29. November 2016

Hernando de Soto: Freiheit für das Kapital!

Hernando de Soto. Foto: oslofreedomforum.com

Im Jahr 2000 publizierte der peruanische Ökonom ein leidenschaftliches Plädoyer für einen neuen Ansatz von Entwicklungspolitik. Umfangreiche empirische Studien in mehreren Kontinenten ergaben, dass die Armen dieser Welt über beträchtliche Vermögen verfügen: über mehr als 8 Billionen Dollar an Immobilien. Doch lassen sich diese nicht zu Kapital verwandeln, weil sie nicht als Eigentum in zentralisierte Rechtssysteme aufgenommen sind, vielmehr bloß Besitz in extralegalen Schattenwirtschaften. Woran es mangelt, ist nicht Geld, sondern Kapital und dies wegen unzureichender Vollendung des Staates. Nur im Rahmen eines zentralisierten Rechtssystems können Eigentümer am Welthandel teilnehmen, d.h. bepreist, beliehen und gehandelt werden. Nur dann ist eine Basis für Investitionen und die dafür erforderlichen Kredite möglich. Besitz allein reicht nicht. Kapitalismus braucht einen zentralisierten Staat und die Inklusion der Armen in das System.

Einige Textauszüge aus den letzten Seiten des Buches:

Der Kapitalismus befindet sich außerhalb des Westens nicht deshalb in der Krise, weil die internationale Globalisierung versagt hat, sondern weil die Länder der Dritten Welt und des einstigen Ostblocks nicht in der Lage sind, in ihren eigenen Ländern das Kapital zu „globalisieren“. Die meisten Menschen in diesen Ländern betrachten den Kapitalismus als Privatklub, als ein ausgrenzendes System, das nur dem Westen und den Eliten, die in den armen Ländern unter der Glasglocke leben, Vorteile bietet.

Heute können wir alle von der Kommunikationsrevolution profitieren, und manch einer mag einen Fortschritt darin sehen, dass die ägyptische Sphinx nun direkt auf die Neonreklame eines Lizenznehrners von Kentucky Fried Chicken starrt. Dennoch produzieren nur 25 Prozent der 200 Staaten der Erde Kapital in ausreichender Menge, um von der Arbeitsteilung auf expandierenden weltmärkten wirklich zu profitieren. Das Herzblut des Kapitalismus sind nicht das Internet oder Fast-Food-Ketten. Es ist das Kapital. Nur Kapital stellt die Mittel bereit, die erforderlich sind, um von der Spezialisierung, der Produktion und dem Austausch von Vermögenswerten auf dcm erweiterten Markt zu profitieren. Das Kapital ist der Motor wachsender Produktivität und damit des Wohlstands der Nationen.

Und in diesen Ländern führt das Recht tatsächlich zu Ausgrenzung. Mindestens 80 Prozent der Bevölkerung dieser Länder [können] ihren Vermögensgegenständen kein Leben einhauchen und mit ihnen Kapital erzeugen, weil das Recht sie aus dem formalen Eigentumssystem ausschließt. Sie besitzen Billionen Dollar an totem Kapital, doch die sind wie isolierte Tümpel, deren Wasser in einem sterilen Sandstreifen versickern, statt eine gewaltige Wassermasse zu bilden, die man in einem vereinheitlichten Eigentumssystem auffangen könnte, um ihr die Form zu geben, die zur Bildung von Kapital erforderlich ist. Die Menschen besitzen und verwenden ihre Vermögensgegenstände auf der Grundlage von unzähligen isolierten und informellen Vereinbarungen, wobei die Verantwortlichkeit örtlich verschieden gehandhabt wird. Ohne die gemeinsamen Normen, die gesetzliches Eigentum mit sich bringt, fehlt diesen Vermögenswerten die Sprache, die sie brauchen, um miteinander kommunizieren zu können.

Es hat keinen Sinn, ihnen Geduld anzuraten, bis die Wohltaten des Kapitalismus auf sie niederregnen. Das wird nicht geschehen, bevor das Eigentum nicht ein formales Fundament erhalten hat.

Die Globalisierer haben durch ihre makroökonomischen Programme – durch Stabilisierung und Anpassung nach dem Lehrbuch – die Wirtschaft in den Entwicklungsländern erheblich rationalisiert. Aber da ihr „Lehrbuch“ die Tatsache außer Acht lässt, dass die meisten Leute über keine Eigentumsrechte verfügen, haben sie nur einen Bruchteil dessen getan, was erforderlich ist, um ein umfassendes kapitalistisches System und eine Marktwirtschaft zu schaffen. Ihre Werkzeuge sind für Länder gedacht, in denen ein systematisiertes Recht bereits intern „globalisiert“ wurde, in denen es bereits umfassende Eigentumssysteme gibt, die ihrerseits zu effizienten Geldpolitik- und lnvestitionsinstrumenten verkoppelt sind – Dinge, die in diesen Ländern erst entwickelt werden müssen.

Der Unterschied zwischen den fortgeschrittenen Ländern und dem Rest der Welt besteht heute weitgehend zwischen Ländern, in denen das formale Eigentum breit gestreut ist, und Ländern, die in KIassen gespalten sind – in Klassen, die Eigentumsrechte geltend machen und Kapitel schaffen können, und solche, die nicht dazu in der Lage sind.

Doch angesichts ständig verbesserter Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten erfahren die Armen natürlich sehr viel genauer, was ihnen fehlt, daher muss ihre Erbitterung über die rechtliche Apartheid wachsen. lrgendwann werden die Menschen außerhalb der Glasglocke von Leuten, die sich diese Unzufriedenheit politisch zunutze machen, gegen den Status quo mobilisiert.

In solchen Situationen ist das Instrumentarium der Marxisten besser geeignet, Klassenkonflikte zu erklären, als die kapitalistischen Ideen, die keine vergleichbare Analyse oder auch nur ernsthafte Strategie vorzuweisen haben, mit der sie die Armen im extralegalen Sektor erreichen könnten.

Kapitalisten haben im Allgemeinen keine Theorie, die erklärt, wie die Leute der Unterklasse dorthin gelangt sind, wo sie sind, und wie das System zu verändern ist, um sie aus dieser Lage zu befreien. Ein gutes Eigentumssystern leistet dies – es bringt Vermögensgegenstände in eine Form, die uns erlaubt, ihre Ähnlichkeit, Unterschiede und Berührungspunkte mit anderen Vermögensgegenständen deutlich zu erkennen. Es erfasst sie als Repräsentationen, die es auf ihrer Reise durch Zeit und Raum verfolgen kann.

Obendrein verleiht das System ihnen Fungibilität, indem es sie unserem Verstand als Repräsentationen darstellt, die er ohne Mühe kombinieren, teilen und mobilisieren kann, um höherwertige Mischungen zu erzielen. Diese Fähigkeit des Eigentums, Aspekte von Vermögensgegenständen so zu repräsentieren, dass wir sie reorganisieren können, um größeren Nutzen aus ihnen zu ziehen, ist die Hauptquelle wirtschaftlichen Wachstums, denn Wachstum bedeutet, mit Input von geringerem Wert Output von höherem Wert zu erzielen.

Ein gutes legales Eigentumssystem ist ein Medium, das uns gestattet, einander zu verstehen, Beziehungen herzustellen und das Wissen über unsere Vermögenswerte so zu organisieren, dass es unsere Produktivität steigert. Es ist eine Repräsentationsform der Realität, die uns über die Grenzen unserer Sinne hinausführt.

Durchdachte Eigentumsrepräsentationen ermöglichen uns, das wirtschaftliche Potenzial unserer Ressourcen so zu bestimmen, dass wir die Möglichkeit dessen, was wir mit ihnen tun können, erweitern. Sie sind nicht „bloß Papier“: Sie sind Mittler, die uns nützliches Wissen über konkret nicht anwesende Dinge verschaffen.

Nach meiner Uberzeugung befindet sich der Kapitalismus in Entwicklungsländern und den ehemaligen kommunistischen Staaten auf einem Irrweg. Er ist parteiisch. Er hat den Kontakt mit den Menschen verloren, die eigentlich seine größte Klientel bilden sollten. Statt allen eine Chance zu bieten, erscheint der Kapitalismus zunehmend als Selbstbedienungsladen für die Zunft der Ge schäftsleute und ihrer Technokratien.

1. Die Situation und das Potenzial der Armen müssen besser dokumentiert werden.
2. Alle Menschen sind in der Lage zu sparen.
3. Was den Armen fehlt, sind rechtlich integrierte Eigentumssysteme, mit denen sie ihre Arbeit und Ersparnisse in Kapital umwandeln können.
4. Ziviler Ungehorsam und die heutigen Mafia-Organisationen sind keine Randerscheinungen, sondern das Resultat einer milionenfachen Migrationsbewegung, die aus einem Leben in überschaubarem Rahmen in eines führt, das in sehr viel größerem Maßstab organisiert ist.
5. Richtig betrachtet, sind die Armen nicht das Problem, sondern die Lösung.
6. Die Konstruktion eines Eigentumssystems, das die Kapitalbildung ermöglicht, ist eine politische Herausforderung, denn dazu müssen die Verantwortlichen den Kontakt zum Volk suchen, den Gesellschaftsvertrag verstehen und das Rechtssystem gründlich überarbeiten.

Im Augenblick befasst sich die kapitalistische Globalisierung nur damit, die Eliten zusammenzuschließen, die unter der Glasglocke leben. Um die Glasglocke zu heben und die Eigentums-Apartheid zu beseitigen, wird man die vorhandenen Grenzen der Wirtschaft wie des Rechts überschreiten müssen.

Ich bin kein hartleibiger Kapitalist. Für mich ist der Kapitalismus kein Glaubenssatz. Viel wichtiger sind mir Freiheit, Solidarität mit den Armen, Achtung vor dem Gesellschaftsvertrag und Chancengleichheit. Doch einstweilen ist der Kapitalismus die einzige Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen. Kein anderes uns bekanntes System liefert uns die Werkzeuge, die nötig sind, einen erheblichen Mehrwert zu erwirtschaften.

Hernando de Soto: Freiheit für das Kapial! Warum der Kapitalismus nicht weltweit fuktioniert. Mit einem Vorwort von Lothar Späth, Berlin, 2002, 287 Seiten.

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