8. März 2016

Krieg und Frieden im Zivilisierungsprozess

Streifzüge durch Steven Pinkers „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Teil 4 von Helmut Krebs

Die Schwierigkeiten einer Datenerhebung

In Teil 1 meiner Reihe verwies ich auf einige gigantische Gemetzel, die in relativen Zahlen die Tragödie der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst noch übertrafen. Das Gedächtnis der Geschichtsschreibung ist kurz. Die Zahl der überlieferten Geschehnisse nimmt ab, je weiter zurück sie liegen. Dies verhindert eine vollständige und objektive Datenerhebung zu unserer Frage. Insbesondere kleinere Kriege werden vergessen. Das wirkliche Ausmaß lässt sich nur bis zu einer Tiefe rekonstruieren, die einige Jahrhunderte zurückreicht. Stichproben ergaben, dass die Kriege in vorstaatlichen Gesellschaften mörderischer waren. (Vgl. Teil 1, Abbildung 2-2)

Es ist weiterhin schwierig, Großkriege, die ja überliefert werden, einem Muster zuzuordnen, denn je größer das Ausmaß, desto seltener ereignen sich die Gemetzel. Aus rein statistischer Analyse erscheint ihr Auf­tre­ten zufällig. Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Abgrenzung von Kriegsopfern und kriegsbedingten Opfern, von Kriegen, die formal zwischen Staaten erklärt werden und Bürgerkriegen oder Massaker von Regierungen am eigenen Volk. Die Grenzen sind fließend, wie uns die ersten Jahrzehnte der UdSSR zeigen.

Andererseits ist die Erforschung dieses Gebietes intensiv. Einigermaßen belastbare Tatsachen lassen sich für die Neuzeit feststellen. In einer Studie (Richardson, 1960) wurde festgestellt, dass die Zahl der Kriege zwischen 1820 und 1953 abgenommen hat, diese aber tödlicher wurden. (S. 320) Die Kriege wurden nach der Zahl der Opfer in unterschiedliche Gruppen unterteilt. Es fanden sich erwartungsgemäß viele kleine und wenige große Ereignisse. Überraschend jedoch war, dass sich diese Beziehung in einer sehr genauen geometrischen Funktion ausdrücken lässt, die an die Darstellungen naturwissenschaftlicher Daten erinnert. Daraus lässt sich eine Kriegswahrscheinlichkeit errechnen. Selbstverständlich sind die Kriege am unwahrscheinlichsten, deren vermutliche Opferzahlen am höchsten sein würden. Nimmt man nun die beiden Erkenntnisse der Studie zusammen, nach der die Zahl der Kriege tendenziell abnimmt und ihre Opferzahlen tendenziell zunehmen, so ergibt sich daraus, dass Kriege immer unwahrscheinlicher werden.

Einige Tendenzen der Neuzeit

Abbildung 5-13

Doch unterhalb der Schwelle der Großkriege ereigneten sich viele kleinere, an denen Großmächte beteiligt waren. Die Datenbefunde sind hoffnungsvoll. Betrug in den Jahren zwischen 1500 und 1700 der Prozentsatz der Jahre, in denen Großmächte einander bekriegten, noch 75 bis 100 %, so sank dieser Wert im 18. Jahrhundert auf 0 bis 25 % und liegt heute bei 0 %. Die Anzahl der Kriege, in die Großmächte verwickelt sind, sank in derselben Zeit von 9 auf 4 gleichzeitige. (Abbildung 5-13) Ich interpretiere dies als Ausdruck des Übergangs von zersplitterten Feudalgesellschaften zu Nationalstaaten, die einige Zeit zur Festlegung dauerhafter Grenzen kämpften, bis sich solche als haltbar erwiesen und einstweilen nicht länger verändert werden sollten – bis zur Französischen Revolution. Der hohe Zacken in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lässt sich auf die Kriege Ludwig XIV. zurückführen. Die Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert spiegeln die Exzesse Napoleons und der Weltkriege wider. Die Überwindung dieser Phase der Unruhe mündet in einen Lange Frieden ein.

Die Dauer der Kriege, in die Großmächte verwickelt waren, zeigt ein ähnliches Bild: Sie erreicht in der Zeit der Glaubenskriege ihren Höhepunkt bei durchschnittlich 8 bis 10 Jahren und sinkt in der Aufklärungszeit auf 1 bis 2 Jahre.

Abbildung 5-18

Allerdings stieg die Zahl der Todesfälle pro Krieg kontinuierlich über die Jahrhunderte in geometrischer Reihe an. (Abbildung 5-18) Im Großraum Europa ragen im Hinblick auf die Todesraten die Glaubenskriege des 17. Jahrhun­derts, die napoleonischen und die beiden jüngsten Weltkriege heraus. Sie haben sich auch tief in das Bewusstsein eingegraben und führten zu ideologischen Paradigmenwechseln, nämlich zur Aufklärung, zum Nationalismus und zu dem heute wirksamen Leitbild des Langen Friedens, von dem noch zu sprechen sein wird. Doch auch die kleineren Kriege weisen steigende Opferzahlen auf. Fasst man die Befunde zusammen, so ergibt sich das Bild, dass die Groß- und Supermächte angesichts der unfassbaren Gefahr eines Dritten Weltkriegs den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln für undurchführbar halten, während kleinere Kriege von kleineren Staaten eher seltener und kürzer werden.

Nun ist der Lange Frieden ein zeitgeschichtliches Ereignis. Er umfasst eine Spanne von sieben Jahrzehnten, was sehr lange für eine Friedenszeit, doch zu kurz, um daraus eine historische Tendenz abzuleiten, die wie die Befriedung der Gesellschaft, die Jahrhunderte zu überstehen wird. Wir müssen also die ihm zugrunde liegenden Wirkungsfaktoren analysieren, wenn wir begreifen wollen, auf welch sicheren Füßen er steht.

Ideologiegeschichtliche Abläufe

John Stuart Mill (1806-1873), ein Vertreter des sanften Handelns, das seit 1945 zur Leitidee aufsteigen konnte. Bild: Wikipedia

Eine andere mehr ideologiegeschichtliche Studie (Luard, 1986) teilt die Geschichte in Phasen ein: von 1400 bis 1559: Zeitalter der Dynastien, darauf folgt das Zeitalter der Religionen, auf die das Zeitalter der Souveränität folgt (der Epoche der Aufklärung und des Liberalismus), die in das Zeitalter des Nationalismus (19. Jahrhundert) mündet, das von einem Zeitalter der Ideologien abgelöst wird (20. Jahrhundert), das mit dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989 endet.

Der Nationalismus brachte den Kolonialismus und die Unabhängigkeitskriege hervor, löste den Vielvölkerstaat der Habsburger auf und führte zu Nationalstaaten in Mittel-, Südost- und Osteuropa, die sich nach 1989 wieder rekonstruierten. Mit ihm trat der Konservatismus und ein romantischer Nationalismus auf die politische Bühne, der sich vor allem gegen den aufgeklärten Liberalismus wandte. Der romantische Nationalismus war die Mutter der messianischen, militanten Strömungen des Elitarismus, d.h. des Nationalsozialismus und Faschismus einerseits und des Bolschewismus andererseits, die im 20. Jahrhundert ihre Blutspur hinterließen. (Vgl. mein Buch „Sklerose“, das sich eingehend mit diesen Prozessen befasst.) Der Liberalismus schloss sich im 19. Jahrhundert dem Nationalismus an und wurde von ihm absorbiert.

Im Zeitalter der Ideologie standen sich Humanismus und Totalitarismus antagonistisch gegenüber. Letztlich siegte der Humanismus, doch dieser speiste sich nicht mehr aus dem klassischen Liberalismus und der Aufklärung, sondern hatte wegen der Nähe des Liberalismus zum Nationalismus im 19. Jahrhundert eine antiliberale und zugleich prononciert antimilitaristische und pazifistische Tendenz. Einige seiner Protagonisten haben sogar eine gewisse Affinität zu linken Strömungen. Als Vertreter des sanften Handelns nennt Luard John Bright und Richard Cobden (Manchesterliberale), John Stuart Mill, Leo Tolstoi, Victor Hugo, Mark Twain, George Bernard Shaw, Bertrand Russel, die Industriellen Andrew Carnegie und Alfred Nobel. Gegen diese Namensliste ließe sich sicher viel einwenden, doch halte ich die Gliederung der Geschichte nach den Leitideen für gelungen. Sie lässt uns auch die Gegenwart besser verstehen, die Zeit des Langen Friedens, der Entkolonialisierung, der Globalisierung, in der die Menschheit sich mehr und mehr als Einheit versteht.

Der Lange Frieden

Kennedy und Chruschtschow in Wien 1961

Kennedy und Chruschtschow sprechen miteinander, um einen Atomkrieg zu verhindern. Wien, 1961. Quelle: Wikipedia

Nachdem der Zweite Weltkrieg in Europa und Asien beendet war, wurden niemals mehr Atomwaffen eingesetzt. Dies erscheint uns heute wie eine Selbstverständlichkeit, doch die Zeitzeugen beurteilten die Lage vor 70, 60 und 50 Jahren kritisch. Man glaubte, dass der Atomkrieg unmittelbar bevor stand. Heute, schreibt Pinker sarkastisch, beinhaltet der Weltuntergang „Schäden am Ökosystem, Überschwemmungen, zerstörerische Unwetter, zunehmende Dürre und das Abschmelzen des Polareises“. (S. 377)

Die beiden Supermächte USA und UdSSR standen sich niemals auf dem Schlachtfeld gegenüber. Sie kämpften auch nicht in Drittländern direkt gegeneinander. Die Staaten Westeuropas führten seit 1945 keine Kriege gegeneinander. Mit Ausnahme der Invasionen der UdSSR in sog. Satellitenstaaten wurden von den 44 Staaten mit dem höchsten Prokopfeinkommen untereinander keine Kriege geführt. Diese 44 Länder vergrößerten ihr Territorium seither (bis zum Erscheinen des Buches 2011) nicht. (Darum ist Putins Politik besonders anstößig.) Seit 1945 ist kein international anerkannter Staat von der Landkarte verschwunden (wenn wir von Südvietnam absehen).

Die psychologischen Kriegsfaktoren – Vorherrschaft, Rache, Gefühllosigkeit, Stammes- und Gruppendenken, Selbsttäuschung – sind zwar seit Ende der 1940er-Jahre nicht verschwunden, sie haben sich aber in Europa und in anderen Industrieländern so weit aufgelöst, dass Kriege immer seltener wurden. Eine derart lange Zeit des Friedens ist noch nie beobachtet worden. (S. 382) Der Glaube an die Stabilität des Friedens hatte Konsequenzen. Der Dauer des Militärdienstes in den 48 größten Nationen sank zwischen 1970 und 2010 von 17 auf 7 Monate. Die Truppenstärke in den Vereinigten Staaten schrumpfte zwischen 1950 und 2000 von 15 pro 1000 Einwohnern auf 5, in Europa im gleichen Zeitraum von 10 auf 5. Ähnliche Zahlen gelten auch für andere Länder.

Neben der Unmöglichkeit, einen Atomkrieg zu führen, und des ins Unermessliche gewachsenen Risikos der Selbstvernichtung wirkten ideelle Faktoren zugunsten des Langen Friedens. Im Jahre 1948 wurden die Menschenrechte durch 48 Staaten erklärt. Es heißt in: „Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. … Artikel 3: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“

Ein paradoxer Beitrag zum Langen Frieden war das Einfrieren der Staatsgrenzen. Die Vereinten Nationen setzen eine Norm in Kraft, wonach die vorhandenen Staaten und ihre Grenzen unverletzlich sind. Damit wurde jeder Versuch, sie mit Gewalt zu ändern, als „Aggression“ gebrandmarkt. (S. 387ff) Der Prozentsatz an Territorialkriegen sank seit 1950 von 90 % auf 0 %.

John Lennon und Yoko Ono mit einem Friedensplakat

John Lennon und Yoko Ono (Exponenten des sanften Handelns) mit einem Protest-Plakat gegen den Viet­namkrieg. Bild: Bild: BR/Telepool/Frank Barratt

Eines der treibenden psychologischen Motive für Kriege ist die „Ehre“. Die Vereinbarung zwischen Kennedy und Chruschtschow von 1961, mit der ein Atomkrieg von Kuba aus verhindert wurde, war gleichbedeutend mit der Aufgabe des Ideals der Ehre. Lieber Frieden als ein Krieg aus diesem Motiv, so drückte sich Chruschtschow explizit aus. (S. 392) Es konnte von der Verbalaggression zur Deeskalation übergangen werden, was schließlich zu den Abrüstungsverträgen zwischen Reagan und Gorbatschow führte und indirekt zum Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums beitrug.

Eine andere historische Umwälzung in der Wertelandschaft des 20. Jahrhunderts war der Widerstand der Bevölkerung der demokratischen Staaten gegen die Kriegspläne der Politiker. (S. 395) Die Friedensbewegung war erfolgreich beim Einsatz ihrer Waffen des politischen Liedes, des Lächerlichmachens des Militarismus und der friedlichen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in den Vereinigten Staaten und in Europa. Im Laufe der Jahre stellten immer weitere Staaten ihre Atomwaffen-Programme ein: Die Schweiz, Brasilien, Jugoslawien, Schweden, Ägypten, Australien, Italien, Westdeutschland, Südkorea, Taiwan, Südafrika, Schweden, Libyen, der Iran, Algerien, Rumänien, der Irak und Algerien hatten einst mit der Entwicklung von Atomwaffen begonnen und gaben sie wieder auf. Giftgas wurde schon 1925 geächtet und im Zweiten Weltkrieg nicht eingesetzt (außer in den Vernichtungslagern der Nazis).

Der Gründe des Langen Friedens

Gibt es klar bestimmbare Gründe für das Phänomen des Langen Friedens? Gibt es eine Theorie, aus der wir Perspektiven ableiten können? Ist die Idee des Langen oder Ewigen Friedens eine dauerhafte Kraft oder eine Modewelle?

Demokratie

Immanuel Kant nannte in seinem Werk über den Ewigen Frieden drei Umstände, die für die politisch Verantwortlichen den Anreiz zur Kriegsführung vermindern sollten, ohne dass diese deshalb freundlicher oder demütiger werden müssten. Die erste ist Demokratie. Herrscher, die Kriege verlieren, riskieren damit auch, abgewählt zu werden. Die Tatsachen unterstützen diese Theorie des Demokratischen Friedens. Die demokratische Tradition ist in Europa allgemein noch gar nicht sehr tief. In Deutschland und Österreich konnte sich die Demokratie erst nach dem Zweiten Weltkrieg stabilisieren. Portugal und Griechenland überwanden die autoritäre Diktatur 1974, Spanien 1975. Die osteuropäischen Länder demokratisierten sich nach 1989. Im Jahr 1950 zählte man etwa 20 demokratische Länder weltweit, 2010 war die Zahl auf über 90 angewachsen. Die Zahl der Autokratien wuchs nach 1950 rasch bis Mitte der 1970er-Jahre auf die Zahl 90, eine Folge des Entkolonialisierungsprozesses. Doch seither sinkt sie bis auf 20 ab, was sich aus der nachlassenden Attraktivität marxistischer Utopien zum Beispiel in Lateinamerika erklären lässt. (S. 418) Es bildeten sich aber Zwischenformen heraus, sogenannte Anokratien, zu denen etwa 40 Staaten gerechnet werden. Doch sind auch diese eher rückläufig. Die Demokratie setzt sich durch.

Urkunde des Grundgesetzes Faksimile

Urkunde des Grundgesetzes

„Demokratie ist nicht etwas, das nur von außen in eine Gesellschaft kommen kann; ebenso ist sie auch keine Liste von Verfahrensweisen für Regierungen, aus der alles Gute ganz von selbst folgt. Demokratie ist in ein Geflecht von zivilisierten Einstellungen verwoben, zu dem vor allem auch der Verzicht auf politische Gewalt gehört.“ (S. 425) Pinker weist auf die Bedeutung der weichen Faktoren im geschichtlichen Prozess hin. Die harten Faktoren (Sondereigentum, Rechtsordnung, Gewaltmonopol usw.) brauchen einen Unterbau an Konventionen und moralischen Werten, damit sich Gesellschaften friedlich entwickeln. Wir haben am Beispiel der Opiumkriege gesehen, dass sich der Freihandel durchaus kriegerisch gebärden und mit einer Kolonialpolitik zusammenwirken kann (vgl. Teil 1 dieser Reihe). Deutschland machte im 19. Jahrhundert große Fortschritte bei der Befreiung der Marktwirtschaft aus den überkommenen Fesseln des Mittelalters und des Merkantilismus. Gleichzeitig war es eine militaristische Gesellschaft. Militär und Beamtenschaft bildeten einen Staat im Staate, indem sie faktisch außerhalb der Rechtsordnung standen. Die wirtschaftliche Liberalität und der preußische Militarismus gingen Hand in Hand. Der politische Liberalismus verband sich mit dem Nationalismus und dieser bereitete den Ersten Weltkrieg vor, indem nicht nur der nationalistische Liberalismus unterging. Auf die Befreiung der Produktivkräfte muss eine Phase der Humanisierung folgen, um die Gewalt zu verdrängen. Demokratisierung und Humanisierung sind zwei Prozesse, die aufeinander bezogen sind. Friedfertigkeit nach außen geht einher mit einer Demilitarisierung der Gesellschaft, mit dem Erstarken pazifistischen Denkens.

Liberalismus

„Die Theorie des Liberalen Friedens umfasst die Doktrin des sanften Handelns: Dabei ist Handel eine Form des gegenseitigen Altruismus, die beiden Seiten den Nutzen eines Positivsummenspiels zugute kommen lässt und jedem ein egoistisches Interesse am Wohlergehen des anderen verschafft.“ (S. 426) „Staaten, die sich aus dem Spiel der Großmächte zurückzogen, wie die Niederlande im 18. Jahrhundert sowie Deutschland und Japan in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richten ihre nationalen Bestrebungen in vielen Fällen darauf, zu Wirtschaftsmächten zu werden.“ (S. 427) Die Globalisierung, d.h. die Intensivierung der weltweiten Arbeitsteilung und die Zunahme des Welthandels schaffen gemeinsame Interessenlagen. Wenn wir Verbrauchsgüter aus China konsumieren, haben wir Hemmungen, gegen China Krieg zu führen. Er würde negativ auf uns zurückwirken.

Widerspricht die Theorie des Liberalen Friedens nicht der des Demokratischen Friedens? Der Welthandel hat sich schon seit dem 16. Jahrhundert entwickelt. Im 19. Jahrhundert fanden viele Kriege statt, man denke nur an die napoleonische Zeit, in der innenpolitisch Laissez-faire und der Code Civile galten, aber eine imperialistische Außenpolitik verfolgt wurde. Der Welthandel wurde durch den wirtschaftlichen Nationalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder zurückgedrängt.

Abbildung 5-24

Doch unter Globalisierung verstehen wir eine Intensivierung des Welthandels in einer neuen Dimension. Abbildung 5-24 veranschaulicht einprägsam den explodierenden Welthandel seit den 1970er-Jahren. In dieser Epoche fielen auch die autoritären und die kommunistischen Regimes, wurde der Maoismus zurückgedrängt. Der Vietnamkrieg wurde 1974 beendet. „Der internationale Handel ist nur eine Facette in den wirtschaftliche Einstellungen eines Landes zum Handel. Andere sind die Offenheit für Investitionen aus dem Ausland, die Freiheit der Bürger, durchsetzbare Verträge zu schließen, und die Abhängigkeit vom freiwilligen finanziellen Austausch im Gegensatz zu Selbstversorgung, Tauschhandel [gemeint ist Naturalwirtschaft] oder Erpressung. Die friedensstiftende Wirkung des Handels in diesem weitgefassten Sinn ist offenbar noch stabiler als die der Demokratie. Ein Demokratischer Frieden setzt nur dann nachdrücklich ein, wenn beide Seiten eines Paares demokratisch sind; die Effekte des Handels dagegen lassen sich auch dann nachweisen, wenn nur einer der beiden eine Marktwirtschaft besitzt.“ (S. 430)

In einer Ära, in der Großbritannien und die Niederlande die einzigen kapitalistischen Länder waren, verfolgten sie eine aggressive militaristische Außenpolitik, schufen Kolonialreiche und führten zahlreiche Kriege auch unter liberalen Regierungen. Doch in einer Welt, in der sich die wirtschaftliche Freiheit sprunghaft ausbreitet, wirkt sie befriedend auf die Länder zurück, auch wenn nicht alle Marktteilnehmer Demokratien sind. Diese Entwicklung führt zu einem neuen Verständnis für Weltbürgertum. Sie erfordert auch eine neue Qualität internationaler Integration und damit die völlige Überwindung des Nationalismus.

Internationale Organisation (Integration)

EU-Flagge

„In seinem Aufsatz Zum ewigen Frieden malte sich Kant einen Föderalism freier Staaten aus, der bei weitem kein internationaler Leviathan wäre. Es werde sich dabei nicht um eine weltweite Über-Regierung handeln, sondern um einen allmählich wachsenden Club liberaler Republiken, der sich nicht auf ein Gewaltmonopol stützt, sondern auf die sanfte Macht der moralischen Legitimierung. Die moderne Entsprechung dazu ist die internationale Organisation – eine bürokratische Institution mit eingeschränkten Aufgabe, die Politik der beteiligten Staaten in einem Bereich, in dem sie gemeinsame Interessen haben, zu koordinieren.“ (S. 433)

Pinker sieht eine solch Internationale Organisation am ehesten in der europäischen Montanunion verwirklicht, dem Vorläufer der heutigen EU, weniger in der UNO. Der europäische Einigungsprozess trug dazu bei, den Krieg aus dem kollektiven Bewusstsein Westeuropas zu verdrängen. Durch die Zusammenführung von immer mehr Staaten in internationalen Organisationen erhält die Diplomatie gegenüber dem Militarismus die Oberhand. Durch statistische Verfahren konnte errechnet werden, dass sich die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Konflikte zwischen Staatenpaaren, die in denselben internationalen Organisationen tätig sind, in jedem einzelnen Jahr um 83 % verringert. (S. 434) Diese Teilnahme hat sich seit 1880 stetig vergrößert.

Fazit

Die drei Gründe für einen ewigen Frieden, die Kant annahm, nämlich Demokratie, Liberalismus und internationale Organisation, haben sich durch die historischen Befunde erhärtet. Sie wirken gemeinsam und bedingen sich gegenseitig. „Staaten werden nur dann zu stabilen Demokratien, wenn ihre politischen Gruppierungen es leid sind, den Mord als Mittel zum Machterwerb zu benutzen. Handel betreiben sie nur dann, wenn sie dem wechselseitigen Wohlstand einen größeren Wert beimessen als dem einseitigen Ruhm. Und internationalen Organisationen treten sie nur dann bei, wenn sie bereit sind, ein wenig von ihrer Souveränität als Gegenleitung für gegenseitigen Nutzen abzugeben.“ (S. 435f)

Dieser Befund fordert die Gesellschaftstheorie des Liberalismus dazu heraus, dessen Ziele zu präzisieren. Eine liberale Welt, in der die Gewalt in Staat und Gesellschaft zurückgedrängt werden soll, muss sie auch aus den zwischenstaatlichen Beziehungen zurückdrängen. Sie muss im Innern rechtsstaatlich und die Gewalt monopolisierend sein, demokratisch verfasst und von einem breiten Konsens der Legitimität des Staates und von der Anerkennung zivilisierten Umgangsformen durchdrungen sein. D.h. zum Beispiel, dass Rassismus und andere Spielarten der Diskriminierung verpönt sind und dass Konflikte grundsätzlich friedlich ausgetragen werden. Statt der Niederringung der Opponenten muss es das Ziel sein, Positivsummenspiele zu etablieren. Im Gegenüber nicht den Feind, sondern den Partner zu sehen, ermöglicht es auch, sich international zu organisieren und damit den Frieden zu sichern. Intensiver Welthandel, Integration in internationale Organisationen unter Aufgabe von Teilen der nationalen Souveränität begleiten die innere Humanisierung und umgekehrt. Mit Staaten, die nach innen klassenkämpferisch und nicht inklusiv verfasst sind, lässt sich auch keine internationale Integration erreichen. Die Erweiterung der EU nach Osten und Südosten gibt uns dafür Anschauungsmaterial. Inklusion im Rahmen internationaler Organisation bedeutet auch Inklusion von weniger entwickelten in die Gemeinschaft der entwickelteren. Das Pochen auf Eigentumsrechte wirkt hier kontraproduktiv.

Auf diesem Hintergrund wird deutlich, aus welcher Richtung die Hauptgefahr für den Langen Frieden droht. Der alte Autoritarismus und Nationalismus formiert sich zu einer populistischen Strömung quer durch die europäischen Länder und die Vereinigten Staaten. Er bringt erneut militaristisches und rassistisches Gedankengut in Umlauf. Er bedient sich eines sozialdarwinistisch gedeuteten Freiheits- und Eigentumsbegriff und wiegelt die Massen durch Angstszenarien auf. Putin und das populistische Europa zerstören das Vertrauen in die Legitimität und die Rechtschaffenheit der demokratischen Institutionen und Führungspolitiker. Ziel ihrer Destruktion ist genau das, was wir als den Liberalismus unserer Tage, als die Politik des sanften Handelns, umrissen haben.

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt, 2011.


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