15. August 2014

Denken

von Helmut Krebs

1. Wahrnehmen bedeutet die Strukturierung von Sinnesreizen zu Einheiten. Durch die Unterscheidung der Sinnesreize erhalten sie ihre Identität, ihre Dinglichkeit. Dinge sind Wahrnehmungseinheiten, deren Funktion aus ihrem Kontext hervorgeht. Es gibt Dinge, die konkrete Sachen bedeuten und solche, die Tätigkeiten oder Beziehungen bedeuten. Tätigkeiten sind Beziehungen von konkreten Dingen. Es sind Sachverhalte.

2. Die Wahrnehmungseinheiten werden ins Gedächtnis gespeichert, erinnert und mit anderen Wahrnehmungseinheiten in kategoriale Bezüge gebracht. Wahrnehmungseinheiten sind entweder unmittelbar mit der äußeren Welt kontextuell verknüpft oder Vorstellungen in Abhängigkeit von früheren Kontexten. Vorstellen bedeutet, das Stellen von im Gedächtnis gespeicherten Wahrnehmungseinheiten ins Bewusstsein, Erinnern, virtuelles Wiederholen von Wahrnehmungen. Das Vorstellen von konkreten Sachen und Sachverhalten nennen wir mimetisches Denken.

3. Kategorien sind Strukturmerkmale von Ordnungen der Wahrnehmungseinheiten. Es sind die Formen der Beziehungsmöglichkeiten der Wahrnehmungseinheiten und der Begriffe.

4. Denken im Alltagssinne, mit anderen Worten: mimetisches Denken bedeutet die Ordnung der Wahrnehmungen unter Bezug auf das Gedächtnis. Mimetisches Denken gibt den Wahrnehmungseinheiten eine Ordnung, indem es sie als Vorstellungseinheiten systematisiert.

5. Sprache kann die Ordnung der Vorstellungseinheiten in der Form von Wörtern und Sätzen verdoppeln. Die Zuordnung der Wörter zu Vorstellungseinheiten nennen wir Begriffe. Sprechen über mimetisches Denken ist grammatikalisch. Es gibt zwei Typen von Begriffen: Nomen und Verben. Nomen bedeuten konkrete Sachen, Verben bedeuten Tätigkeiten und Beziehungen von konkreten Sachen. Alle anderen Wortarten sind ihnen zu- und untergeordnet.

6. Denken im philosophischen Sinne ist Nachdenken über mimetisches Denken auf der Grundlage von Begriffen. Philosophisches Denken hat stets Sprache zum Gegenstand. Es ist das Begreifen der Begriffe. Sie gibt den Begriffen eine Ordnung und bildet eine Metasprache aus. Die philosophische Sprache bezieht Nomen und Verben auf formale Gegenstände. Sie bildet Abstrakta, das sind Klassen von Begriffen. Eine Ordnung von Begriffen nennen wir eine Theorie.

7. Verstehen, genauer thymologisches Verstehen, bedeutet, das Handeln eines Menschen innerlich mimetisch simulieren zu können (Vorstellung) oder es äußerlich mimisch und sprachlich darstellen zu können (Darstellung). Verstehen ist auf Wiederholung gegründet. Verstehen ist Erleben. Begreifen bedeutet, einen Tatbestand zu klassifizieren, ihm einen Platz im Ordnungssystem der Begriffe zuzuweisen. Seine Unterordnung unter eine Oberklasse heißt, deren Gesetze für ihn geltend machen. Begreifen ist logisch.

8. Alle Lebewesen können auf Sinnesreize reagieren. Tiere können wahrnehmen. Höhere Tiere können mimetisch denken und rudimentär Sprache verstehen und anwenden. Nur Menschen können philosophisch denken und nur wenige Menschen üben das philosophische Denken.

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