23. Dezember 2015

Der Kosmopolitismus der klassisch Liberalen

von Helmut Krebs

„Alle Menschen ähneln insoweit dem guten Prinzip, als dort, wo nicht Interesse, Rachsucht oder Neid unsere Disposition ins Gegenteil verkehren, wir immer aufgrund unserer natürlichen Menschenliebe geneigt sind, dem Glück der Gesellschaft und folglich der Tugend vor ihrem Gegenteil den Vorzug zu geben.“ (Hume, S. 150)
„Es muss in der Tat zugegeben werden, dass der Mensch nur dadurch, dass er Gutes tut, die Vorteile seines außerordentlichen Ranges wahrhaft genießen kann; sein einziges Vorrecht ist es, Geringeren Zuflucht zu gewähren, die auf seinen Schutz und Schirm vertrauen.“ (Hume, S. 95)
„Wohltätig sein, wo man kann, ist Pflicht, und überdem gibt es manche so teilnehmend gestimmte Seelen, dass sie auch ohne einen andern Bewegungsgrund der Eitelkeit oder des Eigennutzes ein inneres Vergnügen daran finden, Freude um sich zu verbreiten, und die sich an der Zufriedenheit anderer, so fern sie ihr Werk ist, ergötzen können.“ (Kant, Erster Abschnitt)

Die Weltökumene

Das Denken Ludwig von Mises durchzieht leitmotivisch die Idee einer Weltökumene. Damit ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche Einheit aller Menschen auf der Erde gemeint. Die Ziel des klassisch Liberalen ist nicht weniger als das Wohl der gesamten Menschheit.

„Als letztes Ideal schwebt dabei immer der Gedanken einer vollständigen Kooperation der ganzen Menschheit vor, die sich friedlich und ohne Reibungen abwickelt. Das Denken des Liberalen hat immer das Ganze der Menschheit im Auge und nicht nur Teile, es haftet nicht an engen Gruppen, es endet nicht an den Grenzen des Dorfes, der Landschaft, des Staates und des Erdteils. Es ist ein kosmopolitisches, ein ökumenisches Denken, ein Denken, das alle Menschen und die ganze Erde umspannt. Der Liberalismus ist in diesem Sinne Humanismus, der Liberale Weltbürger, Kosmopolit.“ (L, 93)

Es gibt zwei Prinzipien der geschichtlichen Entwicklung: Zusammenarbeit in Frieden oder räuberische Konkurrenz und Krieg. Während die Urgemeinschaften im ständigen Kampf gegen die Natur und in Feindschaft gegen andere Horden standen, wobei sie nur wenig über das tierische Erbe hinauskamen, entwickelten die Agrargesellschaften nach der jungsteinzeitlichen Revolution (Übergang zu Ackerbau und Viehzucht) innerhalb ihrer Gemeinschaften Arbeitsteilung und konnten dadurch Überschüsse erwirtschaften, die sie zum Aufbau einer komplexeren Großgesellschaft, zur Einrichtung eines Staates, zur Gründung von Städten und Reichen verwenden und mit denen sie Außenhandel treiben konnten. Die Stadtstaaten erweiterten sich auf Kosten ihrer Nachbarn zu Reichen und konkurrierten mit anderen Reichen. Außenpolitisch waren die Agrarstaaten kriegerisch, innenpolitisch herrschaftlich. Doch bestanden von Anfang an Märkte und Arbeitsteilung. Im ihrem Schoß bildeten sich die Grundlagen für eine freie und offene Gesellschaft des Kapitalismus, die der Inbegriff des Liberalismus ist. Die Agrargesellschaft verfuhr nach dem Prinzip „Des Einen Vorteil ist des Andern Nachteil“. Wir nennen das heute ein Nullsummenspiel.

„Der Satz, dass des Einen Vorteil des Andern Schaden sei, ist richtig für Kriegführen und Beutemachen. Was der Räuber mir abgenommen hat, ist sein Vorteil und mein Schaden. Doch Krieg und Handel sind verschiedene Dinge.“ (HA, 24.1)

Die Marktgesellschaft aber gründete sich auf die Erkenntnis, dass Tausch zu beiderseitigem Vorteil ist. Wir sprechen heute von Win-Win-Situationen. Im 17. Jahrhundert konnte schließlich die kapitalistische Entwicklung eine Dynamik annehmen, die es ermöglichte, der gesamten Gesellschaft ihren Stempel aufzudrücken. Die Menschheit trat in die zweite epochale Revolution ein: in den Übergang von der Agrargesellschaft zur freien offenen Weltgesellschaft. Der oberste politische Wert des Liberalismus ist die Bewahrung der Bedingungen, die eine globale Arbeitsteilung und den Austausch von Waren, den freien Fluss von Kapital und Arbeit begünstigen. Es ist der Frieden. Dem Frieden zugeordnete Werte sind die Rechtsordnung, die Demokratie, die bürgerlichen Freiheiten.

„Das Ziel der inneren Politik des Liberalismus ist auch das seiner auswärtigen Politik: Frieden. So wie im Innern der Staaten so strebt der Liberalismus auch im Verkehr zwischen den Staaten friedliches Zusammenwirken an. Der Ausgangspunkt des liberalen Denkens ist die Erkenntnis des Wertes und der Wichtigkeit menschlicher Kooperation, und alles, was der Liberalismus plant und ins Werk setzen will, dient der Erhaltung des gegenwärtig erreichten Standes und dem weiteren Ausbau der wechselseitigen Kooperation der Menschen. (L, 93)

Mises steht ganz in der Tradition des liberalen Humanismus. Wieland, Kant, Goethe, Lessing, Herder und Schiller vertraten kosmopolitische Positionen. Selbstverständlich traten die Freihändler (Hume, Smith, Bentham, Ricardo, Mill) für Weltoffenheit und gegen nationale Borniertheit ein. In ihren moralphilosophischen Schriften hatten sie einen Menschen vor Augen, nicht Klassen oder Rassen unterschiedlicher Art. Die Redendung laissez-faire, laissez-passer (machen lassen, durchlassen) bedeutete im Frankreich des beginnenden 18. Jahrhundert freien Handel mit dem Ausland. Es ist ein Synonym für offene Grenzen.

Der freie Mensch, die einige Menschheit

In enger Verbindung zum Tauschprinzip steht die Anerkennung des anderen Menschen als Partner. Unter gewissen Aspekten werden alle Menschen als gleich angesehen. Gleichheit bedeutet nicht tatsächliche Gleichheit in Geist und Körper, in Herkommen und Charakter – gleich bedeutet gleichberechtigt. Gleich sind die Menschen unter dem Gesichtspunkt des Rechts. Alle Gesetze, die das friedliche Zusammenleben und den Tauschverkehr regeln, sollen für alle Menschen gleichermaßen gelten. Darin steckt das Reziprozitätsprinzip als Leitidee, die im Tauschakt millionenfach ausgeübt und bekräftigt wird. Geben und Nehmen im freiwilligen Einverständnis zum beiderseitigen Vorteil, ohne List und Betrug, mit der Sicherheit der Vertragstreue und der Lauterkeit des ehrbaren Kaufmannes, auf der Grundlage von Vertrauen und Glaubwürdigkeit stehen Pate beim liberalen Gleichheitsgedanken. Der freie Mensch, der im Zentrum der rationalistischen Philosophie der Aufklärung steht, ist frei in dem Sinne, dass er selbst urteilen, entscheiden, werten und handeln kann.

„Nun behaupte ich: dass wir jedem vernünftigen Wesen, das einen Willen hat, notwendig auch die Idee der Freiheit leihen müssen, unter der es allein handle.“ (Kant, Dritter Abschnitt)

Er ist dazu mit Verstand begabt und autonom, weil kein anderer Mensch über einen andersgearteten Verstand verfügt als er. Alle Menschen sind homo sapiens, mit Verstand begabte Lebewesen und sich darin – im Prinzip – gleich. Der Rechtsgedanke löst die Idee des autoritären Gesetzgebers ab. Recht ist nicht das, was ein Herrscher will, sondern das, was in die Vorstellungen von Gerechtigkeit der Bürger eingeschrieben ist, was sich in jahrtausendlanger Konvention eingeübt hat, das, was alle bejahen können. Recht und Freiheit sind Ideen von universeller Bedeutung oder bedeutungslos. Alle Menschen der Erde werden Brüder – so dichteten die liberalen Schriftsteller (Schillers Ode an die Freude). Die Unterschiede der Rasse, Sprache, der Moralvorstellungen usw. sind von untergeordneter Bedeutung im Hinblick auf die ökumenische Idee des Liberalismus. Prosaischer ausgedrückt: Der Tauschhandel in arbeitsteiliger Beziehung von immer mehr Menschen verbessert die Lebensbedingungen aller Marktteilnehmer.

„Nicht das Unheil, das einen Mitbürger trifft, wird für andere zur Quelle von Gewinn, sondern dass sie dieses Unheil mildern oder beheben. Die Seuche bringt dem Erkrankten Schaden, nicht der Arzt, der ihn von der Krankheit befreit. Der Gewinn des Arztes ist nicht durch die Seuche geschaffen worden, sondern dadurch, dass er sie zu bekämpfen weiß und bekämpft.“ (HA, 24.1)

Die liberalen Aufklärer sprachen von der Interessenharmonie. Heute drücken wir das anders aus: Die langfristigen Interessen aller Menschen sind die gleichen. Intensivierung der Arbeitsteilung bedeutet, dass wir von immer mehr Menschen, die zur Erzeugung unserer Produkte beitragen, abhängig werden. Spezialisierung bringt es mit sich, sich von einer Selbstversorgung zu entfernen und die Verbindung der Menschen untereinander zu verstärken. Alle sind von allen abhängig und bilden somit in eine Interessengemeinschaft. Das hochentwickelte Deutschland lässt sich den Großteil der Unterwäsche in China herstellen und liefert dorthin Lackierungsroboter. Es wäre unwirtschaftlich, selbst T-Shirts herzustellen, die in China zu einem Bruchteil der Kosten erzeugt werden können.

Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, um ihnen einen Übergang zu einem neuen eigenständigen Leben zu ermöglichen, ist Ausdruck einer humanistischen und kosmopolitischen Gesinnung. Es ist ein edler moralischer Zug, der auf dem Hintergrund, selbst auch in die Lage eines Flüchtlings kommen zu können, nicht uneigennützig ist. Auch Ludwig von Mises, Friedrich A. von Hayek und mit ihnen viele liberale Denker waren Flüchtlinge vor der Barbarei des Nationalsozialismus. John Locke musste nach Holland fliehen, Grotius floh in einem Bücherkasten aus dem Gefängnis, Voltaire floh nach England – die Liste verfolgter liberaler Flüchtlinge ist lang.

Die nationalen Grenzen als Störfaktoren der Weltökumene

Der unbehinderte Markt ist bei Mises ein zentrales Gedankenbild. Es ist in unserer heutigen Sprache das Modell eines idealen Marktes, in dem das Marktgetriebe durch keine politischen Hindernisse zu einer suboptimalen Tendenz umgelenkt wird. Es ist ein freies, sich selbst organisierendes und lernendes System, das nach einem Zustand höchster Effizienz beim Einsatz der knappen Produktionsfaktoren strebt und geleitet wird von den Bedürfnissen der Verbraucher. Störende Einflüsse sind Machtinterventionen in Produktion, Preise, Geldmenge, Zinssätze, Verbrauch, Einkommen und den Fluss von Waren, Kapital und Arbeitskräften. Das Idealbild setzt einen vollkommen neutralen Staat voraus und – stillschweigend – eine vollkommen friedliche offene entgrenzte Weltökumene. Dann intensiviert sich die Arbeitsteilung, erhöht sich die Ergiebigkeit der Arbeit durch Spezialisierung, siedeln sich die Produktionsfaktoren in einer optimalen Verteilung gemäß den geografischen Gegebenheiten an. Der Reichtumsgewinn für alle Erdenbürger wäre immens.

Dass in diesem Idealbild Gebietsgrenzen stören, ist selbstverständlich. Welchen Vorteil offene Grenzen für die Produktivitätssteigerung der Wirtschaft haben, lässt sich im europäischen Binnenmarkt studieren. Allein der Wegfall der Grenzkontrollen ermöglicht es, eine just-in-time-Produktion international aufzustellen. Das Ziel des liberalen Ideals ist die Schaffung eines allumfassenden Weltbinnenmarktes. Das ist nur ein anderer Ausdruck für Weltökumene. Die Folge wäre nicht nur die Erhöhung der Ergiebigkeit der Arbeit und eine globale Wohlstandsvermehrung. Es wäre auch eine Angleichung der Lebensstandards weltweit, mit anderen Worten, die Überwindung des Unterschieds von armen und reichen Ländern.

„In der lebenden und sich verändernden Wirtschaft haben die Löhne die Tendenz, sich zu den Gleichgewichtslöhnen hin zu bewegen; wenn keine weiteren Datenänderungen auftreten würden, müssten die Marktlöhne und die Gleichgewichtslöhne schließlich zusammenfallen. Die Anpassung erfordert Zeit.“ (HA, 21.8)
„Nehmen wir an, dass der Übertragung der Kapitalgüter und der Arbeiter von Ort zu Ort keine institutionellen Hindernisse im Wege stehen, dann wird, wenn die Arbeiter zwischen den Arbeitsorten nicht unterscheiden, in der gleichmäßigen Wirtschaft die Verteilung der Arbeiter über die Erdoberfläche der Abstufung der Ergiebigkeit der ursprünglichen naturgegebenen Produktionsfaktoren und der in der Vergangenheit mit dem Boden fest verbundenen Kapitalsanlagen entsprechen. Es gibt dichter und weniger dicht besiedelte Gebiete; die Lohnsätze sind ... tendenziell überall gleich hoch.“ (ebd.) Eine Intensivierung des Welthandels stärkt auch die Chancen auf die Erhaltung des Friedens, weil alle am Welthandel beteiligten davon profitieren und am Krieg verlieren. Doch muss dieser Zusammenhang begriffen werden. „Nur die höhere Produktivität der gesellschaftliche Arbeitsteilung vermag dauernden Frieden zu stiften. Sie überwindet den natürlichen Widerstreit der Interessen. Denn nun ist nicht mehr ein nicht vermehrbarer Vorrat an Gütern erster und höherer Güterordnungen zu verteilen.“ (HA, 24.3)

Die Konflikte in der Welt werden durch wirtschaftlichen Nationalismus verursacht

Die Konflikte in der Welt wurzeln, wie gezeigt, in den Bedingungen der Agrargesellschaften, die wirtschaftlichen Nationalismus begünstigen und eine soziale Hierarchisierung erzeugen, die als Triebkraft von Konflikten fungiert. Die heutigen Konflikte in der Welt werden nicht von den Märkten verursacht.

„Es ist freilich wahr, dass in der Welt, in der wir leben, Interessenkonflikte bestehen, die zu Kriegen treiben. Doch diese Konflikte entspringen keineswegs dem Getriebe der Marktwirtschaft. … Keiner dieser Konflikte wäre in einer unbehinderten Marktwirtschaft aufgetreten. Man denke sich die Welt als ein einziges Marktwirtschaftsgefüge, in dem das Marktgetriebe durch keinerlei Maßnahmen behindert wird, die es dem Einzelnen verwehren, sich als Unternehmer, Eigentümer oder Arbeiter so zu betätigen, wie er es für zweckmäßig erachtet, und man frage, welche von den sogenannten wirtschaftlichen Konfliktursachen in einer so beschaffenen Weltordnung übrigbleiben würde. Man stelle sich doch vor, was es bedeuten würde, wenn alle Menschen und alle Güter volle Freizügigkeit genießen würden, wenn überall auf Erden das Sondereigentum an den Produktionsmitteln streng durchgeführt wäre, wenn kein Staat und kein Gericht einen Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden machen würden, wenn es daher für jedermann gleichgültig wäre, wo die Grenzen zwischen den einzelnen Staatsgebieten laufen. Man stelle sich eine Welt vor, in der die Regierungen sich ausschließlich der Aufgabe widmen, Leben, Gesundheit und Eigentum der Individuen zu schützen gegen Gewalt und betrügerische Aggression. In einer solchen Welt sind die Grenzen auf den Landkarten gezogen, aber sie hindern niemanden daran zu verfolgen, was er glaubt, es werde ihn reich machen. Kein Einzelner ist an einer Ausdehnung der territorialen Größe seiner Nation interessiert, da er aus einer Vergrößerung keinen Gewinn ziehen kann. Eroberung lohnt sich nicht und der Krieg wird überflüssig.“ (HA 24.5)

Zum Erbe der Agrargesellschaften gehören auch die interventionistische und die sozialistische Wirtschaftspolitik. Interventionen des Staates in den Markt sind immer nationalistisch oder herrschaftlich motiviert. Sie zielen entweder darauf, die eigene Nation im Wettstreit mit anderen Nationen zu begünstigen (in Verkennung des Tauschprinzips) oder darauf, einzelne Gesellschaftsgruppen innerhalb der Nation gegenüber anderen zu bevorteilen (Hierarchieprinzip). Eine ideale liberale Nation würde sich wirtschaftspolitisch abstinent verhalten und auf das Tauschprinzip setzen, das den gesamten Kuchen größer macht und damit die zu verteilenden Stücke, während das nationalistische Prinzip das Gegenteil bewirkt, selbst wenn der eigene Anteil prozentual wächst.

„Der wirtschaftliche Nationalismus ist mit einem dauerhaften Frieden nicht zu vereinbaren. Doch der wirtschaftliche Nationalismus ist unvermeidlich, wo es staatliche Einmischungen in die Wirtschaft gibt. Der Protektionismus ist unverzichtbar, wo es keinen freien Binnenmarkt gibt. Wo sich die Regierung in die Wirtschaft einmischt, wird der Freihandel selbst kurzfristig die angestrebten Ziele der verschiedenen interventionistischen Maßnahmen verfehlen.“ (HA 24.5)

Durchsetzung der liberalen Ideen statt Abschaffung des Staates

Nationen sind eine historische Tatsache, die niemand abschaffen kann. Selbst wenn sich aus kleineren Nationen größere entwickeln, etwa aus den deutschen Kleinstaaten das Deutsche Reich in der Zeit von 1865 bis 1871, bleibt der Gedanke der nationalen Zugehörigkeit dennoch erhalten. Aus Württembergern wurden Deutsche, blieben aber noch für Generationen im Herzen Württemberger. Heute sind alle Deutschen sowohl Deutsche als auch landsmannschaftlich beheimatet. (Die vielen Einwanderergruppen identifizieren sich sowohl mit Deutschland als auch mit ihrer Ursprungsnationalität: die Türken, die Juden usw.) Wie tief verwurzelt der Nationalismus im Denken der Menschen ist, zeigt die Problematik des europäischen Integrationsprozesses, die nicht auf einem paneuropäischen Nationalbewusstsein basiert, sondern als Projekt der Regierungen von den Massen mit gemischten Gefühlen beobachtet wird. Der Liberalismus trägt dem nationalen Selbstbewusstsein der Massen Rechnung, indem er die Nationalstaaten nicht abschaffen, aber die Grenzen durchlässig gestalten will. Offene Grenzen sind keine Nichtgrenzen, sondern Durchlassregelungen für einen Weltmarkt auf der Grundlage völkerrechtlicher Verträge der Nationalstaaten.

„Der Liberalismus setzte seine Hoffnungen nicht auf die Abschaffung der Souveränität der verschiedenen Nationalstaaten, ein Wagnis, das zu endlosen Kriegen geführt hätte. Er strebt nach einer allgemeinen Anerkennung der wirtschaftlichen Freiheit. Wenn alle Völker liberal werden und begreifen, dass die wirtschaftliche Freiheit ihren eigenen Interessen am besten dient, wird die nationale Souveränität keine Konflikte und Kriege mehr erzeugen.“ (HA 24.5)

Der kulturelle Nationalismus als Hemmnis für Offenheit

Mises war gegenüber den Ängsten der Gastnationen vor einer Überflutung durch Einwanderer nicht unsensibel. Als Gelehrter mit jüdischen Wurzeln war ihm ein kultureller Nationalismus aber fremd. Liberale treten genuin für Toleranz ein, also für das friedliche Nebeneinander von unterschiedlichen Ideologien, Religionen, Nationalitäten. Die Idee einer deutschen Leitkultur, einer deutschen Volksseele und ähnliches sind romantische und reaktionär-konservative Positionen, die im Liberalismus keinen Platz haben. Der Liberalismus kämpft für eine Welt, wo Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe friedlich miteinander kooperieren. Die Konventionen von Tauschgesellschaften ermöglichen es ja gerade, dass Fremde in eine Handelsbeziehung miteinander treten. Für das friedliche Miteinander sind keine gemeinsamen Moralvorstellungen notwendig, es genügt die Anerkennung der zentralen rechtlichen Erfordernisse, wie zum Beispiel die Anerkennung des Eigentums des anderen, der Verbindlichkeit von Verträgen usw.

„Kosmopolitismus ist heute, da die antiliberalen Ideen die Welt beherrschen, in den Augen der Massen ein Vorwurf. Es gibt in Deutschland übereifrige Patrioten, die es den großen deutschen Dichtern, besonders Goethe, nicht verzeihen können, dass ihr Denken und Fühlen nicht national beschränkt, sondern kosmopolitisch gerichtet war. Man meint, dass zwischen den Interessen der Nation und jenen der Menschheit ein unüberbrückbarer Gegensatz bestehe, und dass derjenige, der sein Sinnen und Trachten auf das Wohl der Menschheit als Ganzes richtet, notwendigerweise die Interessen seines eigenen Volkes hintansetzt. Nichts ist verkehrter als diese Auffassung. So wenig wie derjenige, der auf das Wohl des ganzen deutschen Volkes hinarbeitet, damit die Interessen seiner engeren Heimat schädigt, so wenig schädigt ein Deutscher, der auf das Wohl der ganzen Menschheit hinarbeitet, seine Volksgenossen, d. s. die Mitmenschen, die ihm durch Sprache und Nachbarschaft und vielfach auch durch Abstammung und geistige Gemeinschaft näherstehen, in ihren besonderen Interessen. Denn so wie der einzelne daran interessiert ist, dass das engere Gemeinwesen, in dem er lebt, blühe und gedeihe, so ist er auch in demselben Maße an dem Gedeihen der ganzen Welt interessiert.“ (L, 94)

Wo Mises ein unüberwindliches Hindernis für offene Grenzen sah, lagen innenpolitische Verhältnisse vor, die mit denen des heutigen Deutschlands nicht zu vergleichen sind. Die Probleme der Einwanderung können sich als unüberwindlich herausstellen, wenn die Gastnation fremdenfeindlich ist. Der Jude spricht hier aus leidvoller eigener Erfahrung, wenn er vom Schicksal unterdrückter Nationalität oder unterdrückter Religionsgruppen in einem Land spricht, das sich nicht dem Gedanken der Toleranz verpflichtet fühlt.

„Der Stand dieser für das Schicksal der Welt wichtigsten Streitfrage, von deren befriedigender Lösung Sein oder Nichtsein der Zivilisation abhängt, ist also der: auf der einen Seite stehen Dutzende, ja Hunderte von Millionen Europäer und Asiaten, die gezwungen sind, unter ungünstigeren Produktionsbedingungen zu arbeiten, als es jene sind, die sie in den verschlossenen Gebieten finden können. Sie verlangen Öffnung der Grenzen des verbotenen Paradieses, weil sie sich davon Erhöhung der Ergiebigkeit ihrer Arbeit und damit höheren Wohlstand versprechen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die so glücklich sind, das Land mit den günstigeren Produktionsbedingungen bereits ihr eigen zu nennen. Sie wollen – soweit sie Arbeiter und nicht Besitzer von Produktionsmitteln sind – den höheren Lohn, den ihnen diese Stellung gewährleistet, nicht fahren lassen. Einmütig aber fürchtet die ganze Nation die Überflutung durch die Fremden. Sie fürchtet, dass sie einmal in ihrem Lande in die Minderzahl gedrängt werden könnte, und dass sie dann alle jene Schrecken der nationalen Verfolgung erdulden müsste, denen z. B. heute die Deutschen in der tschechoslowakischen Republik, in Italien, in Polen ausgesetzt sind. Man kann nicht bestreiten, dass diese Befürchtungen berechtigt sind. Bei der Machtfülle, die dem Staate heute zu Gebote steht, muss die nationale Minderheit von der andersnationalen Mehrheit das Schlimmste befürchten. Solange der Staatsapparat bei der Machtfülle belassen wird, die er heute hat und die ihm von der öffentlichen Meinung heute zuerkannt wird, ist es ein entsetzlicher Gedanke, in einem Staate leben zu müssen, dessen Regierung in der Hand Angehöriger einer anderen Nation ist. Es ist fürchterlich, in einem Staate zu leben, in dem man auf Schritt und Tritt der – sich unter dem Scheine der Gerechtigkeit verbergenden – Verfolgung durch eine herrschende Mehrheit ausgesetzt ist. Es ist fürchterlich, schon in der Schule wegen seiner Volkszugehörigkeit zurückgesetzt zu werden und vor jeder Gerichts- und vor jeder Verwaltungsbehörde Unrecht zu behalten, weil man nicht der herrschenden Nation angehört. … Es ist eben klar, dass die Lösung des Wanderungsproblems nicht möglich ist, wenn man an dem Ideal des vielgeschäftigen Staates, der sich in jede menschliche Lebensäußerung einmengt, oder gar an dem des sozialistischen Staates festhält. Die Durchführung des Liberalismus würde es ermöglichen, das Wanderproblem, dasheute unlösbar erscheint, zum Verschwinden zu bringen. Welche Schwierigkeiten könnten in einem liberal regierten Australien daraus entstehen, dass in einigen Teilen dieses Kontinents Japaner und in anderen Deutsche die Oberhand hätten?“ (L, 123ff)

Ich habe diese Stelle so ausgiebig zitiert, um zu zeigen, dass die politischen Einschränkungen, die der Liberalismus bei der Einwanderung macht, nicht von einer herbeifantasierten Gefahr der kulturellen Überfremdung durch die Einwanderer sieht, sondern in einer nationalen Unterdrückung der einwandernden Gruppen. Der kosmopolitische Standpunkt setzt auf eine funktionierende Rechtsordnung, auf freie Märkte und sieht in allen Menschen zuallererst Mitmenschen und Partner, nicht Konkurrenten und schon gar nicht Feinde. Die Diskussion über Gegengesellschaften, mangelnde Integration und die Brutstätten des Terrorismus in den Vorstädten der Metropolen müssen aus liberaler Sicht geführt werden auf dem Hintergrund dieser Forderungen: Einwanderer müssen sich wirtschaftlich selbst ernähren. Sie müssen sich der Rechtsordnung unterwerfen, aber sie müssen sich nicht kulturell assimilieren. Eine falsche Sozialpolitik, die Massenarbeitslosigkeit unter Einwandererjugendlichen erzeugt, ist die Ursache für die Fehlentwicklungen. An der gesellschaftlichen Arbeitsteilung aktiv teilnehmende und von ihr profitierende Ausländer werden rasch alles lernen, was dazu nötig ist, insbesondere Deutsch und die geltenden Gesetze. Sie werden zu höflichen und umgänglichen Mitbürgern, die unser Leben bereichern.

Der wirtschaftliche Nationalismus und der Kampf um knappe Ressourcen

Die Rohstoffe der Welt sind geografisch nicht gleichmäßig verteilt. Der kosmopolitische Standpunkt betrachtet alle wirtschaftlichen Ressourcen als Gemeineigentum der Menschheit. Es mag dem oberflächlichen Betrachter liberaler Prinzipien merkwürdig erscheinen, dass Bodenschätze der Ökumene zugeordnet werden und nicht dem Sondereigentum. Aber das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Auch hier müssen wir die Argumentation auf dem Hintergrund des Modells eines unbehinderten Weltmarktes begreifen. Ohne nationalistische Wirtschaftspolitik würden die Grundeigentümer diese Schätze entweder selbst auf dem Weltmarkt verkaufen oder ausländischen Investoren verpachten. Es sind erneut Staaten, die unter dem Einfluss von nationalistischen Wirtschaftsvorstellungen Bodenschätze zu Nationaleigentum erklären und damit monopolistische Spiele treiben. Die marxistischen und nationalistischen Kräfte in zahlreichen Rohstoffländern enteigneten die westlichen Unternehmen und verstaatlichten die Ölfelder und Raffinerien. Dies ist der Hintergrund des „Krieges um Öl“. Sie schaden mit dieser Politik allen Menschen, denn sie treiben die Preise künstlich in die Höhe. Ihre Politik ist von dem Prinzip des Nullsummenspiels geprägt, nicht vom Denken in Win-Win-Situationen. Erst vor wenigen Monaten gaben die Chinesen es auf, für Seltene Erden Monopolpreise zu verlangen. Die IT-Branche entwickelt neue Techniken, die ohne Seltene Erden auskommen. Dazu waren die künstlich überhöhten Preise eine Triebkraft. Der Wirtschaftsnationalismus hat sich ein weiteres Mal selbst geschadet.

„Das Prinzip der unbeschränkten Souveränität einer jeden Nation ist in einer Welt der staatlichen Einmischung in die Wirtschaft eine Herausforderung für alle anderen Nationen. Der Konflikt zwischen den Habenichtsen und den Wohlhabenden ist ein wirklicher Konflikt. Aber er tritt nur in einer Welt auf, in der jede souveräne Regierung die Freiheit hat, die Interessen aller Menschen – ihre eigene eingeschlossen – zu verletzen, indem sie die Verbraucher am Genuss der Vorteile hindert, die eine bessere Ausbeutung der Naturschätze ihres Landes ihnen gewähren würde. Es ist nicht die Souveränität als solche, die zu Kriegen führt, sondern die Souveränität von Regierungen, die nicht ganz auf die Prinzipien der Marktwirtschaft verpflichtet sind. (HA 24.5)
„Bis zum Durchbruch des Liberalismus lebten die Menschen vorwiegend von dem, was in der Gegend, in der sie wohnten, aus heimischen Rohstoffen erzeugt werden konnte. Die Ausgestaltung der internationalen Arbeitsteilung hat darin radikal Wandel geschaffen. Aus weiter Ferne eingeführte Lebensmittel und Rohstoffe sind zu Gegenständen des Massenverbrauchs geworden. Die Europäer könnten heute nur bei empfindlicher Herabdrückung der Lebenshaltung auf den Bezug von Erzen und Mineralien, von Wolle und Baumwolle, von Kaffee, Tee, Schokolade, Pflanzenfett, Früchten und von vielen anderen Artikeln ihres täglichen Verbrauchs aus den in anderen Weltteilen gelegenen Produktionsstätten verzichten. Ihre Lebensinteressen werden durch die protektionistische Handelspolitik der Länder verletzt, die diese Primärprodukte erzeugen.“ (ebd.)

Die Außenpolitik Putins setzt Erdgas als politisches Druckmittel gegen abhängige Länder wie die Ukraine ein. Innenpolitischer Autoritarismus und Wirtschaftsnationalismus bedingen sich gegenseitig, zum Schaden aller, auch der Russen.

Die Wanderung von Arbeitskräften und das Bevölkerungsgesetz

Menschen sind sesshaft. Sie sind meistens keine Nomaden und siedeln nicht gerne in andere Gebiete um. Wenn aber die Produktion von Nahrungsmitteln und anderen Verbrauchsgütern mit der Bevölkerungsentwicklung nicht Schritt hält, und dies ist häufig in unterentwickelten protektionistischen und nationalistischen Ländern der Fall, dann entsteht eine relative Übervölkerung des Gebiets. Wenn umgekehrt in einem Gebiet die Wirtschaftsentwicklung der Bevölkerungsentwicklung vorauseilt, entsteht eine Lage, die relative Untervölkerung genannt wird. Sie zeichnet sich durch einen Mangel an Arbeitskräften aus, die der relativen Übervölkerung durch einen Überschuss an Arbeitskräften. Sie leiden Not und haben niedrige Einkünfte, die übervölkerten Gebiete bieten hohe Löhne und einen Überfluss an Versorgung (in globaler Betrachtung). Wenn ein bestimmter Punkt des Leidensdrucks überstiegen ist, entschließen sich Arbeiter, aus relativ untervölkerten Gebieten in relativ übervölkerte auszuwandern. Sie suchen ihr Glück in der Ferne.

Deutsche wanderten im 18. Jahrhundert zu Tausenden nach Amerika oder in den Osten aus. Etwa 4,48 Mio kehrten nach 1950 als Spätaussiedler zu uns zurück. Es gab in der letzten großen Welle nach 1989 keine Bevölkerungsproteste und Diskussionen um Integration, obwohl es erhebliche Anpassungsprobleme gab und gibt. Die Schweiz war einst so arm, dass sie ein Auswandererland war. Die USA und Australien sind Nationen, die überwiegend aus Einwandern bestehen und noch immer Einwanderer aufnehmen. Ganz Europa ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Einwanderungsgebiet geworden. Es ist die Folge unseres Wohlstands und ein Glück.

„In der gesellschaftlichen Zusammenarbeit können unter den Mitgliedern der Gesellschaft Gefühle der Sympathie, Freundschaft und Zusammengehörigkeit entstehen. Diese Gefühle sind die Quelle der köstlichsten und edelsten Erfahrungen des Menschen. Sie sind die wertvollste Verschönerung des Lebens; sie erheben die Tierart Mensch zur Höhe einer wirklich humanen Existenz. Sie sind jedoch nicht, wie einige geglaubt haben, die Kräfte, die die gesellschaftlichen Beziehungen hervorgebracht haben. Sie sind Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit, sie gedeihen nur in ihrem Rahmen; sie gingen nicht der Einrichtung gesellschaftlicher Verhältnisse voraus und sind nicht die Saat, aus der sie entspringen.“ (HA, 8.1)

Die Wanderung von Arbeitskräften ist wirtschaftlich nur vorteilhaft für beide Seiten. Sie dient zur Steigerung der Produktion, zum Ausgleich der sozialen Unterschiede und zur Hebung des Wohlstands aller. Der Nettogewinn für alle Marktteilnehmer ist höher als die Nettokosten. Durch Einwanderer erzielen die Wirte eines Einwanderungsgebietes einen Zuwachs an Realeinkommen. Die Preise für Gebrauchsgütern sinken, was allen zugute kommt. Die Menge der produzierten Güter steigt überproportional zum Bevölkerungszuwachs, weil bisher brachliegende Produktionsfaktoren – die Arbeiter der untervölkerten Gebiete – nun produktiv werden.

„Dass Arbeit in Arbeitsteilung produktiver ist als isolierte Arbeit und dass der menschliche Verstand diese Wahrheit erkennen kann, sind die grundlegenden Tatsachen, die Zusammenarbeit, Gesellschaft und Zivilisation hervorbrachten und das Tier Mensch in ein menschliches Wesen verwandelten. Ohne diese Tatsachen wären die Menschen für immer Todfeinde geblieben, unversöhnliche Rivalen in ihrem Bestreben, einen Anteil an dem knappen Angebot an Nahrung zu sichern, das die Natur bietet. Jeder Mensch wäre genötigt gewesen, alle anderen Menschen als seine Feinde zu sehen; seine Sehnsucht nach Befriedigung seines eigenen Appetits hätte ihn in einen unverrückbaren Konflikt mit allen seinen Nachbarn gebracht. In einer solchen Lage hätte sich wahrscheinlich keine Sympathie entwickeln können.“ (ebd.)
„Nun stimmt es, dass bei einer vollkommenen Mobilität von Kapital und Arbeit auf der ganzen Erde eine Tendenz zur Angleichung des Preises bestünde, der für die nach Art und Qualität gleiche Arbeit gezahlt wird. Doch auch bei einem Freihandel für Produkte gäbe es diese Tendenz in unserer Welt der Migrationshindernisse und institutionellen Behinderung von Auslandsinvestitionen des Kapitals nicht.“ (HA 15.1)

Zusammenfassung

Ich habe versucht zu zeigen, dass der Liberalismus in all seinen Zügen kosmopolitisch und humanistisch eingestellt ist. Er denkt in globalen Maßstäben. Er sieht in Staatsgrenzen ökonomische Hindernisse, obgleich er Staaten als Notwendigkeit anerkennt. Sein Blick ist auf die grundsätzliche Interessenharmonie aller Menschen gerichtet, auf die langfristige Interessengleichheit aller Völker und Nationen. Ein weltumspannender Frieden ist nicht nur ein schöner Gedanke und Wunschideal, es besteht eine wirkliche Chance darauf, insofern es gelingt, die Kooperation der Menschen weltweit zu vertiefen. Der Kosmopolitismus ist nicht nur ein zufälliger, historisch überkommener Zug des klassischen Liberalismus. Er durchdringt die Österreichische Schule der Ökonomik bis in die tiefsten Gedankenbilder. Er ist Teilkalkül ihrer Kernidee des „unbehinderten Marktes“.

Eine Nation, die nach außen protektionistisch handelt, ist nach innen autoritär. Die Idee einer nationalen kulturellen Identität ist eine Chimäre. Die schönsten Märchen aus dem Grimmschen Volksbuch sind Erzählungen, die aus dem französischen Kulturkreis importiert wurden. Ideen sind nicht an Grenzen gebunden. Selbst in die Stacheldrahtgesellschaft der DDR verbreiteten sie sich unter den machtlosen Augen der Stasi. Menschen sind frei im Denken. Darum unterscheiden sich die Ideologien der Bürger voneinander und darum sind sie in ständigem Fluss. Gäbe es eine kulturelle Identität des Nationalen, wäre alle Hoffnung auf eine liberale Weltgemeinschaft nur eitles Wunschdenken. Die besseren Ideen verbreiten sich – auch in Kulturräumen, in denen es keine Gedankenfreiheit gibt, wie der islamischen Welt. (Leider verbreiten sich auch schlechte Ideen.)

Grundlage einer freien und friedlichen Gesellschaft ist vor allem der Gedanke des Rechts und der Toleranz. Wie einst die Preußen Hugenotten (und mit ihnen die deutschen Märchen) ins Land holten, nachdem das Toleranzedikt durch Ludwig den XIV. gekündigt wurde, diese freudig willkommen hießen und deren Beiträge zu Wirtschaft und Kultur uns bis heute bereichern, so sind wir Liberalen gehalten, Einwanderer aus anderen Kulturräumen willkommen zu heißen, sofern sie wirtschaftlich selbständig sind.

Die Offenheit gegenüber Einwanderung setzt aber auch voraus, dass das Gesellschaftsmodell Deutschlands neu durchdacht wird. Institutionelle Hinderungsgründe wie z.B. Mindestllöhne, die den Markteintritt von Neubürgern behindern, müssen beseitigt werden. Es ist unmöglich, Millionen Menschen zu staatlichen Mündeln zu machen, ohne dass dies zu Brutstätten von Gewalt und rechtsfreien Zonen führt. Integration bedeutet, dass sie produktiv werden, Steuern zahlen, sich selbst versorgen und das Recht anerkennen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, ist unabdingbar.

Zitate

Ludwig von Mises:

HA = Das Handeln des Menschen, 1949, nach der Ausgabe von Auburn, 1978, in meiner Übersetzung.

L = Liberalismus, Jena, 1927.

David Hume: Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, Stuttgart, 2002.

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

Weitere Zitate:

1. Die Konflikte in der Welt

„Würden die Menschen wie Tiere nichts anderes anstreben als Nahrung und Fortpflanzung, dann würde die Bevölkerungszahl die Tendenz haben, über das Optimum hinauszuwachsen. Doch die Menschen setzen sich auch andere Ziele, sie wollen nicht nur leben, sie wollen menschlich leben. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen führt daher wohl zur Erhöhung der Bevölkerungszahl, doch das Wachstum der Bevölkerung bleibt hinter der Erweiterung des Nahrungsspielraums zurück. Wäre dem anders, dann hätten die Menschen es nie vermocht, Gesellschaft zu bilden und Kultur zu schaffen. Wie für Ratten, Mäuse, Insekten und Mikroben würde für sie jede Verbesserung der Lebensbedingungen Vermehrung bis zur Grenze des Nahrungsspielraums bewirken, und es bliebe nichts für die Erreichung anderer Ziele übrig. Der Irrtum, der dem ehernen Lohngesetz zugrundelag, war eben der, dass es in den Menschen (oder zumindest doch in den Arbeitern) nur das Tierische sehen wollte, und dass seine Vertreter nicht bemerkt haben, dass die Menschen gerade dadurch vor den anderen Lebewesen ausgezeichnet sind, dass sie auch andere Ziele anstreben, spezifisch menschliche Ziele, die man, wenn man will, auch „höhere“ Ziele nennen darf.“ (HA, 24.2)
„Dass die Asiaten, obwohl auch bei ihnen die Anwendung moderner Hygiene und Infektionsbekämpfung die durchschnittliche Lebensdauer verlängert, die Geburtenregelung nicht in dem Umfang üben, in dem sie heute in den westlichen Ländern geübt wird, dass daher die Inder, Malayen, Chinesen und Japaner sich heute stärker vermehren als die Weißen, erfüllt sie mit Schrecken. Wird nicht, fragen sie besorgt, das Ende das sein, dass die Rassen, denen die Früchte der kapitalistischen Kultur, an deren Werden sie nicht mitgewirkt haben, als ein unerwartetes Geschenk in den Schoss gefallen sind, durch ihre stärkere Bevölkerungszunahme die Weißen schließlich erdrücken werden? … Diese Befürchtungen sind grundlos. Die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass alle Völker weißer Rasse auf die durch den Kapitalismus bewirkte Herabsetzung der Kindersterblichkeit und Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer sehr bald mit verschärfter Geburtenregelung reagiert haben. Gewiss, aus solcher Erfahrung lässt sich kein allgemeingültiges Gesetz ableiten. Doch die praxeologische Überlegung zeigt, dass zwischen den beiden Tatsachen ein notwendiger Zusammenhang besteht. Wo die Menschen auf die Verbesserung der Lebensbedingungen nicht durch entsprechende Einschränkung der Geburtenhäufigkeit reagieren, kann die Lebenshaltung auf die Dauer nicht gehoben werden. Der Gang der Zivilisation wird aufgehalten; die Menschheit erreicht ein Stadium der Stagnation.“ (HA, 24.2)
„Die Völker, die das System der Marktwirtschaft entwickelt haben und an ihm festhalten, sind in jeder Hinsicht allen anderen Völkern überlegen. Dass sie bestrebt sind, den Frieden zu erhalten, ist kein Zeichen ihrer Schwäche und Unfähigkeit, den Krieg zu führen. Sie lieben den Frieden, weil sie wissen, dass bewaffnete Konflikte schädlich sind und die gesellschaftliche Arbeitsteilung zerstören. Aber wenn ein Krieg unvermeidlich ist, beweisen sie ihre überlegene Effizienz auch in Militärfragen. Sie werfen die barbarische Aggression zurück, wie zahlreich sie auch sein mögen.“ (HA, 24.2)
„Der Widerstreit der Interessen, der zwischen den Marktparteien besteht, wird durch das gemeinsame Interesse an der Aufrechthaltung und Fortbildung der gesellschaftlichen Kooperation in Einklang der Interessen verwandelt. Gerade weil die Menschen gleiche Ziele anstreben, gerade weil sie ihre Nachfrage auf dieselben Waren richten, wird Produktion in arbeitsteiligen Verfahren möglich; der Wettbewerb der anderen macht so jedem Einzelnen die Erreichung seiner Ziele nicht schwieriger, sondern leichter. Weil viele, weil alle Brot, Kleider, Schuhe, Kraftwagen begehren, können diese Gegenstände im Großbetrieb so billig erzeugt werden, dass sie den Einzelnen erreichbar werden. dass mein Nachbar gleich mir Schuhe erwerben will, hindert nicht, sondern erleichtert meine Bemühungen Schuhe zu erlangen. Was die Erwerbung von Schuhen verteuert, ist das, dass die Natur den Rohstoff nicht reichlicher zur Verfügung gestellt hat und dass Arbeitsleid aufgewendet werden muss, um den Rohstoff in Schuhe zu verwandeln. Der Wettbewerb derer, die gleich mir Schuhe erwerben wollen, führt zur Verbilligung, nicht zur Verteuerung. Das ist der Sinn der Lehre von der Harmonie der richtig verstandenen Interessen.“ (HA, 24.3)
Dauerhafter Frieden kann nur der Auswuchs einer Veränderungen des ideologischen Denkens sein. So lange wie die Leute an dem Montaigne-Dogma hängen und glauben, dass sie nur auf Kosten anderer Nationen wirtschaftlich reicher werden können, wird der Frieden niemals etwas anderes sein als eine Periode zur Vorbereitung des nächsten Krieges.“ (HA 24.5)
„Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine Nation dauerhaft die Politik anderer Nationen tolerieren wird, die die Lebensinteressen ihrer eigenen Bürger verletzt. Nehmen wir an, dass die Vereinten Nationen im Jahr 1600 eingerichtet worden wäre und dass die Indianerstämme von Nordamerika als Mitglied dieser Organisation zugelassen worden wären. Dann wäre die Souveränität dieser Indianer als unverletzlich anerkannt worden. Ihnen wäre das Recht verliehen worden, alle Ausländer daran zu hindern, ihr Gebiet zu betreten und ihre reichen Naturschätze auszubeuten, die sie selbst nicht nutzen können. Glaubt jemand wirklich, dass irgendein internationales Abkommen oder eine Charta die europäischen Länder daran gehindert hätte, diese Länder zu betreten?“ (HA 24.5)

2. Die Wanderung von Produktionsfaktoren

„Der Arbeiter ist durch seine Herkunft, Sprache, Erziehung, Religion und Mentalität und durch die persönlichen Beziehungen zu seiner Familie und zu seinen Freunden örtlich gebunden, so dass er die Wahl des Arbeitsortes, die auch seinen Wohnsitz bestimmt, nicht nur im Hinblick auf die Lohnhöhe trifft.“ (HA 21.8)
„Man kann einen Teil der Erdoberfläche als relativ übervölkert bezeichnen, wenn der Marktlohn zuzüglich oder abzüglich der Ortsprämie dort niedriger ist als der Neutrallohn, und als relativ untervölkert, wenn der Marktlohn zuzüglich oder abzüglich der Ortsprämie dort höher steht als der Neutrallohn. Diese Ausdrucksweise wäre jedoch für die Erklärung der Gestaltung der Lohnsätze und des Verhaltens der Arbeiter nicht zweckmäßig. Aus dem so gefassten Tatbestand der relativen Über- oder Untervölkerung ergibt sich nichts, was das Handeln bestimmt. Es erscheint daher zweckmäßiger, die Begriffe der relativen Über- und Untervölkerung anders zu fassen. Als relativ übervölkert wollen wir einen Teil der Erdoberfläche bezeichnen, in dem der Marktlohn (M) niedriger ist als der um die Ortsprämie (O) vermehrte oder verminderte Neutrallohn (N) abzüglich oder zuzüglich der Lohnprämie (L), wo also M&xnbsp;kleiner als&xnbsp;(N&xnbsp;±&xnbsp;O&xnbsp;±&xnbsp;L). Als relativ untervölkert wollen wir einen Teil der Erdoberfläche bezeichnen, in dem der Marktlohn höher ist als der um die Ortsprämie vermehrte oder verminderte Neutrallohn abzüglich oder zuzüglich der Lohnprämie, wo also M&xnbsp;größer als(N&xnbsp;±&xnbsp;O&xnbsp;±&xnbsp;L). Stehen der Abwanderung und Zuwanderung von Arbeitern keine gesetzlichen Hindernisse im Wege, dann wandern Arbeiter von den übervölkerten Gebieten nach den untervölkerten, bis endlich überall der Marktlohn gleich ist dem durch Ortsprämie und Lohnprämie erhöhten oder verminderten Neutrallohn.“ (HA 21.8)
„Es ist unnötig zu bemerken, dass die Migrationen, die diese Lehrsätze beschreiben, nur vorkommen, insoweit es keine institutionellen Hindernisse der Mobilität an Kapital, Arbeit und Waren gibt. In dieser Zeit, die nach einer Zersetzung der internationalen Arbeitsteilung strebt und nach der Wirtschaftsautarkie jeder souveränen Nation, wirken die beschriebenen Tendenzen nur innerhalb der nationalen Grenzen.“ (HA 21.8)

3. Außenpolitik

„Das Ziel der inneren Politik des Liberalismus ist auch das seiner auswärtigen Politik: Frieden. So wie im Innern der Staaten so strebt der Liberalismus auch im Verkehr zwischen den Staaten friedliches Zusammenwirken an. Der Ausgangspunkt des liberalen Denkens ist die Erkenntnis des Wertes und der Wichtigkeit menschlicher Kooperation, und alles, was der Liberalismus plant und ins Werk setzen will, dient der Erhaltung des gegenwärtig erreichten Standes und dem weiteren Ausbau der wechselseitigen Kooperation der Menschen.“ (L, 93)
„Wenn der Liberalismus für jeden Menschen das Recht fordert, sich dort aufzuhalten, wo er es wünscht, so ist auch das keine „negative“ Forderung. Es gehört mit zum Wesen der auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln aufgebauten Gesellschaft, dass jeder dort arbeiten und dort verzehren darf, wo es ihm am besten dünkt.“ „Als der Liberalismus im 18. und 19. Jahrhundert aufkam, hatte er für die Freiheit der Auswanderung zu kämpfen; heute geht der Kampf um die Freiheit der Zuwanderung. Damals musste er gegen die Gesetze auftreten, die den Bewohner des flachen Landes verhinderten, in die Stadt zu ziehen, und die dem Manne, der sein Vaterland verlassen wollte, um sich in der Fremde ein besseres Schicksal zu zimmern, strenge Strafen in Aussicht stellten. Die Zuwanderung aber konnte sich damals im allgemeinen frei und ungehemmt vollziehen. … Heute ist das bekanntlich anders. Es fing vor einigen Jahrzehnten mit Gesetzen gegen die Einwanderung von Kulis und Chinesen an. Heute bestehen in allen Staaten der Welt, in die Einwanderung lockend erscheinen könnte, mehr oder weniger strenge Gesetze, die entweder die Einwanderung ganz verhindern oder doch sehr stark einschränken. Die auf Beschränkung der Einwanderung gerichtete Politik ist unter doppeltem Gesichtspunkt zu betrachten: einmal als Politik der Gewerkschaften, dann als nationale Schutzpolitik.“
„Die natürlichen Produktionsbedingungen und damit auch die Produktivität der Arbeit und sohin der Lohn sind in den Vereinigten Staaten günstiger als in großen Teilen Europas. Bestünde Freizügigkeit, dann würden europäische Arbeiter in großer Zahl nach den Vereinigten Staaten auswandern, um dort Arbeit zu suchen. Das wird durch die amerikanischen Einwanderungsgesetze außerordentlich erschwert. Damit wird in den Vereinigten Staaten der Arbeitslohn über dem Niveau erhalten, das er bei völliger Freiheit der Wanderung annehmen würde, in Europa aber unter dieses Niveau herabgedrückt. Auf der einen Seite gewinnt der amerikanische Arbeiter, auf der anderen Seite verliert der europäische Arbeiter.“ „Doch es wäre verfehlt, die Wirkungen der Freizügigkeitsbeschränkung nur vom Gesichtspunkt der unmittelbaren Wirkung auf den Arbeitslohn zu betrachten. Sie gehen weiter. Durch das relative Überangebot von Arbeitskraft in Gebieten mit weniger günstigen Produktionsverhältnissen und den relativen Mangel an Arbeitern in Gebieten mit verhältnismäßig günstigeren Produktionsverhältnissen wird in jenen die Produktion weiter ausgedehnt, in diesen mehr eingeschränkt als es bei voller Freizügigkeit der Fall wäre. Die Wirkungen der Beschränkung der Wanderungsfreiheit sind also ganz dieselben wie die eines Schutzzolles. Sie führen dazu, dass in einem Teil der Welt günstigere Produktionsgelegenheiten nicht ausgenützt werden und in einem anderen Teil der Welt weniger günstige Produktionsgelegenheiten ausgebeutet werden. Vom Standpunkt der Menschheit gesehen: Verringerung der Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit, Verminderung des der Menschheit zur Verfügung stehenden Güterreichtums. (L, 121)
Die Versuche, die Politik der Einwanderungsbeschränkungen vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu rechtfertigen, sind also von vornherein ganz aussichtslos. Die Einwanderungsbeschränkungen verringern, darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen, die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit.“ (L, 122)
„Wird die Einwanderung vollkommen freigegeben, dann werden sich von Europas übervölkerten Gebieten die Einwanderer in dichten Scharen nach Australien und Amerika ergießen. Sie werden so zahlreich kommen, dass mit ihrer nationalen Assimilation nicht mehr zu rechnen sein wird. Wenn früher die Einwanderer in den Vereinigten Staaten bald die englische Sprache und die amerikanischen Sitten und Gebräuche angenommen haben, so war dies zum Teil darauf zurückzuführen, dass sie nicht in so großer Zahl auf einmal hinüberkamen. Die kleinen Gruppen von Einwanderern, die sich über das weite Land verteilten, lösten sich schneller in dem großen amerikanischen Volkskörper auf, der einzelne Einwanderer war schon halb assimiliert, wenn die nächsten Einwanderer Amerikas Boden betraten. Eine der wichtigsten Voraussetzungen der nationalen Assimilation war die, dass die fremdnationalen Einwanderer nicht zu zahlreich kamen. Das werde sich jetzt ändern, meint man, und es bestehe die Gefahr, dass die Vorherrschaft oder richtiger gesagt Alleinherrschaft der angelsächsischen Nationalität in den Vereinigten Staaten gebrochen werde. Ganz besonders befürchtet man dies von einer starken Einwanderung asiatisch-mongolischer Elemente. “ (L, 123)

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