24. Juni 2017

Über die Unmöglichkeit eines Wissenschaftlichen Liberalismus

von Helmut Krebs

In seinem Essay über den „falsifikationistischen Liberalismus Karl Poppers“ trug Maximilian Tarrach drei gewichtige Gründe für die Unmöglichkeit vor, das Konzept des Liberalismus in ein konsistentes Dogma zu überführen. Falsifikationistisch bedeutet hier, dass wir an Theorien so lange glauben, wie sie nicht widerlegt sind. Dies schließt eine Skepsis gegenüber Behauptungen absoluter Gewissheit, endgültiger Lösungen und alternativloser Entscheidungen in sich ein. Maximilian Tarrach lieh diese Gründe aus der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zu der Popper so viel beigetragen hat.

Sowohl die Wirklichkeit, insbesondere die soziale, als auch ihre theoretische Modellierungen sind komplexe Systeme, die nur durch Reduktion der Komplexität in Beobachtungen und Wertungen aus bestimmten Perspektiven rekonstruiert werden können und die nur in einem schrittweisen try-and-error-Verfahren reformiert werden können, sofern ihre systemischen Selbstorganisation bewahrt werden soll. Komplexität bezeichnet ein Merkmal von Systemen, deren Untersysteme in vielfältiger Weise miteinander interagieren können, die keiner absoluten zentralen Kontrolle unterliegen und deren Veränderungen nicht exakt vorausgesagt werden können.

Die Absage an Theorien über Alles (das ist die Identität von Wissenschaft und Weltanschauung) und die Ablehnung absichtlich herbeigeführter revolutionärer Umwälzungen der Gesellschaft begründen sich gegenseitig. Damit ist nicht weniger behauptet als die Unmöglichkeit eines Wissenschaftlichen Liberalismus. Der Begriff ist in bewusster Assoziation zum dogmatischen Marxismus, dem sog. Wissenschaftlichen Sozialismus, gewählt. Liberalismus muss notwendigerweise pluralistisch, unvollständig und wandelbar sein. Die Relevanz der Fragestellung ergibt sich aus den Versuchen, eine solche Theorie zu konstruieren, etwa wenn eine „Ethik der Freiheit“ vorgelegt wird. In meinem Verständnis ist Liberalismus selbst ein Teilmoment des gesellschaftlichen Systems, in dem Menschen und Gruppen in institutionellen Zusammenhängen auf vielfältige Weise miteinander interagieren. Die Ideen leiten die Handlungen und die Ergebnisse beeinflussen die Ideen. Der Liberalismus, verstanden als ein Bündel von Ideen, reflektiert die soziale Wirklichkeit und ist selbst ein Teil dieser Welt. Nur in einer statisch gedachten Welt kann Wissenschaft verstanden werden als ein unveränderliches Denkgebäude.

Ich versuche im Folgenden weitere und zwar anthropologische Gründe für diese Sichtweise vorzutragen. Der Mensch, jeder einzelne Mensch, ist in sich komplex, d.h. seine Handlungsmotive, seine Strategien und seine Ideen lassen sich nicht auf ein einziges Motiv oder Ziel oder eine einzige Idee reduzieren. Er ist vielseitig und vielschichtig in seinen Vermögen und Neigungen, in seinen Gedanken und Handlungen. Menschen unterliegen ihren vererbten natürlichen Gegebenheiten, ihren unbewussten erworbenen Reaktions- und Handlungsmustern und sie sind in der Lage, sich diese bewusst zu machen und sich rational zu verhalten. Und weiterhin sind wir Menschen nicht nur Einzelwesen, sondern auch Teile von Gruppen, seien es natürliche oder künstliche, gegebene oder gewählte Gemeinschaften.

Moralische Gefühle, Leitideen und Begriffe

Theorien bemühen sich darum, in die Welt der Wörter und Ideen Ordnung zu bringen, in dem sie notwendige Begriffe definieren und Dubletten eliminieren. Dies will ich hier versuchen. Ich schlage in Anlehnung an eine empirische Studie über moralische Gefühle vor, dreien in der Psyche stark verankerten Gefühlen drei Leitideen zuzuordnen, um die das gesellschaftliche Handeln kreist und die sich in den Ideen klar zuzuordnenden Begriffen niederschlagen und dadurch Wirklichkeit annehmen. Diese drei Gefühle sind Fairness, Selbstbestimmung und Fürsorge. (Vgl. mein Aufsatz vom 2. Juni 2017: Politische Einstellungen und Gefühlsdispositionen, Anmerkungen zu einem Artikel Philipp Hübls in www.menschliches-handeln.de. Philipp Hübl stellte in Anlehnung an Jonathan Haidt noch drei weitere moralische Gefühle in den Raum, nämlich Autorität, Reinheit und Loyalität. Mir scheinen diese drei jedoch zu einer anderen Kategorie zu gehören als die ersten drei.)

Dem Gefühl der Fairness lässt sich die Idee der Gerechtigkeit zuordnen, der Selbstbestimmung die Freiheit und der Fürsorge die Humanität. Wenn gesellschaftliche Verhältnisse diese Ideen verwirklichen, erscheinen sie uns als stimmig und wir fühlen uns wohl. Asymmetrien lösen in uns Unbehagen aus und wir kritisieren und korrigieren so weit wie möglich die Verhältnisse. In der philosophischen Diskussion der Leitideen folgen wir – unbewusst – unseren Intuitionen, einem emotionalen Vorverständnisses des Ideengehalts. Die Gefühle sind je nach Individuum mehr oder weniger reflektiert, die Ideen mehr oder weniger klar begriffen, doch das Zusammenspiel von Gefühl und Verstand scheint eine allgemeine Tatsache zu sein. Schon David Hume sprach dem Gefühl und den Leidenschaften die Führungsrolle vor dem Verstand zu, den er als einen Erfüllungsgehilfen seines tief im Lebewesen verwurzelten Meisters ansah. Adam Smith legte eine Theorie der ethischen Gefühle vor, um zu zeigen, dass Menschen keine Abgründe des Bösen sind, sondern dass das Gute wie das Böse vielmehr – wir würden heute sagen – genetisch programmiert ist.

Wir brauchen keine reinen philosophischen Begriffe im Rahmen dieser Untersuchung. Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit werfen außerordentlich schwierige, philosophische Fragen auf. Ich übergehe auch das Problem der Sonderstellung der Freiheitsidee im Rahmen der Werte. Dennoch gehen wir ganz ungehemmt im Lebensalltag mit ihnen um. Es haben alle geistig gesunden und reifen Menschen, selbst Kinder eine sehr wirksame Intuition ihrer Bedeutung, die weniger gelehrt und gelernt wird als entdeckt. Was Menschen in diesem Zusammenhang lernen müssen, sind die Wortbedeutungen. Doch die Verknüpfung von erlebten oder fiktiven Episoden mit dem genuinen Urteilsvermögen im Rahmen dieser Ideen ist semantisches, nicht materiales Lernen. Das heißt, Kinder müssen lernen, dass wir zu dem, was es empört, Ungerechtigkeit sagen. Die Empörung müssen sie nicht lernen. Sie stellt sich von selbst ein. Darum beschleicht uns beim Philosophieren oft ein Unbehagen, wenn theoretische Gedankensysteme die Leitideen allzu sehr semantisch dehnen, etwa wenn der Freiheitsbegriff zum Topos der egoistischen Willkür und absoluten Eigenliebe (etwa bei Ayn Rand) transformiert wird. Kant gab uns ein Beispiel für dieses Zusammenspiel von philosophischen Begriffen mit existenziellen Bedingungen. Er nannte Schönheit das, was uns gefällt. Freiheit ist also, um in dieser Diktion zu bleiben, das was die Menschen vor Zwang bewahrt und sie über sich selbst bestimmen lässt; Gerechtigkeit herrscht, wenn Menschen sich fair behandeln und behandelt fühlen und Humanismus ist gelebte Fürsorglichkeit, Hilfsbereitschaft und Liebe.

Die Hauptschwierigkeit liegt darin, dass Idee und Begriff nicht zusammenfallen. Denker, die diese Unterscheidung nicht treffen, sind nicht gegen totalitäre Tendenzen gewappnet. Als Beispiel mag hier das Konzept des fichteschen Nationalstaates gelten, ein Prototyp des sozialistischen Totalitarismus, das er paradoxerweise aus liberalen Ideen ableitete. Poppers Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ arbeitet dieses Thema an den Beispielen Platon und Karl Marx durch. Unter Begriff sei hier die Bezeichnung für die Konkretion einer der Leitideen verstanden. Dazu einige Beispiele: Die Gerechtigkeit schlägt sich nieder im Begriff des Tabus der Gruppendiskriminierung. Freiheit schlägt sich nieder in den Bürgerrechten der Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit oder im Wahlrecht. Humanismus verwirklicht sich im Recht auf ein Existenzminimum oder in dem Grundsatz, dass Eigentum verpflichtet. Schon befinden wir uns im politischen Meinungsstreit: Verpflichtet uns die Idee der Menschlichkeit zu einem bedingungslosen Grundeinkommen oder nur zur Garantie eines bedingten Anspruchs bei nachgewiesener Bedürftigkeit? Bedeutet Toleranz als Ausdruck für die Freiheit des Menschen, dass wir religiösen Symbolen von Anderen achtungsvoll begegnen müssen oder – im Gegenteil – die Zumutung für Gläubige, Kritik der Nichtgläubigen ertragen zu müssen? Und bedeutet Menschlichkeit, dass der Reiche sein letztes Hemd mit dem Bettler teilen muss, also seine wirtschaftliche Existenz unterminieren, die seinen Reichtum erzeugt? Auf der Ebene des Begriffs geht es nicht nur um die Leitidee – es geht um die Konkretion im Hier und Heute, es geht um Maß und Mittel, um Verteilung von Ressourcen und Zielkonflikte. Die Differenz zwischen Idee und Begriff ist der Raum des politischen Diskurses und ein logischer Grund für die Unmöglichkeit eines Wissenschaftlichen Liberalismus. Der logische Grund lässt sich anhand der Komplexität in uns selbst erklären.

Die Komplexität in uns selbst

Auch wenn die Intuitionen, die klar und kräftig in uns wirksam sind, die die Leitideen tragen, bedeutet dies nicht, dass sie miteinander in einer prästabilierten Harmonie verharren. Vielmehr geraten wir immer wieder in Situationen, in denen sie miteinander konkurrieren. Ein Kunde betritt den Bäckerladen, entdeckt, dass sich bei einer bestimmten Brotsorte nicht der Preis erhöht, wohl aber das Gewicht verringert hat und findet dieses Geschäftsgebaren unfair. Der Händler rechnet damit, dass die versteckte Teuerung nicht bemerkt wird. Doch lässt er sich darüber aufklären, dass Preiserhöhungen das unverzichtbare Mittel sind, um den Beschäftigten des Bäckereigewerbes, die an der unteren Skala der Einkommen rangieren, Verbesserungen zu ermöglichen, aber auch nur dann, wenn die eintretenden Nachfrageverluste minimiert werden. Fairness ringt mit Fürsorge. Vom menschlichen Standpunkt aus findet der Kunde es verständlich und gönnt den Vorteil der ärmeren Verkäuferin gerne, doch vom Standpunkt seines wirtschaftlichen Eigeninteresses, d.h. seiner Fürsorgepflicht gegenüber seiner eigenen Familie, wird er zukünftig häufiger billiger beim Discounter einkaufen. Die eine Gruppenzugehörigkeit konkurriert mit der anderen.

Perspektivwechsel erzeugen unterschiedliche bis widersprüchliche Konsequenzen und Wertungen. Verstehen wir uns als Teil der kommunalen Gemeinschaft, gönnen wir den anderen Gliedern Gutes; sofern wir uns als Teil der eigenen Familie verstehen, stehen unsere und die Interessen der anderen in Konkurrenz zueinander.

Gesellschaftliche Interessenunterschiede sind nicht einfach Unterschiede von Gebieten, die auseinander liegen. Sie wirken in uns selbst, und zwar aufgrund der Komplexität unseres Seins. All diese Differenz und Widersprüchlichkeit, die den politischen Diskurs befeuert und den gesellschaftlichen Wandel erzeugt, liegt in uns selbst, in der Fülle unserer Beziehungen und Vermögen. Wir können sowohl mitmenschlich fühlen und handeln als auch mit kaltem Verstand den eigenen Vorteil beurteilen. Es kommt auf die Perspektive an. Die Kunst liegt in einer richtigen Gewichtung und Zuordnung der Teilaspekte im Ganzen, in einer vernünftigen Gewichtung in Ort und Zeit. Hierfür gibt es kein theoretisches Universalwerkzeug.

Liberalismus in einer offenen Gesellschaft

Maximilian Tarrach wies in seinem Fazit darauf hin, dass der Perspektivwechsel für die Erkenntnis komplexer Wirklichkeiten nicht nur unerlässlich ist, sondern dass er sogar in hochentwickelten liberalen Demokratien institutionalisiert wurde. Die Interessen der Bürger lassen sich nicht in einer identitären Direktdemokratie realisieren. Eine komplexe hochentwickelte Gesellschaft braucht sowohl Zentralisierung als auch eine Gewaltenteilung und eine repräsentative Demokratie, in der die unterschiedlichen Perspektiven durch Institutionen zuverlässig eingenommen werden, die sich gegenseitig kontrollieren und kritisieren. Pluralismus und Gewaltenteilung innerhalb des Staates, das Zusammenspiel mit den institutionalisierten Teilmomenten (den Verfassungseinrichtungen) und der sogenannten Bürgergesellschaft, etwa der Medien, der Parteien usw. gewährleistet eine permanente Optimierung des ganzen Systems, seine Wandelbarkeit und damit die Evolutionsstabilität.

Der Liberalismus wird nur dann als die politisch wirksame Strömung der Aufklärung auch in Gegenwart und Zukunft kraftvoll bleiben, wenn er sich der schwierigen Aufgabe stellt, die menschliche, gesellschaftliche und theoretische Vielseitigkeit zu würdigen. Alle drei moralischen Intuitionen und Leitideen sind unauslöschliche Kräfte des gesellschaftlichen und geschichtlichen Wandels: die Freiheit, die Gerechtigkeit und die Humanität. Der Liberalismus muss diese Leitideen zu den weiterführenden Begriffen ummünzen. Sie müssen sozial gerecht, menschlich und freiheitlich zugleich sein.

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