30. Dezember 2015

Linkssein als romantische Jugendphase

von Helmut Krebs

Zeltlager des TuS Wieblingen mit Gruppengesang

Zeltlager eines Turnvereins

„Es war eine Melange aus Lektüre der in den fünfziger und sechziger Jahren beliebten Halbstarken-Literatur (Jack Kerouac „On the road“) mit Che-Guevara-Romantik und dem Traum von einer langen Fahrt im Greyhound-Busse durch die Weiten der USA. Bemerkenswert daran ist, dass das Linkssein damals viel mehr mit einer diffusen Sehnsucht nach Freiheit und Befreiung zusammen ging als mit dem heute geläufigen Pathos von Gleichheit und Gerechtigkeit.“ (Nikolaus Piper)
„… die Erfahrung der Gemeinschaft, die man bei den Falken vor allem in den sommerlichen Zeltlagern machen konnte.“ (Hans Werner Sinn)

Rainer Hanks Blog in der FAZ „What’s left. Muss links sein, wer für eine gerechte und soziale Welt eintritt? Eine Debatte über neue Haltungen und alte Weltanschauungen“ (link) wurde durch einen Eigenbeitrag über die Erinnerungen von bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über ihre linke Sozialisation bereichert. Ihm fällt auf, dass die Ideale und Wunschbilder der linken Jugendlichen weniger mit den Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit verknüpft sind, als mit dem Wunsch nach Austritt aus der Enge der Kindheit, brüderlicher Gemeinschaft und Freiheit. Das Zeltlager war für viele der früheren Linken und heutigen Liberalen der Inbegriff dieser Gegenwelt eines Kommunismus der Liebe und Gemeinschaft. Die Jugendgruppe diente als Ersatz der Familie. Die materielle Versorgung machte wenig Kopfzerbrechen. Schon die Apostelgeschichte berichtete von einem Urkommunismus des Christentums: „Alle Gläubiggewordenen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie unter alle, je nachdem einer es nötig hatte.“ (Apg 2,44f) Es gab einfach genug zu essen, es gab Zelte und Feuerholz konnte aus dem Wald angeschleppt werden. Die Früchte der Arbeit (etwa das Holzsammeln) kamen allen zugute und das sollten sie auch. Die external economics (die Trittbrettfahrereffekte) waren nicht nur geduldet, vielmehr ausdrücklich erwünscht. Allerdings setzte man stillschweigend voraus, dass jeder arbeitete und external economics für andere erzeugte. Gemeinsam arbeiten, leben, lieben.

Liest man die Schriften der kommunistischen Autoren, so haben sie nicht viel mehr an kommunistischer Ökonomie zu bieten als die Zeltlagerutopie. Die von ihnen erträumten Kommunen kennen keine Knappheit wirtschaftlicher Güter. Sie reflektierten nicht, dass Menschen eigennützig sind. Sie ziehen nicht in Betracht, dass Neid und Eifersucht Gemeinschaft zerstört. Sie gehen naiv davon aus, dass die Laster der Menschen nur in privatwirtschaftlichen Gesellschaften auftreten, und glauben, dass sie in kommunistischen Gemeinschaften als Übergangsproblem verschwinden werden.

Die Naivität der kommunistischen Vorstellungen ist frappierend. „Zeltlager“ werden von einem Unternehmen (z.B. dem CVJM oder den „Falken“) durchgeführt. Die Teilnahme muss durch einen Unkostenbeitrag erstanden werden. Die Lebensmittel werden vom Organisator auf dem Markt eingekauft und dann, scheinbar kostenlos, zur Verfügung gestellt. Es sind Konsumveranstaltungen, die Arbeit nur als Lagerarbeit kennen, als quasihäusliche Tätigkeiten. Zeltlager sind keine Modelle einer Subsistenzwirtschaft. Sie verzehren, was von anderen vorher erzeugt wurde. So unglaublich es klingt, aber mehr an Weisheit ist aus dem Kommunismus nicht zu gewinnen.

Gemessen am Leben in der Familie ist das Lagerleben ein Rückschritt an Komfort. In unserer hochentwickelten Gesellschaft sind Lebensmittel für die meisten im Überfluss vorhanden. Jeder wird satt und kann so viel essen, wie er mag. Das Prinzip „Jeder nach seinen Bedürfnissen“ ist längst Wirklichkeit geworden. In der Zurücknahme von Komfort drückt sich die Idee aus, dass für alle genug vorhanden wäre, wenn diejenigen, die viel haben, weniger verzehren und den Überfluss mit Ärmeren teilen würden. Bis zu Ende durchdacht, würde die Nivellierung der Einkommen im Weltmaßstab zu einem Einkommensverlust bei uns in Höhe von vielleicht 75 % führen. Im Lagerleben wird vorgespielt, dass dies keine Illusion ist. Alle sind glücklich, wenn sie nur ihr eitles Streben nach Luxus fallen lassen. Die Frage, was aus dem Lager eigentlich wird, wenn die Vorräte verzehrt und die Geldreserven verbraucht sind, tritt nie auf, weil die Lager mit dem Ende der Ferien aufgelöst werden.

Wir ökonomisch geschulten Liberalen können aus der Zeltlagerwirtschaft nichts Neues lernen. Aber darum geht es auch nicht im Blog Rainer Hanks. Er und seine Mitautoren spüren der Frage nach, wie linke und liberale Denkweisen miteinander verwandt sind. Warum sind Jugendliche in ihrer Jugend links und nicht liberal? Seine Antwort lautet: Das, was wir als linkes Gedankengut bezeichnen, ist tatsächlich urliberales Fühlen und Werten. Es ist im Kern freiheitlich. Jenseits aller ökonomischen Verblendung drücken sich in ihrem Denken nicht planwirtschaftliche und schon gar nicht totalitäre Herrschaftsvisionen aus, sondern ein Drang zur Freiheit und zu Selbstbestimmung des sich aus der familiären Welt emanzipierenden Menschen.

Ich habe in einem Aufsatz versucht, die gemeinsame Wurzel der Linken und der Liberalen ideengeschichtlich herauszuarbeiten. („Der Unterschied zwischen der Rechten und der Linken und warum ich weder das eine noch das andere bin“ in Forum Freie Gesellschaft). Die Wurzeln verzweigen sich bei Rousseau und Hume. Ersterer entwickelt einen extremen Egalitarismus, eine Ideologie, die auf die Nivellierung der materiellen Lebensverhältnisse hinzielt, während letzterer die faktische Ungleichheit der Menschen von Geburt an konstatiert und akzeptiert.

Hank geht derselben Frage nach, indem er die gemeinsamen Wurzeln in der Persönlichkeitsentwicklung entdeckt. Er plädiert dafür, dass eine Menge Gedankengut, die Liberale heute als „links“ verteufeln, im Kern gar nicht sozialistisch, sondern freiheitlich ist. Was sie ablehnen, gehört eigentlich zu ihnen. Es ist das liberale Lebensgefühl: die Lust der Selbstbestimmung, die Neugier beim Erkunden neuer Welten und das Leiden an der Fremdbestimmtheit. Es ist die Neigung zur Freiheit und die Zweitrangigkeit des Sicherheitsgedankens. Es ist junges, nicht altes und konservatives Denken. Hank zielt auf das Lebensgefühl, nicht auf die Einsichten rationaler Ökonomik. Er sucht nach einem Milieu, in dem liberales Selbstverständnis einen Nährboden hat. Es ist die Jugend.

Die sozialistischen Ideologen verstehen es, diese liberalen Keime in ihre Denk- und in ihre Sprechsysteme umzulenken. Sie bieten der zwangsläufig eintretenden Ernüchterung einen scheinbaren Ausweg an. Schuld an der Frustration der Schwärmerei ist der Kapitalismus, die egoistische Veranstaltung des Gewinnstrebens der Märkte. Der Liberalismus hat es bis heute nicht vermocht, dieser Propaganda etwas entgegenzusetzen, das der Jugend entgegenkommt und sie begeistern kann. Seine Selbstverhärtung im Abwehrkampf gegen den Sozialismus macht ihn für Jugendliche ungenießbar. In seiner Fixierung auf die Abwehr der sozialistische Gefahr legt er viele irrationale Momente ab, die in der Jugend – wie gezeigt – spontan entstehen und überlä../sst sie den sozialistischen Ideologen. Alle Menschen wollen frei sein und der Freiheitsdrang brennt in Jugendlichen besonders heiß. Wenn Liberale die Flüchtlinge aus der islamischen Welt, die sich zu uns aufgemacht haben, um hier in Freiheit leben zu können, nicht hereinlassen wollen, ist das der emotionale Super-GAU. Es beweist einmal mehr, das das, was die Sozialisten über den Liberalismus behaupten, wahr ist: dass es eine Ideologie der Reichen, der Kaltherzigkeit und des Egoismus ist. Junge Menschen erkennen in den Flüchtlinge Menschen, die wie sie in eine neue Zukunft aufbrechen. Sie erkennen deren Freiheitsdrang und fühlen sich ihnen seelenverwandt. Hat der Liberalismus seine Seele verloren?

Eine massenwirksame Wiederbelebung des Liberalismus kann nicht gelingen, ohne die Herzen der Jugend zu gewinnen. Er kann nicht auf eine akademische Veranstaltung reduziert werden und er muss die Fixierung auf die sozialistische Gefahr überwinden. Der geschichtliche Sozialismus ist für Jugendliche wie für die meisten Erwachsenen nicht nur unattraktiv, er ist widerwärtig. Er ist das Gegenteil dessen, was sie sich erträumen. Es ist die Dystopie schlechthin. Auch Bürokratie und staatliche Gängelung sind ihnen zuwider. Liberale sollten erkennen, dass der Traum von einer Welt, in der jeder Mensch nach seinen Bedürfnissen leben kann, kein linker Traum ist, sondern das Herzstück des Liberalismus. Wir wollen eine gerechtere Welt. Wir heißen eine Welt, in der es einen gewaltigen Unterschied zwischen Arm und Reich gibt, nicht gut und erstrebenswert, sondern halten sie leider für unvermeidlich und langfristig gerade für die Überwindung der Armut für notwendig. Aber das heißt nicht, dass wir sie als Endziel anstreben und es heißt nicht, dass in ferner Zukunft, wenn die arbeitsteilige freie Gesellschaft die Armut in der Welt überwunden haben wird, nicht einmal Zeiten heraufziehen, in denen das Streben nach materiellem Wohlstand endlich an Schärfe verliert. Der Kapitalismus wird für alle Menschen eine Überflussgesellschaft an materiellen Gütern schaffen. Die basalen Güter werden billiger und reichlicher werden. Die Not wird ein Ende haben. Dann werden die Menschen zwar nicht, wie Marx meinte, morgens fischen, mittags arbeiten und abends philosophieren – Zeltlagerkommunismus wird es niemals geben können – aber mehr Zeit für das Philosophieren, das Singen und für die Liebe werden dann alle Menschen haben. (In meinem Buch „Sklerose“ untersuche ich die Folgen einer Verbilligung der basalen Güter in der alternden Gesellschaft.)

Ein Blick in die Schriften der klassischen Liberalen zeigt uns ihr großes Denken, ihr Streben nach großen Zielen: den ewigen Frieden (Kant), der Reichtum aller Nationen und den Wohlstand aller Menschen (Smith), die Weltzivilisation (Hume). Erst als die großen Ziele von den Liberalen aufgegeben wurden und sie ihr Denken ökonomistisch verengten, übernahmen die Sozialisten die Rolle der Zukunftsweiser. Der Liberalismus wurde in die Defensive gedrängt, weil er für die Massen unattraktiv wurde. Rainer Hank ist es hoch anzurechnen, dass er uns auf diese Schieflage aufmerksam macht.

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