15. Februar 2016

Welche Macht besitzen die „Intellektuellen“ in einer freien Gesellschaft?

von Maximilian Tarrach

I.

Ich werde meine Ausführungen zu der Machtfrage der Intellektuellen vor allem auf die Überlegungen des Sozialphilosophen und Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek stützen, welcher bereits 1949 einen Aufsatz zu diesem Thema mit der Überschrift „Die Intellektuellen und der Sozialismus“ (1) veröffentlichte. Der Versuch, der hier unternommen werden soll, ist jener, zu zeigen, dass sich einige Aussagen Hayeks als zeitlos erweisen und rein deskriptiver sowie wertfreier Natur sind. Diese herauszufiltern und ihre Wichtigkeit abseits Hayeks historischer Bedeutung klar darzulegen, soll hier mein Ziel sein.

II.

Hayeks Kernaussage lautet, dass die Intellektuellen einer freien und demokratischen Gesellschaft den hauptsächlichen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung ausüben und somit, wenn zwar nicht die kurzfristige Politik, so doch die Politik der Zukunft entscheidend beeinflussen.

Diese Aussage mag den Leser auf den ersten Blick überraschen, würde doch der allgemeine Hausverstand davon ausgehen, dass die Politiker die wichtigste und mächtigste Rolle in der Entwicklung der Gesellschaftsordnung spielen. Hier zeigt sich eine implizite Überlegung Hayeks, in welcher er sich in die Tradition David Humes (2) stellt, dass sich Regierungen auf lange Sicht, ganz gleich ob demokratisch oder diktatorisch, der öffentlichen Meinung beugen müssen. Die Argumentation läuft derart, dass Regierungen schon zu allen Zeiten nur eine winzige Minderheit in Bezug zur beherrschten Mehrheit bildeten und damit als einzige Waffe zur Erhaltung ihrer Macht die Überzeugung durch das Wort besaßen. Ohne ideologisches Fundament muss somit jede Herrschaft zerfallen. Damit sind es am Ende die Ideen, welche über Fluch oder Segen einer Gesellschaft entscheiden. (3) Diese Tatsache macht allerdings noch keine Besonderheit der freien und demokratischen Länder aus. Hayek geht nun einen Schritt weiter und stellt fest, dass die vorherrschenden Ideen wiederum hauptsächlich von einer kleinen Elite aus Intellektuellen beeinflusst werden:

„Was dem Zeitgenossen oft als ein Kampf widerstreitender Interessen erscheint, ist tatsächlich meist schon lange vorher in einem Kampf der Ideen entschieden worden, der sich in engen Kreisen abspielte.“ (4)

Nach ihm verstärkt sich dieser Effekt in der modernen Demokratie durch die freie Presse, welche zunehmend von Massenmedien geprägt wird, in denen die Wirkungskette, die Hayek aufzeigen möchte, sehr deutlich und eindeutig zu Tage tritt. Wenige Journalisten entscheiden, was Millionen von Menschen tagtäglich lesen und erfahren:

„Es hängt von ihr [der Gruppe der Intellektuellen – M.T.] ab, welche Ansichten und Meinungen überhaupt bis zu uns dringen, sie entscheidet, welche Tatsachen wichtig genug sind, um uns mitgeteilt zu werden, und in welcher Form und von welchem Standpunkt wir von ihnen unterrichtet werden.“ (5)

III.

Aus diesen Gedanken leitet Hayek eine formale Definition des Begriffs der Intellektuellen her. Intellektuelle sind für ihn alle jene, welche sich „als berufsmäßige Ideenvermittler betätigen“ [im Englischen Original als „the secondhand dealers in ideas“ (6) bezeichnet – M.T.]. Dieser Ausdruck ist sehr viel weiter gefasst als die Alltagsdefinition reicht. Diese Gruppe setzt sich nach Hayek somit exemplarisch aus „Journalisten und Lehrern, Geistlichen und Volksbildnern, Schriftstellern und Radiosprechern, Künstlern und Schauspielern […]“ (7) zusammen, aber schließt auch „viele Angehörige der freien Berufe ein, insbesondere auch viele Wissenschaftler und Ärzte […]“ (8). Was den Intellektuellen inhaltlich formal ausmacht, ist „der weite Bereich von Gegenständen, über die er gewandt schreibt und spricht, und eine Stellung oder Lebensgewohnheiten, die ihn früher mit neuen Ideen bekannt machen als jene, an die er sich wendet.“ (9)

IV.

Hayek schließt aus seiner Definition und Funktion der Intellektuellen nun auf die von ihnen ausgehenden positiven und negativen Folgen für die Gesellschaft. Die offensichtlich positive Folge aus der Existenz der Intellektuellen bildet der Tatbestand, dass es nur durch sie möglich wird, aus der ungeheuren Menge an Wissen das Wichtige auszusieben, zusammenzutragen und auch dem einfachen Bürger schmackhaft zu machen. (10) Es muss betont werden, dass dies eine unverzichtbare Aufgabe der offenen Gesellschaft bildet. Die Theorien der Wissenschaftler sind meist viel zu abstrakt, als dass sie ein durchschnittlicher Bürger erfassen könnte. Es bleibt implizit, aber deshalb nicht weniger offensichtlich, dass Hayek daher die Intellektuellen als ein notwendiges Übel ansieht. Denn die Probleme, dich sich aus Art und Aufgabe der Intellektuellen ergeben, sind zahlreich. Als erstes muss das Problem angesprochen werden, wie Intellektuelle entscheiden, was das „wichtige“ und welches das „unwichtige“ Wissen darstellt. Denn nach Hayek zeichnen sich die Intellektuellen grade dadurch aus, keine originellen Denker zu sein, welche mit Fachwissen an diese Aufgabe treten könnten. Es handelt sich bei ihrem Kenntnisstand eher um Halbwissen denn um fundierte Theorien:

„[...Die – M.T.] Funktion [des Intellektuellen – M.T.] ist weder die des originellen Denkers, noch die des Gelehrten oder des Sachverständigen in irgend einem bestimmten Gebiet. Der typische Intellektuelle braucht kein spezielles Wissen […], er braucht nicht einmal besondere geistige Fähigkeiten zu besitzen, um seine Rolle als Vermittler in der Verbreitung von Ideen zu spielen.“(11)

Daher muss der Intellektuelle zur Bewertung der neuen Ideen auf allgemeine Überzeugungen sowie sein Weltbild zurückgreifen, um sie als wichtig oder unwichtig kategorisieren zu können:

„Dass sie neue Ideen nicht nach ihrem spezifischen Wert, sondern nach der Leichtigkeit beurteilen, mit der sie sich in das allgemeine Weltbild einfügen lassen, das ihnen als modern oder fortschrittlich erscheint, ist vielleicht der charakteristischste Zug der Intellektuellen. Durch diesen Einfluß, den gerade allgemeine Ideen auf den Intellektuellen und seine Meinungen über konkrete Fragen haben, wächst die Macht von Ideen zum Guten oder Bösen mit ihrer größeren Allgemeinheit, Abstraktheit und oft sogar ihrer Unklarheit.“ (12)

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass nach Hayek die größte Gefahr vom Intellektuellen durch sein möglicherweise freiheitsfeindliches Weltbild und die von ihm auf dieser Grundlage fälschlicherweise verbreiteten Ideen ausgeht. Hayek zeigt sogar, dass aufgrund der Funktion und dem typischen Mileu der Intellektuellen die Tendenz besteht, dass diese zu konstruktivistischen und damit totalitären Ideologien neigen. Konstruktivistisch meint bei Hayek in diesem Zusammenhang die Vorstellung, die ganze Gesellschaft beliebig nach einem durch die Vernunft gefassten Plan gestalten zu können. Er widmete sich mit Leidenschaft diesem Fehlschluss (13) und nannte ihn eine „Anmaßung von Wissen“. (14) Intellektuelle wollen ihren Geist möglichst frei betätigen und sind daher vergleichsweise schnell bereit, diesem Irrtum zu unterliegen, schreibt es ihnen doch die Fähigkeit zu, unbegrenzt Gesellschaftsentwürfe vorzulegen. Ein konsequent kritischer Rationalist wie Hayek muss sich dagegen vielseitig beschränken, aufgrund seines Wissens um die Begrenztheit und Fehlbarkeit seiner Erkenntnis sowie seiner Urteile. Er muss sich viel stärker an die Realität und an gewachsene Institutionen halten als ein konstruktivistischer Revolutionär. Er ist daher eher Reformer als Utopist.

Die konstruktivistische Schwäche im intellektuellen Denken hielt Hayek für die stärkste Ursache der Beliebtheit des Kommunismus und Nationalsozialismus unter den Intellektuellen der 1930er und 1940er Jahre. Den Zusammenhang von Konstruktivismus und Totalitarismus behandelte Hayek in seinem Weltbestseller „Der Weg zur Knechtschaft“ (15) und kann hier aus Platzgründen nicht weiter ausgeführt werden. Wichtig festzuhalten ist, dass es mitnichten zuerst die Arbeiter und einfachen Leute waren, die nach dem Kommunismus und Nationalsozialismus riefen. (16) Es waren die Professoren, Journalisten und Lehrer, kurz – die Intellektuellen – , die sich von diesen Ideologien eine bessere Welt versprachen. Als österreichischer Flüchtling vor dem Nazireich trug Hayek hier bittere Lebenserfahrungen vor.

V.

Die Warnungen Hayeks vor dem konstruktionistischen Denken bleiben für heutige Zeiten ebenso unverzichtbar, wie seine ausgearbeitete Definition und Funktion der Intellektuellen. Die weltweite Vernetzung hat die Informationsquellen noch stärker konzentriert und macht eine kritische Überprüfung weit entfernter Daten nahezu unmöglich. Daher sind auch Hayeks Ausführungen darüber, dass Intellektuelle zwar ein Sieb jedoch kein sicheres Korrektiv verheerender Theorien darstellen, von ungebrochener Aktualität. Eine Erweiterung seiner Gedanken, die Hayek selbst nicht ausführt, könnte darin bestehen, dass es unter den Intellektuellen wiederum die jungen Menschen sind, d.h. meistens die Studenten, welche die wichtigste soziale Gruppe der Gesellschaft verkörpern. Denn sie bilden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Intellektuellen von morgen und somit wird es ihr Urteil sein, „das in erster Linie darüber entscheidet, welche Ansichten in nicht zu ferner Zukunft die Gesellschaft beherrschen werden.“ (17) Daher sollte jeder Student vor einer Selbstüberschätzung und Anmaßung von Wissen gewarnt werden. Nur dann kann die freie und demokratische Grundordnung auf Dauer Bestand haben.

Fußnoten:

(1) Hayek (1949a).

(2) Vgl. Hume (1768): „Nothing appears more surprizing to those, who consider human affairs with a philosophical eye, than the easiness with which the many are governed by the few; and the implicit submission, with which men resign their own sentiments and passions to those of their rulers. When we enquire by what means this wonder is effected, we shall find, that, as force is always on the side of the governed, the governors have nothing to support them but opinion. It is therefore, on opinion only that government is founded; and this maxim extends to the most despotic and most military governments, as well as to the most free and most popular.“

(3) Vgl. Hayek (1949a), S. 4: „Die Erfahrung zeigt, daß es nur eine Frage der Zeit ist, wann die Ansichten, die heute die Intellektuellen vertreten, auch die Tagespolitik beherrschen.“

(4) Hayek (1949a), S. 4.

(5) Hayek (1949a), S. 5.

(6) Hayek (1949b), S. 372.

(7) Hayek (1949a), S. 5.

(8) Hayek (1949a), S. 5.

(9) Hayek (1949a), S. 5.

(10) Vgl. Hayek (1949a), S. 6: „Die Intellektuellen sind die Organe, die in der modernen Gesellschaft die Verbreitung von Wissen und Ideen besorgen, und ihre Überzeugungen wirken daher wie ein Sieb, durch das alle neuen Vorstellungen hindurch müssen, bevor sie die Massen erreichen können.“

(11) Hayek (1949a), S. 4f. Siehe auch, ebd., S. 6: „Ihm [dem echten Gelehrten – M.T.] erscheinen die Intellektuellen als Leute, die auf keinem Gebiet wirklich etwas verstehen und deren Urteil in ihrem Arbeitsbereich wenig Kenntnis verrät.“

(12) Hayek (1949a), S. 8. Siehe auch, ebd.: „Das geistige Klima einer Periode wird so zumeist von einigen wenigen Grundbegriffen und allgemeinen Vorstellungen bestimmt, die das Urteil der Intellektuellen leiten. Diese Vorurteile sind gewöhnlich Folgerungen, die sie aus neuen wissenschaftlichen Fortschritten ziehen, Verallgemeinerungcn und Übertragungen von allgemeinen Ideen, die aus dem Werk des Fachgelehrten in das geistige Gemeingut übergegangen sind.“

(13) Vgl. Hayek (1970), mit dem Titel: „Die Irrtümer des Konstruktivismus und die Grundlagen legitimer Kritik gesellschaftlicher Gebilde“.

(14) Dieser Ausdruck bildete auch den Titel seiner Rede beim Erhalt des Wirtschaftsnobelpreises im Jahre 1974. Vgl. Hayek (1974).

(15) Vgl. Hayek (1944).

(16) Vgl. Hayek (1949a), S. 3: „Die Bewegung, welche die größte Rolle in dieser Geschichte gespielt hat, der Sozialismus, war kaum je ursprünglich eine Bewegung der Arbeiterklasse. Er ist keineswegs der selbstverständliche Weg zur Abhilfe offensichtlichter Übelstände, auf den jene Klasse durch ihre Interessen notwendig geführt wurde. Er ist vielmehr eine theoretische Konstruktion, die von spekulativen Denkern geschaffen wurde […].“

(17) Hayek (1949a), S. 6.

Literatur

Hayek, Friedrich A. von (1944), Der Weg zur Knechtschaft, Band 1, Abt. B der gesammelten Schriften von F.A. von Hayek, Tübingen, 2004.

Hayek, Friedrich A. von (1949a), Die Intellektuellen und der Sozialismus, in: ders. Wissenschaft und Sozialismus. Aufsätze zur Sozialismuskritik. Band 7, Abt. A der gesammelten Schriften von F.A. von Hayek, Tübingen, 2004, S. 3-15.

Hayek, Friedrich A. von (1949b), The Intellectuals and Socialism, in: ders. The Intellectuals: A Controversial Portrait. Glencoe, Illinois: the Free Press, 1960, S. 371-84.

Hayek, Friedrich A. von (1970), Die Irrtu¨mer des Konstruktivismus und die Grundlagen legitimer Kritik gesellschaftlicher Gebilde, in: ders. Wissenschaft und Sozialismus. Aufsätze zur Sozialismuskritik. Band 7, Abt. A der gesammelten Schriften von F.A. von Hayek, Tübingen, 2004, S. 16-36.

Hayek, Friedrich A. von (1974), Die Anmaßung von Wissen, in: ders. Die Anmaßung von Wissen. Neue Freiburger Studien, Tübingen, 1996, S. 3-15.

Hume, David (1768), Of the first Principles of Government, in: Essays, Moral, Political, and Literary. Eugene F. Miller, 1987. Library of Economics and Liberty. Zuletzt überprüft 15. Januar, 2016 aus dem World Wide Web: http://www.econlib.org/library/LFBooks/Hume/hmMPL4.html


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