26. Februar 2016

Staat und Gewalt

Streifzüge durch Steven Pinkers „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“, Teil 1 von Helmut Krebs

Heinrich VIII.

Heinrich VIII. (1491-1547) Tudor, Inbegriff des Renaissance-Herrschers, hatte sechs Ehefrauen, tötete zwei, verstieß zwei, tötete zwei seiner Staatssekretäre, ließ zeitweilig über zehn Menschen täglich in London hinrichten und baute eine effiziente Bürokratie auf.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von einer Orgie staatlicher Gewalt. Die Führer der Sowjetunion, Lenin und Stalin, und von Nazi-Deutschland sowie ihre Nacheiferer in China, Italien, Spanien und vielen weiteren Ländern opferten nicht nur in Kriegen untereinander, sondern insbesondere in einem Terrorfeldzug gegen das eigene Volk Menschen in einem auch – in historischen Maßstäben – besonderen Umfang. Der Begriff des Völkermords ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. Nach einer Schätzung starben während dieser Zeit 169 Millionen Menschen durch die Untaten ihrer eigenen Regierungen. Andere Schätzungen sprechen von 81 Millionen Opfern in Völkermorden, 40 Millionen Opfern durch politisch verursachten Hunger (vorwiegend Stalin und Mao). In Kriegen starben 37 Millionen Soldaten und 27 Zivilisten durch Kampfhandlungen, weitere 18 Millionen durch nachfolgende Hungersnöte, was sich auf 82 Millionen summiert. (S. 478)

Es ist daher nicht überraschend, dass im freiheitlichen Lager einige Richtungen Staat und Völkermord, Staat und Gewalt identifizieren. Die Lösung wird in der Abschaffung des staatlichen Gewaltmonopols gesucht, in einer staatslosen Gesellschaft. Doch ist dies ein Kurzschluss. Das Verhältnis von Staat und Gewalt ist komplizierter, letztlich trotz der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts genau umgekehrt.

Dass das jüngst vergangene Centenium kein Monopol auf Völkermord hat, ist kein Trost. In einem Vergleich von Opferzahlen reihen sich die Groß-Tragödien ein in eine Blutspur, die weit zurückreicht. Völkermord, die weitgehende oder vollständige Vernichtung einer gegnerischen Gruppe, ereignete sich auch schon in vorstaatlicher Zeit und während der ganzen Menschheitsgeschichte. Homers Epen oder die Bibel sind voll von Berichten, die sich auf die Anfänge der Staatengesellschaften in der Bronzezeit beziehen. Die Gemetzel germanischer Stämme und asiatischer Reitervölker von den Hunnen, den Ungarn bis zu den Mongolen standen modernen Vernichtungsaktionen nicht nach. Wenn wir Krieg und Völkermord nach ihren absoluten Opferzahlen reihen, so steht der Zweite Weltkrieg und Mao-Zedongs Politik an der Spitze, doch folgen darauf bereits die mongolischen Eroberungen (12. Jahrhundert), der An-Lushan-Aufstand (eine Rebellion des 8. Jahrhunderts), der Sturz der Ming-Dynastie (16. bis 17. Jahrhundert), der Taiping-Aufstand (1851–1864), die Ausrottung der Indianer (seit Anfang des 15. Jahrhunderts), Stalins Politik und der Sklavenhandel im Nahen Osten. Bei einer Relativierung der Opferzahlen auf die Gesamtbevölkerung ergibt sich, dass der Blutzoll des An-Lushan-Aufstands den ersten Rang einnimmt, gefolgt von den Mongolischen Eroberungen, dem Sklavenhandel und dem Sturz der Ming-Dynastie. Der Zweite Weltkrieg nimmt Rang 9, Mao Rang 11 und Stalin Rang 15 ein. Das heißt, die relativ blutigsten Ereignisse waren entweder Bürgerkriege oder Gewalttaten von sehr niedrig entwickelten Staaten oder wurden gar durch Händler und Unternehmer wie Cortez verübt. Überhaupt geht dem Fernhandel historisch eine lange Phase des Übergangs voraus, die sich vom Beute- und Raubzug zur Piraterie und Sklavenhandel entwickelt, und schließlich zu einer Mischform dessen mit gewaltfreiem Warenhandel. Die Opiumkriege in China (19. Jahrhundert) wurden zwar vom britischen Staat geführt (der Erste Opiumkrieg übrigens unter dem liberalen Premierminister Robert Lamb, der Zweite Opiumkrieg unter dem liberalen Premierminister Henry Temple), doch im Sonder-Interesse der East India Company, um die Einfuhr von Opium nach China zu erzwingen. Menschen sind nicht nur grausam, wenn sie regieren.

Die Befriedungsfunktion des Staates

Innere Sicherheit

Der moderne Staat entstand seit dem späten 16. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Glaubenskriegen. Seine Funktion besteht in der Bezwingung der natürlichen Gewalt, die unter den Menschen schon immer wütet, indem er eine Gesellschaft unter einen Willen zwingt. Der subjektive Absolutismus eines Henry IV. von Frankreich oder Heinrich VIII. Tudor war, so grausam auch letzterer regierte, die Voraussetzung für eine spätere Veredelung bis hin zur liberalen Demokratie der heutigen Zeit. Die innere Befriedung lässt sich anhand profunder Daten nachvollziehen. Ein Vergleich von Morden in zahlreichen Gesellschaften, von der Altsteinzeit bis in die liberalen Demokratien unserer Tage reicht, zeigt, dass in den vorstaatlichen Gesellschaften die Gewalt – festgemacht an dem Index der Morde pro 100.000 Menschen – durch die Einführung des Gewaltmonopols in beträchtlichem Maße zurückging. Der Durchschnittswert für nichtstaatliche Gesellschaften beträgt 500 Mordopfer pro 100.000 Mitglieder im Jahr. (S. 99) Ein normaler Durchschnittswert im Feudalismus liegt zwischen 50 und 100 Morden. Die westlichen Staaten haben Werte zwischen 1 und 10. In London kamen um 1350 auf 100.000 Einwohner pro Jahr annähernd 100 Morde, um 1600 (während der Regierungszeit von Heinrichs Tochter Elisabeth I.) waren es noch 10 und heute ist es 1 Mord.

Nehmen wir z.B. einen Längsschnitt durch fünf westeuropäische Länder vom Jahre 1200 bis heute. (Abb. 3-3, S. 106ff) Wir beobachten ein Sinken in der frühen Neuzeit (Absolutismus) und nach einigem Schwanken ein rascheres Sinken nach dem jeweils unterschiedlichen Übergang zu verfassungsmäßigen Monarchien/Demokratien. In Deutschland und Italien im 19. Jahrhundert, in England im 17. Jahrhundert und in den Niederlanden noch früher.

Abbildung 3-3

Interessant ist der Anstieg der Mordraten in Deutschland von 1650 bis 1700, einer Zeit, in der die Staaten durch den Dreißigjährigen Krieg verheert und die Regierungen geschwächt waren. Die arbeitslosen Söldner verlegten sich aufs Rauben. Mit der Durchsetzung von Zentralregierungen sinkt die Mordrate. Morde stehen in einem Zusammenhang mit anderen Gewaltverbrechen. Der Index lässt also Rückschlüsse auf die Sicherheitslage der Bürger zu.

Es ist auch tatsachenwidrig, dass eine direkte Korrelation bestünde zwischen der Größe der Staaten und ihren Zuständen. Im Gegenteil, zwei Prozesse liefen parallel: die Bildung größerer Nationalstaaten und die Einrichtung des Gewaltmonopols. Mit der Bildung der Zentralstaaten ging die Zahl der Staaten zurück und die Einheiten wurden größer. Der Feudalismus wurde durch den Absolutismus abgelöst. Die Zahl der Staaten schwand, die Kleinstaaterei wurde überwunden und das Gewaltmonopol konnte von einer Zentralregierung gerade gegen die Barone und Fürsten durchgesetzt werden. Europa bestand im 15. Jahrhundert aus 5.000 unabhängigen politischen Einheiten (hauptsächlich Machtbereiche von Baronen und Fürstentümer), zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges aus 500 und heute sind es weniger als 50. (S. 123) Die Überwindung der Kleinstaaterei und die Durchsetzung des Gewaltmonopols einer Zentralregierung sind Bedingungen für den inneren Befriedungsprozess.

Mars, Mittelalterliches Hausbuch
Das Blatt «Mars» aus dem «Mittelalterlichen Hausbuch» von 1480 zeigt den Überfall auf ein Dorf. Die Menschen werden erschlagen, das Vieh fortgetrieben, die Häuser in Brand gesteckt.
15. Jahrhundert5.000
17. Jahrhundert500
heute<50

Der Feudalismus, die fast uneingeschränkte Herrschaft des Landadels fernab des Kaisers, war ein Fluch für die Landbevölkerung. Die Ritter befehdeten sich nicht, wie uns romantische Geschichten erzählen, in Duellen, Turnieren oder Burgbelagerungen. Die Hauptmethode war die ökonomische Schwächung des Rivalen durch Ermordung der Bauern, Niederbrennen der Dörfer und Verwüstung der Felder. Angetrieben durch einen Ehrkodex und der Angst vor Vergeltung war das Mittelalter eine Zeit unaufhörlicher Morde und anderer Gewalttaten, vergleichbar mit heutigen Zuständen in Lateinamerika.

Ein Querschnitt heutiger Staaten liefert uns Befunde, die die Längsschnitte bestätigen. Vergleicht man staatenlose Gebiete und schwache Staaten mit den zentralisierten heute, so zeigt sich, dass die ersteren immer noch auf einem Gewaltniveau der Steinzeit oder des Feudalismus leben. Der Durchschnitt nichtstaatlicher Gemeinschaften bewegt sich heute auf der Höhe weit über dem Mittelalter Westeuropas. Inuits weisen heute eine Opferquote von 100 pro 100.000 Menschen auf (wie wir im frühen Mittelalter), Westeuropa heute zwischen 1 und 5. In Ländern, wo der Zentralstaat schwach ist, herrschen auch heute „mittelalterliche“ Verhältnisse. Kolumbien leidet unter einer Mordquote von über 50 pro 100.000. (S. 146) Allein mit der Durchsetzung des zentralisierten Staates sinkt die Opferquote auf ein Fünftel. (S. 96) Der zweite Zivilisierungsschub geht aus der Aufklärung hervor, der die Rate noch einmal mehr als halbiert. Und ein dritter ist seit 1945 im Gange.

Grafik 3-4

Wenn in einer zivilisierten Gesellschaft ideologische Modewellen aufkommen, die sich gegen die Normen stemmen, kann es zu zeitweiligen Rückschlägen kommen. Die Mordrate sprang unter dem Einfluss der Jugendrevolte in den USA von 4–5 auf 9–10 und sank erst mit dem Abflauen in den 1990er-Jahren auf den ursprünglichen Wert zurück. Die Rock'n-Roller wurden älter. (S. 151)

Blutzoll der Kriege

Interessanterweise gilt der umgekehrte Zusammenhang zwischen Staat und Gewalt auch für die Kriegsopfer. Eine umfangreiche Aufstellung der relativen Todesraten durch Kriege in staatlichen und nichtstaatlichen Gesellschaften quer durch die bekannte Geschichte und Vorgeschichte zeigt die Tabelle 2-2. So starben in einem Krieg der Crow-Cree-Indianer um 1325 60 % aller Gesellschaftsmitglieder. Man übertrage dies auf Deutschland 1945. Deutschland büßte im Zweiten Weltkrieg laut Wikipedia 6,35 Mio Kriegstote (einschließlich der Zivilisten) ein, das sind etwa 10 % der Bevölkerung. Die Opferzahlen in vorstaatliche Epochen und Gesellschaften übersteigen diesen Blutzoll beträchtlich. Die Durchschnittswerte liegen bei den prähistorischen Untersuchungen (über 15 %), den Jägern und Sammlern (knapp 15 %) und den Jägern und Gärtner (etwa 25 %) deutlich über Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Staatslose Gesellschaften führen doppelt so blutige Kriege wie der Zweite Weltkrieg es für die Deutschen war.

Diese Tabelle muss jeden Antietatisten ernüchtern, der Gewalt ursächlich mit Staat in Verbindung bringt. Eine eingehendere Untersuchung ist erforderlich, die zeigt, welches die wirklichen Bedingungen für derartige Gewaltorgien sind, welches die Befriedungsbedingungen in den staatlichen Gesellschaften sind und warum in staatlichen Gesellschaften dennoch solche Tragödie wie die beiden Weltkriege oder die Völkermorde Stalins und Maos geschehen können. Pinker gibt uns auch dazu ausführliche Antworten, die sich nicht mit der Leviathan-These, d.h. der Befriedungsfunktion des Zentralstaates, widersprechen. Liberale Demokratien wie Deutschland sind außerordentlich friedfertig und gewaltarm.

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt, 2011.


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