7. März 2016

Gewalt in den Vereinigten Staaten von Amerika

Streifzüge durch Steven Pinkers „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Teil 3 von Helmut Krebs

Die gewalttätigen USA

Die Vereinigten Staaten befinden sich was die Mordrate betrifft nicht in einer Gruppe mit ähnlichen Staaten wie Deutschland oder Großbritannien, sondern liegen im Bereich von Uruguay oder Albanien. Die Mordquote sank niemals auf europäisches Niveau. Sie zeigt auch keinen Gesamtrückgang im 20. Jahrhundert.

Abbildung 3-10

Abbildung 3-10 zeigt die Mordquote von 1900 bis 2000. Sie steigt in den ersten drei Jahrzehnten von 6 auf 9, sinkt in den 1930er- bis 1950er-Jahren stark (bis 4,5), steigt in den 1960er-Jahren auf sehr hohe 10 und sinkt erst wieder in den 1990er-Jahren auf 6. (Die Zahlen entnehme ich der Grafik.)

In dieser Zeit bewegt sich die Quote der Mordopfer in England unter 1, allerdings erhöht sie sich in den letzten drei Jahrzehnten wieder ein wenig. Diese Anomalität kann auf die wilden Zeiten der Jugendrebellion zurückgeführt werden, die in den USA etwas früher einsetzten und auch früher abebbten als in Europa. Im 21. Jahrhundert senkte sie sich auch in England wieder.

Der Unterschied zwischen den USA und England hat das Ausmaß eines epochalen Hinterherhinkens des Befriedgungsprozesses, wobei sich bis heute kein Durchbruch zu wirklich gewaltfreien Verhältnissen abzeichnet. Dieser Tatbestand erfordert eine besondere Erklärung.

Die dreigeteilte Nation

Abbildung 3-11

Die Abbildung 3-11 unterscheidet die Mordquoten nach den einzelnen Bundesstaaten. Wir erkennen die gewaltarmen Nord- und Nordoststaaten, einen mittleren Bereich, der sich in etwa mit dem Prairiegürtel deckt und einen südlichen mit einer hohen Gewaltquote. Maine, New Hampshire, Minnesota, Montana u.a. liegen mit 0 bis 3 Opfern pro 100.000 im Bereich der entwickelten europäischen Nationen. Ohio, Kentucky, Kansas und Colorado weisen Quoten bis 5 auf, was etwa dem heutigen Rumänien entspricht. Arizona (7,4) und Alabama (8,9) schneiden schlechter ab als Uruguay (5,3) und Jordanien (6,9). Lousiana liegt mit 14,2 in der Nähe von Papua-Neuguinea (15,2). Das traurige Schlusslicht bildet der Distrikt von Columbia (Washington D. C.) mit 30,8, ein Wert, der in etwa Russland heute oder Deutschland im 15. Jahrhundert entspricht.

Neben den regionalen Unterschieden sind soziologische nachweisbar. In den Bundesstaaten mit hohen Mordquoten ist der Farbigenanteil überdurchschnittlich. Die Durchschnittsquote an Mordopfern liegt bei weißen US-Amerikanern bei 4,8, bei Farbigen bei 36,9. (S. 152f) In Staaten mit einem hohen Farbigenanteil begehen sowohl Weiße als auch Farbige mehr Gewalttaten. Demnach ist die Gruppe der Menschen im Norden der Vereinigten Staaten und die Gruppe der weißen US-Bürger allein gewalttätiger als die Bewohner Westeuropas (1,4).

Historische Gründe

Waffenshop in den USA. Bild: usatipps.de

Die historischen Gründe sind mehrschichtig. Der staatsgetriebene Zivilisationsprozess fand in den USA in den verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten statt und führte zu einem unterschiedlichen Grad der Durchsetzung des Gewaltmonopols. Dieses ist in weiten Bereichen der USA noch nicht konsequent durchgesetzt. Immer wieder kam es zu Einwanderungswellen, die die erreichten Erfolge zurückgesetzt haben. Die verschiedenen Gebiete befinden sich in unterschiedlichen Reifezuständen. Neue Staaten sind Grenzstaaten. Sie grenzten an die Lebensräume der Indianer und bildeten erst allmählich eine funktionierende Bürokratie aus. Dies gilt für alle Bundesstaaten. In Neu-England betrug die Mordquote im 17. Jahrhundert zeitweise 1000. Sie sank bis zum Jahr 1800 auf ungefähr 1. Doch im 19. Jahrhundert stieg sie aufgrund von Einwanderungswellen zeitweilig immer wieder an.

Die 48 zusammenhängenden Bundesstaaten schlossen sich erst 1912 vollständig zusammen. Die Einwanderungsgruppen verschmolzen nicht sogleich mit der einheimischen Bevölkerung. „Die zivilisierende Mission der Regierung hat den amerikanischen Süden nie so tief durchdrungen wie den Nordosten, von Europa ganz zu schweigen.“ (S. 158) Die Demokratie kam zu früh nach Amerika. Während in Europa der Staat zuerst das Gewaltmonopol durchsetzte und die Bürger hernach den Staatsapparat übernahmen, haben in Amerika die Menschen den Staat übernommen, bevor sie dazu gezwungen wurden, die Waffen niederzulegen. Die Phase einer absolutistischen Staatsmacht wurde quasi übersprungen.

Südstaaten wie Texas wurden überwiegend von Iren und Schotten besiedelt, den späteren Einwanderungswellen. Diese waren ursprünglich Viehzüchter und wurden dies wiederum. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass gerade unter Viehzüchtern die Akzeptanz eines Gewaltmonopols schwieriger durchzusetzen ist. Es hat etwas mit der Weitläufigkeit der einsamen Weiden und mit einem Ehrkodex zu tun, der in solchen Gemeinschaften besonders stark ausgebildet ist. Südstaatler befürworten Gewalt mehr als Nordstaatler, doch nicht bei Morden, die im Rahmen von Raubüberfällen verübt werden, sondern bei Konflikten, die sich aus dem Schutz von Haus und Familie ergeben. (S. 159)

Der 2. Zusatzartikel zur Verfassung, der im Jahr 1791 auf die Kolonisten bezogen waren, die sich der englische Besatzungsarmee widersetzten, wurde zu einem Tabu. Doch die erste Verfassung sah auch Sklaverei vor. Tabus können überwunden werden, wenn es einen breiten Konsens dafür gibt. Dieser bildet sich in einer derart gespaltenen Nation nicht heraus und die Sklaverei wurde erst nach einem Bürgerkrieg unter dem Druck der siegreichen Nordstaaten abgeschafft. „Die Amerikaner und besonders die Amerikaner im Süden und Westen haben … niemals zur Gänze einen Gesellschaftsvertrag unterschrieben [d.h. einem solchen implizit als ungeschriebenes Gesetz geltenden durch ihre Bereitschaft zur Anerkennung gewaltfreien Verkehrs untereinander zugestimmt – H.K.], der die Regierung mit einem Monopol rechtmäßiger Gewaltausübung bevollmächtigen würde. In großen Teilen der amerikanischen Geschichte wurde rechtmäßige Gewalt von Cliquen, Bürgerwehren, Lynchmobs, Polizeiunternehmen, Detekteien und Pinkertons ausgeübt, und viel häufiger hielt man sie sogar für den Zuständigkeitsbereich des Einzelnen.“ (ebd.)

So nimmt es nicht Wunder, dass libertäre und anarchistische Ideen einer Privatrechtsgesellschaft mit Sicherheitsunternehmen anstelle des Rechtsstaates und der Polizei gerade in der südstaatlichen Kultur der Republikanischen Partei Anhänger hat, von wo sie in die politischen Sekten Europas einsickert. Die Südstaaten wurden zwar durch die Niederlage im Sezessionskrieg zur Aufgabe der Sklaverei gezwungen. Die Aufgabe rassistischen Denkens aber kann nicht mit militärischen Mitteln erzwungen werden. Selbstjustiz, Ehrkodex und Rassismus bilden ein reaktionäres ideologisches Gemisch, das sich zäh bis in unsere Tage hält.

Misslungene Inklusion der Schwarzen

Nach der Trauerfeier für den jungen Schwarzen Freddy Gray kommt es zu Unruhen und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei in Baltimore. Bild: April 2015, AP

Sobald eine leistungsfähige Regierung die Rate der Bevölkerung von 100 auf 10 heruntergebracht hat, hängt der weitere Rückgang von dem Grad ab, zu dem die Bürger die Legitimität der Regierung, ihrer Gesetze und der sozialen Ordnung anerkennen. Der Rückgang von 10 auf 1 beruht weniger auf administrativen Druck, auf Abschreckung und Eliminierung der Kriminellen, sie geschieht durch freiwillige Anerkennung der Gewaltfreiheit im gesellschaftlichen Leben durch die Bürger, ist Ausdruck ihrer Bildung und Aufklärung. Faktoren, die dies verhindern wirken in den Südstaaten bis heute und nehmen in den Nordstaaten sogar wieder zu. Die Mordrate der Schwarzen von 1800 bis 1950 in New York stieg von 9 auf über 30 an, während die der Weißen von 9 auf etwa 2 sank. (Die Zahlen entnehme ich Abbildung 3-14.)

Zwar wurde die Abschaffung der Sklaverei durch Lincolns Proklamation 1863 auf die Tagesordnung gesetzt und schließlich durchgesetzt. Doch änderte sich die faktische Rechtlosigkeit für die Schwarzen der Südstaaten nicht. Die meisten blieben in den Plantagen. Sklaverei war laut Gesetz aufgehoben, doch die Rassentrennung blieb. Erst weitere hundert Jahre, im Jahre 1964 wurde sie in allen Bereichen abgeschafft. Doch der Rassismus war damit (auch bei den Schwarzen) noch nicht überwunden und schwelt bis zum heutigen Tag.

Die Gewaltbereitschaft der Schwarzen und der Weißen, die in einem Umfeld leben, das stark von den Schwarzen dominiert wird, ist das Ergebnis jahrhundertelanger rassistischer Unterdrückung und Verachtung. Sie erwächst aus der Angst der Unterdrücker vor der Rache der Unterdrückten, aus dem Vergeltungsbedürfnis der Verachteten und der Angst vor der Polizei. Sie erwächst aus einem Ehrkodex, der befiehlt, die Kränkung eigenmächtig zu vergelten. Sie ist die Quittung für eine misslungene Gesellschaftspolitik, einer verfehlten Integration und verhinderten Inklusion der schwarzen Bevölkerungsgruppe. Sie zu überwinden braucht mehr als faire Gesetze und einen starken Staat, braucht mehr als den Schutz des Privateigentums und eine freie Wirtschaft. Hilfreich wären zum Beispiel gemeinsame staatliche Pflicht-Grundschulen wie wir sie in Deutschland haben, wo sich Deutsche und Türken kennen lernen und lernen, keine Angst voreinander haben zu müssen. Es braucht die Bereitschaft aller zum Gewaltverzicht, zur freiwilligen Übernahme zivilisierter Regeln, und dies setzt wiederum eine Änderung der Gesinnung beider Seiten voraus. Es bleibt abzuwarten, ob sich in dieser Frage eine Wende vollzieht oder ob die Intensivierung gewaltsamer Mittel zu einem Anstieg von Angst und Präventivgewalt führen wird und schließlich zu weiteren Riots, zu Blut und Tränen. Die Abschaffung der Bürgerbewaffnung könnte ein machtvolles Zeichen setzen. Es wäre schon viel geholfen, hinter der Wut im Auge des Feindes dessen Angst zu entdecken und sich darin wiederzufinden.

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt, 2011.


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