15. April 2015

Die Lebensmittelbörsengeschäfte und die Juso-Kampagne in der Schweiz

von Helmut Krebs

Die Schweizer Jungsozialisten haben eine Kampagne gegen den Handel mit Lebensmitteln an Terminbörsen gestartet. In der Autorenzeitschrift „schweizer monat“ geht Prof. Heinz Zimmermann den theoretischen und historischen Wurzeln dieser Initiative nach und rückt die Vorurteile zurecht.

Die Kritik an solchen Spekulationen ist schon erstaunlich alt. Aus dem Jahre 1904 ist uns eine Meinungsäußerung eines Bauernpolitikers bekannt, der die normalen Preisschwankungen von Lebensmitteln auf Börsengeschäfte zurückführt. Auch Benedikt XVI. sah einen Zusammenhang zwischen Turbulenzen auf den Finanzmärkten und Lebensmittelpreisen. Diese Meinung ist so fest im deutschen Denken verwurzelt wie falsch.

Die Animosität betrifft spekulatives Handeln an sich. Mit Werten dürfe nicht gespielt werden. Wirtschaften müsse redlich und solide sein. Der antisemitische Unterton früherer Zeiten gegen den Typus des jüdischen Börsenspekulanten wird politisch korrekt unterdrückt. Diese Meinung ist naiv. Jeder wirtschaftlich Handelnde muss spekulieren. Wirtschaftliches Handeln bezieht sich immer auf die ungewisse Zukunft, ja jedes Handeln überhaupt. Wer nicht spekulieren will, ist zur Passivität verurteilt. Wenn ein Produzent von Mode eine neue Kollektion auflegt, steckt er Kapital mit Hoffnung auf Gewinn und unter dem Risiko des Verlusts in eine Ware, deren Marktgängigkeit er nur spekulativ voraussehen kann. Auch der Bauer spekuliert, wenn er entscheidet, welche Feldfrüchte er dieses Jahr anbauen will. (In anderen Ländern ist der Spekulant übrigens weniger oder gar nicht negativ konnotiert.)

Bei den Termingeschäften handelt es sich um Wetten auf zukünftige Preise, die erstens der Kalkulierbarkeit von Geschäften dienen, also Handel erst ermöglichen bzw. begünstigen. Es ist ein Mittel des Großhändlers, mit dem er versucht, Geschäftsrisiken abzufedern. Implizit steckt in der Juso-Kampagne auch eine Voreingenommenheit gegen den Großhandel, wie analog bei solchen Initiativen wie „fairtrade“ usw. Nach diesen unrealistischen Vorstellungen muss ein mittelamerikanischer Bananenbauer nach Europa reisen, um für seine Waren Käufer zu finden. Die Zwischenhändler machen in Wirklichkeit die Preise für die Konsumenten billig, weil sie zum Aufbau einer scharfen Marktkonkurrenz beitragen, indem sie die Zahl der gleichzeitig im gleichen Markt Agierenden vermehren. Der Markt erzeugt einen Anpassungsdruck auf die Produzenten, der das Streben nach technologischen Verbesserungen und damit nach einer Erhöhung der Ergiebigkeit der Arbeit anreizt.

Zweitens handelt es sich um Wetten, die die Preise der Lebensmittel gar nicht berühren, weil nur deren Preise in abstrakter Weise Gegenstand von Geschäften werden, nicht aber die Waren selbst. Bei diesen Börsengeschäften werden Nullsummenspiele veranstaltet – was der eine gewinnt, verliert der andere. Was kümmert den Bauern oder den Verbraucher Gewinn und Verlust dieser Spieler? Sie könnten auch die Daten von Fußballergebnissen heranziehen. Es ist auch erstaunlich, dass Glücksspiele auf anderen Feldern nicht ebenso verpönt werden.

Wer gegen Termingeschäfte ankämpft, wird sich schwer tun, die allgemein üblichen und nicht angefeindeten Versicherungsgeschäfte zu tolerieren. Sie sind im Kern nichts anderes als Risikoabwälzungsgeschäfte wie die angefeindeten Lebensmittelspekulationen. Sie sind genauso spekulativ und damit ethisch gleichwertig.

Es ist übrigens durch empirische Studien ausreichend gesichert, dass die Behauptung, die kritisierten Geschäfte würden die Lebensmittelpreise verteuern, jeder faktischen Grundlage entbehren. Da müssen die Jusos und mit ihnen auch der Vatikan, der ins gleiche Horn tutet, nachsitzen.

http://www.schweizermonat.ch/subscription_visitor/der-spekulant (kostenpflichtiger Artikel)


pdfhome