2. Juni 2017

Politische Einstellungen und Gefühlsdispositionen

Anmerkungen zu einem Artikel Philipp Hübls von Helmut Krebs

Unlängst schlug ich in einem Essay vor („Was ist links, was rechts? Einstellungen politischer Richtungen“ vom 13. Mai 2017), die politischen Richtungen und ihre Ideologien auf basale Einstellungen zu reduzieren. Unter basalen Einstellungen verstand ich emotionale Neigungen (psychologisch betrachtet) oder – analog dazu – logische Kategorien (philosophisch betrachtet). Nun erschien in der Neuen Züricher Zeitung vom 29. Mai 2017 ein Artikel des Philosophen Philipp Hübel („Was Progressive und Konservative unterscheidet sind Gefühle“), in dem ganz im Sinne meines Blickwinkels die emotionale Seite von politischen Richtungen ausgeleuchtet wird. Hübl unterscheidet zwischen Progressiven (Linke und Liberale) und Konservativen. Das deckt sich mit meinem Befund, dass Linke und Liberale Gesellschaftsveränderungen anstreben und darum – wenn nicht Brüder – so doch Vettern im Geiste sind. Tatsächlich ging die Linke auch als ein Seitenzweig aus dem Liberalismus hervor. (Vgl. mein Aufsatz vom 25. Juni 2015 „Der Unterschied zwischen der Rechten und der Linken und warum ich weder das eine noch das andere bin“)

Ziemlich stark vereinfachend verortet er diese beiden als Polaritäten verstandene Richtungen als Ausdruck eines Gegensatzes von Stadt und Land. „Die progressiven Städter wollen Freiheit und Offenheit, während sich die konservative Landbevölkerung nach Autorität und Tradition sehnt.“ Die Idee der Freiheit wurde in der Stadt geboren. Sie begründete eine doppelt freie Lage (wie Marx es ausdrückte), nämlich frei von den feudalen Banden des Landlebens und frei, um sich in einer Marktwirtschaft zu positionieren. Im Gegensatz zur anonymen Stadt bietet das Dorf als eine Face-to-Face-Gesellschaft, besser -Gemeinschaft, weniger Spielraum individueller Entfaltung, da die soziale Kontrolle einen starken Konformitätsdruck erzeugt. Die Idee einer Leitkultur, die neuerdings wieder von der staatstragenden Partei aus der Mottenkiste hervorgeholt wird, soll aus der Stadt ein Dorf machen. So viele Pfarrer wie nötig sind, um alle Schäfchen auf dem richtigen Pfad zu führen, kann die Bundesregierung aber wohl kaum aufbieten.

Tatsächlich sind „Stadt und Land“ wohl besser metaphorisch zu verstehen. Auch viele Städter tendieren dazu, sich in Milieus einzuigeln, wobei die social medias bei der Blasenbildung nicht nur behilflich sind, sondern diese auf die Spitze treiben. Die postmoderne Stadt unterteilt sich in eine unüberschaubare Zahl von Subkulturen, von Kleingemeinschaften, in denen sich der mündige Bürger verliert oder gar auflöst. Und das postmoderne Dorf bietet im Zuge der globalen Vernetzung von Information und Transport Lebensbedingungen, die der Stadt in wenig nachstehen. Städter und Dörfler verteilen sich über Stadt und Land.

Hübls Untersuchung stützt sich auf eine empirische Forschung an über hunderttausend Probanden. Wir dürfen annehmen, dass die Befunde gut gesichert sind. Progressive und Konservative liegen „in ihren Ideologien oft weit auseinander, weil sie sich grundlegend in ihren Denkstilen und Emotionen unterscheiden“. Worin genau nun unterscheiden sich die Emotionen und Denkstile?

„Mindestens sechs emotionsbasierte Prinzipien hat die Forschung herausgearbeitet. Fürsorge stellt sicher, dass wir uns um Kinder und Hilfsbedürftige kümmern. Freiheit zeigt sich in dem Wunsch, selbstbestimmt und ohne Zwang zu leben. Fairness sensibilisiert uns für das Gleichgewicht in der Kooperation.“ Dieser drei Kategorien sind weltweite anthropologische Konstanten. Das wissen Liberale spätestens seit Hume, der die Soziabilität des Menschen zum Ausgangspunkt seiner Sozialphilosophie machte, und seit Kant, die Intelligibilität als notwendige Bedingung rationaler Gesellschaftsverfassungen hervorhob. Soziabilität und Intelligibilität bilden zusammen den Spannungsrahmen, in dem sich Stadt und Land, Gesellschaft und Gemeinschaft, Individuum und Menschheit ins Verhältnis bringen. Menschen sind sowohl intelligente Einzelwesen als auch konventionelle Gemeinschaftswesen. Und sowohl Intelligenz als auch Konvention fußen auf Emotionen und Intuitionen, die uns als innere Natur gegeben sind. „Wir sind empört, wenn Schwachen Leid widerfährt (Fürsorge), wenn Menschen unterdrückt werden (Freiheit) und wenn sie ungerecht behandelt werden (Fairness).“ Hübl steht in einer fast vergessenen liberalen Tradition, die der Schottischen Aufklärung (Hume, Ferguson, Smith). Sie arbeitete an einer Theorie des moralischen Gefühls.

Wir haben bisher nur drei von sechs emotionsbasierten Prinzipien aufgezählt. Das vierte ist die Loyalität, also die Treue zur Gemeinschaft. Gemeinschaften bilden sich anhand gemeinschaftsstiftender Merkmale, die als Werte angesehen werden. In der Treue zu diesen Merkmalen (z. B. die Teilnahme am Gottesdienst oder der Besuch eines Fußballspiels als Fan) in guten und schlechten Zeiten überträgt den Wert des Merkmals (Glaubenskern) auf die Gruppe, die selbst zum Heiligtum wird („Heilige Katholische Kirche“). Notwendig sind alle konkurrierenden Gemeinschaften negativ besetzt. Das unterscheidende Prinzip zwischen Loyalität zur eigenen Gemeinschaft und der Ablehnung der konkurrierenden ist das der Reinheit. Das Eigene ist das Reine, das Fremde erzeugt Ekel. Xenophobie, Homophobie, der Intellektuellenhass und sein Spiegelbild die Intellektuellenarroganz sind einige Phänomene dieser archaischen Gefühle. Gemeinschaften verhalten sich nach innen warm, fürsorglich, affirmativ und nach außen kalt, abweisend und negativ bis hin zum gewaltsamen Konflikt.

Das letzte Prinzip ist das der Autorität. „Dabei geht es um Hierarchie und Anerkennung, um Rang und Ehre, Respekt und Unterordnung.“ Autorität ist die Stimme des Pastors, der die Schafe führt. Es ist die Stimme des Heerführers, der den Kampf leitet. Gemeinschaften erzeugen aus sich heraus spontan hierarchische Ordnungen, und zwar um so stärker, je erfolgreicher sie sind, und mit ihrem Erfolg wachsen. (Vergleiche mein Aufsatz vom 28. Mai 2016 „Die liberale Gesellschaftstheorie im Spiegel der Vier Elementaren Beziehungsmodelle“) Wenn sich Bürger zu politischen Gemeinschaften zusammenschließen, insbesondere wenn dies im Reflex auf vermeintliche Missstände geschieht, bricht die Stunde der Führer an.

Mit diesem Inventar an Begriffen lassen sich die gegenwärtigen Tendenzen eines Auflebens populistischer und extremer Ideologien gut erklären. Ihnen allen liegt das Prinzip zugrunde, Komplexität zu reduzieren und an die Stelle offener Systeme geschlossene Gemeinschaften zu setzen. Leitkultur und Identität sind komplementäre Begriffe. Von der Idee einer deutschen Leitkultur zur Idee einer deutschen Identität ist es nur ein kleiner Schritt. Von dort zur Ausgrenzung von beliebigen Minderheiten ist es nur ein weiterer. Die geplante Einführung eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ leistet genau diese Ein- und Ausgrenzung. Wer in den Genuss der öffentlichen Gabe kommt, gehört dazu, wer nicht, steht draußen und sollte dort auch bleiben, weil er nicht dazu gehört. (Von einem „Bedingungslosen Grundeinkommen“ für alle Erdenbürger habe ich noch niemanden reden hören.)

Wie einerseits Globalisierung und europäische Einigung befördert werden sollen und andererseits eine nationale Identität definiert und gegen Verunreinigungen geschützt werden, müssen wir nicht so genau untersuchen. Das weiß die sich neuerdings wieder konservativ gebärdende große Volkspartei auch nicht. Wer sagt denn, dass es in der Politik um konsistente Lösungen geht. Hauptsächlich geht es um Beschwichtigung der moralischer Empörung durch Upstyling.

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