17. März 2016

Die zweite humanitäre Revolution

Streifzüge durch Steven Pinkers „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Teil 6 von Helmut Krebs

Rosa Parks

1955 weigerte sich Rosa Parks in Montgomery, Alabama, ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Fahrgast frei zu machen. Sie wurde zu einer Geldbuße verurteilt, weil sie dadurch gegen die Rassentrennungsgesetze verstoßen hatte. Ihre Tat war der Auftakt zur Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen, die in den 1960er-Jahren zur rechtlichen Gleichstellung führte.

Mit der zweiten humanitären Revolution, die Pinker als die „Revolution der Rechte“ bezeichnet, ist eine historische Umwälzung gemeint, die nach 1945 die Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Rasse, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung überwindet. Sie verdrängte die Gewalt aus weiteren gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere auch aus der Privatsphäre. Die Bürger- und Menschenrechte werden auf alle Menschen ausgeweitet. Der Humanisierungsschub wirkte sich auch auf die Lage der Kinder und Tiere aus.

Die zweite humanitäre Revolution folgte als Reaktion auf den Gewaltausbruch des 20. Jahrhunderts, der durch die totalitären Systeme verursacht wurde und im Zusammenhang mit dem Weltkrieg stand. Insbesondere der Holocaust der europäischen Juden und seine Bekanntmachung erschütterte das Gewissen der westlichen Welt. Wieder spielte die Literatur eine bedeutende Rolle, man denke an das Tagebuch der Anne Frank. Die Bilder von aufeinander geschichteten verhungerten KZ-Insaßen, die amerikanische Reporter 1945 aufnahmen und verbreiteten, wurden zu einer moralischen Kraft. Die Idee, dass alle Menschen ausnahmslos dieselben Freiheitsrechte innehaben, setzte sich durch. Seither können wir von einer Globalisierung uni­versell geltenden Menschenrechte sprechen. Die Erklärung der Menschenrechte von 1948 setzte einen Maßstab für alle Regierungen und alle Bürger.

Abbildung 7-1

Der Wandel der gesellschaftlichen Ideen vollzog sich seit den 1960er-Jahren zunächst vor allem durch die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner. Diese regte weitere Wellen an: In den 1970er-Jahren schwoll die Diskussion über die Gleichberechtigung und Autonomie der Frauen, in späteren Jahren diejenige über die Kinderrechte und die Rechte für Homosexuelle. Die Bewegung für den humaneren Umgang mit Tieren schloss diese Kaskade ab.

Abbildung 7-1 zeigt diese Wellen anhand der Häufigkeit von Nennungen solcher Schlüsselwörter wie civil rights, women's rights usw. in englischsprachigen Büchern bis 2000.

Rassismus

Bis in die 1930er-Jahre waren die Schwarzen der USA einem einschüchternden Drohpotenzial ausgesetzt. Bis zu 150 Lynchmorde wurden jährlich verübt. Diese gingen bis in die 1930er-Jahre beträchtlich zurück. Doch immer wieder flammten sie auf und ließen die Unsicherheit wachsen, ob nicht wieder erneute Wellen der Gewalt hereinbrechen könnten. Afroamerikaner waren auch weiterhin Opfer von Hassverbrechen. Die Anerkennung der Bürgerrechte verbesserte die Sicherheitslage aber für sie beträchtlich. Seit 1996 veröffentlicht das FBI Statistiken, in denen rassistisch motivierte Morde erfasst werden. Sie nahmen von 1996 bis 2007 in absoluten Zahlen von 5 auf 1 pro Jahr ab. Die nicht tödlich verlaufenden Hassverbrechen an Afroamerikanern nahmen in derselben Zeit entsprechend ab. Die Einschüchterungen sanken von 6 bis 7 pro 100.000 pro Jahr auf etwa 4, einfache und schwere Körperverletzung sanken von 2 auf 1. Schwarze sind heute kaum noch Opfer von rassisch motivierten Straftaten, wenn man den amtlichen Daten folgt.

Die Entwicklung der Rechtslage von ethnischen Minderheiten verlief auch weltweit positiv. Der Prozentsatz der Staaten, in denen sie politisch diskriminiert werden sank nach 1950 von 45 % auf 20 %. Das Umdenken lässt sich in Meinungsumfragen aufdecken. Während in den USA die Rassentrennung in Schulen im Jahr 1940 noch von fast 75 % befürwortet wurde, sank dieser Wert auf fast Null. Mischehen werden heute nur noch von etwa 25 % abgelehnt (100 % im Jahre 1955). Leider weist Pinker keine Differenzierungen der Daten zum Rassismus für die einzelnen Staaten aus. Die gegenwärtig heiß diskutierte lockere Schusswaffe von Polizisten bei Begegnungen mit Afroamerikaner fand noch keine Berücksichtigung.

Geschlechterdiskriminierung

Inka Cee mit Rucksack vor einer Herberge

Als Frau allein zu reisen war bis weit ins 20. Jahrhundert undenkbar. Dass dies heute möglich ist, zeugt von der hohen Sicherheit, die Frauen in der westlichen Welt genießen. Bild: http://blickgewinkelt.de/

In der Denkweise vieler vormoderner Gesellschaften genossen Frauen keinen vollwertigen Status als Mensch. Sie waren, wie das in den mosaischen Geboten 9 und 10 zum Ausdruck kommt, oft Besitz des Mannes und unmündig. Die Anerkennung weiblicher Intelligenz brauchte Jahrhunderte und die Beispiele vieler bedeutender Wissenschaftlerinnen wie etwa Madame Curie. Die Frauenbewegung konnte ihre Argumentation an die Gründe anknüpfen, die von der ersten humanistischen Revolution, der Aufklärung, gegen Sklaverei und Despotismus vorgetragen wurden. „Wenn absolutes Herrschertum in einem Staat nicht notwendig ist, wie kommt es dann, dass es in einer Familie notwendig ist?“, formulierte Mary Astell schon im Jahre 1700. (S. 591)

Es mussten sich viele Bedingungen entwickeln, bis sich dieses Denken änderte. Ganz entscheidend waren die Fortschritte bei der Geburtenkontrolle. Selbstbestimmung ist in einer Rolle als permanente Gebärerin bis zum frühen Tod durch Auszehrung nach dem zehnten oder zwölften Kind schwer denkbar. Weitere Voraussetzungen wurden durch die Erleichterung der Hausarbeit geschaffen, insbesondere durch die Waschmaschine, wodurch die Bindung an das Haus nicht mehr unüberwindlich war. Doch den letzten Durchbruch erzielte die Frauenbewegung erst in den 1970er-Jahren im Rahmen der zweiten humanitären Revolution.

Abbildung 7-10

Ihre Erfolge sind beeindruckend. Die Vergewaltigungen gingen in den USA von 1970 bis 2010 noch stärker als die Morde, nämlich um 80 % zurück. Die Erhebung von Daten zu diesem Bereich ist schwierig. Das US-Justizministerium unternimmt seit 1973 regelmäßig eine große, nach Schichten gegliederte Befragung der Bevölkerung. Abbildung 7-10 zeigt die Ergebnisse. Dieser Befund entspricht auch einem anderen. Die Frage, ob es richtig ist, wenn ein Mann seiner Frau eine Ohrfeige gibt, beantworteten Ende der 1960er-Jahre noch 25 % der Männer und über 15 % der Frauen zustimmend. 1995 waren es noch 15 % der Männer und 5 % der Frauen. Bei den Umfragen zur häuslichen Gewalt dominieren zahlenmäßig die Streitigkeiten zwischen Partnern, von denen keiner die alleinige Kontrolle ausübt, und dabei teilen die Frauen ebenso viel aus, wie sie einstecken. (S. 608) Aber bei den schweren Gewalttaten (Körperverletzungen) sieht das Bild anders aus. Die schweren Gewalttaten, die an Intimpartnern in den USA verübt werden, sank bei den weiblichen Opfern von 1000 (pro 100.000 und Jahr) im Jahr 1993 bis 2005 um fast zwei Dritteln und nähert sich denen der männlichen Opfer an. Die Mordquote bei Intimpartnern (pro 100.000 pro Jahr) sank von 1975 bei weiblichen Opfern von knapp 1,5 auf unter 1,0 und bei den Männern von einem fast gleich hohen Anfangsniveau noch stärker. Männer profitieren folglich von der Gleichberechtigung der Frau, indem sie weniger häufig von ihren weiblichen Intimpartnern ermordet werden. Wenn das keine erfreuliche Tatsache ist!

Ein ähnliches Bild ergeben die Zahlen für häusliche Gewalt in England und Wales. Die Abbildung 7-15 weist von 1995 bis 2008 einen deutlichen Abwärtstrend aus. In Kanada, Finnland, Deutschland, Irland, Polen und Israel bestätigen sich die Befunde. In Ländern, die nicht zur westlichen Kultur gehören, wird viel häufiger geschlagen. (Indien, Jordanien, Japan, Korea, Nigeria und Papua-Neuguinea werden genannt).

Da auch Japan und Korea hochentwickelte Länder und Demokratien sind, kann der Tatbestand nicht auf solche Faktoren zurückgeführt werden, sondern auf einen Wandel der Gesinnungen, auf kulturelle Faktoren.

Die Lage der Kinder

77 Prozent aller nichtstaatlich organisierten Gruppen kennen den Kindsmord. Bis vor kurzem wurden 10 bis 15 Prozent aller Babys nach der Geburt getötet, in manchen Gesellschaften lag der Anteil auch bei bis zu 50 Prozent. (S. 615) Säuglingsmord an Mädchen steht heute weltweit auf der Tagesordnung, weil Volkszählungen in den Entwicklungsländern auf einen massiven Frauenmangel schließen lassen. Die Unterzahl von Frauen und Mädchen wird auf 100 Millionen geschätzt, vor allem in China und Indien. (S. 620) In den USA kamen 2007 insgesamt 4,3 Millionen Kinder zur Welt, und 221 Säuglinge wurden ermordet. Das ist im Vergleich zum historischen Durchschnitt ein Rückgang um einen Faktor von zwei- bis dreitausend. In den Industrieländern des Westens brechen Frauen zwischen zwölf und 25 Prozent der Schwangerschaften ab. Die Tendenz geht folglich weg von der Kindstötung zum Schwangerschaftsabbruch und zur -Verhütung. Dies ist in meinen Augen ein humanitärer Fortschritt. Wenn auch die Zahl der Abtreibungen noch sehr hoch ist (in den Ländern des Westens rund 5 Millionen), so nimmt sie doch weltweit ab.

Abbildung 7-16 zeigt die Abtreibungsquoten pro 1000 Frauen zwischen 15 und 44 Jahren. In Russland halbierten sie sich, in Osteuropa und China nahmen sie deutlich ab, auch in den USA sind sie rückläufig, während Westeuropa auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau verharrt.

Die überlebenden Kinder hatten früher ein härteres Schicksal als heute. Sie waren viel mehr als heute Opfer von Gewalt, von Schlägen und grausamer Behandlung. Im 18. Jahrhundert wurde ein siebenjähriges Mädchen wegen eines Unterrockdiebstahls gehängt.

Die zweite humanitäre Revolution senkte die Gewalt, die gegen Kinder verübt wird. Von 1955 bis 2005 halbierte sich die Zahl der US-Bundesstaaten, in denen körperliche Züchtigung gestattet ist. In der gleichen Zeit sank die Zustimmung zur körperlichen Züchtigung in Schulen von über 50 % auf 25 %. Die Quote der körperlich misshandelten Kinder sank von 1990 bis 2007 auf ungefähr die Hälfte (auf unter 200 pro 100.000 pro Jahr). Der sexuelle Missbrauch halbierte sich in derselben Zeit. (S. 651) Das Leben von Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten praktisch in jedem messbaren Aspekt verbessert. Sie laufen seltener weg, werden seltener ungewollt schwanger, kommen seltener mit dem Gesetz in Konflikt und begehen seltener Selbstmord. Auch ist die Gewalt unter den Kindern zurückgegangen. Von 1992 bis 2003 sank der Prozentsatz der Schüler mit Erfahrungen von Kämpfen von über 40 % auf über 30 %, Handgreiflichkeiten und Schulangst schwanden. Pinker meint, dass die behütende Einstellung zu Kindern oft über das Ziel hinausschießt. Jedenfalls freuen wir uns darüber, dass die Zahl der jährlichen Kindesentführungen durch Fremde in den letzten beiden Jahrzehnten von 200 bis 300 auf ungefähr 100 zurückging. Das Risiko ist so gering, dass man es praktisch ausschließen kann. Von Autos, mit denen Eltern ihre Kinder zur Schule kutschieren, werden mehr als doppelt so viele Kinder überfahren als von anderen Verkehrsteilnehmern.

Die Lage der Homosexuellen

Alan Turing, einer der genialsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, entschlüsselte den Code der militärischen Nachrichten der Nazis und erfand die Turing-Maschine, den Vorläufer der Informatik. Er wurde aufgrund seiner Homosexualität in den Selbstmord getrieben. Die Verachtung der Homosexualität ist in den Schriften der Religionen über Jahrtausende zurück zu verfolgen. im 5. Buch Mose 20,13 wird die Todesstrafe für einen Mann gefordert, der „bei einem Manne liegt wie bei einer Frau“. Die Nazis sperrten homosexuelle Männer ins Konzentrationslager. Heute ist sie in fast 120 Ländern legalisiert. In 80 Ländern bestehen noch Verbote. In islamischen Ländern droht die Todesstrafe. Doch ist die Tendenz positiv. Abbildung 7-23 zeigt die Zeitleiste für die Entkriminalisierung in den Vereinigten Staaten und in der Welt. Auch die Einstellungen ändern sich. Die Zahl der Einschüchterungen von Homosexuellen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung halbierte sich zwischen 1996 und 2008 in den USA. (S. 671)

Die Lage der Tiere

Tiere werden heute zunehmend als Gefühle empfindende Wesen wahrgenommen und rücken damit näher zum Menschen. Tierquälerei war in der Vergangenheit gang und gäbe. Heute werden Tiere von vielen Menschen geliebt und als Teil der Familie angesehen. Entsprechend nimmt die Tierquälerei ab. Der Mentalitätswandel lässt sich an messbaren Daten ablesen. Von 1997 bis 2010 nahm der Prozentsatz der Haushalte, die sich mit der Jagd befassten von über 30 % auf unter 20 % ab. Die Zahl der Filme, in denen Tiere geschädigt werden nahm von jährlich 15 auf fast 0 ab. Die Zahl der Vegetarier steigt seit zwanzig Jahren von 2,5 % auf 7,5 %.

Schlussbetrachtungen

„Die Trends haben einige gemeinsame Eigenschaften. In allen Fällen mussten sie gegen einflussreiche Neigungen der menschlichen Natur ankämpfen. Dazu gehören die Entmenschlichung und Dämonisierung fremder Gruppen; die sexuelle Habgier der Männer und ihre Besitzansprüche gegenüber Frauen“ und andere. (S. 702) „Wenn Gewalt etwas Unmoralisches ist, zeigen die Revolutionen der Rechte, dass eine moralische Lebensweise häufig eine entschiedene Abkehr von Instinkten, Kultur, Religion und üblicher Praxis voraussetzt. An ihre Stelle tritt eine Ethik, die ihre Anregung aus Mitgefühl und Vernunft bezieht und in der Sprache der Gesetze festgeschrieben wird. … Diese Erkenntnis ist natürlich die ethische Vision der Aufklärung sowie der Strömungen von Humanismus und Liberalismus, die aus ihr hervorgegangen sind. Die Revolution der Rechte sind liberale Revolutionen. … In den westlichen Kulturkreisen haben diese Bestrebungen in allen Fällen ein Übermaß an Schicklichkeit und Tabus hinterlassen, die zu Recht als politische Korrektheit lächerlich gemacht werden. Die Zahlen zeigen aber, dass die gleichen Bestrebungen viele Ursachen von Tod und Leiden vermindert haben und dass die Kultur immer weniger bereit ist, Gewalt in jeglicher Form zu tolerieren. … Wenn man liberale Intellektuelle reden hört, könnte man glaube, die Vereinigten Staaten würden seit mehr als 40 Jahren immer weiter nach rechts rücken: von Nixon über Reagan und Gingrich bis hin zu Vater und Sohn Bush und jetzt den verärgerten weißen Männern in der Tea-Party-Bewegung. Aber in allen Fragen, die mit den Revolutionen der Rechte zu tun haben … sind die Einstellungen der Konservativen der Entwicklung bei den Demokraten gefolgt, was zur Folge hat, dass die Konservativen von heute liberaler sind als die Liberalen von gestern.“ (S. 703)

„Wenn ich mein Geld auf eine einzige wichtige Ursache für die Revolutionen der Rechte verwetten sollte, würde ich auf die Technologie setzen, die Ideen und Menschen immer mobiler machte. Die Jahrzehnte der Revolutionen der Rechte waren auch Jahrzehnte der elektronischen Revolution. … Es waren Jahrzehnte der Autobahnen, Hochgeschwindigkeitszüge und Düsenflugzeuge. Weniger bekannt ist, dass in den gleichen Jahrzehnten auch die Buchproduktion explosionsartig zunahm. Von 1960 bis 2000 steig die Zahl der jährlichen Buch-Neuerscheinungen fast um das Fünffache.“

„Die Humanitäre Revolution erwuchs aus der Gelehrtenrepublik, der Lange und der Neue Frieden waren Kinder des globalen Dorfes. Und erinnern wir uns daran, was in der islamischen Welt schiefgelaufen ist: Die Ursache war wahrscheinlich die Ablehnung der Druckerpresse und der Widerstand gegen den Import von Büchern einschließlich der darin enthaltenen Gedanken.“ (S. 705)

Die zweite humanitäre Revolution bilden zusammen mit dem Langen Frieden und dem von Pinker Neuer Frieden genanten Rückgang der Gewalt unterhalb der Schwelle von offiziellen Kriegen einen Zusammenhang. Sie sind Erscheinungen eines integralen Prozesses, den ich – wie viele – Globalisierung nenne. Globalisierung bedeutet in diesem Zusammenhang nichts anderes, als die Sache der Menschen in fernen Ländern zur eigenen zu machen. Es bedeutet sich als Kosmopolit zu begreifen und nationale Borniertheit zu überwinden. Die soziale Frage hat heute ein globales Ausmaß angenommen. Es ist die Armutsfalle von einer Milliarde Menschen, die übrigens zu weiten Teilen zum islamischen Kulturraum gehören.

Der Liberalismus wurde in der westlichen Kultur zur Selbstverständlichkeit und weiter entwickelt. Er wurde integraler Bestandteil einer humanen Zivilisation, der weit über die Kernideen des klassischen Liberalismus hinausgeht. Es ist eine Gesellschaftsidee, die alle Ideen integriert hat, die historisch erfolgreich waren. In historischer Reihenfolge:

All diese aufeinander aufbauenden und sich ergänzenden Teilmomente einer offenen Gesellschaft bilden einen logischen Zusammenhang. Sie definieren den zeitgenössischen Liberalismus. Eine Pointe dieser Entwicklungen besteht darin, dass Teile derjenigen, die sich nach europäischem Sprachgebrauch Liberale und nach amerikanischem Libertäre nennen, in Opposition zu den späteren Stufen und Teilmomenten der hochzivilisierten Gesellschaftsverfassung stehen und sich den konservativen und nationalistischen Positionen angenähert haben. Die ihrem Selbstverständnis nach linke Sozialdemokratie war dagegen in vielen Punkten führend bei der Weiterentwicklung der heutigen Ausprägung des Liberalismus. Die Gleichberechtigung der Frauen wurde in Deutschland in der Ära der sozialliberalen Regierung Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher in den 1970er-Jahren gesetzlich geregelt. Die sozialliberale Koaltion setzte die Fristenregelung durch, schaffte den § 175 und den Kuppelparagraphen ab und reformierte das Scheidungsrecht im Sinne des Zerrüttungsprinzips. Seither dürfen Frauen ein eigenes Konto führen und müssen ihre Männer nicht um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollen.

Es ist an der Zeit, die alten Frontlinien zu überwinden und das großartige Projekt der Humanisierung der Erde gemeinsam auszuführen. Die Front verläuft nicht zwischen Staat und Individuum. Sie verläuft längst nicht mehr zwischen Sozialismus und Liberalismus. Sie verläuft global zwischen extraktiven und inklusiven Gesellschaften und zwischen gesellschaftlichem Wandel und Erstarrung. Notwendig ist eine Offenheit der Gesellschaft für den Fluss von Ideen, Kapital, Waren und Arbeit. Die Herausforderung dabei ist eine zunehmende Komplexität und Nichtkontrollierbarkeit der Entwicklung. Die Kernidee aller Teilmomente ist die Freiheit und Würde aller Menschen. Der Lohn ist die Abnahme und Überwindung der Gewalt weltweit und die Überwindung der Armut.

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt, 2011.


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