die Menschen. Sie werden aus der Lethargie gerissen und setzen sich Ziele. Alemu sieht die Investitionstätigkeit Chinas positiv.

Der Westen könnte Afrika helfen, indem er alle Zölle abschafft und Kapital in afrikanische Unternehmen investiert. Doch die Banken verdienen lieber mit staatlichen Schuldscheinen ihr Geld als mit Unternehmenskrediten.

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21. März 2016

In Afrika und Helfen wollen

Alex Perry Logo Schweizer Monat

Alex Perry arbeitet seit über fünfzehn Jahren als Auslandskorrespondent für britische und amerikanische Publikationen, dabei mehrer Jahre als Leiter des Afrikabüros des renommierten «Time Magazine». Er ist Autor mehrerer Bücher über Afrika. Bild: http://longform.org/podcast

In der Märzausgabe des Schweizer Monat (nur für Abonnenten online zugänglich) wirft er Europa Ahnungslosigkeit gegenüber dem eigentlich so nahen Kontinent Afrika vor. Er nennt die derzeitige Politik zur Eindämmung der Flüchtlingsströme ein «Musterbeispiel an Heuchelei». Warum: «Erstens kann man Migration nicht verhindern. Die Leute kommen trotzdem. Es machen einfach allerlei Leute ein großes Geschäft dabei. Unter anderem die Mafia. ... Es wird nicht nüchtern diskutiert. Die eine Seite ist aggressiv und in Panik. Die andere sagt, es sei doch alles wunderbar und alle andern Rassisten. Dabei wäre all das gar nicht nötig. Man könnte sich Migration auch einfach ganz nüchtern anschauen, die Gewinne und die Verluste. Und dabei kann man eigentich nur zu einem Schluss kommen. ... Alle erfolgreichen, wohlhabenden Länder der Welt sind Staaten mit relativ offenen Grenzen. Migration bringt Wohlstand. Punkt.» Die jungen Leute, die zu uns kommen wollen, seien hochmotiviert. Sie investieren 10.000 Franken, um nach Europa zu kommen. «So jemand kommt nicht nach Europa, um hier ein klägliches Leben mit Sozialhilfe zu führen. Das nimmt er - meistens sind es ja junge Männer - vielleicht mit, wenn er es zu leicht erhält. Grundsätzlich aber kommt er nach Europa, um enorm viel zu arbeiten und Geld zu scheffeln, dann heimzukehren, das größte Haus im Dorf zu bauen und das schönste Mädchen zu heiraten. In Europa auf der faulen Haut zu liegen ist das Letzte, was so jemand will. Das ist ein dummes Klischee.» Merkels Politik sieht er als Streben nach einer Verjüngung der alternden Bevölkerung. Es ist hilfreich, unsere Politik aus der Perspektive der agierenden Einwanderer zu sehen. Das weitet den Horizont. Die Völkerwanderung kann für uns alternden, saturierten und konservativ gewordenen Europäer zu der Chance werden, wieder neuen Schwung zu bekommen. Dazu müssen wir aber unsere xenophobische Erstarrung überwinden. Liberale lassen sich gerne den Wind der Geschichte um die Nase wehen. Konservative mutieren zu Nationalisten, wenn sie in ihrer Wohlstandsinsel von einem kalten Hauch angeweht werden, schließen ihre Fenster und rufen nach dem Staat.

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18. März 2016

Die EU-Einwanderungspolitik ist blind

«Wie löst man eine Krise? Indem man sie weit genug wegschiebt, bis man so tun kann, als ob sie nicht mehr da wäre.» Kenan Malik kommentiert in Novo Argumente die eropäische Flüchtlingspolitik mit spitzer Feder. «Die Europäische Union weist eine Bevölkerung von mehr als 500 Millionen Menschen sowie ein Bruttoinlandsprodukt von 30.000 US-Dollar pro Kopf auf. Die Türkei hingegen hat eine Population von 75 Millionen Menschen mit einem BIP von 10.500 US-Dollar pro Kopf. Wenn die Ankunft von einer Million Flüchtlinge auf europäischem Boden eine inakzeptable Zumutung und Grundlage einer ernsthaften Krise ist, so stellt sich die Frage, wie das Ausladen von einer Million Migranten in die Türkei weniger Zumutung und keine Krise darstellt? ... Die Zahl von Flüchtlingen, die Europa erreicht, ist tatsächlich riesig. Aber es lohnt sich, diese Zahlen im Kontext zu betrachten. Eine Million Migranten stellt weniger als 0,2 Prozent der EU-Bevölkerung dar. Die Türkei hingegen, mit einer Bevölkerung von einem Siebtel der EU, unterhält bereits 2,7 Millionen syrischer Flüchtlinge. (Das sind die offiziellen Hochrechnungen. Die tatsächliche Zahl wird eher bei drei Millionen liegen). Im Libanon befinden sich schon 1,3 Millionen Flüchtlinge, was sich auf 20 Prozent der Bevölkerung beläuft. Das wäre so, als ob sich 100 Millionen Geflüchtete auf europäischem Boden aufhalten würden.»

Ich schrieb an dieser Stelle schon, dass die Haltung der Europäer beschämend ist. Sie ist Ausdrück für einen Mangel an globaler Perspektive und Angst vor Wohlstandsverlust. Sie drückt den Verlust unseres Glaubens an unsere eigene Kraft aus. Wir igeln uns in unserem Wohlfühlstaat ein, klappen die Zugbrücke hoch und lassen das Fallgitter herunter. Doch verkennen wir dabei die Dimension des Problems. Es handelt sich um Flüchtlinge, die ihre Lager jenseits der Grenze verlassen haben, um eine Zukunft auf eigenen Beinen zu suchen. Neben ihnen stehen Millionen anderer, die der Armutsfalle entkommen wollen. Sie werden zu uns gelangen, legal oder - bei der Abschottungspolitik von heute - wahrscheinlich illegal. Begreifen wir sie als ein wirtschaftliches Potenzial, das mit unserer Hilfe nützlich werden kann.

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17. März 2016

Kinder in Syrien: «Auf dem Weg zur Schule riskieren sie ihr Leben»

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In Syrien gehen laut Unicef mehr als zwei Millionen Kinder nicht mehr zur Schule. Das ist fast die Hälfte aller Schulpflichtigen. Etwa 6000 Schulen sind zerstört, dienen als Herberge für Flüchtlinge oder sind von Bewaffneten besetzt, heißt es in einer Studie der Vereinten Nationen, schreibt Spiegel Online. In meinen Augen ist es eine Schande für uns Europäer, dass außer Deutschland und Schweden keine andere Nation bereit ist, die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen und ihnen hier über die Zeit hinweg zu helfen, in der sie nicht in ihr zerstörtes Land zurück können. Mögen sie in Flüchtlingslagern dahinvegitieren. Was gehen sie uns an? Wenn die Hälfte der Schulkinder ohne Unterricht aufwächst, werden die Kinder in ihrer Entwicklung gehemmt - mit ausrechenbaren Spätfolgen für den wissenschaftlichen und beruflichen Nachwuchs. Die Europäer zeigen den einwanderungswilligen Syrern die kalte Schulter, nicht weil sie mit der Zahl von ein oder viellecht zwei Millionen wirtschaftlich und verwaltungsmäßig überfordert wären. Deutschland hat schon viel mächtigere Einwanderungswellen gemeistert und von ihnen profitiert: die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs, die Gastarbeiterwellen aus Italien, Spanien, Griechenland und schließlich aus der Türkei. Die dritte Einwanderungsgruppe waren die Spätaussiedler aus Russland und anderen osteuropäischen Ländern. Diese Wellen waren mächtiger als die heutige. Die Volksdeutschen aus Russland brachten eine Menge an Problemen mit, was sich in der Kriminalstatistik niederschlug (siehe unten). Keine Panik brach aus, kein Murren, keine Wagenburg-Reaktion. Anders heute. Wir haben den Glauben an uns selbst verloren. Wir glauben nicht mehr daran, dass die Probleme der islamischen Nationen zu lösen sind, obwohl der IS fast ganz besiegt ist, obwohl die Friedensverhandlungen zu Syrien angelaufen sind. Vor lauter Kritik an der EU und an der Außenpolitik der USA überkreuzen wir die Arme und trotzen. Wir verweigern die Mithilfe. Wir wählen Protest. Putin freut sich, wenn sich Europa selbst zerlegt.

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16. März 2016

Schusswaffengebrauch beim Drogenhandel

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Der taz.blog geht der Frage nach, ob die Illegalität des Drogenhandels in Deutschland Schwerkriminalität nach sich zieht. In Wikipedia lesen wir, dass der illegale Drogenhandel zu einer Monopolisierung durch kriminelle Banden und zur Etablierung mafiöser Institutionen führt, die sich auf die Kontrolle über den Absatzmarkt von illegalen Substanzen spezialisieren und regelrechte Drogenkartelle bilden. Die Kriminalstatistik unterstützt dieses Bild, das auf Lateinamerika passt, nicht für Deutschlalnd. Der Einsatz von Schusswaffen bei Drogendelikten ist rückläufig. In der Zeit von 1985 bis 2014 wurden insgesamt 175.563.756 Kriminaldelikte aller Art registriert. 5.748.484 davon waren Rauschgiftdelikte. In 270.074 Fällen insgesamt, das sind 0,15 %, wurde mit der Waffe gedroht und in 176.569 Fällen, das sind 0,1 %, wurde geschossen. Von diesen Ereignissen fallen die meisten auf Mord und Todschlag, Vergewaltigung und sexueller Nötigung, räuberischer Erpressung und Geiselnahme. Im fraglichen Zeitraum wurden in nur 45 Fällen von Drogen-Beschaffungskriminalität von der Schusswaffe Gebrauch gemacht und in nur 1 Fall im Zusammenhang mit Drogenhandel oder -schmuggel.

Überhaupt ist die Schwerkriminalität rückläufig. In den Jahren 1993 bis 2014 sinkt die Zahl der Fälle, in denen mit der Schusswaffe gedroht wurde, nämlich von 12.263 auf 4.567 (auf 37 %). Die Zahlen für den Einsatz von Schusswaffen sinken entsprechend. Deutschland ist ein sehr sicheres und gewaltarmes Land. Dieser Befund wird durch eine Veröffentlichung des BKA gestützt (hier).

Grafik Schusswaffeneinsatz

Mordopfer in Deutschland

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15. März 2016

Wie eigennützig sind Campact-Aktivisten?

Nach eigenen Angaben ist Campact „eine Bürgerbewegung, mit der 1,7 Millionen Menschen für progressive Politik streiten“. Die Politaktivisten sind als gemeinnützige Organisation eingestuft. Doch genau an dieser Gemeinnützigkeit wird nun gezweifelt. Die FAZ berichtet von Bestrebungen, der einflussreichsten Anti-Globalisierungsbewegung den Gemeinnützigkeitsstatus und damit die öffentlichen Zuschüsse zu entziehen. Der Verein Attac gilt bereits nicht mehr als gemeinnützig. Campact gerät auch wegen Verstößen gegen die Datenschutzrichtlinien in die Kritik. Der gewaltige Verteiler von 1,7 Millionen E-Mail-Adressen wurde mit fragwürdigen Datensammelmethoden u.a. aus sozialen Netzwerken gewonnen.

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14. März 2016

Mach's noch einmal, gute alte Sozialdemokratie!

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Armin Nassehi (Jahrgang 1960) ist Professor für Soziologie an der Universität München und Herausgeber der Zeitschrift "Kursbuch". Er beschreibt in der Welt die historische Leistung der Sozialdemokratie in der Bundesrepublik Deutschland. «Sie hat an der Versöhnung der beiden Grundkräfte gearbeitet, der demokratischen Regulierung und der ökonomischen Freiheit, indem sie das Recht beider Seiten anerkannt hat. Sie wusste: Weder die marxistische, darin notwendigerweise autoritäre Zentralisierung noch das Vertrauen in eingespielte Milieus, auch nicht die völlige Deregulierung ökonomischer Dynamik ist die Lösung, sondern die Anerkennung der unterschiedlichen Triebkräfte einer Gesellschaft, die man eben nicht zentral steuern kann und die auch nicht bleibt, wie sie immer war.»

Die Würdigung ist zutreffend, wenn auch der Jubelton über die Rückseite desselben Prozesses, der Inklusion aufsteigender Arbeitnehmerschichten, hinwegsieht: Den Ausbau kostspieliger wohlfahrtsstatlichen Einrichtungen, die nur finanziert werden können, wenn etwa 30 Prozent der Einkommen umverteilt werden. Die Gestaltung einer relativ homogenen Mittelstandsgesellschaft ist zweifellos das Hauptverdienst der Sozialdemokratie. Doch wird sie bei der Gestaltung der Zukunft Motor oder Bremsklotz sein? Ich fürchte eher Bremsklotz. Wahrscheinlich drücken die Landtagswahlergebnisse in Baden-Würrtemberg und Sachsen-Anhalt (Sonderfall Rheinland-Pfaz) dies aus. Die SPD hat kein Zukunftskonzept. Immer weiter am Wohlfahrtsstaat zu bauen, muss die Produktion völlig strangulieren und damit die Voraussetzung der konsumtiven SPD-Politik aushöhlen. Warten wir ab, ob die SPD noch einmal zu einem rationalen Diskurs über eine ausgewogene gesellschaftliche Entwicklung fähig sein wird. Ich sehe keine Köpfe - doch die finde ich auch nicht bei der CDU.

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9. März 2016

Lügenpresse!!!! - Gedanken zum zerrütteten Verhältnis zwischen Massen und Medien.

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Christian Hoffmann geht im Schweizer Monat den Gründen für den Hass der Wutbürger gegen die Presse nach. Die altbekannten Faktoren, nämlich dass Journalisten überwiegend links und grün gesinnt sind (wie eben Geisteswissenschaftler überhaupt) und dass Rechte traditionell gerne beleidet sind und sich missverstanden fühlen, lässt sich auch im Verhältnis von Pegida, AfD und NPD zur Presse feststellen.

Die besonderen Bedingungen der digitalen Informationsgesellschaft mit ihren sozialen Netzwerken für die Meinungsbildung drücken sich in Begriffen wie «Information Overload» und «diskursiver Filterblase» recht gut aus. Wer sich überwiegend in Foren von Facebook und Co. tummelt, findet sich von Gleichgesinnten bestätigt, überschätzt die Haltbarkeit seiner Ansichten und fremdelt um so mehr im kalten Wind des allgemeinen Diskurses. Die Blasengemeinschaften der social media ähneln den Innenräumen religiöser Sekten, die nur ihre eigenen Schriften lesen und nur mit Glaubensbrüder und -schwestern sprechen, sich ansonsten aber in einer falschgläubigen Umwelt zurücknehmen. Nicht gerade eine günstige Voraussetzung für Demokratie einer offenen Gesellschaft. Die nächsten Wahlen werden wahrscheinlich als Denkzettelabstimmungen in die Geschichte eingehen. Da ist doch ein Journalistenpreis allein dafür, dass sich eine Berichterstatterin tatsächlich auf eine Pegida-Demonstration gewagt hat, um mit den Menschen dort zu sprechen, aller Ehren wert.

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6. März 2016

Du süßes Ding

Donuts mit Puderzucker Logo Zeit-Magazin

Das Blog «Laced with Sugar» der Bäckerstochter Jenny Ha sammelt nicht nur originelle Rezepte, sondern feiert euphorisch ein verschmähtes Industrieprodukt: den Zucker. Inga Krieger macht uns im Zeit-Magazin den Mund wässrig nach zuckesüßem Hochgenuss. Sicherheitsfixiertes Denken stößt auf unbeschwerte Lebensfreude, Angstfixiertheit auf Ästhetik.

Um Gesundheit dreht sich unser Denken, um gesunde Ernährung und gesunde Lebensweise. Gesundheit hat in alternden Wohlfühl-Gesellschaften die Stelle einer neuheidnischen Gottheit eingenommen. Wir beten sie an, stellen sie über alles, opfern Lebensgenüsse und Sorglosigkeit ihren Geboten. Wir glauben, den Tod überlisten zu können, indem wir auf Ungesundes verzichten, um ein Quantum Lebenszeit einzutauschen. Verzicht ist die Losung der vernünftigen ernährungsbewussten Lebensweise, auch wenn uns die Propheten des Vegetarismus, Veganismus, aller gesunden Küchen einreden wollen, dass die Alternativen, die sie uns schmackhaft machen wollen, vollwertigen Ersatz bieten für das, was wir gegen eingebildete Letztjahre eintauschen.

Doch die Bilder strafen uns lügen. Beim Anblick von mit Puderzucker bestreuten braungerösteten Donuts wissen wir, was wir entbehren. Wir mögen uns noch so sehr einreden, dass unser fett- und zuckerfreies, salzarmes Ersatzessen lecker schmeckt. Wir können uns geraume Zeit selbst betrügen. Doch die Bilder betrügen uns nicht, und wenn erst der Duft dieser verbotenen Leckereien uns anweht ... Ein Glück, dass wir nicht nur aus Kognition bestehen.

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5. März 2016

Vom Siegeszug der Verschwörungsesoterik

Guy Fawkes

Guy Fawkes, Robert Catesby und ihre Mitverschwörer versuchten am 5. November 1605, das englische Parlament im Palast von Westminster in London zu sprengen. Der Grund hierzu lag in der Verfolgung, der Angehörige der katholischen Kirche ausgesetzt waren. Warum gerade ein Anhänger der englischen Katholiken aus dem Jahr 1605 bei Libertären so beliebt ist, verstehe ich nicht. Die Katholiken waren damals Gegenspieler der Liberalen, die mehrheitlich Puritaner waren und für eine Kontrolle des Monarchen durch das Parlament eintraten. Die Katholiken strebten nach einer absoluten Monarchie des schottischen Hauses Stuart. Was ist vorbildlich an einem Verschwörer, der das Parlament in die Luft jagen will?

Kolja Zydatiss konstatiert in einem Essay der Novo Argumente den Einzug von Verschwörungstheorien in die Mittelschichten. Barack Obama tut es, und Tony Blair tut es auch. Occupy-Anhänger ernähren sich geradezu geistlich von ihm - dem Wahn einer weltweiten Verschwörung finsterer Mächte gegen das Licht der Welt.

Von den Rändern der Gesellschaft, von politischen Sekten (etwa der Freunde O. Janichs) und neuheidnischen Glaubensgemeinschaften sickert es allmählich in die Mitte der Gesellschaft. Eine Schlüsselrolle übernimmt die Occupy-Bewegung, deren Anhänger gerne die Guy Fawkes-Maske tragen. «Bezeichnend ist auch die Affinität der Demonstranten zu Guy-Fawkes-Masken, also der Bekleidung, die der Held „V“ im Film V wie Vendetta trägt, der gegen einen totalitären Staat kämpft. Sie glauben offenbar, sie würden es auch hier im Westen mit faschistischen Mächten zu tun haben. Auch die Lösungsansätze der Occupier erinnern an Conspirituality. Statt mit der Erarbeitung konkreter politischer Forderungen beschäftigten sich die Demonstranten mit Aktivitäten wie „politischem Yoga“. Sie scheinen vom „spirituellen Erwachen“ der Zeitgeist-Anhänger inspiriert. Die Beziehung zwischen den beiden Bewegungen ist insgesamt etwas unklar. So bekundeten Occupy-Größen wie Wolfram Siener ihre Sympathie für Zeitgeist.«

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4. März 2016

Misreading China's Economy - Why the Old Measures of Growth Don't Work

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Chinas Wirtschaftsentwicklung wird von westlichen Beobachtern oft falsch bewertet, weil sie an einem veralteten Index bemessen wird. Es wird nur auf die Industrie, vor allem die Schwerindustrie, auf Transport und Energieverbrauch geachtet. Doch hat der Dienstleistungssektor inzwischen die Industrie überflügelt. Mehr als 50 Prozent des BIP entsteht im tertiären Sektor. Obwohl im sekundären Sektor ein Rückgang von 15 Prozent zu verzeichnen ist - ein Vorgang der angesichts ineffizienter Staatswirtschaft nicht besonders schwer wiegt - wächst die Wirtschaft immer noch um insgesamt 6,9 %. im Jahr 2015 wurden 3,9 Millionen neuer Unternehmen registiriert, die sich vorwiegend in den Sektoren Tourismus, Gesundheit, Bildung und Sport betätigen.

Die Bildung einer tiefen Arbeitsteilung, die alle Sektoren überspannt, ist für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung unerlässlich. Sollte es in China gelingen, im tertiären Sektor eine mittelständigsche Wirtschaft zu entfalten, wird das langfristig ihre Auswirkungen auf das politische System haben.

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3. März 2016

Der entmündigte Konsument

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Der Kühlschrank piept, das Auto mahnt, die Herdplatte schlägt Alarm. Die Menschen werden zunehmend von moderner Technik bevormundet – und verlernen so eine wichtige Fähigkeit.

Nudging ist in funktioneller Hinsicht ambivalent. Die «intelligenten» Assistenten nehmen uns lästige geistige Arbeit ab: Sie erinnern uns an Pflichten, an Aufgaben, Termine. Sie machen uns auf Gefahren aufmerksam. Sie schubsen uns in Richtung moralisch und politisch korrektem Verhalten. Sie nehmen uns einen Teil der Belastung des Alltags ab, doch sie nerven auch. Dies um so mehr, wenn sie nicht optimal eingestellt sind oder funktionieren.

Doch weist der Artikel in Der Welt richtigerweise auf ein ersthafteres Problem hin als dem Generve von Gedächtnisassistenten. Nudging folgt einem Menschenbild, das dem des aufgeklärten, mündigen Bürgers widerspricht. Sie folgt dem Leitbild des suboptimalen Konsumenten, der von außen Hilfe braucht, um sich ... ja was? Richtig zu verhalten. Was richtig ist, bestimmt nicht mehr er, sondern das System. Was bedeutet, das Programm, das vom Hersteller eingerichtet wird in Anlehnung an Leitbilder, die wiederum geprägt werden von wem?

Nudging ist ein Element einer gesellschaftspolitischen Fehlentwicklung. Sie ist ein Kind des Paternalismus, des obrigkeitlichen Wohlfahrts- und Wohlfühlstaates, der uns mit seinen Samtpfoten an samtenene Fesseln korrekten Verhaltens bindet. Doch ist es ein unverzichtbares Teilmoment von Mündigkeit, nein zu sagen zu können, wo alle ja sagen. Eine dynamische offene Gesellschaft kann auf Widerspruch nicht verzichten, nicht auf Grenzüberschreitungen und nicht auf den Freiheitsdrang des Geistes. Nudging nervt, weil es uns ständig in unsere Entscheidungen hineinredet. Es suggeriert uns, dass es nur ein Richtig und ein Falsch geben kann, wo Offenheit einer Gesellschaft doch bedeutet, dass es nicht von vorneherein klar ist, wie die Dinge liegen. Nudging ist das Gegenteil von Neugierde, Erkundung, Unternehmungsgeist. Die samtenen Fesseln binden uns an einen Lehnstuhl bequemer Spießigkeit unmündiger Untertanen.

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1.März 2016

Die Meister des Machiavellismus

Winfried Kretschmann Refugees Welcome Logo Cicero

Der Cicero setzt sich mit dem Wahlkampf der Grünen in Baden-Württemberg auseinander. Alexander Marguier stellt fest, dass die Ökologisten mit Ministerpräsident Kretschmann einen besseren CDU-Kandidaten haben als die CDU. Er führt dies auf eine Taktik zurück, die er stalking nennt. Durch Mimikri und fortwährendes Loben Merkels werden potenzielle CDU-Wähler vom Gang zur Urne abgehalten, da sie in Kretschmann den besseren Kandidaten als die CDU selbst haben. Es ist Merkels Taktik gegenüber der SPD.

Doch handelt es sich nicht nur um Taktik. Kretschmanns Position gleicht wirklich der eines moderat Konservativen und damit Merkels Richtung. «Sie haben einfach die altbewährte Wahl-Taktik der Merkel-CDU übernommen. Und die lautet: Angleichung an den Gegner bis zur Ununterscheidbarkeit. Man könnte sogar sagen: Die Grünen versuchen sich als bessere Christenunion. Winfried Kretschmann wird am Ende die Partei gar nicht wechseln müssen, um auch die CDU-Anhänger glücklich zu machen. Der Mann hat nämlich das politische Merkel-Gen.»

Marguier ist kurz vor dem Torschuss. Die Grünen sind längst die wahre konservative Partei geworden. Sie formulieren einen Konservatismus der Besitzstandswahrer angesichts einer Überfülle von eingebildeten Zivilisationsrisiken und übertriebenen Lebensängsten der halbgebildeten Mittelschichten. Sie verbinden einen zeitgemäßen Humanismus (Refugees Welcome) mit einer ethisch begründeten Wachstumsfeinschaft (teilen mit den Armen). Das kann ihnen gelingen, weil sie den öko-industriellen Komplex und die stärkste Lobby auf ihrer Seite haben, die Ökologisten. Die CDU aber muss Rücksicht nehmen auf Arbeitgeberverbände aller Branchen und eine Mittelschicht, die von Nullwachstum noch nicht überzeugt ist.

In Baden-Württemberg sehen wir die Koalition der Zukunft heranwachsen. Sollte es knapp werden, und der bei derzeit 0,8 % liegende Stimmenvorsprung von Grün-Rot weiter schmelzen, ist eine grün-schwarze Koalition die Option des moderaten Konservatismus. Dann merkelt Kretschmann im Musterländle noch klarer erkennbar als die Option der Zukunft: als verkapptet Konservativer einer intendierten Wohlfühlgesellschaft, die langsam sklerotisiert.

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27. Februar 21016

Lassen wir Flüchtlinge eigene Städte nachbauen

Die Integration der Flüchtlinge sorge faktisch für große Probleme und Unruhe, sagte die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot im Deutschlandfunk. Sie appelliert, Flüchtlinge als Weltgäste zu betrachten - und sie ihre eigenen Städte im Gastland bauen zu lassen. Dies sei angesichts der Konkurrenz um billigen Wohnraum und Jobs ein interessanter Lösungsansatz.

Guérot blickt auf die Geschichte Europas: Meistens sei man grenzenlos in Europa gereist, der Schengen-Raum sei keine europäische Erfindung. Individuell wolle man möglichst grenzenlos leben, aber von den Staaten fordere man Grenzen: Das sei überholt. Sie zitiert den Philosophen Immanuel Kant, der allen Erdenbürgern ein Weltgastrecht zugestand. Was machen wir mit den Erdenbürgern, die zum Beispiel ihr Land aufgrund des Klimawandels verlieren, fragte Guérot im Interview mit dem Deutschlandfunk.

Offensichtlich stresse es aber unsere Gesellschaften, die Flüchtlinge zu integrieren. Segregation sei hier eine Form von Toleranz unter dem Dach des gleichen Rechts, sagte sie. Und sie nennt das Beispiel der Auswanderung von Europäern in die USA: Dort hätten die Migranten ihre alten Städte nachgebaut. Man müsse das als Konzept erweitern, weil man heute besser und schneller reisen können.

Ihr Vorschlag führe, so ihre Erlebnisse, zu einem Aha-Effekt: Lassen wir die Flüchtlinge Städte nachbauen. Aus der Erfahrung, dass man nicht innerhalb von drei Jahren jeden zum fließend Deutschsprachigen machen könne und es eben auch Konkurrenz um billigen Wohnraum und Jobs gäbe, sei dies ein interessanter Lösungsansatz.

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26. Februar 2016

Auf der Kippe. Ein Plädoyer für den Staat. Aber nicht für irgendeinen!

Kaspar Villiger Logo Schweizer Monat

Kaspar Villiger ist ein Philosoph, Politiker (FDP) und Unternehmer aus der Schweiz. Er stammt aus der gleichnamigen Zigarrendynastie, erklomm sowohl als Unternehmer wie Politiker Führungspositionen (UBS-Verwaltungsratspräsident und Nationalrat). Dieses Profil ist selten. Die Verbindung aus gesättigter Praxis und theoretischem Denkvermögen drückt sich in seinem jüngsten Beitrag im Schweizer Monat aus, seinem Plädoyer für den Staat aus liberaler Sicht.

Selten lese ich eine solch differenzierte Abwägung der Vor- und Nachteile des Staates. Villiger sucht die richtige Mitte zwischen Staatsskepsis und Staatsbegründung zu finden. Eine freie Gesellschaft und liberale Wirtschaftsordnung baut sowohl auf dem Gewaltmonopol des Staates auf als auch auf den Errungenschaften des modernen Sozialstaates, der eine breite Akzeptanz der Massen erzeugt. Die Inklusion der Massen in die Produktion des Wohlstandes ist eine unverzichtbare Bedingung für das Gedeihen der Nation. Andernfalls drohen Klassenkämpfe, die Reibungsverluste und Wohlstandsminderungen zur Folge haben, schlimmstenfalls zu Revolution und Gewalt führen. «Marktwirtschaft und Staat mögen einander nicht. Aber sie wissen, dass sie einander brauchen. Ein Staat, der seinen Bürgern nicht ermöglichst, hinreichenden Wohlstand zu erarbeiten, verliert rasant an Legitimation und Zustimmung.» Andererseits tendieren liberale Massendemokratien zu übermäßigem Interventionismus. «Leider neigen Demokratien nun aber dazu, so lange in Marktwirtschaften einzugreifen, bis diese ihre wohlstandsschaffende Kraft verlieren.» Die liberale Gesellschaft ist interventionistisch und sozialstaatlich (inklusiv), weil sie eine Massendemokratie ist. Dazu gibt es keine bessere Alternative. Weder ist es möglich noch wünschenswert, wieder zu einer Eliteherrschaft zurückzukehren, wie sie in der Blütezeit des Liberalismus bestand, wo eine Unternehmerklasse im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie bei eingeschränktem Wahlrecht die Entfesselung der Produktivkräfte besorgte, noch ist es möglich, unter den Bedingungen der Massendemokratie zu einem Minimalstaat im Sinne Ludwig von Mises zu gelangen. Liberale müssen die Widersprüche aushalten und mit ihnen produktiv umgehen.

Ein weiterer solcher Widerspruch ist der zwischen Selbstverantwortung und Solidarität und ein dritter der zwischen der schöpferischen Zerstörung und der Sicherung des Wohlstandes. Villiger plädiert dafür, die Komplexität der Probleme anzunehmen. Es ist nicht möglich, sich in eine Simplizität zu flüchten, bei der eine Seite willkürlich ausgeblendet wird und praktisch gewaltsam unterdrückt werden müsste. «Zusammenfassend können wir festhalten, dass Menschen unter drei Voraussetzungen ein erfolgreiches Gemeinwesen bilden können. Erstens müssen die Menschen über die notwendigen Freiräume verfügen, um die kreativen Kräfte entfalten und die Früchte der eigenen Anstrengungen behalten zu können. Zweitens müssen sie ein Geflecht von auch zwangsbefugten Institutionen schaffen, das wir als Staat bezeichnen. Dieser setzt zentrale Spielregeln durch, sichert individuelle Freiheiten, sorgt für physische Sicherheit, setzt einen langfristig berechenbaren Rahmen für die Marktwirtschaft und sorgt für einen angemessenen sozialen Ausgleich. Drittens müssen die Menschen eine wertorientierte Kultur des sozialen Zusammenlebens entwickeln. Das ermöglicht in vielen Bereichen staatliche Regulierung und damit erhelbliche wohlstandsmindernde Transaktionskosten zu vermeiden.»

Nein, das ist nicht Ordoliberalismus. Der Staat ist eben keine neutrale Macht, die über den gesellschaftlichen miteinander konkurrierenden Kräften steht und für ein ideelles Gemeinwohl sorgt, indem sie die Rahmenordnung definiert. Der Staat, das sind die gesellschaftlichen Kräfte selbst, das ist das ganze Gewebe aus wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kräften, die im Diskurs miteinander die Balance austarieren. Zwischen dem ordoliberalen Denken, das hierarchisch geprägt ist, und diesem, systemisch zu nennenden Denken, das ohne starren Befehl-Gehorsam-Mechanismus auskommt, sich also selbst organisiert, einem autopoeietischen Liberalismus fand ein Paradigmenwechsel statt. Es ist der Sprung von einer Kontrollhierarchie zu einer stratifizierten Autonomie, wie sie dem misesianischen Modell des Minimalstaates zugrunde leigt, aber inklusiv gedacht.

Auf zwei Bücher möchte ich zur vertiefenden Lektüre verweisen: Acemoglu/Robinson: Warum Nationen scheitern - ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung der liberalen Sozialtheorie, das ich hier besprochen habe, und mein eigenes: Sklerose. Leitbilder und Ideologien einer alternden Gesellschaft. Das erste behandelt die Inklusion als notwendige Voraussetzung für Wohlstandsmehrung anhand scheiternder, weil extraktiver Nationen und letzteres befasst sich mit dem Inhalt von Villigers Thesen.

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25. Februar 2016

Brexit: Wie man die Briten in der EU halten will

Tusk und Cameron
Logo CEP

Das Zentrum für Europäische Politik der Stiftung Ordnungspolitik (cep) in Freiburg analysiert die EU-Politik fortwährend synchron zu den Beratungen. Es fasste die Bewertung der zwischen Tusk und Cameron ausgehandelten Verbleib-Bedingungen in einer Studie zusammen. Ihr Fazit: «Bei näherer Betrachtung entpuppen sich die Vorschläge Donald Tusks für drei der vier Forderungen Camerons als praktisch wenig folgenreich, solange die EU-Verträge nicht geändert werden: Dies gilt für die Vorschläge zum Verhältnis zwischen Euro-Zone und Nicht-Euro-Zone, zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und zur Stärkung der Souveränität der Mitgliedstaaten. Hochgradig problematisch wäre zwar eine Finanzmarktregulierung, die zwischen Euro-Zone und Nicht-Euro-Zone unterscheidet; aller Voraussicht nach hätte sie jedoch keinen Bestand, weil der EuGH sie ohne Vertragsänderungen für EU-rechtswidrig erklären dürfte. Substanz haben somit letztlich nur die Vorschläge zu den Sozialleistungen für EU-Einwanderer. Ob der Europäische Gerichtshof in dem einen Fall und das Europäische Parlament in dem anderen dazu ihre Zustimmung geben werden, ist aber offen.»

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24. Februar 2016

Migration: Die beste Entwicklungshilfe

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„Wir hier im reichen Westen können nicht ganze Gesellschaften verändern, ganze Kontinente retten oder Armut und Hunger weltweit verhindern. Wir haben weder die Macht noch die Werkzeuge dazu. Aber wir können individuellen Menschen aus den armen Ländern der Erde helfen. […] Der bei weitem beste Weg um den Menschen die Möglichkeit zur Entwicklung ihres Lebensstandards zu geben, ist es, mehr Menschen aus armen Ländern nach Schweden und in andere reiche Länder einwandern zu lassen.“

Der Blog offene-grenzen.net stellt ein 140 Seiten starkes Büchlein des schwedischen liberalen Aktivisten Fredrik Segerfeldt vor, in dem er für Migration als die bestmögliche Entwicklungshilfe plädiert. Besser als Zahlungen des Staates an korrupte und autokratische Regierungen ist das allemal. Doch können auch die Rücküberweisungen der Einwanderer (halb El Salvador lebt von ihnen) ein Land, das sich in der Entwicklungsfalle befindet, nicht aus dieser herausholen. Mit der Frage, wie die untere Milliarde der Menschheit ihrem Elend entrinnen kann, befasst sich das Buch "Warum Nationen scheitern", das ich rezensiert habe.

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23. Februar 2016

Neue Studien geben Entwarnung: Europäische Dürren noch vollständig im Bereich der natürlichen Schwankungsbreite

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Die Kalte Sonne legt eine neue Serie zum Thema Dürreperioden auf. Dürren sind ein Teilbereich der Alarmszenarien der ökologistischen Klimapolitik. Die Prophezeihungen warnen bekanntlich vor Unwettern aller Art, ganz im Stile der ägyptischen Plagen, die Gott, der Herr, persönlich zur Strafe sandte, weil die Ägypter sich versündigten. Wir werden für die Sünden des Raubbaus an Mutter Natur von dieser mit Extremwetterlagen bestraft: mit Dürren, Stürmen, Hochwasser, Kälte eben alles an metereologischen Scheußlichkeiten, was möglich ist.

Prof. Fritz Vahrenholt (Chemiker) und Dr. Sebastian Lüning (Geologe) vertreten die These, dass sich die klimatischen Entwicklungen am besten mit den schwankenden Sonnenaktivitäten erklären lassen. Daher der Name ihres Blogs und Buchs «Kalte Sonne».

Die nebenstehende Grafik (auf der Originalseite größer abgebildet) zeigt Verläufe der Sommertemperaturen zweier Städte in Frankreich in den letzten 700 Jahren. Die heutigen Temperaturen liegen im Rahmen der natürlichen Schwankungen. Sie lassen keine Besonderheiten aufgrund eines erhöhten CO2-Ausstoßes durch die Industrialisierung erkennen. Der Kampf zwischen Vahrenholt/Lüning und dem Propaganda-Apparat der internationalen Staatengemeinschaft gleicht dem zwischen David und Goliath. Eine ihrer Tricks besteht darin, dass sie Nagelproben auf die Behauptungen machen. Sie suchen nach wissenschaftlich anerkannten Veröffentlichungen, die der Orthodoxie widersprechen und konfrontieren die Akteure der Gegenseite mit ihren eigenen Widersprüchen. Diese reagieren, wenn überhaupt, zunehmend gereizt.

In dieser Diskussion geht es um mehr als um Rechthaberei im wissenschaftlichen Diskurs. Für mich steht fest, dass die klimapolitischen Beschlüsse der Staatengemeinschaft, insbesondere Deutschlands, keine belastbare wissenschaftliche Grundlage haben. Die Datenlage ist verworren. Immer wieder werden Datensätze nachträglich manipuliert, damit sie ins Bild passen. (Beispiel) Die bisherigen Projektionen (Modelle) konnten keine zuverlässigen Prognosen liefern. Die Temperaturentwicklung verlief in den letzten zwanzig Jahren unterhalb aller projektierten Linien. (link) Und - was wohl das schwerwiegendste Argument ist - es war bisher nicht möglich, mit den Modellen die Vergangenheit abzubilden. (link) Erst, wenn die in die Vergangenheit gewendeten Modelle die bekannten Temperaturverläufe berechnen können, gelten sie als valide.

Trotz dieser unausgegorenen Wissenschaft und ihrer nachgewisenen Fehlerhaftigkeit werden wirtschaftspolitische Entscheidungen von großer Tragweite getroffen, die Produktion und Alltagsleben durchdringen. Die Einmischungen in unsere Lebenswelt sind schmerzhaft. Es wird bald keinen Dunstabzug nach außen mehr geben. Fenster können nicht mehr geöffnet werden. E-Autos sollen teilweise vom Steuerzahler finanziert werden. Die Stromrechnung besteht zu einem wachsenden Teil aus Abgaben. Ineffiziente Wind- und Solarkraftwerke verschandeln die Umwelt, erzeugen einen instabilen Zappelstrom und verschlingen Milliarden an Subventionen, während die Versorgungsunternehmen in den Ruin getrieben werden. Laut dem ehemaligen Umweltminister Altmaier kann der wirtschaftliche Aufwand (die Kosten) der Energiewende bis zu einer Billion Euros kosten.

Gewiss, es findet Klimawandel statt. Das war schon immer so, seit Jahrmilliarden. Die Veränderungen bedeuten aber für viele Teile der Welt Verbesserungen (z.B. für den Norden Russlands). Die Sahelzone ergrünt, die Weltpflanzenproduktion steigt überproportional, weil CO2 wie Düngung wirkt. Gut für die Welternährung. Und die negativen Folgen? Nehmen wir den Anstieg der Weltmeere. Er findet seit der letzten Eiszeit kontinuierlich statt. Unsere Vorfahren konnten einst trockenen Fußes auf die britischen Inseln gelangen oder von Sibirien nach Alaska. In den nächsten hundert Jahren wird er an der Nordsee vermutlich um ein bis zwei Handbreit steigen. Erhöhen wir in aller Gelassenheit die Deiche ein wenig und freuen uns über besseren deutschen Rotwein.

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22. Februar 2016

Ankommen, dazugehören, teilhaben - Integration durch Arbeit

Mit der Losung «Integration durch Arbeit» lenkt die INSM den Blick in die richtige Richtung. Integration wird von Seiten der Linken und der Konservativen (die eigentlich lieber gar keine Einwanderer hätten) als eine Bringschuld des Staates gegenüber den Einwanderern angesehen. Es ist ein technokratisches Verständnis, besser Missverständnis. Sich in eine Gesellschaft integrieren bedeutet, an ihrem Leben und Wirtschaften teilzunehmen, ihre geschriebenen Gesetze zu achten und ihre ungeschriebenen Regeln zu übernehmen - Teilhabe eben. Es ist also in erster Linie eine Hohlschuld der Einwanderer. Die Aufgabe der Gastnation besteht darin, sie willkommen zu heißen, ihnen den Anfang zu erleichtern und ihnen die Wege in die Eigenständigkeit zu öffnen. Dazu gehört die (völkerrechtlich verankerte) Öffnung aller allgemeinbildenden Einrichtungen. Die Flüchtingskinder besuchen unsere Schulen. Wer keinen Nutzen von einer Integration hat, wird sich auch nicht integrieren wollen. Die Erfahrungen mit den türkischen Mitbürgern zeigen, dass ihr Bildungshunger von ihren beruflichen Zielen abhängt: die einen wollen aufsteigen, besuchen Gymnasien, sprechen gutes Deutsch und studieren. Sie integrieren sich in die Mittelschicht. Die anderern wollen Taxi fahren, Döner verkaufen oder Haare schneiden. Sie besuchen die unteren Bildungseinrichtungen und sprechen ein stark gefärbtes Deutsch. Da helfen auch keine Förderstunden. Ziele sind Anreize für Bildung und Integration. Eigentlich logisch.

Wir wissen noch nicht sehr viel über die Ziele der Flüchtlinge. Vermutlich wollen viele wieder in die Heimat zurückkehren, sobald der Bürgerkrieg zu Ende ist. Andere suchen eine neue Existenz bei uns. Um deren Integration geht es. Aber anstatt sie als Arbeitsimmigranten zu betrachten, werden sie in die Asylverfahren gelenkt. Das bedeutet nach bisheriger Erfahrung meist mehrjähriges Warten und Dauerarbeitslosigkeit. Es beinhaltet fehlende Anreize zur Integration. Daher trifft die Kampagne der INSM den Punkt. In wirtschaftlicher Eigen- und Selbständigkeit liegt die Chance für die Flüchtlinge und für uns. Die INSM entwickelte dazu sachkundige Vorschläge.

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21. Februar 2016

Wandert der Terrorismus mit den Flüchtlingen ein?

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In einem Beitrag für „offene-grenzen.net“ blickt Sabine Beppler-Stahl zurück auf die Anschläge in London, die sich vor zehn Jahren ereigneten. Die Täter waren alle keine jüngst eingewanderten, sozusagen geschickte Terroristen, sondern Kinder aus Einwandererfamilien, die sich in unserer Mitte zu Terroristen entwickelten. Auch die in Hamburg studierenden Attentäter auf das World-Trade-Center von 2001 lebten lange Jahre unter uns und übernahmen erst hier die terroristische Ideologie des Islamofaschismus. Laut Fokus waren die Sylvester-Rüpel nicht identisch mit den jüngst eingewanderten syrischen Flüchtlingen: «Unter den 19 Tatverdächtigen sind nach derzeitigem Ermittlungsstand elf Asylbewerber. Sechs der Verdächtigen halten sich vermutlich illegal in Deutschland auf, einer ist ein unbegleiteter jugendlicher Flüchtling. Zehn der 19 Männer stammen aus Marokko und Algerien.» Wenn die Polizei- und Geheimdienstbehörden vor dem Einschleusen von Terroristen innerhalb der Flüchtlingsströme warnt, sollten wir die Warnung ernst nehmen. Nur wäre es ein fataler Irrtum anzunehmen, dass der Terrorismus ursächlich etwas mit den Kriegsflüchtlingen zu tun hat. Die Flüchtlinge sind ja gerade Opfer des Terrors und der Bürgerkriege.

Wir können das Eindringen von potenziellen Tätern nicht dadurch verhindern, dass wir keine Einwanderung mehr zulassen. Es ist nicht möglich, Menschen, die einwandern wollen, seien es potenzielle Täter oder friedfertige Menschen, durch Grenzkontrollen davon abhalten. In den USA leben viele Millionen illegale Einwaderer aus Mexiko, obwohl die texanischen Grenze einem eisernen Vorhang gleicht. Sie kommen dennoch. Sie graben Tunnel, finden Wege über die grüne Grenze oder über Drittländer. Europa lässt sich nicht einmauern. Unsere Küsten sind nicht zu befestigen. Illegale Einwanderung ist nicht zu verhindern. Die Presse meldet, dass die Schleuser nun neue Routen erkunden, weil der Zugang über Griechenland strenger kontrolliert wird.

Wir müssen differenzieren. Wir müssen unterscheiden zwischen Terroristen, die in den Bürgerkriegen des Vorderen Orients von den Milizen (auch bei uns) angeworben und ausgebildet werden, um dort zu kämpfen und den Muslimen, die sich in den Metropolen Europas zu Terroristen entwickeln. Einige der islamofaschistischen Milizionäre stammen von hier und kehren teilweise wieder zurück. Andere werden möglicherweise einigeschleust. Wir haben aber keine Hinweise darauf, dass die Milizen in Syrien oder dem Irak einen massiven terroristischen Angriff auf West-Europa planen. Ihr Fokus ist auf die religiösen und politsichen Gegner gerichtet. Suniten kämpfen gegen Schiiten und umgekehrt. Der Terrorismus in unserer Mitte hat andere Gründe und erfordert eine andere Gegenstrategie. Die Bekämpfung unseres eigenen Terrorismus ist in erster Linie eine Aufgabe der Sicherheitsbehörden. Trennen wir die Flüchtlingsthematik von der Terrorproblematik!

Wir müssen differenzieren zwischen Kriegsflüchtlingen und Arbeitsmigranten. Kriegsflüchtlinge sind ein humanitäres Problem, Arbeitsimmigranten sind eine ökonomische Chance. Beide Gruppen aber sind gesellschaftspolitische Herausforderungen. Wir können sie um so besser meistern, je genauer wir unterscheiden. Der Umschlag der öffentlichen Meinung von einer Willkommens- in eine Angsthaltung ist irrational, was sonst. Es ist ein Umschlag in undifferenzierte Angst und nicht etwa eine Ernüchterung. Nüchterne Betrachtungen differenzieren.

Lasst uns an Lösungen arbeiten, die mit den Herausforderungen fertig werden: der Flüchtlinge, der Arbeitsimmigranten, der Integration, des Zerfalls der staatlichen Ordnung in Vorderasien und des Islamofaschismus.

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20. Februar 2016

Homöopathie: Magischer Kinderglaube

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Das Wirtschaftsmagazin Brand Eins interviewte Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke zu den protektionistischen Privilegien der sogenannten Alternativmedizin im deutschen Sozialgesetzbuch. Homoöpathie, anthroposophische Medizin und Phytotherapie unterliegen als sogenannte «besondere Therapierichtungen» nicht den scharfen Bestimmungen bei der Zulassung von Medikamenten, wie die anderen Pharmazeutika. Obwohl ihre Unwirksamkeit (=Wirksamkeit gleicht Placebos) wissenschaftlich unwiderlegbar bewiesen ist, können sie weiterhin wie Arzneimittel verkauft und verschrieben werden.

Das Interview beleuchtet nicht nur ein brisantes Kapitel interventionistischer Politik, es reflektiert auch den EInfluss gegenaufklärerischer Ideologien in Deutschland. Die Befunde reihen sich in die Beispiele ein, die ich in meinem Essay Sklerose angerissen habe.

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17. Februar 2016

Gesellschaft: Jagd auf potenzielle Vergewaltiger

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Großbritannien bestraft unschuldige Männer. Sie könnten eines Tages jemanden vergewaltigen, so die Begründung. Die Betroffenen müssen es nun einen Tag im Voraus der Polizei melden, wenn sie Sex haben möchten. Der britische Rechtsstaat schafft sich ab, meint Brendan O’Neill in Novo Argumente.

In ferner Vergangenheit war der Feminismus Teil der liberalen Freiheitsbewegung. Er fokusierte sich auf die Erkämpfung des Frauenwahlrechts. Die Durchsetzung der Idee weiblicher Selbstbestimmung im privaten Alltag erforderte weitere Jahrzehnte. In Deutschland wurden die Gesetzesänderungen (Eherecht, Namensrecht, Scheidungsregelung) unter den Regierungen Brand und Schmidt in den 1970er-Jahren unter Mitwirkung der FDP durchgeführt. Rechtlich sind die Ziele des feministischen Liberalismus allesamt erreicht. Die Selbstverständlichkeit weiblicher Würde und Selbstbestimmung sickerte im Nachvollzug bis heute in die Köpfe aller Männer und Frauen, sodass konservative Leitbilder heute als reaktionäre Dickköpfigkeit ausgegrenzt werden konnte. Das ist gut so. Das war gut so.

Doch war der Feminismus nie eine rein liberale Bewegung. Der sozialistische Feminismus verband mit der rechtlichen Gleichstellung der Frau auch familienfeindliche Ziele. Die linke Literatur ist voll von Infragestellungen der Ehe und Kleinfamilie, thematisiert immerzu polygame oder promiskuide Scheinalternativen. Der esoterische Feminismus - ein Teil der antirationalistischen Gegenaufklärung - stilisierte das Weibliche zum Göttlichen, erfand weibliche Gottheiten, teilweise aus germanischer Mythenwelt, verehrte angeblich weibliche Intuition, stellte die Weise Frau und ihre Hebammenkunst auf einen skralen Sockel. Im Kern ist dieser elitäre Feminismus ebenso rassistisch wie die anderen neuheidnischen Strömungen, nur eben auf die Sexualität fokusiert. Eine weitere, sehr wirkungsmächtige Strömung innerhalb des Feminismus ist der misanthrope, lesbische Teil. Mit dem esoterischen verbindet ihn die Abwertung des männlichen Geschlechts und in letzter Konsequenz seine Inhumanität. Er stellt sich zum Ziel, ein Matriarchat zu errichten und Männer konsequent zu unterwerfen und zu beherrschen. Die Verschwörungstheorie der Gläsernen Decke gehört seinem ideologischen Arsenal. Eine Konsequenz aus dieser einflussreichen Ideologie ist der Generalverdacht auf die männliche Sexualität als Gewaltinstrument. Alle Männer seien potenzielle Vergewaltiger. Frauen seien geborene Opfer. Es spielt keine Rolle, ob die Tatsachen den Verdacht begründen oder nicht. Da er ein Dogma ist, dürfen die Tatbestände auch hingeschummelt werden: Kachelmanneffekt und das Matzratzengirl wurden zu einprägsamen Narrativen.

Das ist nicht lustig, wie die beiden Beispiele zeigen. Lustig ist auch die Geschichte nicht, die Brendan O'Neill uns erzählt. Der Konservatismus entdeckt den lesbischen Feminismus, und versucht ihn für seine eigenen sexualfeindlichen Ziele zu instrumentalisieren. Einer Befreiungsbewegung, als die der liberale Feminismus einmal angetreten ist, wird eine respressive Wendung verpasst. Sexuell begründete Männerfeindlichkeit schädigt beide Geschlechter. Schon immmer war es das Bestreben der großen Buchreligionen, die menschliche Sexualität als das moralisch Böse schlechthin zu verdammen. Dabei sind wir in den westlichen Ländern auf dem Weg, die sexuelle Lust als eine Quelle der Lebensfreude zu pflegen und zu entdämonisieren. Ihr Prinzip ist die Enthemmung in einem Rahmen liebender Hingabe. Wir lernen nach Jahrhunderten der sexualfeindlichen Propaganda, uns ein Stück unserer eigenen Natur zurückzuholen und zu humanisieren. Sexualität ist ein Bereich der Kultur, der nicht verstaatlicht und nicht institutionell reguliert werden darf. Im Rahmen einer liberalen aufgeklärten Zivilisation kann sie sich in all ihrer Wildheit friedlich entfalten.

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10. Dezember 2015

Die terroristischen Angriffe sind strategischer Art

Logo Foreign Affairs

Die Übersetzung des Beitrags von David Miliband findet sich im Blog.

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