4. März Februar 2016

Die Humanitäre Revolution

Streifzüge durch Steven Pinkers „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Teil 2 von Helmut Krebs

Adam Smith

Adam Smith, 1787. Das Portrait zeigt eine idealisierte Physiognomie, die durch eine vergrößerte Darstellung der Sinnesorgane auf die besonders hoch entwickelte Empfindsamkeit des gebildeten Mannes hinweist. Die hohe Stirn verkörpert den Intellekt und die aufrechte Haltung einen prinzipienfesten Charakter.

Die kulturellen Ziele der Aufklärung

Liberalismus und Aufklärung hängen eng miteinander zusammen. Doch sind sie nicht ein und dasselbe. Die Väter des Klassischen Liberalismus gehörten der Schottischen Schule der Aufklärung an. Hume und Smith waren wie ihr Vorläufer Hutcheson ihrem Selbstverständnis nach nicht Ökonomen, sondern Moralphilosophen. Wenn auch dieser Begriff zur damaligen Zeit breiter gefasst wurde als heute, indem er praktische Philosophie, Psychologie, Soziologie und Ökonomie zusammenbrachte, so lag der Akzent dennoch eher auf der Morallehre und Psychologie als auf der Ökonomik. Hume war obendrein ein bedeutender Historiker. Adam Smith’ größter Stolz war sein Werk Theorie der ethischen Gefühle (1759), weniger seine berühmte Abhandlung über den Wohlstand der Nationen (1776). In heutiger Sicht wird der klassische Liberalismus identifiziert mit Freihandel, freier Marktwirtschaft und – in abwertender Bedeutung – mit Kapitalismus, zusammengefasst in der Losung Laissez-faire als ein Standpunkt, der dem Staat und den politischen Kräften jegliches Gestaltungsrecht der Gesellschaft und insbesondere jedes Eingriffsrecht in die Wirtschaft abspricht. Das ist insoweit richtig, als die Polemik der klassisch Liberalen sich gegen den paternalistischen Obrigkeitsstaat wendete, in dem der absolute Herrscher das Gemeinwohl zu besorgen hatte, d.h. seine Untertanen durch einen bürokratischen Wohlfahrtsstaat glücklicher machen sollte. Laissez-faire bedeutete in diesem Kontext, dass das Gemeinwohl sich besser entwickeln, dass die Nationen (also alle Bürger) reicher werden würden, wenn der Staat die unternehmerisch tätigen Bürger in Ruhe lassen würde und Handelshemmnisse wie Steuern und Zölle fallen oder gesenkt würden. Sie sprachen der Obrigkeit rundweg das Recht ab, zu definieren, was das Glück der Menschen beinhaltet. Sie kämpften für die Autonomie der mündigen Bürger.

Doch wäre es ein Missverständnis des liberalen Projekts und ganz und gar der Aufklärung, wenn es mit einer gesellschaftspolitischen Neutralität gleichgesetzt würde. Das fünfte Buch des Reichtums der Nationen widmet sich den Finanzen des Staates und den öffentlichen Ausgaben. Selbstverständlich werden Ausgaben für die Justiz, das allgemeine Schulwesen und die Verkehrswege als Staatsaufgaben verstanden. „Dass Bau und Unterhalt öffentlicher Anlagen, welche den Handel der Länder erleichtern, wie etwa gute Straßen, Brücken, schiffbare Kanäle und Häfen, in den einzelnen Entwicklungsstadien unterschiedlich hohe Ausgaben erfordern, ist so augenfällig, dass es keines Beweises bedarf.“ (S. 612, dtv München, 12. Ausgabe, 2009) Auch die Finanzierung des Schulwesens aus staatlichen Stiftungen und Grundrenten ist ihm selbstverständlich. Smith war kein libertärer Minarchist. Das Anliegen der Schotten und der französischen Enzyklopädisten ging weit über die ökonomische Sphäre hinaus. Sie kämpften auch für eine Humanisierung der Gesellschaft durch breite Allgemeinbildung und der Verdrängung von Aberglauben und Barbarei.

Die Humanitäre Revolution

Hexenverbrennung 1587

Hexenverbrennung um 1587. (Quelle: Wikipedia)
Die letzte Verbrennung in Deutschland war im Jahr 1775. Höhepunkt der Verfolgung der Dreißigjährige Krieg. Man geht davon aus, dass die Verfolgung in ganz Europa etwa 40.000 bis 60.000 Todesopfer forderte. Durch die Praxis der Witwenverbrennung in Indien erlitten in der Zeit vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert an die 200.000 Frauen den Tod, bis diese Praktik 1829 für ungesetzlich erklärt wurde. (Pinker, S. 213) Aus religiösen Gründen wurde auch auf Kriegszügen getötet. Die Zahl der Toten durch die Kreuzfahrer zwischen 1095 und 1208 wird auf 1 Million geschätzt. Verglichen mit der Weltbevölkerung heute würde die Zahl sich versechsfachen. (S. 221) Die Opfer der spanischen Inquisition wurde mit 350.000 beziffert. (S. 222) Unter Heinrich dem VIII. wurden durchschnittlich pro Tag 3,5 Ketzer verbrannt. (S. 223) Die Glaubenskriege waren im einzelnen: französische Hugenottenkriege (1562-1594), niederländischer Unabhängigkeitskrieg (1568-1648), Dreißigjähriger Krieg (1608-1648), englischer Bürgerkrieg (1642-1648), die Kriege Elisabeth I. gegen Irland, Schottland und gegen Spanien (1586-1603), der Krieg der Heiligen Liga (1508-1516), die Kriege Karls V. in Mexiko, Peru, gegen Frankreich und das Osmanische Reich (1521-1552). Im Dreißigjährigen Krieg starben schätzungsweise 5.750.000 Menschen. Der englische Bürgerkrieg forderte fast 1 Million Tote. (S. 224) Eines der zentralen Anliegen der Aufklärer war die Überwindung des religiösen Fanatismus und des Aberglaubens an okkulte Mächte.

Pinker hebt in seiner Analyse der Geschichte der Gewalt im 4. Kapitel, das ich hier referiere, die Zeit der Aufklärung aus der vorhergehenden Zeit des neuzeitlichen Rationalismus als eine besondere Epoche hervor, weil sie neben der Entfaltung der wirtschaftlichen Dynamik diese zweite Leistung vollbrachte: die Humanisierung des öffentlichen Lebens. Wir müssen uns vor Augen halten, welche Grausamkeiten im frühen 18. Jahrhundert fraglos allenthalben begangen wurden. Sklaverei, Schuldknechtschaft, Folter, öffentliche Hinrichtungen, öffentliche blutige Tierkämpfe, Hexen- und Ketzerverfolgung, Verfolgung von Andersgläubigen und ihre Verbrennung auf Scheiterhaufen, tödliche Haftbedingungen, aber auch Unhygiene, Roheit im persönlichen Umgang, Schläge für Frauen und Kinder und Kindsmord prägten das Zeitalter, das durch ein unterentwickeltes Empathievermögen für Fremde charakterisiert war.

Abbildung 4-2

Die liberale Aufklärung war ein literarischer Feldzug gegen die Barbarei. Die Schriftsteller aller Genres, Philosophen, Romanciers und Wissenschaftler arbeiteten gemeinsam auf die Formung einer humaneren Gesellschaft hin. Und dies mit einem bewundernswerten Erfolg, der sich über die westliche Welt ausbreitete und in Jahrzehnten die schlimmsten Übel beseitigte. Die sei an einigen Daten erläutert.

Die Anwendung der Folter wurde nach 1650 in Großbritannien langsam abgeschafft, seit 1750 auf dem Kontinent und nach 1775 (amerikanische Unabhängigkeit) rasch in vielen Nationen. Zu den letzten gehören der Vatikan und Russland.

Die Todesstrafe wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg geächtet. Doch schon vorher wurde sie nicht mehr angewendet. 1775 waren es noch über 40 Staaten in Europa, 1950 noch 30, heute wird sie in keinem europäischen Staat mehr praktiziert. Mit ihrem Verschwinden wurden auch die öffentlichen Hinrichtungen eingestellt. Sie waren Volksbelustigungen, ähnlich den Schauspielen im Colosseum im Alten Rom. Bei den Hinrichtungen wurden absichtlich große Schmerzen zugefügt: Rädern, Ausweiden, Schinden, langsames Ersticken an Galgen und Garotte, Vierteilen, lebendig Verbrennen. Das rasche Köpfen war dagegen ein Privileg adliger Opfer.

Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika sind die Hinrichtungen von zum Tode Verurteilten rückläufig. Sie lagen im 16. Jahrhundert bei 3,5 pro 100.000 Einwohner, sanken in unsteter Weise bis zur Unabhängigkeit 1776 auf 1 pro 100.000. Im 19. Jahrhundert sanken sie unter 0,5 und im 20. Jahrhundert schließlich auf einen Wert gegen 0. Auch hier war der steilste Rückgang in der Zeit der Aufklärung.

Abbildung 4-6

Die Sklaverei war den frühen Liberalen noch kein Dorn im Auge. Thomas Jefferson besaß Sklaven. Locke billigte diese Einrichtung und trat darüberhinaus auch für drakonische Strafen ein. Doch schon Hume dachte kritischer. (Of the Populousness of Ancient Nations) Adam Smith kritisierte die Sklavenwirtschaft aus ökonomischen und moralischen Gesichtspunkten. (Reichtum der Nationen) Nach 1775 wurde sie allmählich abgeschafft, ein Prozess, der bis in unsere Tage andauerte. Die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts griffen auf sie wieder zurück. Heute lebt sie nur vereinzelt im Zusammenhang mit radikal-islamistischen Milizen wieder auf.

Eng mit der Sklaverei verwandt ist die Schuldknechtschaft. Zahlungsunfähige Bürger verloren ihre Bürgerrechte und wurden versklavt, inhaftiert oder hingerichtet. Die Inhaftierten hatten für sich selbst zu sorgen, was für viele gleichbedeutend mit einem qualvollen Hungertod war. Auch diese barbarische Einrichtung verschwand zusammen mit der Sklaverei.

Verschwunden sind auch die öffentlichen Pranger. Das Prangerstehen war ein Form der Folter. Es war nicht nur schmerzhaft, in einer unnatürlichen Haltung stunden- und tagelang stehen zu müssen; die schutzlosen Opfer wurden vom Pöbel auch misshandelt. Sie wurden verhöhnt, bespuckt, mit Dreck beworfen und geschlagen und nicht selten verletzt.

Die Humanitäre Revolution hat ihren Impuls noch nicht verloren. Er wird motiviert durch ein geschärftes Empathievermögen. Mitzufühlen mit Leidenden ist ein Fähigkeit, die ausgebildet werden kann. Sie wurde in einem Bildungsbürgertum weniger durch theoretische als durch erzählende Schriften geschult. Solche Romane des 19. Jahrhunderts wie Onkel Toms Hütte oder Oliver Twist übten eine starke Wirkung besonders auf die weibliche Leserschaft aus. Die literarische Epoche des 18. Jahrhundert wird Literatur der Aufklärung und Empfindsamkeit genannt. Wir kennen noch Lessings Emilia Galotti, bedeutend wurden Richardsons Pamela und Rousseaus Nouvelle Eloïse. Die Bücher schildern tränenreiche Geschichten von Menschen, die in Not geraden, etwa eine junge Frau durch eine schlechte Heirat, und wollen zu Tränen rühren. Die sittsambürgerliche Literatur grenzte sich bewusst gegen die frivol-zynische des Adels ab. Wir können die Macht von Narrativen nicht überschätzen. Romane hatten damals eine Wirkung, die heute der Bildberichterstattung zukommt, die im 20. Jahrhundert der Radioübertragung zukam. Ihre Funktion besteht darin, dass eigentlich Fernstehende in den Focus unseres Mitgefühls gerückt werden. Wir lernten Mitleid mit Sklaven zu haben, die durch einen Ozean getrennt, im fernen Amerika ausgepeitscht werden, so wie wir heute uns die Not von Bürgerkriegsflüchtlingen zu Herzen nehmen. Ein sensibilisiertes Gefühl duldet auf Dauer keine Grausamkeiten, die es erlebt und von denen sie Kenntnis hat. Die Humanitäre Revolution ist ein schönes Beispiel für die Kraft der Bildung, die über Jahrhunderte wirkt. Welch ein Missverständnis des Liberalismus, wenn er sich im 19. Jahrhundert vom Sozialdarwinismus verfälschen ließ und in zynischer Ignoranz der Not der Armen den Rücken kehrte!

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt, 2011.


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