2. Februar 2015

Moral und Recht

von Helmut Krebs

Moral ist ein Kanon von Geboten und Verboten des Handelns ist. Man kann, wie Kant, sie auch als einen Katalog von Maximen verstehen, die an ein allgemeines Generierungsprinzip zu knüpfen sind. Auf das handelnde Individuum bezogen, ist Moral ein Katalog von Geboten und Verboten und die Beurteilung, ob eine Handlung moralisch ist, erfolgt im Abgleich mit diesem.

Die Gebote und Verbote drücken Werturteile aus. Werturteile erzeugen Rangordnungen von Handlungsalternativen. Die Möglichkeit a wird der Möglichkeit b vorgezogen. Letztere wird c vorgezogen. Das Vorziehen und Zurückstellen erfolgt im Hinblick auf eine Kosten-Nutzen-Abwägung von Handlungszielen und Mitteln. Der höchste Gewinn nach „Abzug“ der Kosten, also der größte Nutzen, wird stets gewählt. Nutzen ist subjektiv und irrational. Er ist das Handlungsmotiv.

Gebote und Verbote des Handelns dienen dem Zweck, den größtmöglichen Nutzen des Handelns aller Mitglieder einer Gemeinschaft zu sichern. Sie sind hilfreich, weil die Handlungssituationen oft komplex sind. Sie stellen ein Verhaltensmuster zur Verfügung, von dem angenommen wird, dass es in schweren Entscheidungen in der Regel einen höheren Nutzen erwarten lässt, als ein anderes.

Nutzen ist aus Sicht des Handelnden subjektiv. Aber auch die Handlungspartner bewerten den Nutzen (oder Schaden) der Handlung des Einzelnen auf sich selbst. In dem Maße, wie die zur Entscheidung anstehenden Werturteile sich mit denen anderer Menschen gleichen, kann von einer moralischen Übereinstimmung ausgegangen werden. Wenn sowohl der Handelnde als auch die von seinem Handeln betroffenen anderen in den Wirkungen der Handlung mehr Nutzen als Schaden erkennen, beurteilen sie das Handeln als moralisch gut.

Wenn die Folge des Handelns von allen als nützlich bewertet wird (mehr nützt als schadet), spielt es keine Rolle, ob das Handelns eigennützig (egoistisch) oder gemeinnützig (altruistisch) motiviert verstanden wird. Letztlich handeln alle Menschen genuin eigennützig. Doch müssen die Handlungsziele auch im Hinblick auf die Folgen für andere bewertet werden, da diese auf den Handelnden zurückwirken. Wenn der Nutzen allgemein ist, findet das Handeln Zustimmung. Aus dieser erwächst ein zusätzlicher Nutzen. Anderen zu nutzen, bzw. altruistisch zu handeln, wird positiv bewertet. Es dient der Pflege der Gemeinschaft, von der die Einzelnen abhängig sind. Es wirkt sich als Vorleistung für altruistisches Handeln anderer aus. Es ist eine Investition in das Funktionieren der Zusammenarbeit in der Gemeinschaft.

Ein moralisches Urteil, das in Übereinstimmung mit dem eigenen Wollen erfolgt, nennen wir autonom, eines, das von einem anderen Wollen von außen an uns herangetragen wird und zur Übernahme ansteht, heteronom. Heteronome Morallehren lassen sich nicht widerspruchsfrei bestimmen. Da Moral immer auf Werturteilen beruht und diese immer subjektiv sind, sind heteronome Morallehren ein Widerspruch in sich und eine verhüllte Form eines Herrschaftsanspruch. Heteronome Morallehren postulieren ewige und absolute Werte. Dies ist in letzter Konsequenz ein konstruktivistischer und kollektivistischer Denkansatz. Individuen haben nur individuelle Werte, die zeitgebunden sind.

Recht nennen wir ein Kriterium für allgemeine Gesetze. Gesetze sind dann rechtlich (oder gerecht, was ein Synonym ist), wenn sie dem Verbot der Diskriminierung und Privilegierung genügen. Rechtliches Handeln ist Handeln in Übereinstimmung mit legitimen Gesetzen. Gesetze wiederum regeln den gesellschaftlichen Verkehr zwischen autonom Handelnden, denen sie eine Einschränkung ihrer absoluten Willkür zumuten, dafür aber die Chance erhöhen, in Frieden zu leben. Die wichtigste Funktion von Gesetzen ist die Erhaltung des gesellschaftlichen Friedens, also des Rahmens der arbeitsteiligen Gesellschaft. Die Funktion des Rechts ist es nicht, eine moralische Harmonisierung unter den Menschen zu erzeugen. Recht funktioniert auch zwischen Menschen unterschiedlicher Moralvorstellungen. Es ist eine der Hauptleistungen der Aufklärung, dass Moral und Recht getrennt werden. Die Gleichsetzung bildet die Grundlage für Glaubenskriege. Die Trennung begründet die Chance für eine friedliche arbeitsteilige Gesellschaft.

Ob wir Recht als moralisch gut bezeichnen, ist ohne Bedeutung. Da beide Begriffe in unterschiedlichen Kontexten spielen, also unterschiedlichen Denksystemen angehören, ist eine Verschränkung immer schwierig.


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