23. Juni 2017

Der falsifikationistische Liberalismus Karl Poppers

Vortrag von Maximilian Tarrach auf der Tagung der Hayek-Gesellschaft, Juni 2017 in Bonn

Zuallererst möchte ich mich für die Möglichkeit bedanken, hier sprechen zu dürfen und dabei vor allem Professor Habermann herausheben, der mich für diesen Vortrag vorgeschlagen hat.

Mein Thema heute lautet: „Der falsifikationistische Liberalismus Karl Poppers“. Als Falsifikationismus wird eine Erkenntnistheorie bzw. eine von Popper inspirierte Strömung der Philosophie bezeichnet, die die Fehlbarkeit menschlichen Wissens zum Thema hat. Sie behauptet, kurz gesagt, dass jede Theorie nur eine Hypothese darstellt und es daher kein sicheres Wissen gibt. Sie stellt daher fest, dass Theorien nur falsifiziert also widerlegt, niemals verifiziert also belegt werden können. Ich muss Ihnen allerdings gestehen, dass ich sie mit meinem Titel des falsifikationistischen Liberalismus in gewissem Sinne in die Irre geführt habe. Denn einen solchen Liberalismus gibt es natürlich eigentlich gar nicht. Erstens weil er meine eigene Erfindung ist und zweitens weil keine politische Theorie oder Programmatik von Popper in der Weise vorhanden ist, wie bspw. sie Friedrich August von Hayek mit seiner „Verfassung der Freiheit“ vorlegte. Nirgends in Poppers Werk ist exakt ausformuliert, wie er sich eine politische Landschaft wünscht oder vorstellt. Dies ist aber keine Schwäche in Poppers Theorie, sondern eine gewollte Unterlassung. Denn was Popper im Gegenzug geleistet hat, ist eine Idee oder ein Forschungsprogramm für einen Liberalismus zu entwickeln, der erst noch ausbuchstabiert werden müsste. Dieses Forschungsprogramm zeichnet sich durch drei Ideen aus, die ich Ihnen heute exemplarisch vorstellen möchte und die sich zu einem zeitlosen Gespann politischer Ideenbildung verbinden. Erstens die Idee der Komplexität, zweitens die Idee der Perspektivendifferenz und drittens die Idee der selbstorganisierenden Systeme.

Komplexität

Beginnen wir also mit der Komplexität. Poppers erste Prämisse lautet hier nämlich, dass wir in einer komplexen Welt leben. Die meisten Menschen glauben heute aber immer noch, dass wir nur in einer komplizierten, nicht in einer komplexen Welt leben. Was aber ist der Unterschied? Eine komplizierte Welt wäre eine, in der es zwar möglicherweise unendliche viele aber in sich sehr simple Prozesse gäbe, deren Unverständnis nur von der Kumulierung dieser Abläufe abhinge. So wie man eine Nadel im Heuhaufen nicht finden kann, obwohl an der Aufgabe eine Nadel zu suchen und innerhalb einer gewissen Menge Heus ausfindig zu machen, nichts Komplexes zu sehen ist. Eine komplexe Welt aber zeichnet sich dadurch aus, dass ihr Ausgang nicht determiniert, unvorhersehbar und die sie bildenden Prozesse vielfältig miteinander verschaltet und verschränkt sind. Denken wir an einen Apfel, der durch einen Windstoß zufällig vom Baum fällt und damit das Überleben eines Termitenstaates rettet, der wiederum das Futter einiger Vögel wird. Niemand konnte planen, wo der Apfel hinfallen würde, alle Teile formieren sich ständig neu und sind auf die Entscheidungen, auf die Pfade der anderen Teile angewiesen.

Wir leben nach Popper in einer komplexen Welt. Was bedeutet das für den Menschen? Es schränkt zuallererst unsere Erkenntnis von ihr erheblich ein. Wenn wir uns nämlich bewusst machen, was Erkenntnisse sind, wird das sofort offenkundig. Jede Erkenntnis besteht in einer semantischen Unterscheidung. Um erkennen zu können, müssen wir etwas trennen. Zum Beispiel das dies ein Tisch und kein Stuhl ist. Wir unterscheiden zwischen dem, was erkannt werden soll, und dem, was nicht erkannt werden soll. Mithin lenken wir den Blick auf etwas und damit immer auch von etwas weg. Wir beleuchten den einen Teil zu Ungunsten des anderen. Mit anderen Worten: Jede Erkenntnis bricht Komplexität. Und das mit struktureller Notwendigkeit. Es gibt aus diesem Dilemma kein Entkommen. Karl Popper hat hier oft das Bild eines Seemannes geprägt, der auf dem Meer der Erkenntnis fischt: Er kann nur seine Netze (Theorien) auswerfen, doch was wird er damit bekommen? Ja, ein ums andere Mal geht ihm ein Fisch ins Netz, meistens jedoch fängt er nur Algen und die unendlich große Menge an Wasser entwischt ihm sowieso. Das heißt die Blätter und die Tinte unserer Wissenschaft zeichnen immer nur einen winzigen Ausschnitt dessen auf, was es an potenzieller Erkenntnis zu gewinnen gibt.

Wenn Popper mit dieser Sicht recht hat, müssten wir zwei erste Schlüsse aus dieser Erkenntnis gewinnen: 1. Da wir aus dem Dilemma der Komplexität nicht herauskommen, können wir uns unserer komplexitätsbrechenden Art Erkenntnis zu gewinnen nur bewusst werden. Die unausweichliche Folge dieses Anerkennens unserer beschränkten Möglichkeiten liegt darin, die Suche nach endgültigen absoluten Wahrheiten aufzugeben. „Alles ist im Fluss“, wie Heraklit sagt. 2. Was wir an Fortschritt in unserem Denken vollziehen können, ist nur durch das komplexere Brechen von Komplexität möglich. Wenn es also schon kein absolutes Maß für Erkenntnis gibt, so gibt es doch Gradabstufungen zwischen komplexeren Komplexitätsbrechungen und unterkomplexen Komplexitätsbrechungen.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, warum Sie das kümmern sollte? Unsere Brücken stehen doch, unsere Supermärkte sind gefüllt und unsere Autos fahren in der vorgegebenen Weise. Warum sind diese Grenzfragen überhaupt wichtig? Böse Zungen behaupten ja, philosophische Probleme existierten nur, weil Philosophen über sie sprächen und sie damit erzeugten. Aber stimmt das? Was gute Philosophie zu leisten vermag, besteht darin, die Grundlagen der Teile unseres Denkens offenzulegen, die jeder Mensch unhinterfragt im Alltag verwendet, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dieses Wissen könnte man das unhinterfragte Hintergrundwissen unserer Gesellschaft nennen. Philosophen nehmen sich nun dieses Wissen, stellen es radikal in Frage und zerlegen es nach allen Regeln der ihnen zu Geboten stehenden Kunst. Aber um was zu erhalten? Klarheit darüber, wie unklar und unscharf dieses Wissen eigentlich ist. Sie können jede große Idee als Beispiel nehmen: Wer weiß schon wirklich, was Freiheit, Gerechtigkeit oder Würde bedeutet? Und trotzdem verwendet so gut wie jeder diese Begriffe im Alltag als sei ihre Bedeutung klar und offensichtlich. Der Beitrag der Philosophen für das praktische Leben besteht dann darin, klareres Basiswissen oder klarere Ideen von den Grundlagen unseres Lebens und unserer Existenz zu liefern auf denen dann, so die Hoffnung der Philosophie, bessere Entscheidungen im Alltag gefällt werden können. Es ist daher richtig, dass die Philosophie nie auf direktem Wege Alltagsrelevanz hat. Aus philosophischen Grundlagendiskussionen werden sie niemals genau ableiten können, was sie im Konkreten tun sollen. Dafür sind die Möglichkeiten zu vielfältig. Dafür ist unsere Welt zu komplex. Aber sie können eine fundiertere Entscheidung treffen, wenn sie in den Grundlagen fit sind. Entscheiden müssen sie allerdings immer noch selbst. Hier sieht man wie stark Poppers Philosophie in der Tradition der Aufklärung steht, nur Mittel niemals Ziele für den Menschen vorzuschreiben. Der Mensch soll jene Mittel an die Hand bekommen, mit denen er selbstverantwortlich handeln kann.

Wenn wir nun also wissen, dass wir nichts mit absoluter Gewissheit wissen können, folgt daraus, dass niemand berechtigt ist, Dogmen aufzustellen. Weder in der Wissenschaft noch in der Politik. Beides haben wir in den letzten Jahrhunderten zu häufig erlebt, um es als trivial bezeichnen zu können. Denken Sie an Galileo, der für seine wissenschaftliche Idee verfolgt wurde, oder denken sie an den wissenschaftlichen Sozialismus, der als die Verbindung par excellence von wissenschaftlichem und politischem Dogma gelten kann. Denken sie an die radikalen Islamisten, für die jeder ein Ungläubiger ist, der gern Musik hört.

Nun zurück also zu den Grundlagen unserer Erkenntnis. Jede Erkenntnis besteht in einer Unterscheidung, hatte ich gesagt. Darüber hinaus besteht noch ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen der Allgemeinheit der Unterscheidung, der Größe des Anwendungsbereichs und des semantischen Gehalts der zu gewinnenden Erkenntnis. Machen wir uns das an ein paar Beispielen klar. Wenn ich sage: „Jeder Tisch hat vier Beine“, so ist diese Unterscheidung sehr allgemein und sagt inhaltlich relativ wenig aus. Wenn ich richtig liege, kann sie aber auf jede Form von Tischen angewendet werden und hat damit einen großen Anwendungsbereich. Auch wenn die Aussage falsch ist, weil es natürlich auch Tische mit nur einem Bein gibt. Wenn ich nun sage, dass das Eingangsschild von Buxtehude schief hängt, dann ist dies eine sehr spezielle Unterscheidung, weil es nur auf ein einziges Schild in ganz Deutschland anwendbar ist und dabei aber einen großen Gehalt hat, zumindest einen größeren als den, dass alle Tische nur vier Beine haben, weil ich bei der Schild-Erkenntnis, das »Schild«, die Stadt »Buxtehude« und die Zuschreibung »schief« in meine Erkenntnis eingebracht habe.

Wir stehen damit also nicht nur vor dem strukturellen Problem der Komplexitätsbrechung, sondern zusätzlich noch vor folgender Schwierigkeit: Je allgemeiner unsere Unterscheidung ist, desto kleiner wird notwendiger Weise ihr semantischer Gehalt. Gerade dies liegt in der Form der Verallgemeinerung, also dem Abstrahieren vom Konkreten. Das Allgemeine kann niemals alles Konkrete fassen. Und wiederum je konkreter eine Erkenntnis wird, desto kleiner wird ihr Anwendungsbereich (weil das Konkrete nicht das Allgemeine einzufangen vermag). Denken Sie an die französische Revolution: Sie würden doch sagen, zu ihrer Beschreibung gehört der Sturm auf die Bastille und die Hinrichtung Ludwig des XIV. und die Regentschaft von Maximilian de Robespierre. Wenn wir jetzt aber allgemein über Revolutionen sprechen wollen, dann müssen wir all diese Aspekte ausklammern, weil sie spezifisch zur französischen Revolution gehören. Wir würden darüber sprechen, dass bei jeder Revolution ein fundamentaler sozialer und politischer Wandel eingeleitet sein muss oder dass dieser Wandel in einer kurzen Zeitspanne (mit zum Teil großen Gewaltexzessen) ablaufen muss. Niemals aber könnte man einen allgemeinen Begriff einer Revolution einführen, der alle Aspekte aller historischen Revolutionen umfasste.

Diese Erkenntnisse sind der Grund, warum es zwecklos ist, eine Theorie für Alles finden zu wollen, eine Weltformel, in der die Komplexität nicht gebrochen wäre, weil sie zugleich allgemein und auf alles anwendbar wäre.

Perspektivendifferenz

Kommen wir nun zu meinem zweiten Punkt der Perspektivendifferenz. Perspektivendifferenz bezeichnet den Umstand, dass wir nicht nur auf die unendlich vielen Erkenntnisse in ihrer Summe bezogen nur begrenzte Erkenntnis gewinnen können, sondern, dass wir sogar auf ein und denselben Gegenstand bezogen, zu ganz verschiedenen Erkenntnissen gelangen können. Nehmen wir den Menschen. Man kann über Menschen biologisch sprechen, dann würde man das Funktionieren ihrer Organe und Zellen hervorheben, man kann aber auch psychologisch über den Menschen sprechen, dann würde man über seine seelischen Zustände Aussagen treffen, man könnte aber auch soziologisch über den Menschen sprechen, dann wüsste man, welche Sprache er spricht, zu welcher sozialen Schicht er gehört oder welche Partei er wählt und ebenso könnte man ökonomisch über ihn sprechen, indem man herausfände, was dieser Mensch konsumiert, wie viel er spart und welchen Beruf mit welchem Einkommen er ausübt. Das Spannende ist hier, dass sich keine der Bereiche, die ich ihnen eben genannt habe, auf einen der anderen Bereiche reduzieren lassen. Zu welcher sozialen Schicht ein Mensch gehört, kann ich nicht an seinen Organen ablesen, anhand seiner Sparquote kann ich keine Diagnose über sein Geistesleben vornehmen usw.

Wir können also nicht nur auf die mannigfaltigen Dinge bezogen, die uns umgeben, immer nur partielle Erkenntnis gewinnen, sondern wir können von ein und demselben Gegenstand ganz verschiedene inkommensurable Erkenntnisse erhalten. Übertragen wir dies auf das Politische. Am Marxismus und dem Nationalsozialismus sieht man sofort, was Popper hier meint. Der Marxismus wollte in allem einen Aufstieg des Sozialismus erkennen. Sogar das Aufkommen des Kapitalismus war das sichere Zeichen, dass bald der Sozialismus und mit ihm der Kommunismus kommen müsse. Die begrenzte Perspektive, die extreme Brechung sozialer Komplexität lässt die Theorie sofort ins Absurde abdriften, wenn man sie auf alle sozialen Phänomene anwenden will, bspw. dass auch ein gut verdienender Angestellter ein ausgebeuteter Arbeiter sein soll, beraubt seiner Freiheit und Würde, oder dass Ökonomen, welche die Vorteile der Marktwirtschaft hervorheben, allesamt durch ihr bourgeoises Denken vergiftet seien. Nicht die Realität formt hier die Theorie, d. h. die Unterscheidungen werden nicht anhand der Komplexität vorgenommen, sondern die Komplexität soll sich den vorgefassten Unterscheidungen gemäß richten. Nehmen wir die Nationalsozialisten, für die die Juden an allen Übeln der Gesellschaft Schuld waren. So waren sie auf der einen Seite verarmte Parasiten, die heimatlos in Europa umherziehend, den hart arbeitenden Völkern dieses Kontinents immer nur zur Last fielen. Zugleich aber waren sie die Hochfinanz, die mit dem Weltjudentum angeblich die Geschicke der Menschheit an einem grünen Tisch bestimmte. Auch hier werden die Augen vor der Komplexität verschlossen anstatt sie als Herausforderung täglich neu zu sondieren. Es sollte vielleicht noch gesagt werden, dass bei aller Bewusstheit über das Perspektivenhafte der Erkenntnis wir nie dem Perspektivcharakter entfliehen können. Auch die Perspektive, dass jede Perspektive nur eine begrenzte Perspektive auf einen Gegenstand darstellt, ist selbst eine Perspektive, nämlich eine, die die Differenz der Perspektiven zum Thema hat. Auch hier können wir also nur so vernünftig und verantwortungsvoll wie möglich mit unseren immer unperfekten Perspektiven umgehen. Dies führt zum Gebot der Multiperspektivität. Der Liberalismus als geistiges Kind der Aufklärung enthält genau deshalb zeitlose Botschaften, weil er darauf verzichtet, Komplexität dadurch zu brechen, dass er sie ignoriert. Er ist mehr als eine historische und temporäre Strömung, weil er nicht dogmatisch ist, sondern verschiedene ambivalente und in sich verschränkte Perspektiven einnimmt. Die Suche nach dem einen reinen Liberalismus, gereinigt von allem geistigen Konflikt, erscheint aus der Perspektive der Perspektivendifferenz daher mehr als fragwürdig.

Machen wir uns klar, dass schon durch das Etablieren von Regierung und Opposition, eine urliberale Forderung, eine strukturelle Ambivalenz der Perspektiven und Werte institutionalisiert wird. Die Regierung soll die Regierungsgeschäfte möglichst rational, sparsam und zügig voranbringen, während die Opposition qua Struktur diesen Prozess ausbremsen, prüfen und mit guten Gründen ein ums andere Mal verhindern soll. Oder denken wir daran, dass wir in unserer heutigen Welt sowohl Großkonzerne brauchen, die höchst effizient, multinational und zum Teil auch rücksichtslos Profite erwirtschaften, indem sie in großer Menge gute und günstige Produkte herstellen, und zugleich brauchen wir aber auch die Bürgergesellschaft, die diese Konzerne kontrolliert, ihre Rechte einfordert und die externen Effekte einklagt (Stichwort Dieselskandal). Weder sind der Gesetzgeber und die Bürgervereine immer die Guten, noch sind die Konzerne immer zu verteufeln. Gerade die Ambivalenz beider Institutionen, die ständig miteinander ringen und im Idealfall die Waage halten, macht die Komplexität unserer heutigen Gesellschaft aus. Nur Dogmatiker wollen diese Ambivalenz ausmerzen, um eine vermeintlich einfachere Welt zu konstruieren, eine steuerbare Welt, die dann keine Konflikte aber auch keinen Wohlstand mehr kennen würde.

Der Liberalismus hingegen ist gelebte Multiperspektivität. Er ist eine nie abgeschlossene Lehre durch die Akzeptanz einer Welt, die dauerhaft komplexer bleibt, als er sie beschreiben könnte. Er hält die Halbfertigkeit, die Ambivalenz der sozialen Systeme aus und versucht nicht, diese durch radikale Einschnitte wieder zurechtzustutzen.

Selbstorganisierende Systeme

Genau an diesem Punkt sollten wir uns meinem letzten Thema der selbstorganisierenden Systeme widmen. Selbstorganisierende Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht von oben gelenkt sind. Sie ordnen sich spontan und lassen sich nicht auf ihre Bestandteile reduzieren. Nur das Zusammenspiel dieser Bestandteile macht ihren Reiz aus. Nehmen wir ein Fußballspiel. Die Rollen der Spieler sind zwar grob vorgegeben und es sind noch einige Regeln vorhanden, aber abgesehen davon, ist jedes einzelne Spiel eine eigene spontane Ordnung. Was man daran sehen kann, dass sonst die Spannung sich ein solches Spiel anzusehen gen Null tendieren würde. Mithin kann man nicht einfach einen Torwart oder Verteidiger aus dem Spiel nehmen, ohne diese Ordnung fundamental zu stören und wesentlich zu verändern. Wenn wir nun sehen, dass sowohl unsere Natur als auch der menschliche Organismus als auch die menschliche Gesellschaft selbstorganisierende Systeme sind, wird deutlich, dass die Zugriffe auf diese Systeme immer beschränkt bleiben müssen. Es gibt eben keinen einfachen archimedischen Hebel, an dem man die ganze Welt aus den Angeln heben kann. Auch hier ist Bescheidenheit angesagt. Selbstorganisierende Systemen überleben partielle, auf kleine Veränderungen und Bereiche beschränkte Eingriffe – Revolutionen zerstören sie – und selbst dann noch werden sie Rückkoppelungen zeitigen, die ihre Reformer nicht intendierten. Der Markt kann hier als Beispiel dienen. Im Markt reagieren Anbieter auf Nachfragen, die sie selbst noch nicht kennen konnten, kaufen Nachfrager Produkte, von denen sie selbst noch nicht wussten, dass sie sie brauchen könnten. Auch im Markt kann man nicht einfach den Preismechanismus entfernen, ohne diese Ordnung zu zerstören. Hier hat der Liberalismus als erste Strömung eine Forderung nach Beschränkung von Eingriffen formuliert, die aber für alle selbstorganisierenden Systeme gelten, und welche die heutige Staatenwelt in langen Jahren des Versuch-und-Irrtum-Verfahrens wiederentdecken mussten. Aus diesem Grund verschiebt Popper auch die Frage der Politik grundlegend. Nicht das beste politische System steht bei ihm im Zentrum, sondern der beste Prozess, der die selbstorganisierenden Kräfte am wenigsten hemmt, der Evolution überhaupt ermöglicht, macht bei ihm den Kern seiner Überlegungen aus. Einen solchen Prozess sah Popper in einer deliberativen Demokratie gegeben, zumindest als besten bisher bekannten Prozess. Denn hier wird die Zukunft als offen verstanden, hier wird jede politische Aktion als vom Prinzip her als reversibel verstanden. Nichts darf alternativlos, nichts darf unhinterfragbar sein.

Fazit

Nun nehmen wir die Verbindung aus allen drei Ideen, die ich Ihnen genannt habe. Poppers Liberalismus weist in eine Richtung, in der Dogmatik aufgrund der Komplexität unserer Welt nicht angesagt ist, in der verschiedene Perspektiven gebraucht, betrachtet, begrüßt, ja sogar institutionalisiert werden sollen, und in der dem Zugriff auf selbstorganisierende Systeme mit Skepsis begegnet wird. Auf diesem Weg strebt er eine stückweise Verbesserung unserer menschlichen Lebenslage an, mit Reformen nie durch Revolutionen.

Auch dieser Vortrag hadert natürlich damit, dass man seine Botschaft nicht in eine einfache Formel gießen kann. Es wäre schön, wenn ich Ihnen sagen könnte, was wir in einer komplexen Welt auf jeden Fall als nächstes tun sollten. An dieser Stelle kann man eigentlich nur auf den auch von Popper sehr verehrten Sokrates referieren, der den Standpunkt vertrat: „Ich weiß, dass ich eigentlich nichts weiß und genau dieses Wissen macht mich weiser als jeden Anderen, der blind behauptet, dass er den vollen Durchblick habe.“

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