28. Mai 2016

Die liberale Gesellschaftstheorie im Spiegel der Vier Elementaren Beziehungsmodelle

von Helmut Krebs

In Steven Pinkers epochalem Geschichtswerk „Gewalt“ findet sich unter den „besseren Engeln“ (Kapitel 9, Moral) eine Zusammenfassung von Alan P. Fiskes Theorie „The Four Elemantary Forms of Sociality: Framework for a Unified Theory of Social Relations“ (Psychological Review, 1992, Vol. 99, 689–723). Fiske liefert eine Gesamtdarstellung der Theorien über Beziehungsmodelle. Durch die Zuordnung von Teilaspekten einer sehr breiten anthropologischen und psychologischen Forschung zu genau vier elementaren Beziehungstypen, schafft er einen Erklärungsrahmen für alle historisch-konkreten Erscheinungsformen von Beziehungen. Elementare Beziehungstypen sind solche Konzepte, auf die sich die historisch-konkreten Beziehungen reduzieren lassen. In reiner Form kommen sie im Rahmen von entwickelten Gesellschaften selten vor. Sie spielen im individuellen Handeln als Rahmenmodelle zusammen, konkurrieren miteinander, wechseln sich als Handlungskonzepte ab und mischen sich. Den Beziehungsmodellen sind vier Typen moralischer Wertungsrahmen zugeordnet. Die Beziehungstypen prägen gesellschaftliche Institutionen und Ideologien.

Ludwig von Mises legte mit seinem Hauptwerk „Nationalökonomie“ (1940) (in der erweiterten und veränderten englischen Ausgabe „Human Action“, 1949) eine Theorie des menschlichen Handelns (Praxeologie) und eine Theorie des Marktgetriebes (Katallaktik) vor. Letzteres, die Makroökonomie, wird als Summe und Zusammenspiel individuellen Handelns, der Mikroökonomie, verstanden. Beide Teile zusammen ergeben eine Gesellschaftstheorie, die eng mit der politischen Strömung des Liberalismus verbunden ist. Es handelt sich um eine umfassende, grundlegende und konsistente Liberale Gesellschaftstheorie. Die Forschungen Fiskes wurden ein halbes Jahrhundert nach Mises Werk veröffentlicht. Der liberale Sozialphilosoph kannte die Forschungsergebnisse der Psychologie, insbesondere Sigmund Freuds’, die der Soziologie, insbesondere die Max Webers und die geisteswissenschaftlichen Positionen Diltheys, Windelbands und Rickerts, die in diesem Zusammenhang von Interesse sind, wenigstens bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Er konnte aber schwerlich zu der Zeit, als er sein Grundlagenwerk schrieb, Kenntnisse von der ethnologischen und anthropologischen Forschung haben, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ver­öf­fent­licht wurde. Es ist daher interessant, Mises Handlungstheorie im Lichte der fiskeschen Forschungsergebnisse zu beleuchten und kritisch zu untersuchen. Möglicherweise ergeben sich in der Folge Theoreme, die eine Weiterentwicklung des Liberalismus begründen können.

Zusammenfassung der Vier Elementaren Beziehungsmodelle

Die vier Modelle sind

Weitere Modelle lassen sich bis heute nicht auffinden. Weder bieten die Felduntersuchungen der Ethnologen und Anthropologen noch die Studien der Psychologen Material, das nicht durch die vier elementaren Modelle erklärt werden kann, noch lässt sich formal ein fünftes Modell konstruieren, für das sich empirische Belege heranziehen ließen. Eine ausführliche Beschreibung findet sich im Anhang in der tabellarischen Darstellung Fiskes. Ich gebe hier nur eine knappe Zusammenfassung der Modelle:

CS

Das Paradigma des Comnunal sharing ist die Mutter-Kind-Duade in der Brutpflege. CS finden wir in einer ursprünglichen Form in den ältesten menschlichen Gemeinschaften, den Familien und Horden. Es ist damit eine Art Urkommunismus gemeint. Es gibt kein Privateigentum. Alle vereinigen sich zur gemeinsamen Arbeit und konsumieren das gemeinsame Produkt nach ihren Bedürfnissen. Es gibt keine Verrechnung von Leistungen. Gemeinschaften bieten Schutz, Geborgenheit und Lebensunterhalt. Sie fordern die Einordnung in eine Gruppe von Gleichartigen. Die Mitglieder teilen materielle Güter und kulturelle Werte. Sie kommen nicht ohne Leitfigur aus. Der oder die Älteste oder ein Schamane bilden ein quasi-mütterliches Zentrum. Pinker bringt CS mit dem Hormon Oxytozin in Verbindung, das bei zärtlicher körperlicher Berührung freigesetzt wird. Es unterstützt die zwischenmenschliche Bindung und verschafft ein Gefühl von Behaglichkeit und Sorglosigkeit.

AR

Hierarchien sind vertikale Befehl-Gehorsam-Beziehungen. Das gesamte Eigentum gehört dem Chef (Häuptling, König), der es als Gunsterweisung dem Rang der Untergebenen und ihren Leistungen entsprechend zuteilt. Es sind komplementäre Beziehungen, die beide Seiten aufeinander verpflichten. Dem Gehorsam und der Treue der Untertanen stehen Fürsorge und Leitung als Pflicht des Chefs gegenüber. Pinker bringt AR mit dem Hormon Testosteron in Verbindung.

CS und AR sind kollektivistische Schemata.

EM

Das fortwährende Herstellen von Gleichheit in der Beziehung zwischen einem Ich und einer Vergleichsperson im Guten wie im Schlechten ist das Prinzip des EM. Es setzt persönliches Eigentum und Individualität voraus. Ungleichheit aus der Außenperspektive erfordert Ausgleich. Wenn ein Kind ein größeres Geburtstagsgeschenk bekommt, müssen alle Geschwister dies ebenfalls erhalten. Wenn du mich schlägst, schlage ich dich auch. Gleichheit im sozialen Status ist Gerechtigkeit. Tauschakte können nur Gleichwertiges tauschen. Gastgeschenke werden durch gleichwertige Gastgeschenke bei Gegeneinladungen kompensiert. Gleichheitsstreben ist ein statisches Prinzip.

MP

Marktpreisbildung schafft indirekte Tauschbeziehungen. Dinge werden gegen ein Tauschmittel getauscht und dieses wieder in andere Dinge eingetauscht. Auf diese Art lassen sich ungleiche Dinge handeln. Es entsteht ein Markt. Das Maß des Marktes ist das Tauschmittel (Geld). Die Beziehungen sind geschäftlicher (vertraglicher) Natur. Tauschbeziehungen können mit allen Menschen bestehen, auch solchen, die zu anderen Gemeinschaften gehören. Der Sinn des Tauschs ist der Gewinn. Gewinn ist der (subjektiv erwogene) Mehrwert des eingetauschten Gutes im Vergleich zum hingegebenen Gut. Dem Bäcker ist das Geld wertvoller als seine vielen Brötchen. Dem Käufer aber sind die Brötchen wertvoller als sein Geld. Preise sind die Schnittmengen von subjektiven Bewertungen aus gegenläufiger Sicht von Käufer und Verkäufer. Markttäusche sind folglich reziprok ungleichwertig. Beide Partner gewinnen. Gewinnstreben ist ein progressives Moment.

EM und MP sind individualistische Schemata.

Die Modelle bilden sich ontologisch in der Kindheit entsprechend der Anordnung nacheinander heraus. Sie lassen sich auch in ethnologischen Studien als Entwicklungsstufen der Menschheit nachweisen. Nach­ein­an­der entwickelte die Menschheit die Beziehungstypen CS, AR, EM und MP – in dieser Reihenfolge. CS ist basal, AR tritt schon bei steinzeitlichen Stammesgemeinschaften auf und EM kennen wir spätestens im Zusammenhang von mythologischen Erzählungen, etwa in den Streitigkeiten der olympischen Götter, die in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit spielen. Die Modelle bauen nicht nur zeitlich aufeinander auf, sie übernehmen auch die jeweils historisch älteren und integrieren Elemente von ihnen, denen sie neue hinzufügen. Ein Stamm, der in Adel und Volk gegliedert ist, vereinigt sowohl CS als auch AR-Elemente. Unter Frauen eines Harems oder polygamer Familien werden sowohl AR- als auch EM-Elemente wirksam. Die historischen Entwicklungsstufen lassen sich danach unterscheiden, welches der Modelle paradigmatisch für die Gemeinschaft gilt. Erste Ansätze für Marktwirtschaft lässt sich bereits in der Jungsteinzeit finden, etwa im Fernhandel von Feuerstein, das in Großbaustellen industriell gewonnen wurde. In antiken Gesellschaften finden sich regionale Märkte und Fernhandel in beträchtlichem Umfang. Doch von marktwirtschaftlichen Gesellschaften sprechen wir erst in der Neuzeit, insbesondere seit der Glorious Revolution in England. Es brauchte viele tausend Jahre, bis sich Marktbeziehungen gegen autoritäre und egalistische Beziehungen verselbständigen und zum Leitbild der ganzen Gesellschaft werden konnten.

Mises Praxeologie

Mises Handlungstheorie basiert auf der Kategorie des Handelns. Handeln bedeutet das Tun eines Individuums, das bestimmte Mittel einsetzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Es ist insofern teleologisch und zweckrational. Handeln ist immer rational. Die erstrebten Ziele sind vielfältig, doch sie eint ihr gemeinsamer Zweck, das individuelle Glück oder die Zufriedenheit zu erhöhen, bzw. die individuelle Unzufriedenheit zu mildern. Die eingesetzten oder erworbenen Mittel sind wirtschaftliche Güter. Wären sie nicht knapp, wäre Handeln nicht erforderlich, weil Unbefriedigtsein gar nicht auftreten könnte. Um zu atmen, müssen wir nicht handeln, weil Luft zur freien Verfügung steht. Unter Wasser jedoch brauchen wir Atemgeräte, die wir gegen andere wirtschaftliche Güter (Geld) eintauschen, damit wir beim Tauchen atmen können. Eingesetzte Güter (einschließlich der Zeit- und Kraftanstrengung des Tuns) nehmen im Handeln den Charakter von Kosten an, die erreichten Ziele sind Gewinne. Beim wirtschaftlichen Handeln sind Geldgewinne in der Regel nur Mittel zum Zweck, also Zwischenstufen für Zufriedenheitsgewinne, die den praxeologisch wesentlichen Gewinn ausmachen. Handeln ist das Aufschieben von aktueller Befriedigung zur Erlangung von größerer Befriedigung in der Zukunft. Es braucht folglich Bedingungen, die die Erreichung der Ziele in der Zukunft als ausreichend sicher erscheinen lassen.

Fassen wir die Merkmale der Kategorie des Handelns zusammen: Handeln ist immer das Tun eines Individuums, bewusst, rational, wirtschaftlich und auf einem Zuwachs an Glück oder Zufriedenheit ausgerichtet. Aus dieser Sicht ist Handeln grundsätzlich egoistisch. Bezugspunkt ist sowohl was die Motivation betrifft (Unbefriedigtsein) als auch das Ziel (höhere Zufriedenheit) immer das einzelne Ich. Handeln ist Gewinnstreben von Einzelnen. Mises betont an vielen Stellen, dass der Utilitarismus ein Kernelement der Praxeologie ist.

Es fällt nicht schwer, das praxeologische Konzept in Fiskes viertem Modell wiederzufinden. Wirtschaftliches Handeln erzeugt Beziehungen nach dem Muster des Market prizing. Die Frage ist nur, wie sich die drei anderen Modelle zur Praxeologie verhalten. Kann die Kategorie des Handelns in die drei basalen Modelle integriert werden? Können wir menschliches Rollenverhalten des CS und des AR überhaupt Handeln nennen oder flicht sich Handeln in das Rollenverhalten ein? Ist Equality matching gleichzusetzen mit zweckrationalem zielgerichteten Streben nach Gewinn? Sind utilitaristische Deutungen von CS, AR und EM stimmig?

Fehldeutungen durch falsche Perspektiven

Nehmen wir an, dass die Praxeologie alles menschliche Tun erklären kann, so müssen wir menschliches Tun, das sich im Rahmen eines der drei ersten Modelle abspielt, als bewusstes zweckrationales Gewinnstreben interpretieren. Eine solche Sichtweise taucht alles in den schälen Verdacht des versteckten Egoismus. Diesen Standpunkt nimmt der Objektivismus Ayn Rands ein. Eine ähnliche, doch biologistische Sicht deutet das Verhalten aller Lebewesen als Ausdruck eines egoistischen Gens. Anhand einiger Beispiele soll die Erklärungskraft einer rein individualistischen und zweckrationalen Deutung menschlicher Verhaltensweisen untersucht werden.

CS praxeologisch gedeutet

Nehmen wir ein Beispiel: Das Säugen eines Kindes zur mitternächtlichen Schlafenszeit durch eine übermüdete und entkräftete Mutter oder das Aufstehen des berufstätigen Vaters beim Schreien des Kindes zur Schonung der Mutter wäre nur anscheinend der Liebesdienst, für den es vulgo angesehen wird. Eigentlich sei es ein innerer Tausch: die Mutter tauscht ihr Unbefriedigtsein über den Hunger des Säuglings mit dem Gewinn des Befriedigtseins durch das Säugen. Gewiss, so lässt sich das Tun erklären, aber ist diese Erklärung stimmiger als die, dass die Mutter ihr Kind liebt und sich um es sorgt? Dürfen wir annehmen, dass ihr persönliches Befriedigtsein dadurch wächst, dass sie noch mehr übermüdet ist? Wenn wir sie fragen, ob sie gerne aufsteht, würde sie verneinen. Es kann zur Qual werden und muss dennoch sein. Steht sie auf, damit sie sich an dem satten entspannten Grunzen ihres Babys nach getaner Stillung erfreuen kann? Nein, sie nimmt es kaum wahr, nickt unbeabsichtigt darüber ein und reißt sich erschrocken wieder aus dem Schlaf. Wenn nicht im unmittelbaren körperlichen oder emotionalen Bereich, liegt der Glücksgewinn dann in einem eitlen Stolz, eine gute Mutter zu sein. Auch dies würde sie verneinen. Gäbe es eine Maschine oder eine Amme, die ihr diese Arbeit nächtens abnehmen könnte, würde sie das in Erwägung ziehen und könnte noch stolzer sein auf sich, der guten und geschickten Mutter. Sie nimmt die Hilfe des Ehemannes gerne in Anspruch, der Flaschennahrung spendet. Der Sinn ihrer aufopfernden Mütterlichkeit liegt darin, dass sie das Baby liebt. Sie will nicht, dass es Hunger leidet. Lieber gibt sie ein Stück ihrer Selbstbefindlichkeit drein, als dass es, das doch vollständig von ihrer Fürsorge abhängig ist, leidet. Mütterliche Fürsorge ist ein Beispiel für altruistisches Verhalten, dessen Umdeutung zu einem versteckt egoistischen unstimmig erscheint. Nur wenn wir aus ideologischen Gründen Altruismus ausschließen, erscheinen die komplizierten und unbelegbaren Deutungen von altruistischem Verhalten als egoistischem Gewinnstreben scheinbar zwingend.

Altruistisches oder wenigstens nicht gewinnorientiertes Verhalten lässt sich im Rahmen des CS-Modells an vielen Beispielen zeigen. Welchen Sinn hat das Opfer im Gottesdienst, das Kirchgänger rituell entrichten? In der Regel wird es diskret eingelegt, so dass niemand weiß, wie viel die anderen geben. Auch ist niemand gezwungen, zu opfern. Es geschieht freiwillig. Der Verwendungszweck der Gaben ist häufig bekannt, doch opfern Gläubige auch, ohne den konkreten Zweck zu kennen. Es wird unterstellt, dass er irgendeinem guten Zweck zugeführt wird. Das Opfer soll für andere Gutes bewirken, nicht für den Spender. Das ist die Zwecksetzung. Wo wäre hier ein egoistisches Motiv hineinzudeuten? Geht es um die geheime Pascalsche Wette mit dem Lieben Gott? Geht es darum, dass der Gläubige sich durch Gott beobachtet glaubt und deshalb um sein Heil im Jenseits? Diese Gesichtspunkte können fehlen und Opfer dennoch gegeben werden. Das Opfer ist eine Konvention, die zu den gemeinschaftsstiftenden Zeichen gehört. Der „Lohn“ des Opfers ist die Erhaltung der Glaubensgemeinschaft durch das Feiern des Gottesdienstes, dessen Teil das Opfer ist. Der Gläubige weiß sich auf dem rechten Weg, wenn er zur Gemeinschaft gehört. Er tut das, was alle anderen auch tun, die dazugehören.

Der Sinn von Verhaltensweisen im Rahmen des CS ist das Dazugehören. Es ist kein egoistischer Vorteil gegenüber anderen, sondern das Bilden einer Gemeinschaft, dessen Teil der Einzelne ist. Das Dazugehören kann aus ökonomisches Sicht sogar mit materiellen Verlusten verbunden sein. Nehmen wir den Eintritt in einen Klosterorden, der Armut, Keuschheit und Demut als Gelübde fordert. Wenn alle Gewinnmöglichkeiten im Sinne wirtschaftlichen Handelns ausgeschlossen sind, wo bleibt dann noch Raum für eine utilitaristische Deutung? Geht es um einen heimlichen elitären Dünkel, um Pharisäertum? Mag sein, doch müssen wir dies bei allen unterstellen, auch bei denen, die keinerlei Zeichen dafür geben. Die Verengung auf eine praxeologische Sicht zwingt uns zu pauschalen Vorurteilen.

AR praxeologisch gedeutet

Die Herstellung von hierarchischen Beziehungen ordnet Menschen nach dem Muster von Ordinalzahlen in einer Reihung, d.i. sie schafft eine Rangordnung. Ein Vorteil des AR liegt in der Möglichkeit, eine Gruppe zu instrumentalisieren, um Gruppenziele zu erreichen. Die Gruppe vereinigt die Individuen zu einem Werkzeug. Nehmen wir als Beispiel die Jagd. Selbst wenn alle Jäger die gleichen Aufgaben erfüllen würden, etwa als Treiber, erfordert die gemeinschaftliche Jagd doch eine Koordination der Einzelnen und damit einen zentralen Willen. Welches Wild soll gejagt werden? Wer übernimmt welche Aufgaben? Solche Fragen müssen in der Weise beantwortet werden, dass die Kräfte sich organisch vereinen und einem gemeinsamen Zweck unterordnen. Weit mehr setzt eine Arbeitsteilung (beispielsweise das Zusammenwirken von Treibern und Jägern) eine Ordnung voraus, die sich autoritär schneller und sicherer einstellt als konsensuell. AR ergänzt CS durch eine Hierarchie. Die Anwendungsbeispiele sind endlos: kriegerische Unternehmungen, Seefahrt und Handelskarawanen, Fabriken, auch Familien und Schulklassen brauchen Hierarchien, wenn sie Ziele erreichen wollen.

Wenn wir Verhalten im Rahmen des AR praxeologisch deuten, so liegt es nahe, den individuellen Anteil am Gesamtnutzen als Ziel auszumachen, etwa den Beuteanteil. Doch versagt dieses Muster in vielen Fällen. Ein Turniersieg im Rahmen des Sports bringt Anerkennung, Aufmerksamkeit und schmeichelt die Selbstliebe. Doch auch die Zweitplatzierten, ja selbst die Letztplatzierten können aus der Turnierteilnahme Freude gewinnen. Und diese lässt sich nicht ausschließlich als Lust an der Bewegung deuten. Das Finden der Rangordnung ist Selbstzweck aller Teilnehmer, die wissen wollen, wo sie stehen und mit der Durchführung des Turniers nicht nur die Ränge bestimmen, sondern die Institution der Liga, d.i. die Ordnung, reproduzieren.

Wie deuten wir den Heldentod, der für militärische Gemeinschaften signifikant ist? Wo ist der egoistische Gewinn, wenn sich ein Krieger bei der Verteidigung einer angegriffenen Stellung bis zum Tod dem Angriff widersetzt, obwohl andere Truppenteile bereits auf Befehl zurückgezogen werden? Fürchtet er nur, als Deserteur erschossen zu werden? Was ist aber dann mit jenen, die Berichten zufolge, sich nicht ergeben, obwohl sie dies straflos tun könnten? Treue bis in den Tod ist nicht nur ein hohler Spruch, er wirkt als Maxime innerhalb von Gemeinschaften, die nach dem Modell des AR einen Ehrenkodex pflegen. Die Identifikation mit den Idealen der Treue und des Selbstopfers für die Gemeinschaft ist charakteristisch für ausgeprägte AR-Gruppen.

Nehmen wir ein weniger dramatisches Beispiel. Militärische Einheiten bilden Formationen. Sie stellen sich in der festgelegten Ordnung des Kaders auf, nebeneinander und hintereinander. Sie tragen Embleme der Einheit, eine Uniform und Fahnen, und koordinieren ihre Bewegungen, beim Präsentieren und Marschieren. Diese Uniformierung muss eingeübt werden, und dies geschieht nicht ohne Druck, da doch Befehl und Gehorsam das eigentliche Element des AR ist. Doch eine eingeübte Gruppe koordiniert sich von selbst, indem jeder einzelne seinen Beitrag zur Bildung der Ordnung genuin leistet. Er empfindet die vollkommene Ordnung als Genuss. Sein persönlicher Gewinn ist abgeleitet vom Erscheinungsbild des Corps. Corpsgeist ist mehr als nur ein mit Angst und Schrecken erzwungenes fremdbestimmtes Muss. Wie anders erklären wir uns die aus der militärischen Formensprache übernommenen Formationen von großen Kapellen und Orchestern oder Tanzgruppen, deren Zusammenwirken und Zusammenspiel die Unterordnung jedes Einzelnen voraussetzt und als Erscheinungsbild der Gruppe auftritt, welches den Mitgliedern Freude bereitet? Ein Bibliothekar, der hervorstehende Buchrücken in die Reihe zurückschiebt, stellt sie nicht des egoistischen Vorteils willen her, sondern, weil er Ordnung haben will.

Der Sinn des AR-Modells ist die Schaffung von Ordnung, die instrumentelle Funktionen übernehmen können. Die Ordnung ist das Ziel des Tuns. Erst das konkurrierende Auftreten des dritten Modells stellt Hierarchien in Frage, indem es das Ideal der Gleichheit einfordert.

EM praxeologisch gedeutet

Equality matching unterscheidet sich von CS und AR dadurch, dass es nicht kollektivistisch, sondern individualistisch gepolt ist. Bei CS und AR sind Individuen in Gruppen eingebunden, von denen sie ihre Werte und ihre Wertschätzung beziehen. Die Instanz, die die Wertschätzung des Individuums im Rahmen eines EM definiert, ist das selbstreflexive Ich. EM untersucht die persönliche Position im Verhältnis zu der eines anderen. Ungleichheit wird als Ungerechtigkeit beurteilt, das Handeln strebt nach Gerechtigkeit, was hier Gleichheit bedeutet. Wir können den Sinn von EM in der Selbstbehauptung gegenüber anderen sehen.

Sowohl EM als auch MP kennen das Prinzip des Tauschs und setzen die Unterscheidung von Mein und Dein, d.i. das persönliche Eigentum, voraus. Doch während im Rahmen des MP Tauschhandlungen immer auf Gewinn aus sind, zielen sie im Rahmen des EM auf die Erhaltung eines Gleichgewichts. Tauschanreiz beim MP ist die paradoxe subjektive Wertung des Nutzens der zu tauschenden Güter. Die subjektive Wertlehre sagt, dass Tauschhandlungen (im Rahmen des MP) nur dann zustande kommen, wenn die Güter für den jeweiligen Tauschpartner mehr (subjektiven) Wert besitzen als das wegzugebende Gut. Es wäre sinnlos 10 Euro gegen 10 Euro zu tauschen, um 10 Euro zu erhalten. Im Rahmen des EM ist aber ein solcher Tausch unter bestimmten Bedingungen sinnvoll. Anna hat Klara 10 Euro geliehen. Einige Zeit später leiht Klara Anna diesen Betrag, weil diese es zuvor auch getan hat, wobei es keine Rolle spielt, ob das geliehene Geld vorher zurückgezahlt wurde oder quasi ein verkapptes Geschenk war. Nehmen wir eine Essenseinladung. Sie wird von Seiten des Gastes nach einer angemessenen Zeit gegenüber dem Gastgeber erwidert. Im Rahmen des EM bedeutet dies die materielle und symbolische Egalisierung der Lage. Das ist das eigentliche Ziel des EM, nicht das Essen oder irgend ein anderer wirtschaftlicher Gewinn.

Gleichheit im Sinne von EM erschöpft sich nicht in gleich großem Reichtum an Gütern. Es ist gar nicht auf die Mehrung von Gütern aus, sondern auf die Gleichheit der persönlichen Lage im Vergleich zur korrespondierenden bzw. konkurrierenden Entität. EM will nicht mehr haben, sondern gleich sein. Eigentum, das Mein, im Sinne des EM unterscheidet nicht zwischen wirtschaftlichen Gütern und der Persönlichkeit. Sein Eigentumsbegriff beinhaltet die Persona, d.i. die Merkmale des Ichs aus einer Beobachterperspektive im Abgleich mit einem anderen. Es nimmt hier Züge des CS auf. Wenn es darum geht, ein guter Schüler zu sein, dann will das Ich auch ein guter Schüler sein. Das kann es erreichen, indem es sich auf die Leistungshöhe der Besseren hocharbeitet oder indem diese absinken. Beides befriedigt den Gleichheitswunsch.

Zweifellos können Gerechtigkeitsgewinne in vielen Fällen als praxeologische Gewinne gedeutet werden. Nehmen wir die Forderung nach gleicher Bezahlung von Frauen und Männern für gleiche Leistungen, so verbinden wir damit in der Regel die Erwartung von höherer Entlohnung für Frauen. Wir würden dennoch den psychologischen Sinn des EM verkennen, wenn wir außer Acht ließen, dass der Schwerpunkt des Motivs auf der Gleichstellung, nicht auf der Lohnerhöhung liegt. EM stößt sich an Verhältnissen der Ungleichheit. Sie wird unter dem Gesichtspunkt der Ungerechtigkeit oder Unfairness kritisiert, und diese Kritik muss auch im Rahmen des EM-Modells von der Gegenseite anerkannt werden. Die Lösung, die im Rahmen des EM akzeptiert werden muss, könnte auch eine Nivellierung auf niedrigerem Niveau beinhalten. Es könnte auch durch eine Senkung des männlichen Lohns angeglichen werden.

Neid wurde als ein Affekt bezeichnet, der darauf aus ist, dass andere nicht besser gestellt sind, als der Neider. Neid sucht seine Befriedigung oft in einer Schädigung des Beneideten, als Ausgleich für eine empfundene Benachteiligung, ohne dass ein persönlicher Gewinn im utilitaristischen Sinn damit verbunden wäre. Wir können die Forderung nach Deckelung von Managergehältern in diesem Sinn interpretieren, ein Phänomen des EM, das nur auf eine Schädigung anderer aus geht.

Auch das Modell des EM – obgleich individualistisch funktionierend – zielt auf die Herstellung einer Beziehungsordnung, in diesem Fall auf Symmetrie der Position innerhalb der Gemeinschaft. Es kann sich daher mit dem CS und AR verbinden, beim AR als Funktion innerhalb einer Ebene der Rangordnung.

Ideengeschichtliche Bezüge der Praxeologie und der fiskeschen Beziehungsmodelle

Mises Praxeologie steht stark in der Tradition der biologistischen Triebtheorien. Es ist zunächst eine Übertragung des Trieb-Reaktions-Schema auf menschliche Verhältnisse. Eine Triebhandlung hat ihren Ausgang in einer Appetenz, einem Triebhunger, der auf ein bestimmtes Ziel ausgeht. Der Appetit löst eine Handlung aus, die einem bestimmten Verhaltensschema unterliegt, und die Erreichung des Triebzieles befriedigt den Appetit. Dieses dreigliedrige Schema findet sich in der Praxeologie in Form von Unbefriedigtsein – Mittel-Zielwahl – Handlung.

In Abweichung vom Triebschema öffnet Mises die Instanz des Unbefriedigtseins auch für ideelle Motive. Die Mittel-Zielwahl kann eine zeitweilige Unterdrückung von Triebimpulsen beinhalten. Sie erfolgt bewusst und verstandeskontrolliert und hat damit Entscheidungsspielräume (Freiheit). Doch nimmt die Praxeologie im Subtext einige der triebtheoretischen Implikationen stillschweigend in sich auf. Unbefriedigtsein bezieht sich auf eine subjektive Verfassung, deren Unlustqualität das Handlungsmotiv ist. Sättigung und Stillung eines Bedürfnisses verstehen wir in diesem Deutungskontext als körperlich-seelische Trieberfüllung.

Wenn Mises ideelle Motive in das Schemata integriert, wird das Modell unscharf. Idealistisches Handeln und materialistisches sind nicht nur motivisch, sondern auch strukturell verschieden. Das praxeologische Appetenzhandeln zielt auf den Erwerb von Gütern oder auf einen konkreten Nutzen. Letzten Endes ist es immer mit dem Haben von physischen Dingen verbunden und wird daher als materialistisch bezeichnet. Idealistisches Handeln zielt aber nicht auf persönliches Haben und individuellen Nutzen. Es setzt sich zum Ziel, die menschlichen Verhältnisse gut zu ordnen. Sein Ziel ist die Durchsetzung einer Idee. Daher nennen wir es idealistisch. Das wirkt sich strukturell dahingehend aus, dass sowohl der Ausgangspunkt des Handelns nicht ein persönliches Unbefriedigtsein im Sinne eines physiologisch-psychologischen Bedürfnisses ist, sondern ein kognitives Urteil über die Lage der menschlichen Verhältnisse. Wir müssen uns hier von der triebtheoretischen Folie der Praxeologie lösen. Kant würde es ein Handeln aus Pflicht statt aus Neigung nennen.

Auch die Zielwahl des idealistischen Handelns unterscheidet sich von der des materialistischen. Der „Gewinn“ des idealistischen Handelns lässt sich nicht in Geldwert ausdrücken. Er besteht nicht in einem konkreten Nutzen. Sein Wesen ist die Verringerung einer Differenz zwischen Sein und Sollen. Weil dies aber kein Ding ist, sondern ein Zustand, der fortwährendes Regeln und Steuern erfordert, findet das Handeln keinen definierbaren Abschluss. Es löst sich auf in einen Zustand, den wir Haltung oder Gesinnung oder Charakter nennen. Als Beispiel können wir den Fall einer Hausfrau nehmen, die während ihrer Arbeit Radio hört. Ihr Bedürfnis nach informationeller Reizung wird durch die häusliche Monotonie unzureichend gestillt. Die Radiosendungen verringern die Differenz zwischen diesen beiden Zuständen. Es ist ein homöostatisches Regelsystem. Wenn Pädagogen bei Kindern auffälliges Verhalten bemerken, schenken sie ihnen vermehrte Aufmerksamkeit. Wahl des Mittels und Ziel fallen zusammen. Der Weg ist das Ziel.

Fiskes Beziehungsmodelle stehen theoriegeschichtlich in der Tradition des systemischen Denkens. Systeme streben nicht nach Zwecken, sondern unterliegen bestimmten Funktionen. Die basale Einheit ist nicht das Individuum, sondern die Duade. Zwei Elemente stehen in einer Beziehung zueinander, die durch Rollenskripte definiert werden. Psychologische und physiologische Bezüge sind noch weiter in den Hintergrund gerückt als in der Handlungstheorie. In den Blick treten die formalen Strukturen. Sind die Elemente horizontal oder vertikal geordnet? Sind sie einfach oder verschachtelt zu einer größeren Einheit geformt? Gibt es Rückkopplungen in Sinne der Kybernetik? Hat es die Qualität der Autopoiese (selbstorganisierend oder zentral gelenkt)? Ist das autopoietische System in einem statischen Zustand oder in in einer Umformung begriffen?

Wir müssen systemisches von holistischem Denken unterscheiden. Systemische Theorien sind rationalistisch. Sie untersuchen nicht Entitäten, also Individuen und ihr Handeln, sondern die Beziehung von Individuen und damit soziale Strukturen. Holistische Konzepte versuchen eine komplexe empirische Realität durch Anschauung als Ganzheit zu verstehen. Sie sind daher intuitionistisch, d.h. irrational. Die Praxeologie argumentiert an vielen Stellen implizit systemisch. So definiert Mises die Gesellschaft als ein Teilmoment des handelnden Individuums, nämlich als die Summe seiner auf andere gerichteten Handlungen. Das ist inhaltlich dasselbe wie das Konzept Beziehung. Praxeologie und Systemtheorie unterscheiden sich nur in der Perspektive. Während die Praxeologie stets vom rationalen Ich ausgeht, das sich im Handeln bekundet und dadurch für den Außenbeobachter verstehbar wird, beobachtet der systemische Sozialforscher handelnde Menschen immer im Rahmen von Beziehungen und untersucht die Struktur dieser. Er entwickelt Modelle, die sie beschreiben, indem er auf formale Kategorien zurückgreift, die er aus anderen Kontexten kennt. Handeln als Kategorie ist hier nur eine von mehreren. Andere sind zum Beispiel mathematische Theorien wie die Abelsche Gruppe oder ästhetische Konzepte wie Symmetrie und Komplementarität. Systemische Modelle entsprechen dem, was Mises Gedankenbild nennt. Es sind aprioristische Konstrukte, die formale Ähnlichkeit mit Datenbeständen (Beobachtungen) aufweisen und als deren Gesetze angenommen werden.

Wenn Elemente systemisch betrachtet werden, wird angenommen, dass die Handlungsspielräume durch die Systemfunktionen eingeschränkt sind. Wenn im Rahmen eines CS-Modells aus den Reihen der Gleichen ein Individuum auftritt, das Anspruch auf die geistliche Führung erhebt, wird es als teuflisch angesehen. Auflehnung gegen die Ordnung kann nicht toleriert werden. Rebellen werden ausgesondert, während das System weiter seine Funktionen erfüllt. Das kontradiktorische Verhalten wird zur Störung von außen. Die obligatorische Strafe innerhalb der antiken athenischen Aristokratie war die Verbannung.

Die physiologischen Faktoren (Gene, Hormone, Zerebralorgane), auf denen die biologischen Verhaltensschemata (Instinkte wie Flucht) beruhen, und die psychologischen, die erworbene Verhaltensschemata auf der Grundlage der vererbten Anlagen ausbilden (Affekte wie Neid), stellen für Systeme äußere Rahmenbedingungen dar, die die Funktionsmöglichkeiten einschränken. Alle Ideologien sind zum Scheitern verurteilt, die die menschliche Natur umformen wollen. Diese formt sich in sehr langen historischen Zeiträumen spontan. Für politische Strömungen müssen sie als Konstante angesehen werden. Die destruktiven Anlagen verschwinden nicht einfach, wenn Herrschaftsverhältnisse umgestürzt werden. Gemeinschaften müssen destruktive Kräfte des Menschen zügeln. Daher wenden sie das AR an, welches das CS-Modell einschränkt, um die Gemeinschaft am Leben zu halten.

Andererseits können solche basalen Funktionen auch Funktionsinhalte der Systeme sein. Bindung z.B. ist eine Systemfunktion des CS. Systeme können wir als Lösungen von solchen basalen Faktoren ansehen. In diesem Sinne ist das System MP die Lösung für das Bedürfnis nach individuellem Gewinnstreben. Sozialreformismus befriedigt das Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit, das ungeachtet seiner Uneinlösbarkeit eine unauslöschbare menschliche Konstante ist. Die Modelle sind auseinander hervorgegangen, weil sie in sich widersprüchlich sind. Sie übernehmen Elemente ihrer Vorgänger. Der vorläufige Weisheit letzter Schluss, das MP, schließt die drei Vorläufer in sich ein. Marktwirtschaftliche Gesellschaften sind komplex, insofern sie alle vier Modelle enthalten.

Wenn CS und AR kollektivistische Schemata sind, und EM und MP individualistische, und wenn diese Schemata historisch und logisch auseinander hervorgehen, so können wir eine langfristige Tendenz zur Individualisierung in der Menschheitsgeschichte konstatieren. Dies ist gleichbedeutend mit einem Zuwachs an Freiheit. Nur Individuen können Freiheit haben.

Das Problem der Praxeologie besteht darin, dass es als einzig gültiges Schema allen menschlichen Handelns gelten soll und dass es rein rationalistisch konzipiert ist. Menschen sind aber am vorläufigen Ende ihrer Entwicklung noch immer mit allen Fasern ihres Körpers und ihrer Psyche an ihre tierischen Vorfahren geknüpft. Die elementaren Modelle wirken fort und mit den höheren zusammen. Daher die perspektivische Verzerrung, wenn wir CS-, AR- und AM-Befunde praxeologisch deuten. Praxeologie ist in meinen Augen die Quintessenz des MP-Schemas. Es liegt dem ökonomischen Handeln zugrunde, doch kann es nicht die Fülle menschlicher Seinsmöglichkeiten beschreiben. Irrationale Gegebenheiten fließen nicht einfach in das Handeln als Werte/Ziele ein, sie erzeugen auch andere Verhaltenstypen als das (rationale) Handeln.

Die Quintessenz von Pinkers Geschichtswerk ist aber nicht einseitig die Geschichte wachsender Freiheit, sondern die der sich entfaltenden Humanität. Humanität umfasst Freiheit und Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Ungleichheit. Es ist ein sehr komplexer Begriff.

Konflikte, die aus der inneren Widersprüchlichkeit der Beziehungsmodelle entstehen

CS

Fiske zählt unter Aggression und Konflikte des CS: „Rassismus, Genozid um „die Rasse zu reinigen“. Töten um die Gruppenehre zu verteidigen. Krawalle, die auf einer Entindividualisierung beruhen. Gleichberechtigung aller „anderen“. Terroristen und Teilnehmer von Krawallen töten alle Mitglieder von gegnerischen ethnischen Gruppen.“

Pinkers Aufstellung der Mortalitätsraten archaischer Gesellschaften im Vergleich mit hochentwickelten Staaten spricht für sich. Das Leben in vormodernen Gesellschaften ist hart, brutal, ungesund und kurz. Wenn es heißt, dass die Natur des Menschen böse sei, so können wir erklären, dass in der Natur des Communal sharing die Ausgrenzung aller anderen liegt. Gemeinschaftsbildung heißt eine Moral für die Gruppe und eine andere für die Außenwelt aufzustellen. Innerhalb der Gruppe gilt das Prinzip des Hegens und Pflegens, des Schützens und Vorsorgens, der Liebe, Zuwendung und familiären Geborgenheit. Wir tauschen mit Gruppenmitgliedern Berührungen und Küsse aus, teilen die Lebensmittel, nehmen gemeinsame Mahlzeiten ein. Außenstehende sind ausgeschlossen, ihre Ressourcen eine potenzielle Beute. Sie werden als Minderwertige verachtet, genießen nicht unser Mitgefühl, werden nicht als Personen angesehen, genießen keine Rechte. Kollektivistische Ideologien der neueren Geschichte wie Rassismus, Sozialismus, Sexismus, ebenso wie Nationalismus, die Ismen der Religionen und ein archaisches Stammesdenken (Familienehre) streben nach einem Sieg in Nullsummenspielen.

Gemeinschaften grenzen sich nach außen durch heilige Symbole und Tabus ab. Heiligtümer können von Außenstehenden „beleidigt“ werden. Sie zu schützen fordert ein Ehrenkodex, der Vernichtung oder Demütigung des Beleidigers sucht. Die besondere Grausamkeit von Strafen wie Steinigung der Ehebrecherin, Verbrennung des Ketzers oder Vergasung des „Untermenschen“ ergibt sich logisch aus der Vorstellung von Heiligkeit und Göttlichkeit des eigenen. Reinheit und Beseitigung des Unreinen ergänzen sich logisch.

Die Gleichheit aller ist auch in einem reinen CS-Modell nur Fiktion. Die Anhänger einer Glaubensgemeinschaft stehen in unterschiedlicher Nähe zum Zentrum. Unter den Jüngern Jesu war Johannes der Liebling, Judas der Verräter. CS ist inhärent instabil. Es tendiert zum AR. Die Apostel mussten die Sache in die Hand nehmen und die neue Kirche leiten.

AR

Das Ideal des AR ist eine perfekte Ordnung durch eindeutige Zuweisung von Rängen. Doch liegt es in der Natur einer Hierarchie, dass die Gleichgestellten einer Ebene sich Vorteile durch Privilegien verschaffen, indem sie um die Gunst der Vorgesetzten buhlen. Sie konkurrieren um die Aufstiegschancen, indem sie sprichwörtlich Radfahren: nach oben buckeln, nach unten treten. Vorgesetzte meiden es, besser Begabte in ihrer Nähe zu haben, damit die eigenen Schwächen nicht in Erscheinung treten. Der Konkurrenzkampf wird umso härter, je höher die Ränge. Um die Spitze wird am härtesten gekämpft. Sogenannte Seilschaften stellen kryptische Suborganisationen zum Zwecke der gegenseitigen Hilfe bei der Karriere dar. Gesellschaften, deren politisches System am Modell des AR orientiert ist, sind tendenziell instabil. Putschismus ist typisch für Despotien. Die Gefährdung der Elitestellung erzeugt eine Tendenz zur Unterdrückung und Brutalität. Fiske spricht von einigen Merkmalen der F-Skala, d.i. von Merkmalen des Faschismus.

Treue und Gehorsam, Tapferkeit und Opferbereitschaft sind die Tugenden des Nachrangigen. Verräter müssen gehenkt, Ungehorsame gedemütigt, Feige erschossen und Gefallene geehrt werden.

EM

EM ist ein dynamisches Modell, ein Beziehungssystem, in dem fortwährend korrigierend eingegriffen wird. Doch entdeckt das kritische Ich fortwährend Ungleichheiten. Der Dauerzank unter Geschwistern liefert unerschöpfliches Anschauungsmaterial. Im Rahmen eines Equality matching können sich Zank und Konfliktspiralen verfestigen, die ohne neutralen Vermittler nicht lösbar sind. Die Erzfeindschaft von Nachbarn, seien es Familien oder Nationen können über Jahrhunderte andauern.

MP

Marktwirtschaften beruhen auf dem Wettbewerb der Anbieter um die Gunst der Nachfrager. Arbeiter konkurrieren mit anderen Arbeitern um die Arbeitsplätze, Unternehmen mit anderen um Marktanteile. Doch kommt das Ergebnis der permanenten Anpassung der Marktkräfte an die Marktbedingungen letztlich den Verbrauchern zugute. Das dynamische Marktgetriebe funktioniert auf der Basis rational-legaler Prinzipien. Eine Marktwirtschaft erfordert das Bestehen einer Rechtsordnung als Rahmen für Zukunftsplanungen. Ein gemeinsames Rechnungsmittels (des Geldes) für die Bewertung von Tauschgütern ermöglicht einen fortwährenden Fluss von Transaktionen zum gegenseitigen Vorteil, d.i. eine hochspezialisierte arbeitsteilige Gesellschaft. Darum ist die innere Widersprüchlichkeit der Marktwirtschaft neutralisiert. Märkte unterstützen eine Tendenz zur friedlichen Kooperation. Sie sind es, die letztlich, auf dem Weg der Anerkennung von Rechten, die Gewalt verdrängen, die als Geburtshelfer des Kapitalismus zurecht angeprangert wird.

Fallbeispiele von Konflikten zwischen den Beziehungsmodellen

AR contra CS: In traditionellen Familien übernahm die Mutter die Rolle des CS, der Vater die des AR. Zwischen den Eltern kommt in diesem Setting zu Konflikten über die Angemessenheit der Modelle.

EM contra CS: Der Geschwisterneid, der gespeist ist aus der kritischen Wahrnehmung von Unterschieden, stößt sich am Interesse an familiärer Harmonie. Kinder weigern sich aus der Sicht des EM, bei häuslichen Tätigkeiten mitzuwirken, wenn dies damit verbunden ist, die Unordnung der Geschwister zu beheben, während die Eltern im gemeinsamen Abwasch die familiäre Gemeinschaft genießen möchten.

EM contra AR: Der ältere Bruder möchte der Schwester Hinweise geben, die ihre Erziehung betreffen (AR). Dies lässt die Schwester nicht zu (EM). Das heute propagierte Rollenverständnis des Lehrers als eines Lernbegleiters will EM an die Stelle des traditionellen AR setzen. Der moderne Feminismus kämpft für die Ersetzung der geschlechtsspezifischen Rollenskripte nach dem AR durch das EM. Frauen und Männer sollen sich als gleichwertige Partner erkennen. Das Streben nach Gleichberechtigung von Homosexuellen. In der Vergangenheit die Aufhebung von Sklaverei, Rassendiskriminierung und Rassentrennung. Die Gleichstellung der Glaubensgemeinschaften. Die bürgerliche Revolution als Erhebung des Dritten Standes zum Bürgertum. Übertreibungen des Egalismus im Hinblick auf Kinder und Tiere.

CS contra MP: Ein radikaler Utilitarismus schreckt nicht zurück vor dem Handel mit Gütern, die im Rahmen kollektivistischer Beziehungsmodelle Tabu sind: Menschen (Sklaven, Zwangsprostituierte), Drogen, Sex und Geheimdaten. Er schreckt nicht vor Landesverrat, Spionage, Steuerhinterziehung, Spekulationen gegen Landeswährungen, Kartellbildungen, Bestechungen, Monopolpreisbildungen und Kolonialkriegen zurück. Aus der Sicht der Stahlwirtschaft scheinen Schutzzölle gegen chinesische Importe zu staatlich gestützten Dumpingpreisen gerechtfertigt, aus der Sicht des MP (der Verbraucher) ist es vorteilhaft, auf sie zu verzichten und damit eine Umstrukturierung der nationalen Wirtschaftsbranchen zu induzieren. Marktwirtschaft strebt nach Globalisierung (freier Fluss von Waren, Kapital, Arbeit und Ideen). Nationalismus nach Autarkie (Beschränkungen für Migranten, Devisen, Waren). Rebellion gegen EU und Euro-Währungsverbund. Konservatismus vs. Progressismus.

AR contra MP: Die Entscheidungen und Planungen im Rahmen des Wirtschaftens können entweder dezentral von den einzelnen Marktteilnehmer getroffen werden, oder zentral durch eine staatliche Behörde. Der Widerspruch zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist der klassische Konflikt zwischen AR und MP.

EM contra MP: Nicht nur Geschwister kämpfen um Gleichberechtigung, auch Gruppen von Marktteilnehmern. Interventionismus lässt sich deuten als der Versuch, im Sinne von Nullsummenspielen Vorteile auf Kosten aller anderen zu erzielen, indem die eigene Gruppe die Einflussmacht des Staates (AR) gegen den Markt mobilisiert. Lobbyismus, Frauenquoten, Tarifkämpfe, Mindestlöhne, Gehaltsdeckelungen, bedingungsloses Grundeinkommen usw. sind Phänomene einer interventionistischen Gesellschaft, die sich als Ausfluss von Gleichstellungsbestrebungen deuten lassen. Sie sind nicht klar von merkantilistischen Bestrebungen zur Erreichung von Privilegien zu unterscheiden.

Politische Ideologien im Bezug zu den Beziehungsmodellen

Kommunismus in reiner Form ist dem CS verpflichtet. Praktische Versuche zu seiner Verwirklichung waren kleingemeinschaftlichen Kommunen, etwa von Hippies oder israelischen Kibbuzim. Die scheiterten allesamt an sich selbst, weil sie entweder zu autoritären Strukturen übergingen oder sich in traditionelle Kleinfamilien auflösten. Der marxsche Kommunismus ist natürlich großgesellschaftlich gedacht. Marx schlug der Gewerkschaftsbewegung vor, statt für höhere Löhne für die Abschaffung des Lohnsystems zu kämpfen. Er wollte das leistungsbezogene Lohnsystem (MP) durch das Prinzip „Jeder nach seinen Bedürfnissen!“ (CS) ersetzen. Praktische Versuche, Großgesellschaften in Großkommunen zu transformieren, finden sich in China, Kampuchea und Nordkorea. Sie basieren auf autoritären Machtstrukturen und versuchten eine Nivellierung der Gesellschaft durch Ausrottung der Eliten zu erreichen. Kommunistische und anarchistische Strategien in hochentwickelten Ländern sind konzeptlos. Die kommunistischen und anarchistischen Revolutionen Anfang des 20. Jahrhunderts nützten das Scheitern der Staaten in der Folge des Ersten Weltkriegs aus. Aus der Blüte hochentwickelter Gesellschaften lässt sich kein Übergang zum Kommunismus finden. Hier stehen nur Abwarten (Glaube an die Macht der Geschichte) oder Einreißen (Fundamentalopposition, Terror) zur Wahl.

Authority ranking finden wir in konservativ-nationalistischen und faschistischen sowie in leninistisch-maoistischen Bewegungen. Außerhalb des politischen Spektrums entwickeln sich AR-Modelle im Rahmen von kulturellen Avantgarde-Kreisen. Insbesondere Ende des 19. Jahrhunderts sprossen sie wie Pilze aus der Erde. Nihilismus, Symbolismus, Expressionismus, Surrealismus, Existenzialismus hatten immer auch einen Bezug zu Lebensreformbewegungen, zum Irrationalismus der neuheidnischen Strömungen oder liebäugelten als Salon-Bolschewismus und -anarchismus mit den politischen Kräften. Durch die katastrophalen Folgen, die sich aus dieser heterogenen, doch letztlich in totalitäre Staaten mündenden Strömungen ergaben, bildete sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein prononcierter Anti-Autoritarismus heraus. Heute halten sich politische Strömungen im Paradigma des AR in den extremen Flügeln der Linken und Rechten und erstarken wieder als Populismus. AR-affine politische Ideologien verwenden militärische Konzepte und formulieren heroische Moralvorstellungen.

In letzter Konsequenz muss permanent wiederholte Egalisierung zu einer vollständigen Nivellierung führen und damit zu CS. Doch besteht ein großer Unterschied, ob ein System auf einmal durch ein anderes ersetzt werden soll, wie sich dies Kommunisten oder Anarchisten erträumen, oder ob in einem sich fortwährend spontan verändernden System paarweise Angleichungen vorgenommen werden. Sozialreformerischer Egalitarismus hat als Hintergrundfolie, als emotionale Färbung das Ideal einer friedlichen und familiären Kommune, während er die materiellen Verhältnisse fortwährend reguliert, ohne den Impetus einer autoritären gewaltsamen Revolution zu entfalten. Die Interventionismuslehre Ludwig von Mises’ hatte einen Sozialismus vom leninschen und deutschen Typ als Bedrohung vor Augen, eine autoritäre Despotie, die sich aus einer schrittweisen Eliminierung der Marktfreiheit logisch ergeben muss, wenn die Bereitschaft dazu besteht. Der Interventionismus bei Mises steht im Zusammenhang mit dem Übergang zur Kriegswirtschaft. Der gegenwärtige Interventionismus ist Sozialreformismus. Er zielt auf die Behebung von Ungerechtigkeit aus einer egalistischen Sicht, ohne die Marktwirtschaft als Paradigma in Frage zu stellen. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ist der Versuch, EM mit MP zu verbinden. Dass dies zur Einschränkung und Drosselung der Wirtschaftsdynamik führen muss, habe ich versucht in meinem Essay „Sklerose“ darzulegen. Der Liberalismus kann sich mit dem Sozialreformismus durchaus anfreunden, indem er die Marktwirtschaft gegen zu weitgehende Eingriffe verteidigt, ohne den sozialen Charakter des Gesellschaftsmodells grundsätzlich in Frage zu stellen. Es geht hier um ein Mehr oder Weniger, nicht um ein Entweder – Oder.

Equality matching kann kein Modell für Gesellschaften sein. Gleichheit der materiellen und sozialen Bedingungen ist unmöglich. Es entfaltet sich nur innerhalb von Gesellschaften, die auf einem der drei anderen Modelle beruhen. Im Rahmen von kommunistischen Gemeinschaften erzeugt es Uneinigkeit. Es zersetzt sie. AR verbindet sich mit EM. Die fortwährende Rivalität unter Gleichrangigen zerstört Hierarchien nicht. Neid und Missgunst können als Motivationskräfte von Führungen eingesetzt werden. Teile und herrsche! In MP-Gesellschaften wirkt EM, wie gezeigt, als Prinzip regulatorischer Eingriffe.

MP ist das Kernelement des klassischen Liberalismus. Vielfach wird übersehen, dass sich der Liberalismus in Europa im Rahmen von autoritären Staaten herausgebildet hat. Marktwirtschaft setzt eine stabile Rechtsordnung voraus, und diese ein Gewaltmonopol. Daher können Marktwirtschaften sich auch bis zu einem bestimmten Niveau in autoritären Staaten entwickeln, wie z. B. in China oder der Türkei. Aber zur Ent­faltung ihres Potenzials muss sich die unternehmerische Freiheit der Vielen in einem pluralistischen Rahmen bewegen. MP tendiert zur Demokratie. Die Abschaffung des staatlichen Fundaments würde MP zerstören. Unter den Bedingungen der zerstreuten Gewalt würden sich die Märkte zurückentwickeln.

Es liegt auf der Hand, dass die beiden ersten Beziehungsmodelle statische Verhältnisse, während Marktwirtschaften einen raschen gesellschaftlichen Wandel erzeugen. Daher finden sich Gesellschaften, die rein auf CS und AR basieren, nur in vormodernen Zeiten. Konservative Ideologien argumentieren im Sinne des CS oder AR, progressive Ideologien im Sinne des EM (Sozialreformismus) oder des MP (Liberalismus).

Heteronome und autonome Moral

Mises beleuchtete den Kollektivismus als mit dem Liberalismus konkurrierende Ideologien vor allem am Beispiel des Sozialismus. Der Liberalismus vertritt einen moralischen Utilitarismus auf der Grundlage eines methodischen Individualismus. Selbstbestimmtes Handeln folgt eigenen bewussten Werturteilen und Zielen. In moralphilosophischer Sicht sind Handlungsmaximen, die diesem Rahmen entsprechen, autonom, also individuell selbstbestimmt. Dagegen sind kollektive Moralsysteme aus der Sicht des Individuums Vorgaben von außen und werden heteronom genannt. Die rationalistische Sicht des Praxeologen muss heteronome Morallehren negativ beurteilen, lassen sie sich doch nicht mit dem liberalen Wert der Selbstbestimmung vereinbaren. Sie sind ihrem Wesen nach nicht Produkte einer moralischen Vernunft, die allein vernunftbegabten Individuen zu eigen ist, sondern vorgefundene Tatsachen, die von einem kollektiven Sachwalter, einem politischen Führer, einem betrieblichen Meister, einem Kleriker oder einer herrschenden Partei definiert werden. Das historische Beispiel des Sozialismus desavouiert aus der Sicht des Liberalen heteronome Moral und Kollektivismus.

Aus Sicht der Theorie der Vier Beziehungsmodelle kann der Kollektivismus aber nicht mit Sozialismus gleichgesetzt werden. Dieser ist nur eine besonders perverse und inhumane Ausprägung eines viel breiter angelegten Phänomens menschlicher Seinsbedingungen. Sozialismus ist eine Gesellschaftsform nach dem Modell des AR, bei dem das MP unterdrückt wird und bei dem CS und EM vorgetäuscht werden.

CS und AR stellen kollektive Verhaltensrahmen dar. Um die begriffliche Schärfe der Praxeologie nicht zu stören, spreche ich bei CS und AR von Verhalten, bei EM und MP von Handeln. Wenn Mises Handeln immer als rationales Tun auffasst, liegt es nahe, bei CS und AR irrationales Verhalten zu vermuten. Rational bedeutet im Rahmen der Praxeologie zweierlei: a) die bewusste Zielstellung und b) die Wahl geeigneter Mittel zur Erreichung des gestellten Zieles. Als irrational gilt ihr das der Zielwahl zugrunde liegende subjektive Werturteil, das im Rahmen der Praxeologie nicht weiter reduziert werden kann. Es ist für sie eine letzte Gegebenheit (ultimate given). Rational ist die Zielwahl aus einer ordinalen Reihe von Bedürfnissen. Die konkurrierenden Ziele stehen in einer eindeutig definierten Rangordnung; die nachrangigen werden zurückgestellt, das vorrangige wird vorgezogen. Doch die Werturteile, die zu dieser Ordnung führen, müssen dem Praxeologen unbekannt sein. Die Gründe liegen im Unbefriedigtsein des Subjekts, das einer Außenbeobachtung entzogen ist. Das Ich spürt, wo ihn der Schuh am meisten drückt.

Der Psychologe findet in den Vier elementaren Beziehungsmodellen aber mögliche Antworten auf die Frage nach den irrationalen Gründen. Solche, die sich nicht auf utilitaristisch deutbare Ziele beziehen, also nicht auf einen persönlichen Nutzen, sondern auf die Herstellung einer Beziehung nach den drei ersten Modellen, können als irrational bezeichnet werden. Utilitaristischer Nutzen im Rahmen des MP ist ein wirtschaftlicher oder ein gesellschaftlicher Vorteil eines einzelnen Spielers. Irrationale Ziele sollen nicht nützlich, sondern sinnvoll sein, d.i. eine gute Ordnung bewahren oder einrichten, Unordnung beseitigen. Bei CS geht es um die ständige Erneuerung der Gemeinschaft und das Dazugehören, bei AR um die hierarchische Ordnung, beim EM um Egalisierung und Selbstbehauptung im Vergleich mit anderen. Diese „Handlungsziele“ werden selbst dann angestrebt, wenn aus utilitaristischer Sicht Nachteile entstehen. In praxeologischer Sicht können „Sinngewinne“ utilitaristische „Kosten“ kompensieren. Sinngewinne lassen sich nicht in eine Rangordnung mit Nutzen stellen. Moralische Maximen sind Imperative. Wir können nicht zwischen zwei moralischen Maximen auswählen, wie wir zwischen Vanille- und Schokoladeneis wählen. Uns erscheint es nicht sinnlos, wenn ein Mensch zur Behandlung eines geliebten Partners all sein Vermögen verbraucht. Es ist kategorisch notwendig. Er tut dies aus Liebe, doch in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet es Totalverlust. In utilitaristischer Hinsicht wäre es vorteilhafter, sich einen neuen Partner zu suchen. Die Liebe aber sagt, es ist wie es ist.

Mitglieder von Gemeinschaften des Typs CS und AR bewerten die inhärenten Moralprinzipien der Gruppe nicht als heteronom. Die Kritik des Rationalismus greift hier nicht. Umgekehrt wird ein radikaler Utilitarismus aus ihrer Sicht als unmoralisch angegriffen. Ich komme auf diesen Punkt unten zurück.

Bindung an andere Menschen und an Gemeinschaften ist ein natürliches Bedürfnis jedes Gesunden. Uns erscheinen Menschen, die Bindungsängste haben, als beeinträchtigt, Bindungsunfähige als behindert. Der Typ des einsamen Existenzialisten, Albert Camus z.B., drückt die missliche Lage der von religiösen Glauben abgefallenen Nihilisten aus, deren selbstzerstörerischer Lebensstil zur Suizidgefährdung führt. Unzählige Romane und Filme enden dagegen mit einem Happy End, wenn die Figuren zuletzt eine Bindung eingehen. Bindung und Gemeinschaft erscheinen uns als die Einrichtung, die unserem Leben einen Sinn verleiht. Die irrationalen Ziele sind die sinnstiftenden. Dagegen erscheinen die utilitaristischen Ziele nur als Mittel zum Zweck eines angenehmeren Lebens, dessen Sinn aber nicht in ihnen selbst gefunden wird.

Einige Schlussfolgerungen für den modernen Liberalismus

Zunehmende Komplexität

Moderne komplexe Gesellschaften schließen die älteren Beziehungsmodelle in sich ein. (Von Gesellschaft sprechen wir, wenn Menschen, die sich nicht unmittelbar kennen, in Beziehung zueinander treten und soziale Einheiten bilden, z.B. einen Nationalstaat.) Sie sind Systeme von Gemeinschaften (Gruppen), wobei die Individuen mehreren Gruppen zugleich angehören. Die Struktur ist folglich keine lineare Ordnung, sondern ein in sich widersprüchliches Ineinander und Durcheinander von Gruppenbeziehungen. Solche Strukturen brauchen rational-legale Prinzipien, also Geld und Rechte. Sie sind paradigmatisch am rational-legalen MP orientiert, doch kann dies nicht bedeuten, MP zum Monopolmodell durchzusetzen. Anarchokapitalismus und marktradikaler Libertarismus sind diesem Ziel verpflichtet. Diese Ideologien wollen das politische Subsystem so klein wie möglich schrumpfen, quasi die Politik abschaffen, und im Falle des Anarchismus Staat und Rechtsordnung ganz beseitigen. Er verkennt, dass Gewaltmonopol und Rechtsordnung integraler Bestandteil des rechtlich-legalen MP-Modells sind. Die Konsequenz wäre ein Rückfall in die Logik des EM (AR soll des Arguments willen theoretisch ausgeschlossen werden). EM aber ist extrem konfliktträchtig. Vergeltung im Guten wie im Schlechten schließt Pattsituationen wie im Gefangenendilemma mit ein. Pinker untersuchte die Ursachen der Gewalt in vormodernen Gesellschaften. Eine sehr einfache Ursache fand er im Hobbes’schen Dilemma. Wenn keine höhere Macht (Staat) die Einzelnen vor Gewalt schützt, ist es vorteilhaft, zuerst zuzuschlagen. Der Überraschungsangriff bietet strategische Vorteile. Das wissen aber alle und daher erhöhen sich die Gewaltübergriffe aus einer rein defensiven Absicht. Darin liegt die befriedende Kraft des Gewaltmonopols selbst bei einer Willkürherrschaft. Es hält die vielen Warlords (Landadligen) in Schach.

Zurecht empfinden wir die Vorstellung einer reinen Marktwirtschaft als sinnlos, kalt und unmenschlich. Das Streben nach materiellen Gütern, so zentral auch die Verbesserung der Lebensstandards für die Erhaltung von friedlichen und freiheitlichen Verhältnissen ist, ist nur ein Mittel zum Zweck eines glücklichen Lebens. Ein moderner Liberalismus hat ein angemessenes und stimmiges Miteinander und Ineinander der vier elementaren Modelle im Auge. Invasionen des einen in das Terrain des anderen Modells können Fortschrit­te bedeuten. So werten Liberale die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Aufhebung der Rassendiskriminierung und ähnliches positiv, allesamt konfliktreiche Übergänge von Beziehungen nach dem AR zum EM-Modell. Doch kann eine Stärkung kollektivistischer Gesichtspunkte auch zu einer Schwächung der Marktfreiheit und letztlich zu einer Sklerotisierung der Wirtschaft führen. Dies wäre der Fall, wenn Gleichmacherei die unternehmerische Freiheit außer Kraft setzt, also EM gegen MP gesetzt wird. Es kommt wie immer auf den konkreten Fall an.

Die Kunst der Politik besteht darin, zum Gelingen einer Kultur beizutragen, die das Zusammenspiel der vier elementaren Beziehungsmodelle in einer freien marktwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung proportional in einer Weise aufeinander abstimmt, dass die Freiheit des Einzelnen die größtmögliche Freiheit der anderen zulässt und den Wohlstand aller zu mehren.

Globalisierung

Wie gezeigt wurde, ist das vierte Beziehungsmodell progressiv. Marktbeziehungen sind möglich zwischen Menschen, die unterschiedlichen Gemeinschaften angehören und daher unterschiedliche Ideologien oder Glaubensüberzeugungen angehören, die unterschiedlicher Herkunft, Rasse oder Geschlecht sind. Das Modell des MP erzeugt eine Expansion von Beziehungen rund um den Globus. Wir leben heute in einer Zeit, die darum Globalisierung genannt wird, weil der Welthandel alle Menschen zu einem zusammenhängenden Beziehungssystem vereint hat. Mobilität von Dingen, Menschen und Informationen verknüpfen alle mit allen. In einem simplen Ding wie dem Bleistift vereinen sich Vorprodukte und Rohstoffe aus vielen Ländern rund um den Globus.

Der Expansionismus des MP, der historisch mit der Neuzeit anhebt, bettet Kleingemeinschaften, die nach den elementaren Modellen des CS, AR und EM funktionieren, in Großgesellschaften ein, die rational-legal funktionieren. MP ist ein System, in dem geldbasierte wirtschaftliche Beziehungen in einem rechtlichen Ordnungsrahmen stattfinden, der Nationalstaaten mit Gewaltmonopolen voraussetzt. Doch treibt der Markt über den Nationalstaat hinaus. Nationale Unternehmen verbreiten sich in vielen Ländern, Handelsbeziehungen werden durch internationales Recht globalisiert und globalisieren die elementaren Menschenrechte.

Die Nationen sind schon zivilisatorische Institutionen, keine natürlichen Lebensgemeinschaften. Sie beruhen auf der Übertragung des Prinzips der kleingemeinschaftlichen Zugehörigkeit auf einen Territorialstaat. Grenzen behindern Märkte. Die Zahl der Nationen nahm daher in Europa seit den letzten 500 Jahren von ursprünglich 5000 auf derzeit etwa 50 ab. Der Ordnungsrahmen, innerhalb dessen die Marktwirtschaft rechtlich und sicherheitspolitisch abgesichert wurde, wurde stetig erweitert. Doch treibt die expansionistische Entwicklung des MP über den Nationalstaat hinaus zur Bildung von Staatenkonföderationen, wie den USA, der EU oder Russland, das einen imperialen Charakter hat. Die Alternative ist Imperialismus, also die Hegemonie eines Nationalstaates über andere, oder internationale Integration mehrerer Staaten. Der bessere Weg ist aus liberaler Sicht die internationale Integration auf der Grundlage des MP-Modells, also Kosmo-Liberalismus.

Offene Zukunftsfragen

Es ist eine offene Frage eines modernen Kosmo-Liberalismus, ob sich jenseits der Ära der Nationalstaaten wieder kleinere Gesellschaften als Rechtsräume ausbilden, die untereinander nicht antagonistische konkurrieren wie ehedem Nationalstaaten, sondern im Sinne eines Wettbewerbs um Zuwanderung durch die At­traktivität ihres Gesellschaftsmodells. In keinem Fall dürfen die Grundlagen der modernen MP-Gesellschaft zerstört werden: eine verbindliche und durchsetzbare Rechtsordnung in einem definierten Gebiet mit Gewaltmonopol, das demokratisch kontrolliert wird. Denkbar sind Koalitionen von kleineren Gesellschaften im Rahmen von Supra-Gewaltmonopolen. Jedenfalls erfordern die Sicherheitsbedürfnisse in heutiger Zeit militärische Großbündnisse, so lange sich die Prinzipien der liberalen Demokratie noch nicht weltweit durchgesetzt haben. Die Nato ist Teil eines weltweiten Bündnissystems, in dessen Zentrum die USA als die liberale Großmacht steht. Das mag problematisch sein, doch ist in naher Sicht keine Alternative realistisch.

Die abschottenden Grenzen des herkömmlichen Nationalstaates müssen immer durchlässiger werden, um den Fluss von Menschen, Waren, Kapital und Ideen zu erleichtern. Dafür braucht es neue Lösungen für die Gestaltung der Solidargemeinschaften (Rente, Krankenversicherung usw.). Denkbar sind Kooperationen von Großunternehmen oder entwickelten Staaten mit unterentwickelten Nationen im Sinne von Sonderwirtschaftszonen. Die Rolle der internationalen Organisationen, sowohl der staatlichen wie der zivilgesellschaftlichen, wird an Gewicht zunehmen. Die Einbindung der NGOs, die längst globalisiert handeln, in den Mechanismus der öffentlichen Kontrolle muss neu entwickelt werden.


Die tabellarische Zusammenfassung der Vier Elementaren Beziehungsmodelle durch Fiske selbst in meiner Übersetzung ist im Anhang der pdf-Datei des Textes verfügbar.

pdfhome