31. August 2016

Alex Perry: In Afrika. Reise in die Zukunft

eine Buchbesprechung von Helmut Krebs

Die Warenbörse eleni vermittelt dem Kleinbauern den Zugang zum Agrarmarkt. Bild: eleni

Was ist Afrika für uns Europäer? Ein riesiger Kontinent voller Bodenschätze und hilfsbedürftiger Armer. Gegen dieses kolonialistische Cliché, das unser Afrikabild bis heute prägt, schreibt Alex Perry an. Es dürfte wenige westliche Intellektuelle geben, die sich besser auskennen. Er arbeitete zehn Jahre als Büroleiter des Time Magazine für Afrika und weitere Jahre schrieb er für Newsweek aus hundert Ländern sowohl Afrikas als auch Asiens.

Perry schildert im Mittelteil seines Buches ausführlich den Teufelskreis von Armut und Gewalt, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und ein Wirtschaften von Tag zu Tag. Wir werden in die Kampfgebiete der Milizen Boko Haram (Nigeria), Al-Shabab (Somalia) und AQIM (Mali) geführt. Es handelt sich ursprünglich um regionale Räuberbanden, die sich unter dem Einfluss des Antiterrorkrieges der USA mehr oder weniger dem Al-Qaida-Netzwerk anschlossen und ihre Selbstinszenierung veränderten. In Westafrika finden wir Menschenschmuggel und Drogentransport als die bedeutendsten Wirtschaftsbranchen mancher Länder (Ginea-Bissau und Mali). Beide erfordern eine organisierte Kriminalität und einen korrupten Staat. Beuteökonomie und Bandenkriminalität gab es schon vor Bin Laden und wird es auch weiterhin geben, so lange die Armut nicht besiegt ist. Auch in dieser Problematik führt unser Afrikabild uns auf falsche Fährten. Die Milizen sind kein Produkt des Islamofaschismus, sie sind ein genuin afrikanisches Gewächs.

Der dritte Teil des Buches endlich schlägt die Seiten des neuen Afrikas auf. Der durchschnittliche Afrikaner von heute ist ein anständig gekleideter, zunehmend wohlhabender junger Erwachsener. Sein Durchschnittseinkommen betrug im Jahre 2015 1.720 Dollar, was höher ist als das des Inders. Es ist ein Fehler anzunehmen, dass Afrika keine nennenswerte Kaufkraft besitzt. Wenn nützliche Produkte angeboten werden, finden sie reißenden Absatz. Das gilt nicht für Solarkocher. Aber der Mobilfunksektor boomt. Die Afrikaner überspringen die Technologie der terristrischen Datennetze. Sie telefonieren mit Handys. Nach Prognosen der Weltbank wird nach 2030 statt der Hälfte nur noch ein Viertel der Afrikaner unter der Armutsschwelle leben. Dann wird die Wirtschaftsleistung eines mittleren Staates wie Sambia die Größe des heutigen Polens erreicht haben.

Perrys Afrikabild verträgt sich nicht mit der Sichtweise unserer Hilfsorganisationen. Ihr Geschäft lebt vom Mitleid. Die Mitleidsindustrie hat das Spendenvolumen seit 2000 vervierfacht. Eine Branche mit 600.000 Mitarbeitern erwirtschaftet und verbraucht jährlich 135 Milliarden Dollar. Bekanntlich bleibt ein Großteil der eingesammelten Spenden in den Organisationen selbst hängen. Die Helfer leben in den Krisengebieten in Luxushotels und beziehen ein Einkommen, das dem der afrikanischen Oberschicht entspricht. Perry legte Zahlen für einen Entwicklungshelfer vor, der jährlich eine halbe Million Dollar einnimmt.

Die Beispiele gelungener unternehmerischer Projekte haben mich elektrisiert. Zum Beispiel Eleni. Dies ist eine Warenbörse für landwirtschaftliche Erzeugnisse in Äthiopien. Sie bündelt eine Reihe von Dienstleistungen für die Kleinbauern: Täglich werden die Marktpreise per SMS auf Millionen Handys gesendet. Die Lieferanten bekommen ihre Waren unmittelbar auf ein Konto der Bank gutgeschrieben. Sie können Versicherungen gegen Missernten abschließen. Die Qualitätskontrolle wird von einem unparteiischen Institut übernommen. Durch die Warenbörse können die Transaktionskosten um ca. 30 % gesenkt werden. Eleni konnte 1000 Tage nach ihrer Gründung im Jahr 2008 einen Umsatz von 1 Milliarde Dollar verzeichnen. Die Bauern können endlich kalkulieren, investieren daher und erhöhen so die Erträge. Die Landwirtschaft kommt aus der reinen Subsistenzwirtschaft heraus und erzeugt Überschüsse. Den Bauern geht es spürbar besser.

Die Mitleidsindustrie ist vom ökologistischen Denken beeinflusst. Small is beautiful das Ziel ist eine Entwicklung ohne Großwirtschaft. Die Unterentwicklung soll konserviert werden, indem nur kleinbäuerliche Unternehmen, Kleinhandwerker und Kleinhändler gefördert werden sollen. Statt leistungsfähigen Energienetzen soll eine dezentrale Stromerzeugungstechnologie entstehen, vornehmlich Solaranlagen. Doch auch Afrikaner wollen bei Dunkelheit Licht und Strom. China investiert in infrastrukturelle Großprojekte und lässt sich diese durch Rechte auf Bodenschätze vergüten. Ich finde das richtig. Warum betreibt Deutschland lieber eine Mitleidsindustrie? Afrika verdient kein Mitleid. Es verdient, dass wir ihm unsere Agrar-Märkte öffnen und dass wir es als Geschäftspartner wahrnehmen, von denen wir profitieren können.

Alex Perry: In Afrika. Reise in die Zukunft, Frankfurt, 2016, 544 Seiten.

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