10. November 2015

Freiheit, Moral und Recht

von Helmut Krebs

Zweck dieser Untersuchung ist es, die Regeln der Gesellschaft in Klassen zu zerlegen und ihre jeweilige Funktion zu bestimmen. Krokodile jagen Artgenossen und fressen auch eigenen Nachwuchs. Möglicherweise dient ihr Kannibalismus dazu, das Populationswachstum zu begrenzen und damit dramatischen Hungerkatastrophen vorzubeugen – insofern lässt es sich als funktionell zweckmäßig interpretieren. Uns Menschen schaudert der Gedanke, wir würden ähnlich verfahren. Menschlicher Kannibalismus ruft heftigen Ekel, Entrüstung und kompromisslose moralische Verurteilung hervor. (1) Ein sprechendes Krokodil würde anders urteilen. Delfine sind auch Raubtiere. Als reine Fleischfresser jagen sie Wassertiere. Doch ihre Artgenossen jagen sie nicht und schon gar nicht ihre Nachkommen. Es wurde beobachtet, dass kranke Einzeltiere von Herdenmitgliedern an der Wasseroberfläche gehalten wurden, damit sie überleben. Wir nennen Delfine soziale Tiere und lieben sie, weil wir uns in ihnen wiedererkennen. Es wurde beobachtet, dass Elefantentanten ihre verwaisten Nichten und Neffen adoptieren. Die Affenliebe ist sprichwörtlich. (2) Doch berichtet die bekannte Forscherin Jane Goodall mit Entsetzen, dass dieselben Tiere, deren soziales Verhalten in der Horde sie studiert hatte und die sie darum liebte, ein Tier einer fremden Horde jagten, überwältigten, bei lebendigem Leibe zerrissen und auffraßen. (3)

Die Doppelnatur des Menschen

Der Blick auf andere Lebewesen sagt uns viel über unser tierisches Erbe. Es wirkt noch immer in uns. Sowohl aggressives als auch altruistisches Verhalten sind tierisches Erbgut des Menschen und bestimmen unsere Doppelnatur: Homo homini lupus est, (4) doch wir sind auch ein zoon politicon. (5) Die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens berücksichtigen diesen Tatbestand und überformen die Triebe oder Instinkte mit rationalen Regeln.

Nebeneinander und miteinander wirken zwei Triebkomplexe. Nennen wir sie A (wie Aggression, Appetit, Alpha-Tier) und B (Bindung, Brutpflege, beschützen). Aggression, Jagd, Krieg, Eroberung, Unterwerfung, Mordlust, Siegeswille, Triumph usw. sind atavistische und unausrottbare Verhaltensprogramme aller Menschen. Doch die Fähigkeit zur Bindung an einen anderen Menschen, zur Bildung von Paaren, Familien, Sippen und anderen Gruppen, erwächst ebenso aus ererbten Verhaltensprogrammen. Die Naturwissenschaft entdeckte die Spiegelneuronen, (6) in denen sie die physiologische Voraussetzung für Empathievermögen begründet sieht. Wir kennen Hormone, die starke Bindungsgefühle erzeugen, z.B. Oxytocin. (7) Alle gesunden Menschen sind sowohl A- als auch B-Wesen.

Sozialtheorien lassen sich danach unterscheiden, ob das zugrundeliegende Menschenbild Typ A oder B stärker beachtet. Hobbes wäre demnach ein Theoretiker der A-Richtung, Rousseau der B-Richtung. Sozialisten und Anarchisten betonen B, der Sozialdarwinismus ignoriert B, der Objektivismus (Ayn Rand) monopolisiert A. Der klassische Liberalismus bezieht sich auf beide Komponenten. Er geht von der Soziabilität des Menschen ebenso aus wie von der nicht hintergehbaren Tatsache und Notwendigkeit des egoistischen Handelns.

Das egoistische Handeln

Um leben zu können, essen wir andere Lebewesen. Das ist eine Notwendigkeit, die wir nicht ändern können. Auch die wachsenden technischen Möglichkeiten einer synthetischen Nahrungsproduktion ändern nichts daran, dass wir die Lebensbedingungen anderer Lebewesen verändern, um selbst zu leben. Wir müssen uns Güter aneignen oder unter Verwendung vorgefundener Rohstoffe Güter produzieren, um zu leben. Hunger ist ein Bedürfnis. Bedürfnis bedeutet so viel wie Mangel (bzw. Überfluss), den wir überwinden wollen. Unsere Bedürfnisse sind zahllos. Sie treiben uns zum Handeln. Wir sammeln, produzieren, tauschen, aber wir rauben und morden auch, um Bedürfnisse zu stillen. Auf einer höheren Entwicklungsstufe, wenn die basalen Bedürfnisse leichter befriedigt werden können, werden die Bedürfnisse raffinierter. Wir kultivieren unser Verhalten, verfeinern unsere Genüsse.

Handeln zielt auf das Erlebnis von Lust und die Vermeidung von Unlust. Unlust, in misesianischer Terminologie Unbefriedigtsein, kann sich in vielfältigen materiellen und ideellen Tatbeständen äußern, ebenso Lust. Doch in allen Handlungen wählen wir Handlungsziele, deren Vorstellung mit Lust verbunden ist. Selbst ein mehrfach vermittelter Zusammenhang von Handlungszielen und Handlungsmitteln, zum Beispiel bei einem freiwillig gewählten Märtyrertod, spielt sich vor dem Hintergrund einer Lusterwartung ab, hier etwa einer letztendlichen Belohnung in einem Paradies des ewigen Lebens. Niemals handeln wir, um die Unlust zu steigern und um Lust zu vermeiden.

Das Regulativ des egoistischen Verhaltens ist das Kriterium von Lust und Unlust.

Zweckrationales Handeln

Ludwig von Mises nannte den homo sapiens homo agens. (8) Wir handeln, um unsere Lage zu verbessern. Handeln bedeutet Eingreifen in die Umweltbedingungen, ihre Veränderung zum Zweck der Minderung von Unbefriedigtsein oder der Vergrößerung von Befriedigtsein. Ihr Antrieb ist Unlust, Unbefriedigtsein. Handeln ist praktisch. Es setzt Mittel ein, die geeignet erscheinen, die Ziele zu erreichen. Erreicht das Tun sein Ziel, waren die Mittel geeignet, wenn nicht, waren sie ungeeignet. Wir sprechen von Nutzen oder Schaden. Handeln ist zweckrational. Die Ziele sind immer subjektiv. Sie orientieren sich letztlich an erlebter oder antizipierter Lust und Unlust.

Ob die Ziele egoistisch oder altruistisch sind, ändert nichts an der Kategorie des Handelns, die immer gleich bleibt. Ihre Teilmomente – 1. Unbefriedigtsein, 2. Ziel- und Mittelwahl und 3. Durchführung – sind konstitutiv und konstant. In gewisser Hinsicht können wir behaupten, dass alles Handeln letztlich immer egoistisch motiviert ist. Denn immer ist das letzte Ziel die Verbesserung der eigenen Lage. Das gilt auch für altruistische Handlungen. Wenn wir ein schreiendes Baby auf den Arm nehmen und nach dem Mittel suchen, das sein Schreien beendet, so handeln wir im Interesse des Babys und also altruistisch. Doch schmerzt uns auch das Schreien selbst und wir suchen nach Abhilfe dieses Unbefriedigtseins – wir handeln also egoistisch. Die Unterscheidung zwischen egoistischem und altruistischem Verhalten ist auf der Ebene des Handlungsmotivs unerheblich und verwirrend. Es ist von außen ohnehin unmöglich, über die Handlungsmotive absolute Gewissheit zu erlangen. Was wir begreifen können, sind die Handlungsziele. Auf der Ebene der Handlungsziele ist jedoch die Unterscheidung klar und bedeutend. Ein Fußballspieler, der immerzu versucht, den Ball selbst ins Tor zu schießen, wird von seinen Mitspielern zurecht als Egoist getadelt. Darum ist eine Ideologie, die alles altruistische Verhalten zu egoistischem erklärt, ein Handel mit Plattitüden.

Das Regulativ des menschlichen Handelns ist das Kriterium des Nutzens (bzw. Schadens).

Handeln in Kleingruppen

Wir haben in den beiden voranstehenden Abschnitten Handeln von einzelnen Menschen untersucht. Subjekt und letzter Bezugspunkt war der Einzelmensch. Diese Sichtweise nimmt die Ökonomik durchweg ein. Mises spricht in seinem Hauptwerk „Nationalökonomie“ durchgängig vom Wirt im Singular. Wenn Gruppen ins Spiel kommen, so pocht Mises zurecht darauf, dass Gruppen nicht als Kollektivwesen handeln, sondern durch das Handeln der Einzelnen. Daraus kann das Missverständnis erwachsen, dass die Ökonomik den Menschen auf das Verhaltensprogramm A reduziert. An vielen Stellen weist Mises diese verengende Sichtweise zurück. Der Homo oeconomicus ist ein Zerrbild des Menschen. (9) Eine umfassende Handlungslehre geht vom Menschen aus, so wie er ist, und bezieht seine altruistischen Instinkte ein. In den folgenden Abschnitten berücksichtigen wir die Phänomene, die sich aus dem Verhaltensprogramm B ergeben.

Menschen sind keine Einzelwesen. Das isolierte Individuum ist ein Gedankenbild, das die Philosophie in der Betrachtung der Verstandestätigkeit zeichnet. Der denkende Mensch ist, weil er denkt. Cogito ergo sum. Doch Denken und Handeln sind Grundgegebenheiten aller gesunden erwachsenen Menschen. Auch sie verbinden das Einzelwesen mit den anderen. Wir können beobachten, dass Menschen Sprache instinktiv erwerben, wenn sie in einer Sprachumgebung aufwachsen, aber Wolfskinder sprachlos bleiben. (10) Wir kommen zur Welt als Teil einer Gemeinschaft. Die elementarste Gemeinschaft ist die Mutter-Kind-Beziehung. Die Erweiterung um den Vater konstituiert im Normfall die Kleinfamilie. Auf der Grundlage einer jahrelangen Brutpflege sind feste und positive Bindungen überlebensnotwendig. Berühmt wurde das Ergebnis eines Menschenversuchs von Kaiser Friedrich II. (1194–1250) an Neugeborenen, die alle leiblichen Bedürfnisse befriedigt bekamen, aber keine menschliche Körperberührung. Sie starben früh. Sensorische Deprivation führt zu Halluzinationen, emotionale Deprivation zu Depressionen. Bindung und Teilhabe am Leben sind soziale Grundbedürfnisse und bilden folglich ebenso Grundlagen egoistischer Handlungsmotive und Ziele wie die physiologischen Bedürfnisse der Nahrungszufuhr, des Schlafs usw.

Wir können folglich annehmen, dass die Bildung und Erhaltung von Bindungsgruppen (= Kleingruppen) ein ererbtes Interesse aller Menschen ist. Die Verhaltensweisen, die Kleingruppen bilden und stabilisieren, sind vielfältig. Wir zitieren einige zur Illustration. Beim Flirten beobachten wir Spiegelungen. Wenn Interesse am anderen besteht, wiederholt der eine die Gesten des anderen (Beine übereinander schlagen, Arme heben usw.). In Gemeinschaft beobachten wir das gesellige Lachen oder ansteckendes Gähnen. Kleingruppen geben sich Symbole, die sie nach außen kenntlich machen: Farben (Sporttrikots, Uniformen), Namen (Familiennamen). Sie praktizieren Rituale (Feiern, Zeremonien). Sie bilden gemeinsame Werte, Tabus, Heiligtümer, geben sich Hierarchien und Herrschaftsstrukturen, Einrichtungen zur Bildung und Erziehung des Nachwuchses, betreiben Totenverehrung und dergleichen mehr. Handlungen, die die Gemeinschaft bestätigen, sind gut, das Gegenteil ist schlecht. Die Lehren, die Gemeinschaften begründen, sind moralischer Natur. Sie bilden Wertesysteme und begründen sich aus der Überlieferung. Religionen sind große moralische Systeme, die umfassende Weltanschauungen einschließen.

Kleingruppen unterdrücken egoistisches Handeln nicht kategorisch. Sie fordern nach innen altruistisches Handeln ein und erwarten, dass der Egoismus sich dem Altruismus unterordnet. Nach außen handeln Gruppen anderen gegenüber aber genuin egoistisch. Das Verhaltensprogramm B bezieht sich nur auf die Nahestehenden. Die Fernstehenden genießen keine Empathie und keine Sympathie. Sie sind Konkurrenten und auf sie wird das Programm A angewandt.

Das Regulativ von Kleingruppen ist das Kriterium des moralisch Guten oder Bösen.

Die offene oder Großgesellschaft

Schon früh in der Menschheitsgeschichte begegneten sich Kleingruppen. In der Regel bedeutete dies Krieg und Raub. Der Aufstieg Roms begann mythologisch mit dem Überfall auf die Sabiner, der Tötung der Männer und dem Raub der Weiber. Es ist ein sehr langer Weg vom räuberischen zum händlerischen Verkehr. Die Wikinger begründeten den Osthandel erst nachdem sie jahrhundertelang raubend die Küsten und Flüsse unsicher gemacht hatten. Zu ihren ersten Handelswaren gehörten kriegsgefangene Sklaven. In der Kleingruppe wird nicht gehandelt, sondern verteilt und zugeteilt. Das Tauschen ist nicht in einzelne selbständige Akte eines do ut des zergliedert, sondern in langwierige Geschenkreigen. Wenn Freundinnen sich gegenseitig zum Geburtstag einladen und über ein Jahr verteilt, jeder jedem ein Geschenk macht, wodurch sich ein Ausgleich herstellt, so ist das ein kleingemeinschaftliches Verhalten. Es setzt eine dauernde Bindung voraus. Doch das Handeln unter Fremden erfordert fallweise abgeschlossene Züge und Gegenzüge. Man tritt zueinander, einigt sich über die zu tauschenden Güter, gibt hin, erhält zurück und trennt sich wieder. Tauschhandel unter Fremden funktioniert ohne Bindung und ohne Gruppenmoral, wenn rechtliche Regeln gelten: Freiwilligkeit, Vertragstreue und Haftung. Getauscht ist getauscht und Verträge sind einzuhalten. Mehr braucht es nicht. Solche rechtlichen Regeln entstehen zunächst als Konventionen, ein Prozess der Jahrhunderte dauern kann. Soll aber Tauschhandel zur Grundlage konstanter gesellschaftlicher Arbeitsteilung werden, so ist ein Rechtssystem erforderlich, dass aggressive Austragen von Konflikten verhindert. Aufgabe des Rechts ist es, den inneren Frieden zu erhalten. Deshalb muss das Recht gegenüber den Moralvorstellungen der Kleingruppen und den Einzelinteressen konsequent neutral sein. Recht wird Unrecht, wenn es moralisch einseitig wird. Denn eine offene Gesellschaft ist im Wesentlichen der Verkehr von Fremden auf der Basis von Tauschhandlungen. Eine Rechtsordnung setzt im Umgang der Kleingruppen miteinander Toleranz durch. Sie zwingt die Kleingruppen und ihre Mitglieder dazu, sich dem Recht und dem richterlichen Urteil zu beugen, auch wenn ihre Moral dem entgegensteht. Die Alternative sind Glaubenskriege, Bürgerkriege oder Dauerkonflikte, die die gesellschaftliche Zusammenarbeit unterhöhlen. Nehmen wir als Beispiel Schwangerschaftsabbrüche nach der Fristenregelung. Eine christliche Moral verbietet Abtreibungen generell; andere Auffassungen gehen vom Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren eigenen Körper aus. Die Fristenregelung führt einen verbindlichen Kompromiss ein, der den Streit beendet und Rechtssicherheit für alle Handelnden schafft. Die Fristenregelung ist gerecht, aber nicht moralisch.

Das Regulativ von Großgruppen ist das Kriterium des Rechts und Unrechts.

Zusammenfassung

Wir können die Unterschiede der bisherigen Abschnitte in einer Tabelle übersichtlich zusammenfassen.

 isoliertes Einzelwesenhandelndes EinzelwesenKleingruppeGroßgruppe
Bezugder eigene Körperder andere Einzelnedie eigene Gruppe Fremde
RegulativLust / UnlustNutzen / SchadenGut / Bösegerecht / ungerecht
BasisSelbstwahrnehmungZweckrationalitätIdeologieRechtsordnung

Unordnungen

Sozialtheorien, die die vier Bezugsebenen nicht klar trennen, erzeugen theoretische Unordnung. Der Sozialismus, stellte Hayek zurecht fest, strebt danach, aus den vorhandenen Großgesellschaften Kleingesellschaften zu machen. Die offene Gesellschaft soll in eine Parteidiktatur verwandelt werden. Der Nationalismus behandelt die Nation so, als wäre sie eine Kleingesellschaft. Er will eine nationale Leitkultur durchsetzen und Immigranten zur Assimilation zwingen. Er betrachtet andere Nationen als Konkurrenten und neigt zur Abgrenzung und Konkurrenz. Der Internationalismus ignoriert die Tatsache, dass sich Rechtsordnungen historisch auf der Grundlage von Nationalstaaten herausgebildet haben und dass deren Aushöhlung zugleich eine Schwächung des Rechtsprinzips zur Folge hat. Kleingruppen können wie Einzelwesen egoistisch handeln. Glaubensgemeinschaften sind genuin unfriedlich im Verkehr mit anderen. Sie müssen von der Rechtsordnung zur Toleranz gezwungen werden. Alle Sekten funktionieren als Kleingruppen mit ausgeprägten Hierarchien und Abgrenzungen nach außen, Anpassungsdruck nach innen und einer starken Anpassungsresistenz des Ganzen. Dies gilt auch für politische Sekten. Deren Programm erzeugt bewusst oder unbewusst eine Tendenz zur Durchsetzung der eigenen Gruppe gegenüber anderen und tendiert letztlich zur Oligarchie. Ohne Missionseifer sind Sekten zur Wirkungslosigkeit verdammt und verschwinden spontan durch natürliche Fluktuation.

Freiheit

Freiheit setzt voraus, dass Menschen selbst denken und dass sie in einer Rechtsordnung leben. Erst eine Rechtsordnung verschafft dem modernen Menschen den Schutz gegen die Willkür von Einzelnen, gegen aggressive Gruppen und einen despotischen Staat. Wenn Kleingruppen Einzelne auf der Grundlage einer starren Moral einbinden, geht dies zu Lasten der individuellen Autonomie. Es waren seit Alters her die informellen Freundschaftsbünde, die liberale Denker den Parteien und Kirchen vorzogen. Von Epikur und Aristoteles, über Hume und Kant bis zu Mises und Hayek mieden die großen Liberalen eine Unterordnung unter Parteidisziplin und Gruppenzwang. Sie waren häufig sozial sensible Charaktere (Smith vermachte sein kleines Vermögen den Armen) und keinesfalls rücksichtslose Egomanen. Ihr Denken kreiste um die Frage, wie Freiheit in Gemeinschaft möglich ist, wie A und B harmonisch miteinander verbunden werden können.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Eine „Ethik der Freiheit“ ist eine unordentliche Idee. Moral ist keine hinreichende Grundlage für Freiheit. Freiheit braucht zu ihrer Entfaltung eine Rechtsordnung, die sie schützt. Recht wird utilitaristisch begründet, d.h. von der Aufgabe her, den inneren Frieden zu stiften. In einer liberalen Rechtsordnung wird die Ethik, d.h. die Morallehre, der Privatsphäre zugeordnet, damit die individuelle Freiheit aller blühen kann. Morallehren sind Wertsysteme, Werte bleiben aber subjektiv und nicht rational verhandelbar. (11) Rechte sind hingegen universalisierbar, nützlich und können – ja müssen – daher rational verhandelbar sein.

Fußnoten:

(1) Ang Lee setzt sich in seinem Film „Das Leben des Pi“ mit der Problematik einfühlsam auseinander. Bedeutend ist auch das Gemälde „Das Floß der Medusa“ von Théodore Guéricault (1819).

(2) „Dass Schimpansen selbstlos sein können, liegt an ihrer sehr langen Kindheit. Die Jungen sind fünf Jahre lang mit ihrer Mutter zusammen. So entstand in der Evolution eine starke Fürsorglichkeit.“ Jane Goodall in einem Interview der ZEIT vom 18.08.2011 (http://www.zeit.de/2011/34/Forschung-Jane-Goodall)

(3) Ebd. „Es war ein Schock. Ich hatte gedacht, sie sind wie wir, nur netter. Die erste Ahnung, wie brutal sie sein können, bekamen wir, als eine Studentin eine Schimpansenmutter beobachtete und zusehen musste, wie ein Weibchen einer Nachbargruppe die Mutter angriff und ihr Baby umbrachte. Die Angreiferin sah zu, wie das Opfer an den Wunden starb; anschließend verspeiste sie das Kind. Dann kam ein vierjähriger Krieg. Eine Gruppe von Schimpansen, die bis dahin friedlich zusammengelebt hatte, teilte sich, und die beiden neuen Gemeinschaften kämpften ums Territorium. Wann immer die Männchen ein Tier der anderen Horde erwischten, brachten sie es um.“

(4) Der Mensch ist des Menschen Wolf.

(5) Gesellschaftswesen

(6) Spiegelneuronen sind Gehirnzellen, die bei Imitationen beteiligt sind.

(7) Marco Rauland: Feuerwerk der Hormone. Warum Liebe blind macht und Schmerzen weh tun müssen, Stuttgart, 2007, 118 ff.

(8) Human Action, Kap. I.2.

(9) „Es war ein grundlegender Irrtum der historischen Schule der Wirtschaftlichen Staatswissenschaften in Deutschland und des Institutionalismus in Amerika, die Wirtschaft nach dem Verhalten eines Idealtyps, dem Homo oeconomicus zu charakterisieren. Nach dieser Lehre befasst sich die traditionelle oder orthodoxe Nationalökonomie nicht mit dem Verhalten des Menschen, wie er wirklich ist und handelt, sondern mit einem fiktiven oder hypothetischen Bild. Es zeichnet ein Wesen, das ausschließlich durch „ökonomische“ Motive getrieben ist, d.i. einzig von der Absicht, den größtmöglichen materiellen oder monetären Gewinn zu erzielen. Ein solches Wesen findet und fand keine Entsprechung in der Wirklichkeit; es ist das Phantom einer fehlerhaften Lehnstuhl-Philosophie. Kein Mensch ist ausschließlich durch den Wunsch motiviert, so reich wie möglich zu werden; viele sind überhaupt nicht durch diese geizigen Gelüste beeinflusst. Es ist zwecklos sich auf einen solchen eingebildeten Homunculus zu beziehen, wenn wir uns mit dem Leben und der Geschichte befassen.“ Mises: Human Action, Kap. II.9.

(10) Vgl. Steven Pinker: Der Sprachinstinkt, München, 1996, 320.

(11) „Es gibt keinen Maßstab für größere oder geringere Zufriedenheit als individuelle Werturteile, die sich von denen anderer Menschen unterscheiden oder bei denselben Menschen zu verschiedenen Zeiten unterscheiden. Was einen Menschen Unzufriedenheit und weniger Unzufriedenheit spüren lasst, wird von ihm nach dem Maßstab seines Wollens und Wertens, von seiner persönlichen und subjektiven Bewertung aus festgestellt. Niemand ist in der Lage zu befehlen, was einen Mitmenschen glücklicher machen sollte.“ Mises: Human Action, I.2 (Über das Glück).


Erstveröffentlichung in Krebs/v. Prollius: Mythos Anarchokapitalismus

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