10. März 2016

Der Neue Frieden – kleinere Kriege, Bürgerkriege und Terrorismus

Streifzüge durch Steven Pinkers „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Teil 5 von Helmut Krebs

Notorischer Pessimismus

Gewiss, die großen Kriege finden in der Zeit des Langen Friedens nicht mehr statt. Aber hat nicht die Zahl der kleinen Kriege, haben nicht Bürgerkriege, Massenmorde und Terroranschläge zugenommen, so dass man meinen könnte, dass die Gewalt in ihrem Ausmaß nicht schwand, sondern sich nur auf andere Formen verlagerte? Der notorische Pessimismus der Chronisten und Journalisten ist leicht zu erklären: Nur schlechte Nachrichten sind (kommerziell) gute Nachrichten. Wer warnt, macht sich verdient. Alarmismus gehört zum Geschäft von Medien und Oppositionsparteien. Der Vorzug der Nah- vor der Fernzeit verzerrt die Perspektive. Was lange zurückliegt, schrumpft auch in seinem Gewicht, so dass zeitlich naheliegende Kleinigkeiten größer scheinen. Wie kann alles schlechter werden, wenn bis 1974 in Vietnam mehrere Millionen Vietnamesen (die Zahlen schwanken zwischen zwei und über fünf Millionen) und 58.000 Amerikaner den Tod fanden und im zweiten Irakkrieg in den Jahren 2003 bis 2011 100.000 irakische Opfer und 5.000 amerikanische zu beklagen waren?

Das Kapitel 6 in Pinkers Buch mit dem Titel „Der Neue Frieden“ untersucht drei Kategorien der Gewalt: Kleinere und Bürgerkriege, Massenmorde und Terroranschläge. Das Ergebnis vorweg: „Alle diese Formen des Tötens sind im Rückgang begriffen.“ (S. 444) Doch die Verringerung hat erst in so junger Vergangenheit eingesetzt, dass die Tendenz noch ungesichert ist. Das Aufflammen des Islamismus durch die IS nach erscheinen des Buches (2011) wurde noch nicht eingearbeitet. Doch wird dieses Phänomen aus meiner Sicht den gesamten Befund nicht verändern. Es ist vermutlich eine temporäre Steigerung im Rahmen einer niedergehenden Tendenz.

Die historische Entwicklung der Kriege in der übrigen Welt

Abbildung 6-1

Amerika, Afrika und Asien waren in den letzten Jahrhunderten Schauplatz vieler Kriege. Von 1400 bis 1938 werden 276 gewalttätige Konflikte in Amerika, 238 in Nordafrika und dem Nahen Osten, 586 im mittleren und südlichen Afrika, 313 in Zentral- und Südasien und 657 in Ost- und Südostasien aufgelistet. (ebd.) Doch stehen keine verlässlichen Daten zur Verfügung, die über Opferzahlen und ihr Verhältnis zu den Bevölkerungszahlen Auskunft erteilen können. Erst seit 1946 werden sehr verlässliche Daten erhoben. Es gibt verschiedene Organisationen, die mit unterschiedlichen Kategorien arbeiten, so dass eine Integration der Daten aus verschiedenen Quellen schwierig ist. Ich spare die methodologische Diskussion aus, um zu den Ergebnissen zu kommen, die Pinker, nach Darlegung seiner Vorgehensweise, darstellt. Abbildung 2-1 zeigt die Quote der im Gefecht staatsbasierter Konflikte Gestorbenen seit 1900. Wir sehen, dass die beiden Weltkriege selbst den Koreakrieg (1950er-Jahre) und den Vietnamkrieg (1960er- bis 1970er-Jahre) haushoch überragen. In dieser Gesamtschau fallen alle Kriege neben den Weltkriegen kaum ins Gewicht und zeigen eine sinkende Tendenz.

Abbildung 6-2

Ein schärferes und differenzierteres Bild zeigt uns Abbildung 6-2 für den Zeitrum 1946 bis 2006. Die 1940er- und die frühen 1950er-Jahre werden vom chinesischen Bürgerkrieg und dem Koreakrieg geprägt. Es folgen die Kolonialkriege in den 1950er-Jahren, die Kriege in Indochina in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren. Die 1980er-Jahre sind durch den Krieg Iran-Irak und die Bürgerkriege (Mozambique, Angola, Simbabwe u.a.) geprägt. Wir sehen deutlich die sinkende Opferquote der im Gefecht gefallenen.

Die Graustufen lassen Rückschlüsse auf die Kategorien zu. Das dunkelste Grau steht für die zwischenstaatlichen Kriege. Wir sehen, dass die Irakkriege die letzten sind, die überhaupt noch erkennbar sind. Bürgerkriege sind die hellen Graus. Auch sie nehmen ab. Die internationalisierten Bürgerkriege mit dem mittleren Grau haben ihre stärkste Ausprägung in den 1980er-Jahren und nehmen ebenso ab. Obwohl um die Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts noch 31 Konflikte tobten (darunter Irak, Afghanistan, Tschad, Sri Lanka und Sudan), erfreute sich diese Phase einer verblüffend geringen Quote von Kriegstoten: ungefähr 0,5 je 100.000 und Jahr, was sogar unter der Mordquote in den friedlichsten Gesellschaften der Welt liegt. In absoluten Zahlen ist die Zahl der Kriegstoten um mehr als 90 Prozent gesunken: von ungefähr einer halben Million pro Jahr Ende der 1940er-Jahre auf rund 30.000 in den Jahren nach 2000. … Global, historisch und quantitativ betrachtet ist der Traum aus den 1960er-Jahren Wirklichkeit geworden: Die Welt hat den Kriegen (nahezu) ein Ende gemacht.“ (S. 451).

Abbildung 6-4

Wir haben uns auf die Zahl der im Gefecht Gestorbenen, d.h. auf die aktiv Kämpfenden konzentriert. Wie steht es mit der Zahl der Konflikte und wie mit der Zahl der gestorbenen Zivilisten? Die Zahl der Kolonialkriege sank Anfang der 1970er-Jahre auf 0. Die Zwischenstaatlichen Kriege verschwanden Ende der 1990er-Jahre. Internationalisierte Bürgerkriege nahmen leicht zu und Bürgerkriege nahmen bis 1990 stark zu (auf 50) und flachten bis 2009 ab (35). Obwohl die Zahl der Bürgerkriege zunahm, wirkte sich das auf die gesamten Opferzahlen nicht entsprechend aus. Abbildung 6-4 zeigt den zeitlichen Verlauf der Tödlichkeit von Kriegen und Bürgerkriegen nach Jahrzehnten gestaffelt. Im Vergleich mit zwischenstaatlichen Kriegen sind die Bürgerkriege trotz ihrer hohen Anzahl bei weitem nicht so opferreich.

Die historischen Ursachen den Neuen Friedens

Der Rückgang der Kriege zwischen Großmächten und solchen, an denen sie beteiligt waren, lässt die Kriege der ärmeren Länder deutlicher hervortreten. Ungefähr die Hälfte aller Konflikte laufen in Staaten ab, in denen das ärmste Sechstel der Weltbevölkerung lebt. In den hochentwickelten Ländern ist die Gefahr eines Bürgerkriegs praktisch gleich Null. In Staaten mit einem Pro-Kopf-BIP von rund 1500 Dollar steigt die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Konflikts auf 3 %, bei 750 Dollar liegt sie bei 6 %, in solchen mit 500 Dollar bei 8 % und bei 250 Dollar im Jahr beträgt sie 15 %. (S. 455) Armut erzeugt (verkürzt gesagt) Bürgerkrieg und dieser Armut. Ein typischer Bürgerkrieg kostet den betroffenen Staat rund 50 Milliarden Dollar. (S. 456) Auch Staaten mit reichen Bodenschätzen leiden unter der Geißel (VR Kongo), während rohstoffarme Staaten wie Hongkong oder Singapur frei davon sind. Vielfach ist der Kampf um die Verfügung über die Rohstoffe eine Bürgerkriegsursache. Wenn sich Bürgerkriege mit den Jahren auch in armen Ländern weniger ereigneten, dann lässt sich das auf den Aufbau von Armee und Polizei durch die Regierung zurückführen, die den wenigen Wohlstand weitaus mehr abschöpfen können, als Guerillakämpfer. Dass sich in den 1960er- und 1970er-Jahren die Zahl der Bürgerkriege erhöhte, ist eine Folge der Entkolonialisierung, die die Länder zunächst ihrer Gewaltapparate beraubte und Machtkämpfe unter den Herrschaftsaspiranten auslöste. Einige der an die Macht gelangten Herrscher raubten ihr Land aus und vernachlässigten gleichzeitig den Aufbau eines Gewaltapparates. In dieser Situation wurden Bürgerkriege wahrscheinlicher, die in einigen Fällen zu stabileren Verhältnissen führten. Während des Kalten Krieges fanden Stellvertreterkriege statt zwischen autoritären Regierungen, die von den USA unterstützt wurden, und linksgerichteten Guerillakämpfern, die vom Ostblock unterstützt wurden. Mit dem Niedergang des Sozialismus nahmen auch diese Bürgerkriege ab. Viele der ärmsten Länder leben in einer sie umgebenden Welt des 21. Jahrhunderts, verharren aber selbst noch im 14. Jahrhundert: Bürgerkrieg, Seuchen, Unwissenheit. Die meisten bewaffneten Konflikte unserer Tage sind keine Feldzüge von staatlichen Streitmächten um Landgewinn, sondern es geht um Plünderungen, Einschüchterungen, Rache und Vergewaltigung durch Banden arbeitsloser junger Männer, die im Dienst von Kriegsherren oder lokalen Politikern stehen, wie die Söldner während des 16. und 17. Jahrhunderts. (S. 463) „Wo Staaten relativ schwach und unberechenbar sind, begünstigen Ängste und Möglichkeiten die Karriere lokaler Möchtegern-Herrscher, die eine grobe Justiz ausüben und die Macht zur Erhebung von ,Steuern‘ beanspruchen.“ (S. 465)

Friedensmission von Blauhelmen in Haiti 2010 verhindert das Ausbrechen von Unruhen. Bild: DGVN

Wir können also zwei Gründe für das Aufflackern und Erlöschen zahlreicher Bürgerkriege ausmachen: die Aufhebung der Kolonien mit anschließend aufbrechenden und sich wieder legenden Machtkämpfen und den Niedergang des Sozialismus. Ein dritter Faktor, der ganz erheblich zur Befriedung von Konfliktsituationen beiträgt, wird generell sehr unterschätzt: die internationalen Friedenstruppen. Im Jahr 1999 dauerte ein Bürgerkrieg im Durchschnitt 15 Jahre. Danach nahm ihre Dauer ab, so dass per Saldo weniger gleichzeitig geführt wurden. Sie wurden nicht mehr bis zur Erschöpfung der Parteien oder der Niederlage einer Partei geführt, sondern endeten in dauerhaften Kompromissen. Diese Welle der Friedensabkommen hängt mit den Friedensmissionen zusammen. Im Vergleich zu 1960 verfünffachte sich ihre Zahl der Blauhelme und die Friedensmissionen verdoppelten sich.

Völkermord

Zwei Irrtümern muss entgegengetreten werden. Erstens: Genozid ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Zweitens: Genozid wird nicht vom Staat schlechthin verursacht.

Der Begriff Völkermord wurde erst im 20. Jahrhundert geprägt. Es ist auch dasjenige, das an Opferzahlen herausragt. Doch „wenn man sich klarmacht, dass die Plünderungen, Zerstörungen und Massaker früherer Jahrhunderte genau das waren, was wir heute Völkermord nennen würden, liegt sofort auf der Hand, dass Völkermord kein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist.“ (S. 495) Die Überlieferungen berichten von vielen Genoziden, so von der Zerstörung von Melos durch die Athener im 5. Jahrhundert v. Chr. Die wehrfähigen Bewohner der Stadt wurden getötet, Frauen und Kinder versklavt. Überliefert sind Genozide im Rahmen der spanischen Eroberung der Neuen Welt von 1492 bis 1600, in Ostasien 1400 bis 1600, in Südostasien in der frühen Neuzeit. Genozide wurden im Rahmen des Siedlerkolonialismus durchgeführt: Während der englischen Eroberung Irlands 1565 bis 1603, Kolonialnordamerikas 1600 bis 1776, in Australien im 19. Jahrhundert, in den Vereinigten Staaten 1830 bis 1910 und in Afrika. Diese Beispiele zeigen, dass auch nichtstaatliche Gemeinschaften wie Kolonisten Genozide verübten.

Judenpogrom

Judenpogrom in einer Darstellung von 1493. Quelle: Wikipedia

Die Auslöschung einer als feindlich angesehenen Gruppe wurde in früheren Zeiten als so selbstverständlich angesehen, dass sie in den religiösen Schriften vieler Religionen als Gottes Wille hingestellt wurden. Jahwe befahl den hebräischen Stämmen Dutzende von Massenmorden. Im Bhagavad Gita tadelt der Hindugott Krishna den sterblichen Arjuna, weil er gezögert hat, eine Gruppe von Feinden abzuschlachten, zu der auch sein Großvater und Lehrer gehörte. Die Auf­hetzung Luthers zum Judenhass aus religiösen Gründen ist bekannt. Vereinzelt protestierten Humanisten und Frühliberale der Neuzeit wie Erasmus von Rotterdam und Hugo Grotius dagegen, Zivilisten im Krieg umzubringen, doch verhallten diese Stimmen lange ungehört. Als US-Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs in Meinungsumfragen gefragt wurden, was man nach einem amerikanischen Sieg mit den Japanern machen solle, entschieden sich 10 bis 15 Prozent für die Ausrottung. (S. 498)

Erst im 20. Jahrhunderts wandelte sich das Werteverständnis. Im Jahr 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Konvention zur Vorbeugung und Bestrafung von Völkermord. Eine nicht geringe Rolle spielte das Erschrecken über die Gräuel der jüngsten Vergangenheit, insbesondere über den Holocaust. Die Erinnerungen der Überlebenden bildeten eine Grundlage für eine Neuorientierung und eines neuen kritischen Geschichtsverständnisses. Weil diese Trauerarbeit in den östlichen Bundesländern durch das SED-Regime verhindert wurde, indem die Schuld am Nationalsozialismus einem fiktiven Kapitalismus angelastet und die Völkermorde der Kommunisten ausgeblendet wurden, findet der Rechtspopulismus heute dort viel mehr Anhänger als im Westen Deutschlands.

Mao Dzedong

Völkermord braucht eine Ideologie. Die Motivlage dafür unterscheidet sich von denen anderer Gewaltakte insofern, weil Menschen getötet werden, nicht weil sie etwas tun, sondern weil sie etwas sind. Sie werden nicht als Individuen, sondern als Mitglieder einer Gruppe betrachtet, die in den Augen der Täter keine moralische Ebenbürtigkeit besitzen. Es sind in der Perspektive der Ideologie minderwertige bösartige Feinde, Ungeziefer, Parasiten. Massenmord ist die Folge einer kollektivistischen Ideologie.

Darum ist es auch falsch, wenn der Anarchismus die Ursache der Völkermorde im Staat als solchem sieht. Gruppen mit einer elitaristischen Ideologie morden schon in der Zeit vor der Erringung der Staatsmacht und erringen diese in der Absicht, ihre Ideologie mittels staatlichem Terror durchzusetzen. Die terroristische Ideologie drängt zum Staat, nicht der Staat drängt zum Genozid. Wie immer hilft Differenzierung bei der Analyse der Tatbestände. In dem Buch Tod durch Regierungen (gemeint ist wohl: Demozid – der befohlene Tod – H.K.) von Rummel, auf den sich Anarchisten und libertäre Staatshasser gerne beziehen, werden Argumente vorgelegt, die dieser Pauschalisierung widersprechen. Zum einen wird Staat hier sehr weit gefasst, indem auch paramilitärische Gruppen und Milizen darunter gefasst werden, also Produkte eines schwachen Staates, der sein Gewaltmonopol nicht wirkungsvoll durchsetzen konnte. Eine Untersuchung der Rohdaten von Rummel ergab, dass für die 24 Pseudo-Regierungen Rummels und die von ihnen verursachten Demozide sich eine mittlere Opferzahl von ungefähr 100.000 errechnet, während der Mittelwert bei anerkannten Regierungen bei 33.000 lag. „Außerdem begehen die meisten Regierungen in jüngerer Zeit überhaupt keinen Völkermord und die Zahl der Todesfälle, die sie durch Förderung von Impfungen, Verbesserung der hygienischen Verhältnisse, Verkehrssicherheit und Polizeiarbeit verhindern, ist weitaus größer als die Zahl der Menschen, die durch Regierungen und ihre Völkermorde umkommen.“ (S. 501) Vor allem muss beanstandet werden, dass die anarchistische Interpretation alle Regierungen in einen Topf wirft. „Um genau zu sein, wurden drei Viertel der Morde, die auf das Konto der 141 Regimes gingen, von nur vier Regierungen verübt; … die Sowjetunion mit 62 Millionen, die Volksrepublik China mit 35 Millionen, Nazideutschland mit 21 Millionen und das nationalistische China von 1928 bis 1949 mit 10 Millionen. Weitere elf Prozent wurden von elf Megamördern getötet, darunter das kaiserliche Japan mit 6 Millionen, Kambodscha mit 2 Millionen und die osmanische Türkei mit 1,9 Millionen.“ (ebd.) 80 Prozent der Todesfälle gehen auf das Konto von vier Prozent der Regime.

Abbildung 6-7

Das liegt eben daran, dass zu einem Völkermord eine Ideologie gehört. Wir müssen die Aufgipfelung der Opferzahlen in Abbildung 6-7 verstehen als Folge einer Ideologisierung der Staatspolitik; wir dürfen sie nicht der Staatsidee als solcher anlasten.

Die Abbildung zeigt auch, dass die Geschichte sich weiter entwickelt hat. Die Ära der Ideologien ist zu Ende. Ideologische Regime halten sich nur noch in Resten des ehemaligen sozialistischen Lagers wie Nordkorea, Eritrea, Venezuela oder Kuba und des Nationalismus/Rassismus wie im Islamofaschismus.

Die Opferzahlen der Gegenwart liegen um Klassen unter denen der Hochzeit der ideologischen Ära. Der Völkermord von Ruanda im Jahre 1994 wird auf 0,8 bis 1 Million Opfer geschätzt. (Kein staatlicher Genozid, sondern von einer Bevölkerungsgruppe an einer anderen verübt.) In Dafur starben nach Schätzungen bis 2007 etwa 200.000, bzw. bis 2008 etwa 300.000 Menschen. Dies sind die zwei besonders herausragenden Ereignisse im Ausklang der Ära der großen Genozide. Beim Massaker von Srebrenica im Jahr 1995 starben 8.000 Menschen. Die Opfer der Boko Haram zwischen 2013 und 2016 wird auf über 2.000 geschätzt. Die Morde der IS liegen laut Spiegel im Bereich von 10.000 im Jahr 2014. Doch nähern wir uns inzwischen dem dritten Phänomen, dem Terrorismus.

Terrorismus

Abbildung 6-7

Ruine der Burg Alamut in Persien, dem ehemaligen Hauptsitz der Assassinen, die zwischen dem Ende des 11. Jahrhunderts und der Mitte des 13. Jahrhunderts in Persien und in Syrien aktiv war und durch ihre Mordattentate auf politische Gegner Angst und Schrecken verbreitete. Bild: Wikipedia

Das Verhältnis von Angst zu Schaden ist beim Terrorismus absurd. Seit 1968 starben weniger als 400 Tode pro Jahr durch den internationalen Terrorismus; seit 1998 etwa 2500 pro Jahr durch Terrorismus im eigenen Land weltweit. Wir bewegen uns um zwei Zehnerpotenzen unter den anderen beiden Bereichen dieses Kapitels. Selbst das größte Einzelereignis in den USA, die 3000 Tode vom 11. September 2001, würden in einer Grafik der Kriege und Genozide nicht darstellbar sein, wo es um Millionen Opfer geht. „Vom 11. September abgesehen, lag die Zahl der Menschen, die auf amerikanischem Boden von Terroristen getötet wurden, [während der Zeit des Terrorismus seit 1970] bei 340.“ (S. 512) 165 Menschen starben beim Anschlag in Oklahoma City, ein Amoklauf an der Columbine Highschool forderte 17 Todesopfer. Verglichen mit anderen Todesursachen sind das sehr niedrige Zahlen. Bei Verkehrsunfällen sterben jedes Jahr 40.000 Menschen in den USA, 20.000 durch Stürze, 18.000 durch Mord, 3.000 durch Ertrinken, 3.000 durch Brände, 24.000 durch unabsichtliche Vergiftung, 2.500 durch Komplikationen bei chirurgischen Eingriffen usw. Die Zahlen lassen sich analog auf Europa übertragen. In Deutschland starb kein Mensch durch islamofaschistischen Terrorismus.

„Wer glaubt, Terrorismus sei ein Phänomen des neuen Jahrtausends, der hat ein kurzes Gedächtnis. Die romantisch-politische Gewalt der 1960er- und 1970er-Jahre führte zu Hunderten von Bombenanschlägen, Flugzeugentführungen und Schießereien durch verschiedene Armeen, Ligen, Koalitionen, Brigaden, Fraktionen und Fronten.“ (S. 517) In Europa gab es zur gleichen Zeit die Irisch-Republikanische Armee und die Ulster-Freiheitskämpfer in Großbritannien, die Roten Brigaden in Italien, die Baader-Meinhof-Bande in Deutschland und die ETA in Spanien. Japan hatte die Japanische Rote Armee, Kanada die Front de Libération du Quebec. Alle diese Phänomene haben sich in Luft aufgelöst. Die meisten Terroristengruppen scheitern, und alle sterben aus. (ebd.) Dies liegt an den langen Vorbereitungszeiten in Verbindung mit der instabilen Gruppendynamik.

„Israel existiert immer noch, Nordirland ist noch immer Teil des Vereinigten Königreichs, und Kaschmir ein Teil Indiens. Kurdistan, Palästina, Quebec, Puerto Rico, Tschetschenien, Korsika, Tamil Eelam und das Baskenland sind keine souveräne Staaten. Die Philippinen, Algerien, Ägypten und Usbekistan sind keine islamistischen Gottesstaaten; und weder Japan noch die Vereinigten Staaten, Europa oder Lateinamerika sind zu einem religiösen, marxistischen oder esoterischen Utopia geworden.“ (S. 517f)

Der Terrorismus ist die Babyform ideologischer Staaten. Nur sehr wenigen Gruppen gelang es, die Staatsmacht zu ergreifen. Wenn wir untersuchen, wo und wann dies geschah, so beobachten wir durch Krieg zerrüttete Länder, deren Gewaltmonopol geschwächt war: Russland und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, China nach dem Zweiten Weltkrieg. So lange es nicht gelingt, dass kollektivistische Ideologien von den Massen übernommen werden, haben solche terroristischen Gruppierungen keinerlei Chance, die Macht zu erringen. Das Gegenmittel ist Demokratie, Pluralismus, Humanismus, Recht und Freiheit.

Abbildung 6-10 zeigt die Todesrate (pro 100.000 Menschen) durch Terrorismus in Westeuropa. Sie liegt im Bereich 0 bis 0,12, also um eine Zehnerpotenz unter der der gewöhnlichen Morde. Deutlich ist die Abnahme der Opfer nach dem Untergang der anarchistischen und separatistisch-nationalistischen Gruppen in den 1990er-Jahren. Im 21. Jahrhundert ereignen sich islamofaschistische Anschläge, deren erste beiden noch abgebildet sind. Es sind die Bombadierung des Pendlerzuges in Madrid und der Londoner U-Bahn. Die Opferzahlen der letztjährigen Anschläge in Paris bewegen sich in dieser Größenordnung. Dazwischen liegen aber etwa zehn Jahre. Auch der Islamofaschismus wird sich selbst auflösen. Er dürfte seinen Zenit schon heute überschritten haben.

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt, 2011.


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