23. Februar 2015

Thomas Meyer: Die neue Geldordnung

Buchbesprechung von Helmut Krebs

Buchtitel

Mayer stellt zu Anfang seines Buches einige Geldtheorien vor. Dabei überspringt er die klassische Ökonomie (A. Smith wird nur zum Schein erwähnt, nicht im Hinblick auf eine Geldentstehungstheorie), um gleich zu David Graeber zu kommen. Dieser entwickelt aber eine anthropologische, das heißt historische Geldtheorie, die keine theoretische Absicherung durch die Ökonomie genießt.

Vergleichen wir einige Beispiele Graebers zum Schuldgeld miteinander. Das Beispiel der Pazifikinsel Yap (S. 18) führt an, dass mit Mühlsteinen bezahlt wurde, die so groß waren, dass sie nicht transportiert werden konnten. Es muss gefragt werden, wie häufig Tauschhandlungen vorkamen, die mit diesem Zahlungsmittel beglichen wurden. Wie viele dieser Steine gab es überhaupt. Aus diesen einfachen Fragen wird rasch deutlich, dass es sich bei den Steinen nicht um ein Tauschmittel gehandelt haben konnte. Sie konnten höchstens bei seltenen sehr „teuren“ Gütern hingegeben werden. Es handelt sich um Zeugnisse der Verbundenheit, die im Zusammenhang mit Geschenken unter Verwandten als Symbole eingesetzt wurden. Geld war das gewiss nicht und was „getauscht“ wurde, waren auch keine Waren. Es gab keinen Markt. Solche gentilen Schenkungen sind bei vielen Stämmen bekannt. Sie dienen der Aufrechterhaltung der Verwandtschaftsbeziehungen insbesondere, wenn die Verwandten räumlich weit entfernt leben. Das Beispiel des Kerbholzes in England (S. 19) ist ökonomisch ein echtes Kreditgeld. Es beruht auf der Existenz von Münzgeld, das aber nicht nach jedem Kauf hingegeben wird, sondern zur Begleichung einer Rechnung für einen Zeitraum von in der Regel einem Monat. Kreditgeld ist hier abhängig vom Vorhandensein eines Warengeldes. Es ist aus ihm abgeleitet. Die Kaufkraft des Warengeldes bestimmt die Kaufkraft der Kerbe, bzw. die Kerben summieren die Stücke, die gekauft wurden. Ähnlich verfuhr man bei der Entlohnung von landwirtschaftlichen Bediensteten, nämlich in jährlicher Abrechnung.

Als Beweis dafür, dass Kreditgeld die Grundlage unseres heutigen Geldes ist, dienen beide Beispiele und auch die weiteren nicht. Die Tatsache, dass eine Institution älter ist, bedeutet nicht, dass aus ihr die spätere hervorging. Dies müsste erst noch ökonomisch nachgewiesen werden. Unser heutiges Kreditgeld ist ebenfalls aus dem Warengeld entwickelt worden. Es bezieht sich auf das Geld, das seine Einheiten eicht. Kreditgeld kann in Warengeld, bzw. in unser heutiges ungedecktes Papiergeld umgetauscht werden.

Graeber ist ein typisches Beispiel für den Fall, dass Wirtschaftshistoriker scheinbar aus den geschichtlichen Studien eine Theorie ziehen, die sie aber bereits vorher hatten und nun in ihren Studien „wiederentdecken“. Graebers Theorie ist im Kern die Silvio Gesells. Es wird irgendwie von den Banken ausgeschüttet, um Tauschakte zu ermöglichen und es gibt niemals genug, weil die Menschen zu viel sparen. Sie müssen durch Entwertung (Schwund) zum Ausgeben, d.h. zum Leeren der Kassen angereizt werden. Die Geldtheorie der Österreichischen Schule, zu der sich Mayer bekennt, wurde von Ludwig von Mises entwickelt und konsistent mit der Katallaktik und der Ökonomie überhaupt verschränkt. Diese Theorie wird von Mayer in seinem Einführungskapitel „Was ist Geld?“ leider nicht einmal erwähnt. Der Zusammenhang für das sich aus dem Geldgeld entwickelnde heutige Tauschmittel und dem heutigen Kreditgeld bleibt unbeleuchtet.

So kommt er gleich zur Darstellung der Geldschöpfung ex nihilo auf der Grundlage des fractional bankings, der Kreditexpansion. Die Kreditexpansion, d.h. die Ausgabe von nicht durch Einlagen oder durch Eigenkapital gedeckten Umlaufsmitteln per Kreditvergabe, macht heute den überwiegenden Teil der zirkulierenden Geldmenge aus. Es kann aber logisch nicht entstehen, ohne dass Bargeld, historisch Goldgeld, vorhanden ist. Nach Mises ist Geld eine Ware, ursprünglich die marktgängigste Ware überhaupt, die als Tauschmittel verwendet wird. Kreditgeld kann erst entstehen, wenn dieses echte Geld als Einlage oder als Eigenkapital der Banken vorhanden ist. Dies wird nun als Mindestreserve genommen, um daraus nach einer bestimmten Quote Kredit zu erzeugen, das als Buchgeld erscheint und weiter zirkuliert. Ohne Bargeld kein Buchgeld. Buchgeld ist gehebeltes Bargeld. Das Buchgeld kann als Einlage in die Passiva einer Bank zurückfließen und nun erneut gehebelt werden. Die wiederholte Hebelung führt zu einer sehr starken, aber letztlich begrenzten Erweiterung des Bargelds. Bei einer Mindestreserve von 1 % führt zu einer Vermehrung um den Faktor 100. Diese Ausführungen Mayers sind zweifelsfrei richtig.

So tritt im Beispiel (S. 33) ein Bankkunde auf, der 1000 Euro einlegt. Die weitere Darstellung folgt der buchungstechnischen Seite der Geldschöpfung im Zusammenspiel der Geschäftsbank mit der Zentralbank, die die Mindestreserve kontrolliert, und dem Kunden. Aber die Vorgeschichte bleibt im Dunkeln. Es ist nicht klar, woher die 1000 Euro, die der Kunde einlegt, herstammen. Sie sind natürlich letztlich in der Produktion erwirtschaftet. Die Erzeugnisse werden in Geld eingetauscht und dieses bei der Bank eingelegt. Aber dieses Geld kann ursprünglich, beim denkbar ersten Geldschöpfungsakt, nicht in der Bank ex nihilo geschaffen sein, weil dies ohne Mindestreserve vor sich gehen müsste. Geld kann nicht einfach nur gedruckt werden. Die Mindestreserve muss realwirtschaftlichen Ursprungs sein.

Daher liegt dem „Schuldgeld“ des heutigen Bankwesens das historische Warengeld zugrunde. Es ist nur als Hartgeld verschwunden, nachdem die Goldbindung abgeschafft wurde. Dies geschah dadurch, dass an Stelle der Goldmünzen Goldzertifikate (staatliche Banknoten) in Umlauf gebracht wurden, die denselben Dienst versahen wie die Goldmünzen. Sie waren jederzeit gegen physisches Gold eintauschbar und verkörperten ein bestimmtes unveränderliches Gewicht. Dann wurde sie per Gesetz nicht mehr eintauschbar gemacht, aber sie fungierten weiterhin als Tauschmittel wie vorher. In ihnen steckte eine virtuelle Kaufkraft auf der Grundlage von Konvention, Vertrauen und Gesetz, sie gegen Waren und Dienste in bestimmten Austauschverhältnissen einzuwechseln, um indirekte Täusche zu vermitteln. Das heißt, auch ohne Goldgarantie verkörperten sie reale Werte, die jeweiligen Waren, die gegen sie eintauschbar waren, mit anderen Worten, sie besaßen auch weiterhin eine historisch bedingte Kaufkraft. Die Austauschverhältnisse der Waren und Dienste gemessen in Geldausdrücken war vorhanden und das Papiergeld drückte sie ebenso aus wie das Goldgeld. Im Grunde war diese Aufhebung des Goldstandards ein Schurkenstück ohnegleichen, ein riesiger Raubzug auf die Golddepots, für die die Banknoten die berechtigten Forderungstitel verkörperten. Aber das Papiergeld führte dieselbe Funktionen aus wie die Goldmünzen, die indirekte Tauschwirtschaft brach nicht zusammen und tut es bis heute nicht.

Nur weil dieses ungedeckte Papiergeld bereits vorhanden ist und weil es zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt wurde und weil den Menschen keine andere Wahl blieb, als ihm weiterhin zu vertrauen, wird es möglich, dass es als Mindestreserve für die Erzeugung von Kreditgeld eingesetzt wird wie weiland Gold. Nehmen wir einen fiktiven Fall an, dass alle umlaufenden Kredite auf einmal zurückgezahlt werden, so bleibt dieses Papiergeld am Ende noch übrig. Es ist das Rudiment des ehemaligen Echtgeldes oder der Goldmünzen oder des Warengeldes, von dem sich das heutige Geldwesen ableitet und ohne das es nicht funktionieren könnte.

Darum ist die Definition des Geldes als Schuldgeld falsch. Schuldgeld ist sind nur die per Kredit geschaffenen Umlaufsmittel. Sie erweitern das bereits vorhandene, historisch und strukturell vorauszusetzende, Realgeld, das die Kaufkraft eines Tauschmittels der Realwirtschaft besitzt. Geld ist das gängigste Tauschmittel und eine Ware wie jede andere, wenn auch die marktgängigste. So wie früher die Menschen dem Gold, das außer seiner Tauschfunktion auch einen industriellen Nutzen hatte einen Wert beimaßen, so tun sie es heute dem Papiergeld, so lange wie es nicht erschüttert wird. Dann allerdings kann es, wie Erfahrungen zeigen, zu Altpapier zerfallen und der Goldraub ist abgeschlossen.

Thomas Mayer: Die neue Ordnung des Geldes. Warum wir eine Geldreform brauchen, München, 2014, 252 Seiten


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