10. November 2016

Von der bipolaren zur polyzentrischen Weltordnung

von Helmut Krebs

Weltkarte politisch

Grafik: http://kartenprojektionen.de/

Im 20. Jahhundert unternahm Deutschland den Versuch, die Ergebisse des imperialistischen Zeitalters zu korrigieren, das es auf die Plätze hinter Großbritannien, Frankreich, den USA und sogar hinter Russland verwiesen hatte. Es glaubte – wie auch Japan – an eine Chance auf ein Weltmachtmonopol. Doch alle Zentralisierung der Mittel und Brutalisierung des Handelns reichten nicht aus. Es wurde zu Schutt und Asche gebombt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete sich eine bipolare Welt zwischen dem Westen und dem sozialistischen Lager, d.h. dem russischen Imperium heraus. Als aber auch die zweite Spielart des „Sozialismus“, der russische Staatsdirigismus an seiner Überbürokratisierung scheiterte, als die Planwirtschaft die Länder in trostlose Einöden verwandelt hatte, verloren die Einschüchterungen der herrschenden Klasse ihre Durchschlagskraft und der Sozialismus implodierte. Seit 1989 stand die Welt unter dem Machtmonopol der USA.

Aus Sicht der anderen Nationen war diese Ordnung problematisch. Alte Kulturräume wie China, der Iran oder Indien/Pakistan konnten sie nicht als der Weisheit letzter Schluss begrüßen, während das westliche Europa und Japan wie auch Australien und Kanada sich als Trittbrettfahrer der militärischen Kraft ihres Hauptverbündeten glücklich schätzten.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Erde findet vor allem als stürmisches Aufstreben des asiatischen Raums statt. Heute liegt China im Bruttoinlandsprodukt vor den USA an der Weltspitze und Indien hält vor Japan den dritten Rang. Es ist nur eine Frage von wenigen Jahrzehnten, dass die asiatischen Länder en gros den Westen auch in relativen Zahlen einholen, in der Wirtschaftskraft pro Kopf. Schon heute befinden sich von den zehn größten Containerhäfen sieben in Ostasien und keiner in Europa. Die USA ist mit ihrem pazifischen Los Angelos im Rennen auf Platz neun. In Folge dieser Globalisierung verschieben sich die Machtfaktoren. Wir erleben im Augenblick die Herausbildung einer polyzentrischen Ordnung. Es sind die drei Ozeane, die ihr die Gliederung aufdrängen. Der pazifische Raum wird beherrscht von den USA, China und Japan. Nebenrollen spielen Australien und die Tigerstaaten. Der indische Raum wird von den islamischen Ölproduzenten und Indien dominiert, das mit Pakistan in Konkurrenz steht. Der atlantische Raum allein bleibt dem Westen, den USA und den europäischen Länder. Diese wiederum teilen sich in die EU-Länder (einschließlich GB) und Russland. Daneben treten quasi als Fürsten in zweiter Reihe Regionalmächte wie die Türkei, Brasilien, Südafrika oder Russland auf.

Was wir auf den ersten Blick als Rückkehr eines Chaos beargwöhnen, ist tatsächlich ein logischer Prozess, der einen verwandten in Europa am Beginn der Moderne findet. Damals wurde die mittelalterliche großräumige Ordnung Europas unter Kaiser und Papst durch Nationalstaten abgelöst, die zusammenhängende Territorien bildeten: Frankreich, England, Schottland, Spanien, Holland und andere. Es brauchte einige Jahrhunderte und hundert Kriege, bis sich ein vereintes Europa als Idee durchsetzen konnte. Wir befinden uns auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung, die in Einflussgebiete von Großmächte gegliedert sein wird.

Europa kann seine Erfahrungen einer friedlichen Integration beisteuern. Die Menschen aller Erdteile wollen keinen neuen Weltbrand. Allerdings werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass die Zeit, bis sich die neue Ordnung durchsetzt, von diplomatischen Konflikten durchgerüttelt werden wird.

Wenn der neue amerikanische Präsident Donald Trump davon spricht, Amerika wieder groß machen zu wollen und gleichzeitig auf seinen Beitrag zur Friedenssicherung und deren Kosten verweist, so ist dies nur scheinbar ein Widerspruch. In seinen Worten drückt sich die Anerkennung der heutigen Realität aus, die lapidar gesagt, darin besteht, dass Amerika kein Weltpolizist mehr sein kann. Die von Trumps Anhängern bejubelte neue Größe Amerikas wird eine solche neben anderen Größen sein, nicht über ihnen. Wir Weltbürger müssen lernen, polyzentrisch zu denken und zu handeln. Herablassung und Ignoranz gegenüber China (wir erinnern uns an die „Schlitzohren und -augen“ von Herrn Öttinger) ist ebenso daneben, wie die Absicht, Russland oder den Iran durch Wirtschaftssanktionen zu bestrafen. „Bestrafen“ sollte aus unserem Wortschatz verschwinden. Vielmehr müssen wir uns auf einen langsamen und windungsreichen Prozess der Diplomatie einstellen, in dem die regionalen Konflikte konsensuell beigelegt werden, während wir den Handel fließen lassen. Doch sind Diplomaten bekanntlich wirkungslos, wenn die von ihnen vertretenen Staaten militärisch schutzlos sind.

Europa wird einsehen müssen, dass es im eigenen Interesse aber auch im globalen nicht darum herumkommt, sich zu zentralisieren, um mit einer Stimme am Tisch der Diplomatie zu sitzen. Der Wirtschaftsraum ist noch immer der größte weltweit und bevölkerungsmäßig doppelt so groß wie die USA. Der Euro ist eine internatinale Devisenreserve. Aufgrund der geographischen Lage als Anhängsel des eurasischen Kontinents am atlantischen Ende reiben sich die übrigen Erdbewohner verwundert die Augen, wenn sie die Kakophonie der europäischen Duodezfürsten hören.

Die EU muss zu einem Vollstaat werden. Das bedeutet, dass die Machtübertragung vom Volk auf die Regierung in verfassungsmäßiger demokratischer Form erfolgt: durch Wahlen zu einem Parlament, das die Exekutive einsetzt und kontrolliert. Ein europäischer Zentralstaat muss sich auf die Kernaufgaben der Sicherheit und Rechtsordnung konzentrieren und die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Momente in flexiblen Vertragswerken regeln, denen die Nationalparlamente zustimmen, kurz föderal. Europa muss für seine Sicherheit selbst sorgen können, braucht eigene zentralisierte Streitmächte, die in NATO-Partnerschaft für eine atlantische Friedensordnung sorgen. Dies ist besonders im Hinblick auf die Machtgelüste Russlands vonnöten, das sich von einem zersplitterten Westen zu kriegerischen Abenteuern herausgefordert wähnt.

In diesen Tagen reden sich die Kommentatoren die Köpfe heiß, weil sie mit der Präsidentschaft Trumps Schreckensszenarien verbinden. Ich sehe die Zukunft gelassener. Italien hat einen Berlusconi verkraftet, der die Blaupause für Trump abgab. Auch die USA kommen mit der populistischen Revolte zurecht, die im Kern eine Ohrfeige für die Arroganz des linken Establishments ist, eines Machtklüngels, der die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat. Die Beziehungen der Nationen werden konfliktreicher und vielfältiger werden, doch gibt es außer einem drittklassigen nordkoreanischen Staat keinen echten Kriegstreiber weltweit. Wenn China zur Wirtschaftsmacht Nr. 1 aufsteigen konnte, dann wegen seiner Containerhäfen, die Waren in alle Welt versenden, die in China produziert wurden. Globalisierung bedeutet, dass die wechselseitige Abhängigkeit sich bis zu einem Grad steigert, dass es im Kriegsfall nur Verlierer geben kann. Diese Erkenntnis ist den chinesischen Machthabern bewusst, und auch Donald Trump.

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